Dark John Sinclair - Folge 0987
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8387-3719-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Das Seelenloch
E-Book, Deutsch, Band 987, 64 Seiten
Reihe: John Sinclair
ISBN: 978-3-8387-3719-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 1990 - 1999!
Das Seelenloch.
Die nächtliche Dunkelheit fraß die Hänge und auch die Spitzen und Kämme der Berge. Dichte Wolken deckten den Mond ab, die Gestirne blieben unsichtbar. Der kleine Gebirgsort Lech schien in einer tiefen Gruft begraben zu sein.
Zwar brannten Lichter, sie jedoch gaben nur wenig Helligkeit und schafften es deshalb nicht, gegen die mächtige Schwärze anzukommen. Sie wirkten beinahe hilflos.
Von den Bergen her blies der kalte Wind in den Ort hinein. Er war wie ein Tier auf der Suche nach Beute. Hin und wieder fand er Papier oder eine zerdrückte Getränkedose, die irgendwelche Touristen achtlos weggeworfen hatten. Er packte das Zeug und schleuderte es vor sich her wie alte Lumpen.
Niemand war um diese Zeit unterwegs. Die Besucher und Einheimischen lagen in den Betten. In Lech erholte man sich. Da stand man früh auf und ging auch früh zu Bett.
Der Ort war leer - bis auf eine Gestalt, der diese Leere sehr entgegenkam. Sie konnte die Dunkelheit als Verbündeten nutzen, und sie war durch Lech geschlichen wie ein Schatten ...
John Sinclair ist der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung. Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit.
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Das Seelenloch
Die nächtliche Dunkelheit fraß die Hänge und auch die Spitzen und Kämme der Berge. Dichte Wolken deckten den Mond ab, die Gestirne blieben unsichtbar. Der kleine Gebirgsort Lech schien in einer tiefen Gruft begraben zu sein.
Zwar brannten Lichter, sie jedoch gaben nur wenig Helligkeit und schafften es deshalb nicht, gegen die mächtige Schwärze anzukommen. Sie wirkten beinahe hilflos.
Von den Bergen her blies der kalte Wind in den Ort hinein. Er war wie ein Tier auf der Suche nach Beute. Hin und wieder fand er Papier oder eine zerdrückte Getränkedose, die irgendwelche Touristen achtlos weggeworfen hatten. Er packte das Zeug und schleuderte es vor sich her wie alte Lumpen.
Niemand war um diese Zeit unterwegs. Die Besucher und Einheimischen lagen in den Betten. In Lech erholte man sich. Da stand man früh auf und ging auch früh zu Bett.
Der Ort war leer – bis auf eine Gestalt, der diese Leere sehr entgegenkam. Sie konnte die Dunkelheit als Verbündeten nutzen, und sie war durch Lech geschlichen wie ein Schatten …
Jede finster Insel ausnutzend, das Licht vermeidend. Kaum ein Geräusch war zu hören. Die Schritte vorsichtig gesetzt, schleichend, dann weg aus dem Bereich der Häuser und hinein in die Berge.
Es war ein Weg in die Leere, in die Natur, die auch jetzt, tief in der Nacht, noch ihre Schatten warf. So zeichnete sich die Umgebung nur schwach ab, wie zum Beispiel die helleren Wege, die sich in das Gelände hineinschoben.
Sie ringelten sich an den Flanken der Berge hoch, hörten aber an bestimmten Stellen auf.
Die Gestalt nahm einen dieser Wege, um sein Ziel auf dem direkten Weg zu erreichen. Er hätte auch die Pfade der Wanderer gehen können. Es war ihr zu umständlich, sie wollte so rasch wie möglich zu dem Haus gelangen.
Die Nacht war kalt geworden. Vor den Lippen des einsamen Wanderers kondensierte der Atem zu dunstigen Fahnen, die sehr schnell wieder zerflatterten.
Nachdem die Gestalt eine gewisse Höhe erreicht hatte, ging sie schneller und auch gebückter, was einzig und allein an der Steilheit des Geländes lag. Sie musste sich anstrengen, um die Höhenmeter zu überwinden, aber das machte ihr nichts aus.
Eingehüllt in einen dunklen Mantel unterschied sie sich so gut wie nicht von der normalen, starren Umgebung. Manchmal bewegte sich der Läufer auch am Rand eines kleinen Waldes entlang, bevor er schließlich den normalen Weg verließ und quer über die Almen huschte.
Der nächtliche Wanderer versuchte in der Finsternis die Gipfel der Berge auszumachen.
Sein Ziel lag tiefer, viel tiefer. Es war mit der Einsamkeit der Umgebung verwachsen. Ein Haus, eine kleine Insel, die vergessen schien, aber dennoch bewohnt war.
Der Mann kicherte, als er daran dachte. Er wurde plötzlich nervös und bewegte sich hektischer, ohne allerdings seine Wanderung zu unterbrechen. Mit seinen flachen Händen strich er hin und wieder an den Seiten des Mantels entlang und nickte zufrieden, wenn er in der rechten Tasche die Umrisse der Waffe spürte.
Sie war lang, sie war schmal, und er war damit zufrieden, dass er sie eingesteckt hatte.
Er ging noch zügiger.
Nirgendwo hörte er ein fremdes Geräusch. Die schon absolute Stille wurde einzig und allein durch ihn unterbrochen. Den Kragen des Mantels hatte er hochgestellt, so war von seinem Hals so gut wie nichts zu sehen, und nur das Gesicht erinnerte an einen teigigen Flecken.
An einer besonders steilen Stelle musste er sich nach vorn drücken und die Hände zu Hilfe nehmen, um nicht abzurutschen, denn das Gras war feucht geworden. Es glitt durch seine Finger, und der Mann griff immer wieder danach.
Aber er überwand den Anstieg ohne große Probleme und erreichte einen schmalen Pfad.
An seinem Beginn blieb er stehen und schaute in die Höhe. Er verfolgte den Verlauf des Pfads. Er sah ihn wie eine dunkle Schlange, die sich in den Untergrund hineingefressen hatte, und er entdeckte auch das Ende, denn dort lag sein Ziel.
Nur beim genauen Hinsehen war es zu erkennen. Für ein ungeübtes Auge so gut wie kaum, aber das kam für die einsame Gestalt nicht infrage. Sie wusste, wohin sie musste, und sehr deutlich sah sie die beiden Schatten, von denen der eine den anderen überragte.
Der höhere gehörte einer kleinen Kapelle. Sie stand direkt neben der Almhütte und war mit wenigen Schritten zu erreichen. Der Mann duckte sich unwillkürlich, als er an die Kapelle dachte und daran, was dort untergebracht war. Etwas, das er nicht mochte und bis auf den Grund hasste.
Nur würde er sich trotzdem nicht davon abhalten lassen, weiterzugehen. Er musste es tun. Es war seine Pflicht, und sollte sich ihm jemand in den Weg stellen, würde er keine Gnade kennen. Niemand sollte ihn aufhalten, wirklich niemand.
So ging er weiter.
Jetzt mit noch mehr Schwung. Es sah aus, als hätte er wieder neue Kraft geschöpft. Und es war auch niemand da, der ihn störte oder sich ihm in den Weg stellte. Keiner kam von oben, niemand näherte sich ihm von der Seite, es ging alles wunderbar, als hätte er es sich selbst geschaffen.
Seine Schritte wurden länger, kräftiger. Oft genug zerknirschten kleine Steine unter den Sohlen. Der Mantel war feucht geworden. Er hing an dem Mann wie ein Lappen, was diesen nicht störte. Seine rechte Hand fuhr jetzt öfter über die entsprechende Seite des Mantels. Es war noch da, und es war wichtig. Sein Mund zog sich in die Breite. Er grinste nicht, es sah schlimmer aus. Wie ein Tier, das sich der Beute sicher war.
Noch eine Kurve, dann hatte er es geschafft. Ob sich im Haus jemand aufhielt, der lebte, das war nicht zu erkennen, denn kein Lichtschein drang aus den lukenartigen Fenstern nach draußen. Sie blieben finster und wirkten wie mit der Hauswand verwachsen.
Er ging jetzt vorsichtiger. Plötzlich störten ihn die üblichen Geräusche. Er mochte es nicht, wenn seine Sohlen über die Steine kratzten. Er hasste es, wenn sein Atem über die Lippen drang.
Er war etwas fahriger geworden, und er ärgerte sich über sich selbst. Aber es gab keinen anderen Weg. Unten im Dorf hatte er es selbst erfahren, und so musste er das tun, was getan werden sollte.
Stufen führten zur Tür hoch. Sie bestanden aus Stein. Sie waren alt und sahen brüchig aus. Bei Tageslicht hätte man die Risse und Spalten sehen können, nun aber verschluckte die dichte Finsternis alles.
Bevor sich der nächtliche Wanderer der Tür näherte und die kleine Treppe hinter sich ließ, schaute er sich noch einmal um. Der Blick in die Umgebung wäre nicht nötig gewesen, aber er wollte auf Nummer Sicher gehen.
Niemand war ihm gefolgt. Er sah nur die tiefe Dunkelheit, und selbst die wenigen Lichter des Ortes hatte die Nacht aufgesaugt.
Der Mann war zufrieden, sehr sogar. Seine Augen strahlten plötzlich, als er sich die alte Steinfassade anschaute. Er sah auch die Tür. Abgeschlossen war sie nie. Wer hier oben lebte, der konnte sicher vor irgendwelchen Dieben oder Einbrechern sein, denn es lohnte sich nicht, hier etwas zu stehlen.
Nicht mal elektrischen Strom gab es auf dieser einsamen Hütte. Wer hier lebte und arbeitete, der unterschied sich kaum von seinen Vorfahren.
Der nächtliche Wanderer blieb vor der Tür stehen. Sie bestand aus Holz, war alt und dick. Das Holz strömte einen feuchten, aber auch irgendwo wohligen Geruch ab, und die breite Nase des Ankömmlings schien das zu registrieren.
Er schob den linken Ärmel zurück. Der Blick fiel auf seine Uhr. Die Leuchtzeiger und Zahlen schimmerten grünlich. So konnte er erkennen, dass die erste Morgenstunde schon um acht Minuten überschritten war.
Eine gute Zeit für ihn.
Tief holte er Luft. So dicht vor dem Ziel stehend musste er sich noch einmal konzentrieren. Er wusste, dass ihn niemand stören würde. Die beiden Bewohner hier oben schliefen, aber sie würden schon früh aufstehen, immer zwischen der vierten und fünften Morgenstunde. Jetzt aber konnte sie nichts stören.
Der Eindringling machte sich an dem Schloss zu schaffen. Das heißt, er brauchte nicht einzubrechen, denn die Tür war offen. Aber er musste vorsichtig sein, denn Eingänge wie diese gaben, wenn sie geöffnet wurden, Geräusche von sich, die sich oft genug anhörten wie das Schreien oder Jammern eines Tieres.
Er hielt die alte und auch kalte Metallklinke mit einer Hand fest, während er sich mit der Schulter gegen das Holz warf. So schwang die Tür allmählich nach innen, der Ausschnitt vergrößerte sich, und der Mann holte noch einmal Luft, bevor er sich durch den Spalt drückte. Mit einem großen Schritt trat er in das fremde Haus ein. Es war von einer grauen, stockigen Dunkelheit erfüllt. Nichts war zu sehen. Kein Lichtstrahl fiel durch das seitliche Fenster an der linken Seite, wo auch eine kleine Bank stand mit Schuhen davor.
Es war gut, es lief alles prima, und er schlich noch tiefer in die Finsternis hinein.
Tief holte er Luft, hielt die Tür dabei noch fest, bevor er sie allmählich wieder zudrückte und dabei auf besondere Geräusche achtete. Er konnte sie nicht vermeiden, sie störten ihn auch, aber sie störten nicht die beiden Schläfer in den oberen Räumen, und das war gut. Wenn er seine »Arbeit« tat, wollte er von keinem Menschen gestört oder beobachtet werden.
Auf Zehenspitzen ging der Eindringling nach rechts. Seine Sohlen waren schmutzig. Sie hinterließen Spuren auf dem Boden. Kleine Klumpen aus Lehm, vermischt mit dünnen Grashalmen.
Es störte den Mann nicht. Später würde sowieso alles anders aussehen, das stand fest.
Rechts führte die Treppe nach oben. Dort lag das Schlafzimmer des Paars. Die Tür war nicht geschlosen, denn...




