Dark John Sinclair - Folge 1062
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8387-3795-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Und abends kommt der böse Mann
E-Book, Deutsch, Band 1062, 64 Seiten
Reihe: John Sinclair
ISBN: 978-3-8387-3795-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 1990 - 1999!
Und Abends kommt der böse Mann.
Drei tote Kinder gingen auf Montys Konto, bevor man ihn stellte und einsperrte. Aber Monty war kein normaler Mörder. Das hatte niemand gewusst. Er stand unter dem Schutz eines Mächtigen, der ihm die Aufgabe erteilt hatte, aus Kindern Engel zu machen.
Und Monty kam frei!
Damals hatten wir nichts mit ihm zu tun gehabt. Diesmal allerdings wurde es ein Fall für uns. Kinder gab es in London genug. Beute für Monty, der durch Luzifers Macht gestärkt war.
John Sinclair ist der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung. Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit.
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Und abends kommt der böse Mann
Als Russell. Turner durch die Lücken zwischen den Gitterstäben schaute, stockte ihm der Atem. Ein Platz in der Zelle innerhalb des Transporters. Es war eine Sitzbank vorhanden, nicht mehr. Abgesehen von den Eisengriffen in der Wand, an die Gefangene festgekettet wurden.
Monty war nicht festgekettet worden. Er lag auch nicht mehr auf der Pritsche, sondern am Boden, wo er sich krümmte.
Er hatte geschrien wie eine gequälte Katze, deshalb war der Transporter auch gestoppt worden. Er schrie jetzt nicht mehr. Trotzdem lief Turner ein Schauer über den Rücken. Das lag einfach an Montys Gesicht.
Es war breit und gelblich. Zudem sehr flach. Eine glatte Haut, wie künstlich geschaffen. Dazu die seltsamen, kalten und dunkelblauen Augen mit den helleren Punkten in der Mitte der Pupillen. Außerdem hatte dieses Gesicht eine ungewöhnliche Form. Nach oben hin war es schmal, in der Mitte breiter, nach unten hin wieder schmal. Es waren mehr die Umrisse eines Totenschädels, als die eines normalen menschlichen Kopfes. Monty trug graue Gefängniskleidung. Ein kittelähnliches Hemd, eine Hose aus dem gleichen Stoff und klobige schwarze Schuhe.
Turner nahm dies wahr, ohne die Kleidung genau zu beachten. Etwas anderes war wichtiger. Der Mund des Mannes. Breit und schmal. Er zog sich fast von einer Kinnseite zur anderen hin und klaffte jetzt spaltbreit auf.
Eine Flüssigkeit sickerte daraus hervor, die die gesamte Breite der Unterlippe eingenommen hatte. Farbe von Eiter, aber sie war nicht nur gelb. Etwas Rötliches hatte sich dazwischen gemischt. Dünne, blasse Fäden, die ihren Weg zitternd nach unten fanden und sich in die andere Flüssigkeit mischten.
Monty glotzte seinen Bewacher an. Er würgte. Der Schwall dieser Flüssigkeit drückte nach. Sie bedeckte sein Kinn, und Monty schnappte ächzend nach Luft.
Turner war durcheinander. Er wusste nicht, was er tun sollte oder konnte. Sie hatten wegen der Geräusche angehalten. Jetzt stellte sich die Frage, ob Monty simulierte oder tatsächlich krank war und unter diesen Schmerzen litt.
Sie waren keine Neulinge im Job. Sie kannten sich aus. Sie wussten, um was es für die Gefangenen ging, wenn sie von A nach B transportiert wurden. Da hoffte jeder Häftling. Da suchten alle nach einer Chance, der Gefangenschaft zu entwischen. Sie kannten alle Tricks. Sie hatten sie von Mitgefangenen gehört um sie anschließend auszuprobieren.
Monty auch?
War das ein Trick? Hatte er das Zeug, dass jetzt aus seinem Mund rann, zuvor geschluckt, wieder hochgewürgt? Oder hatte er es am Körper versteckt gehalten?
Das wolle Turner nicht glauben. Bevor die Gefangenen in den Transporter einstiegen, wurden sie genau durchsucht.
Jetzt spuckte Monty das Zeug aus. Etwas würgte von seinem Magen her in die Höhe. So bekam das Zeug in seinem Mund genügend Fahrt, um auf den Boden zu klatschen.
Russell Turner schwitzte. In diesen so langen Momenten war er überfordert. Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Einfach weiterfahren?
Was war, wenn Monty erstickte? Dann hatten sie den Ärger am Hals. Da konnte ein Verbrecher die dreckigsten Dinge getan haben, machten die Gesetzesbeamten einen Fehler, stürzten sich die Pressetypen wie Geier auf sie und gaben ihnen die Schuld in langen, anklagenden Artikeln.
»He, Russell, was ist los?« Pete, der Fahrer, wollte nicht mehr länger warten. Er saß noch am Lenkrad, drehte sich aber jetzt um und schüttelte ärgerlich den Kopf.
»Monty kotzt.«
Pete lachte scharf auf. »Lass ihn doch kotzen, verdammt!«
»Weiß nicht.«
»Wieso?«
»Sieh dir das mal an.«
Pete war nicht begeistert. »Muss das sein?«
»Wäre besser.«
»Okay, ich komme. Soll ich in der Klinik Bescheid geben?«
»Nein, noch nicht. Das können wir danach machen, wenn du ihn dir angesehen hast.«
Pete brummelte etwas vor sich hin und verließ seinen Platz. Die Tür, die den Fahrerraum vom übrigen Teil des Transporters trennte, war nicht verschlossen. Turner hatte sie offengelassen. Der Schatten seines Kollegen fiel über ihn, und Russel streckte seinen Arm aus. »Da, schau dir den Mist dort an.«
Pete reichte ein Blick, um den Mund zu verziehen. »Das ist ja widerlich, verflucht.«
»Und wie.«
»Meinst du, dass er uns was vormacht?«
Turner zuckte die Achseln. Er wollte etwas sagen, doch Monty kam ihm zuvor. Er richtete sich auf, blieb auf dem Boden sitzen und drückte seinen Rücken gegen die Sitzbank. Seine Augen waren noch größer geworden. Das Blau darin schien zu strahlen. Die Haut des dünnen Halses zuckte, als Monty seinen Kopf bewegte wie ein Hahn. Die Hände hatte er ausgebreitet und gegen den Boden gestemmt. Seine langen Finger sahen aus wie dünne, graue Fäden. Die Nägel waren spitz. Sie hätten auch einer Frau gehören können.
»Er … sticke …!« Keuchte Monty. »Das Zeug macht mich alle. Ich kriege keine Luft mehr …« Er schüttelte den Kopf. Einige Tropfe lösten sich von der Masse und spritzten durch die Umgebung. Die beiden Männer drehten hastig die Köpfe zur Seite, um nicht von dem Zeug erwischt zu werden.
Sie schauten sich an. Turner murmelte einen Fluch, während Pete die Schultern hob. Er deutete so seine Ratlosigkeit an. Trotzdem riss er sich zusammen und sprach mit Monty. »Was ist denn los, verdammt? Was hast du so plötzlich?«
»Raus …!«
»Nein, du kannst hier nicht raus!«
Monty keuchte. Er röchelte. Er keuchte. Er suchte nach Worten. Er schüttelte den Kopf. Er streckte ihn vor und zog ihn wieder zurück. Seine Augen bewegten sich ebenfalls. Sie glichen jetzt blauen Kugeln, die sich in einer Mulde drehten. »Ich krepiere …«, stöhnte er.
Pete zuckte mit den Schultern. »Dafür können wir uns auch nichts kaufen, verdammt. Wir sind keine Ärzte, nicht mal Sanitäter. Hast du das gehört. Monty?«
Er gab keine Antwort und glotzte die Männer nur an. Dann hob er seinen rechten Arm und führte die Hand mit den Spinnenfingern zum Mund hin. Er wischte darüber hinweg. Der Schleim blieb kleben. Zwischen Lippe und dem Handrücken blieb ein Faden hängen, was ihn nicht störte. »Ich muss hier raus!«
Pete grinste ihn an, obwohl er sich vor der Gestalt ekelte. »Das sagen alle, Monty. Aber das hättest du dir vorher überlegen können. Jetzt bleibst du hier, verstanden?«
Monty riss seinen Mund auf. Es sah aus, als wollte er lachen. Zwei Augenpaare starrten in die Höhle hinein, in der sich der Schleim ebenfalls ausbreitete. Da hingen die Fäden von oben nach unten und bedeckten die kleinen, spitzen Zähne wie ein durchsichtiger Klebstoff. Er spie wieder zu Boden. Dabei drangen fürchterliche Geräusche aus seinem Mund. Ein tiefes Knurren und Ächzen, als steckte in seinem Körper ein gewaltiges Ungeheuer.
Er stand auf. Kam auf das Trenngitter zu. Die Eisenstäbe und die beiden Männer lockten. Montys Schritte waren unsicher. Sein Körper schwankte und zitterte zugleich. In seinen Augen stand kein Gefühl. Sie waren und blieben kalt. Eklige, kalte Kugeln von einem unnatürlichen und gefährlichen Blau.
»Was will der?« flüsterte Turner.
»Uns!«
»Darüber kann ich nicht mal lachen, du Pfeife …«
Monty erreichte das Gitter. Oder fast. Er blieb stehen. Dann ließ er sich langsam nach vorn fallen und umfasste mit beiden Händen die Stäbe. So weit hätte er gar nicht erst kommen dürfen, das wussten auch die Bewacher. Es war zu spät, es zu ändern. Monty hatte das Kommando übernommen, ohne dass es die beiden bemerkt hatten.
Er lachte.
Dabei riss er wieder seinen Mund auf. Der Schleim darin bewegte sich. Kleine Kugel und Fäden zuckten. Er atmete, hustete und röchelte zugleich.
Es war Pete, der sich als Erster aus seiner Erstarrung löste. »Ich fahr jetzt weiter.« Bevor Turner etwas erwidern konnte, hatte er sich bereits gedreht und ging auf seinen Platz zu.
Russell blieb. Er konnte nicht weg. Monty war kleiner als er. Ein magerer Körper in der viel zu großen Kleidung. Darin wirkte er eigentlich wie ein Witzfigur.
Er war jedoch alles andere als ein Witz. Und wenn, dann ein tödlicher, denn Monty hatte einiges hinter sich in seinem verbrecherischen Leben. Er war als Kinderschreck bekannt. Dieser Begriff – oft etwas locker ausgesprochen – hatte bei ihm tödliche Dimensionen bekommen, davon zeugten einige Leichen.
Es gab Leute, die ihn nicht mal mehr als Menschen ansahen, sondern als ein vom Teufel gelenktes Werkzeug. So wirkte Monty auf Russell Turner, der ihn anstarrte und das Gefühl hatte, die normale Welt allmählich zu verlassen. Es musste etwas mit den Augen des Gefangenen zu tun haben. Sie schimmerten noch intensiver und härter. Turner kam nicht mehr damit zurecht. Für ihn war die Umgebung eine andere geworden. Auch wenn er noch mit beiden Beinen auf dem Boden stand, er hatte trotzdem den Eindruck, abgehoben zu sein und allmählich wegzufliegen.
Für ihn gab es keine Zeit mehr. Er wusste nicht, wie viele Sekunden vergangen waren, seit Pete ihn verlassen hatte. Es war alles in den Hintergrund gedrückt worden.
Es gab für ihn nur noch Monty. Auch nicht seine gesamte Gestalt, sondern die kalten, blauen Augen, gefüllt mit einem Licht, wie es nicht natürlich vorkam, sondern nur künstlich.
Turner war nicht mehr in der Lage, sich normal zu bewegen. Er hatte sein Menschsein kaum noch unter Kontrolle.
Einen Gedanken spürte er noch.
Du musst weg! Weg! Zurück! Das ist nicht mehr normal. Dieser Hundesohn hat dich …
Seine Gedanken wurden abgewürgt, denn Monty hatte zugegriffen. Blitzschnell hatte er seine Hände...




