E-Book, Deutsch, Band 1, 224 Seiten
Reihe: Star Stable: Soul Riders
Dahlgren Star Stable: Soul Riders 1. Jorvik ruft
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96950-000-2
Verlag: Migo
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 224 Seiten
Reihe: Star Stable: Soul Riders
ISBN: 978-3-96950-000-2
Verlag: Migo
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Helena Dahlgren begann im zarten Alter von fünf Jahren, Geschichten zu schreiben, und hat seitdem nicht mehr aufgehört. Sie hat einen Bachelor in Anglistik und Literaturwissenschaften an der Universität Stockholm gemacht und war drei Jahre lang Mitherausgeberin von Schwedens beliebtestem Bücher-Blog. Inzwischen widmet sie sich ganz dem Schreiben und literarischen Übersetzen. Sie schreibt sowohl Sachbücher als auch Belletristik, allem voran Fantasy- und Horrorromane für junge und erwachsene Leserinnen und Leser. Als Mutter von Zwillingsschwestern und stolze Katzenbesitzerin pendelt Helena zwischen Stockholm und einem kleinen Dorf in Nordschweden hin und her. Zu ihren Leidenschaften zählen Bücher, Pferde, Kaffee, Gruselfilme und alte Fernsehshows aus den 90ern.
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1
»Sind wir endlich da?«
Lisa war fünfzehn Jahre alt, doch im Moment fühlte sie sich wie eine quengelige Fünfjährige. Seit sie in den Van gestiegen waren, hatte sie mindestens zehn Mal dieselbe Frage gestellt. Wie lange warteten sie schon, vielleicht zehn Minuten?
Ihr Vater lächelte nur und trommelte leicht mit den Fingern auf dem Lenkrad herum.
»Es geht jeden Moment los, Isa. Gleich lassen sie uns von der Fähre«, antwortete er. »Siehst du, sie haben schon mit dem Ausladen begonnen.«
»Kommt mir vor, als würden wir hier schon seit Stunden sitzen«, brummte Lisa, die bei ihrem alten Spitznamen leicht zusammengezuckt war. Er erinnerte sie an ein selbstbewusstes kleines Mädchen mit Pausbacken, zerzaustem rotem Haarschopf und Pferdebild auf dem T-Shirt. Natürlich, sie hatte immer nur Pferde im Kopf gehabt. Und war immer in Aktion gewesen, war ihrer Mutter oder ihrem Vater hinterhergelaufen oder der sanftmütigen Familienkatze, die für gewöhnlich zu einem Ball zusammengerollt zu ihren Füßen schlief. dachte sie bei sich. Sie war Vergangenheit. Geschichte. Sie hatte nicht mehr viel mit der Lisa im Hier und Jetzt gemein, die auf dem Beifahrersitz eines alten Lieferwagens saß und darauf wartete, dass ihr neues Leben begann.
Mal wieder.
Sie hörte selbst den weinerlichen Tonfall, der sich in ihre Stimme geschlichen hatte. Kein Wunder: Die ganze Nacht hatte sie sich in ihrer schmalen, unbequemen Koje in der kleinen Kabine hin- und hergewälzt. Ihr Vater Karl hatte darauf bestanden, dass sie sich für die nächtliche Fährüberfahrt den Luxus einer Kabine gönnten. Er war auch sofort eingeschlafen, sie dagegen hatte hellwach dagelegen, die Wogen der Wellen unter sich gespürt und krampfhaft versucht, das laute Schnarchen ihres Vaters auszublenden.
Sie hatte die ganze Nacht über kaum ein Auge zugetan. Jetzt war ihr Kopf schwer, und sie fühlte sich wie benebelt. Alles schien irgendwo zwischen Schlafen und Wachen zu verschwimmen, so als müsste sie nur die Hand ausstrecken, um nach den Träumen der vergangenen Nacht zu greifen.
Donnernde Hufe. Ein leichter Galopp, der immer wilder wurde. Ein ängstlicher Schrei – kam er von ihr? Und dann plötzlich Stille. Dunkelheit. Sie blinzelte und versuchte, die albtraumhaften Bilder zu verdrängen.
Lächelnd strich ihr Vater ihr übers Haar.
»Warte nur, bis wir von der Fähre runter sind. Ich hab dir zwar Bilder von der Insel gezeigt, aber du musst sie mit eigenen Augen sehen. So was hast du noch nie erlebt.«
Widerstrebend erwiderte Lisa sein Lächeln und fragte sich, wie ihr Vater sich um sechs Uhr morgens so für etwas begeistern konnte.
Natürlich kannte sie Jorvik von Fotos. Hohe Berge, sanfte Hügel und ein so saftiges Grün, dass man beinahe den Eindruck hatte, die Bilder wären mit Photoshop bearbeitet worden. Das gewaltige blaue Meer schien endlos und erinnerte sie an die farbenfrohen Bilder in den Märchen, die sie als Kind verschlungen hatte. Das Einzige, was noch fehlte, war ein Regenbogen.
Sie versuchte sich selbst an diesem Ort vorzustellen, einem Land wie aus einer Fantasygeschichte. Die gute alte Lisa in ihrer abgewetzten Jeans und dem ausgeleierten Kapuzenpulli, die Kopfhörer entweder im Nacken oder über ihren zerzausten, leuchtend roten Haaren. Doch das Bild wollte einfach nicht entstehen.
Sie saßen in einem Leihwagen voller Umzugskartons und warteten darauf, dass der Mann, der sie gerade über Lautsprecher herzlich auf Jorvik willkommen geheißen hatte, ihnen die Erlaubnis erteilte, den Motor zu starten. Lisa zog sich die Kopfhörer über die Ohren und versank in einem ihrer Lieblingssongs. Doch heute Morgen half noch nicht einmal das.
Kurze Zeit später gab sie es auf, nahm die Kopfhörer wieder ab und starrte nach vorn auf die Karawane aus Autos und Lastwagen, die sich nun langsam in Bewegung setzte und die Rampe hinunterrollte.
Fast zwei Tage hatte die Reise gedauert, erst mit dem Van und dann mit der Fähre. Jetzt waren sie endlich auf Jorvik angekommen, ihrem neuen Zuhause. Lisas Vater hatte einen Job auf einer der größten Bohrinseln Jorviks gefunden. Lisa sollte am Montag in ihrer neuen Schule anfangen. Sie hatte keine Ahnung, was sie erwartete. Was hatte diese Insel, , von der ihr Vater so schwärmte, schon zu bieten außer einer riesigen Bohrinsel, einer malerischen Landschaft und vielen Pferden?
Es hatte eine Zeit in ihrem Leben gegeben, in der sich bei Lisa alles um Pferde gedreht hatte. Damals wäre mit dem Umzug auf eine Pferde-Insel wie Jorvik für sie ein Traum in Erfüllung gegangen. Doch als Lisa zwölf war, war ihre Mutter bei einem Reitunfall ums Leben gekommen. Bis heute überfiel sie bei dem Gedanken daran ein Schmerz wie ein ausgehungerter Wolf. Deshalb verdrängte sie die Erinnerung lieber.
In den drei Jahren, die seit dem Unfall vergangen waren, hatte sie Pferde nicht einmal mehr angesehen. All ihre Poster, Bücher, Klamotten und Filme, alles, was sie an diesen schrecklichen Tag erinnerte, war in Kartons verpackt und abgeholt worden. Ihre Reitausrüstung wurde gespendet. Nie wieder wollte Lisa auf einem Pferd sitzen. Allein der Gedanke daran war zu schmerzlich.
Jeden Augenblick konnte sich die Dunkelheit vor ihr auftun und sie in die pechschwarze Verzweiflung hinunterziehen. Zu jeder Zeit und an jedem Ort.
Ihr Vater machte das Radio an, und ein fröhlicher Song von Madonna aus den 80ern schallte durch den Van. Automatisch stimmten beide ein, verstummten aber sofort wieder und tauschten ein wehmütiges Lächeln aus, das ihre Trauer nicht verdecken konnte. Das war der Lieblingssong von Lisas Mutter gewesen. Doch keiner von beiden sagte etwas. Und das war auch nicht nötig. Eine Woge von Schmerz schwappte durch den Lieferwagen bis in den Kofferraum, wo ein gerahmtes Foto von ihrer Mutter ordentlich in ein T-Shirt gewickelt in einem der Kartons verstaut lag.
Ein verblichenes Foto in einem Karton, das war alles, was von ihr übrig war. Lisa hatte das Gefühl, sie würde ihren Tod nie akzeptieren können.
Manchmal beschlich sie die Angst, sie könnte ihre Mutter vergessen. All die kleinen, alltäglichen Dinge, die sie zwölf Jahre lang als selbstverständlich betrachtet hatte, so wie es alle Kinder tun. Sie hatte festgestellt, dass manche dieser Einzelheiten in ihrer Erinnerung bereits verblassten. Zum Glück half ihr die Musik: Zwei Takte des alten Madonna-Songs genügten, und schon konnte sie ihre Mutter ganz deutlich neben sich sehen. Sie tanzte durch die sonnendurchflutete Küche, in der einen Hand einen Teigschaber, mit der anderen hielt sie Lisas Hand fest.
Doch sobald der Song vorbei war, schob sich eine andere Erinnerung davor. Ihre Mutter, wie sie vor Lisa herritt. Gemeinsam jagten sie in Texas einen Hügel hinauf, nur wenige Augenblicke vor dem Unfall. Dann füllte ihr flacher, keuchender Atem die Stille zwischen Lisas leisem Stöhnen. Die Atemzüge wurden langsamer, und eine tiefe Dunkelheit schien sich über sie zu legen. Ihr schneller, schwacher Herzschlag klang wie der eines verletzten Tieres. Als der Krankenwagen eintraf, schmiegte sich ihre Wange noch weich und warm an Lisas. Das nächste Mal sah sie ihre Mutter im Krankenhaus wieder. Da war ihre Wange schon kalt und wächsern wie die einer Puppe.
Hastig blinzelte Lisa die Tränen weg und sah zum Seitenfenster hinaus, damit ihr Vater nicht bemerkte, dass sie weinte.
Denk nicht an Mom.
Denk nicht an Pferde …
Woran soll ich dann denken?
Nein, Lisa freute sich nicht gerade darauf, nach Jorvik zu ziehen. Sie kannte dort niemanden, und keiner kannte sie. Sie musste bei null anfangen. Aber ich werde das schon schaffen, sagte sie sich.
Schließlich war es nicht das erste Mal, dass sie die Neue war. Die Arbeit ihres Vaters auf verschiedenen Ölplattformen hatten sie schon von Texas nach Norwegen, von Norwegen nach Alaska, von Alaska zurück nach Norwegen und nun nach Jorvik geführt. Jedes Mal war sie wieder die Neue in der Klasse, die nie wirklich dazugehörte. Sie hatte nie eine echte Heimat gehabt, war daran gewöhnt, immer wieder alles von vorne zu lernen: die Namen ihrer Klassenkameraden ebenso wie die vielen unausgesprochenen Gesetze und Regeln ihres neuen Umfelds. Manchmal fühlte Lisa sich richtig heimatlos. Verloren.
Für ein paar Jahre hatte sie Zuflucht bei den Pferden gesucht. Seit dem Unfall war es die Musik. Lisa sang ständig, oft sogar, ohne dass es ihr bewusst war.
Vor allem in Momenten wie diesen. Sie liebte Musik. Egal, welche, ob alt oder neu. Wobei ihr Country und Rock besser gefielen als die Popmusik, die ihre Mutter immer gehört hatte.
Trotzdem musste sie bei Madonna einfach mitsingen. Es half ihr, sich zu erinnern.
Sie hatte alle CDs ihrer Mutter aufgehoben, sie lagen in einem der Kartons hinten im Van. Die Playlist, die sie gerade hörten, bestand aus den Lieblingsliedern ihrer Mutter. Was sie wohl zu dem Umzug gesagt hätte? Ob Jorvik ihr gefallen hätte?
Als ihr Vater plötzlich wütend das Auto vor ihnen anhupte, fuhr Lisa zusammen.
»Fahr schon, du Idiot! Wir können vom Schiff!« Er drückte noch einmal auf die Hupe, diesmal kräftiger. »Ich muss dringend irgendwo einen ordentlichen Kaffee auftreiben«, knurrte er. Bei ihrem hastigen Frühstück an Bord hatte es nur dünne Kaffeebrühe gegeben.
»Ähm, Dad? Ich glaube, er kann dich nicht hören«, murmelte Lisa.
Sie konnte ihre Niedergeschlagenheit nicht ganz verbergen, es...




