Dark John Sinclair - Folge 1153
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8387-3886-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Gruftie-Girls
E-Book, Deutsch, Band 1153, 64 Seiten
Reihe: John Sinclair
ISBN: 978-3-8387-3886-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 2000 - 2009!
Die Gruftie-Girls.
Sie hießen Julia und Wiebke. Sie waren Schwestern, aber auch Grufties oder Schwarze. Als Sängerinnen mischten sie die Szene unter dem Namen TWO SINS auf.
Sins wie Sünden. Und für die Sünde lebten sie.
Deshalb waren sie geschickt worden. Alle Menschen werden Sünder, so lautete ihr Credo.
John Sinclair ist der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung. Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit.
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Die Gruftie-Girls
Der bleigraue Vollmond lockte die Geschöpfe der Nacht!
Er stand starr am Himmel und sah trotzdem aus wie ein einsamer Wanderer, was einzig und allein an den dünnen, vorbeiziehenden Wolkenschleiern lag, die der Wind über den Himmel trieb. Das Licht machte die Wolken zu zittrigen Gespenstern, die immer neu erschienen und sich einfach nicht aufhalten ließen.
Die Schwestern Julia und Wiebke standen vor dem Fenster und schauten hinaus in die Nacht.
So unterschiedlich sie auch waren – Julia war blond und hatte sehr feine Gesichtszüge, während Wiebke dunkelrote Haare hatte und ihr Gesicht jungenhafter wirkte – so sehr glichen sich die zwei in der Kleidung. Es gab nur Schwarz für sie.
Schwarz in allen möglichen Varianten. Manchmal richtig dunkel und glänzend, bisweilen auch die Schattierung, die mehr ins Graue hineinreichte. Etwas war jedenfalls sehr wichtig: Ihr Outfit musste dunkel sein. Es stand besonders im krassen Gegensatz zu Julias heller Gesichtsfarbe. Die ihrer Schwester Wiebke wirkte frischer. Ihre etwas dickeren Wangen behielten den rosigen Schimmer stets bei, was Wiebke ärgerte.
Sie sprachen nicht miteinander. Sie schauten nur durch die Scheibe gegen den Himmel, und ihre Lippen hatten sich zu einem Lächeln verzogen. Der Mond schien für sie wie ein Geliebter zu sein, den sie nicht aus den Augen ließen. Hätte man ihre Sehnsucht sichtbar machen können, denn wäre sicherlich eine Aura zu sehen gewesen, die die Körper der beiden Mädchen umgab.
Wiebke und Julia. Zwei, die aus Deutschland stammten, aber auf der Insel geblieben waren und hier ihre Erfüllung gefunden hatten. Zwei, die sich wohl fühlten, die schon Akzente gesetzt hatten, und bei denen auch der Name voll zutraf.
Gruftie-Girls!
So und nicht anders wurden sie genannt. Und sie waren stolz auf diesen Namen. Die Schwarzen, die Traurigen, die von Sehnsucht erfüllten Gestalten, die zum Lachen in den Keller gingen, wenn sie es überhaupt taten. Junge Menschen, die das Leben in ihrer Welt lebten und oft genug die Sonne verachteten und damit auch diejenigen Menschen, die im Sonnenschein spazieren gingen, um ihn zu genießen.
Die Schwestern kannten zahlreiche Friedhöfe in London und der Umgebung. Aber auch andere Plätze, wo sie ihre Ruhe fanden. Versteckte Orte, an denen das Licht der Sonne nicht so präsent ware. Das alles liebten sie, und sie waren zugleich von der Botschaft durchdrungen, es in die Welt zu tragen.
Das taten sie mit großem Erfolg, denn sie hatten sich noch eine Aufgabe gesucht. Sie lebten nicht in den Tag hinein und auch nicht in die Nacht. In der Szene waren sie bekannt. Sie verdienten Geld, sie traten auf. Unter Kennern war ihr Name zu einem Begriff geworden.
TWO SINS – zwei Sünden, so nannten sie sich, wenn sie in die Klubs gingen und den Zuhörern ihre Lieder von Tod, Vergänglichkeit und der großen Trauer sangen.
Zwei Sünden – sie freuten sich über diesen Namen, den sie nicht nur einfach so angenommen hatten, denn es steckte auch etwas dahinter. Die Sünde war für sie legal. Das gaben die beiden offen zu. Sie waren nicht so verklemmt wie die meisten Menschen, die offiziell die Sünde ablehnten, sie in Wirklichkeit jedoch liebten, wenn auch sehr heimlich. Sie aber standen ihr frei gegenüber, denn die Sünde gehörte nicht nur zum Leben, sie war für sie das Leben an sich. Die Sünde hatte es schon immer gegeben, seit Beginn der Welt, das wussten sie sehr genau, und danach richteten sie sich.
Der Mond wanderte weiter. Er sprach nicht zu ihnen, und sie konnten ihn trotzdem verstehen, denn sein Licht mochten sie. Da glichen sie schon den Vampiren und Werwölfen, die in der finsteren Nacht den Mond anheulten.
Beide wussten nicht, wie lange sie vor der Fensterscheibe gestanden und auf den blassen Kreis geschaut hatten. Aber sie dachten und handelten synchron.
Julia bewegte zur gleichen Zeit die linke Hand wie Wiebke die rechte. Ihre Finger trafen sich. Sie verhakten sich ineinander, bevor sie die Köpfe drehten und sich anschauten.
Es wurde kein Wort zwischen ihnen gesprochen. Das Schweigen stand wie eine Wand. Sie dachten nur, sie strengten sich an, und ihre Gedanken gingen den gleichen Weg.
Das Lächeln blieb.
Sie nickten sich zu.
Dann starrten sie sich gegenseitig in die Augen. Nach kurzer Zeit bewegten sie synchron ihre Lippen und flüsterten: »Zwei Sünden …«
Es war ein Versprechen. Ein Weg in die Zukunft, und es war zugleich die Kraft, die für eine Veränderung in den Augen sorgte. Ihre hellen Pupillen nahmen eine andere Farbe an. Aus der Tiefe der Schächte stieg etwas hervor, das schon mit einer Ölspur zu vergleichen war. Sehr dick, sehr träge, sehr schwarz. Und diese tiefschwarzen Kreise setzten sich in ihren Augen fest.
Two Sins – Zwei Sünden!
Endlich hatten sie den Beweis angetreten. In ihren Augen war es zu lesen. Schwarz wie Teer, ohne Bewegung. Der hellere Hintergrund war noch vorhanden, aber kaum mehr zu sehen, weil die schwarzen Kreise alles für sich einnahmen.
Etwa eine halbe Minute blieben sie frontal zueinanderstehen und hielten sich an den Händen fest. Leichen mit schwarz eingefärbten Pupillen hätten kaum anders aussehen können als sie. Die Schwestern fühlten sich nicht als Leichen, aber sie waren anders als die übrigen Menschen. Sie nickten sich zu und umarmten sich.
Sie mussten es tun. Es war für sie ein Ritual. Ohne es ging es nicht, da kannten sie sich aus.
Die Schwärze blieb in ihren Augen, und sie blieb es auch, als die Türglocke anschlug.
Es war kein normales Klingeln. Weder laut noch schrill, einfach anders. Ein Gong. Tief und leicht hallend, als hätte jemand in einer Krypta eine Glocke angeschlagen.
Sie lösten sich voneinander.
»Er kommt«, flüsterte Julia.
»Ja, er kommt zur Sünde.« Wiebke kicherte leise. Sie war manchmal etwas kindlicher als ihre um drei Jahre ältere Schwester.
Mit einem wissenden Lächeln ging Julia auf die Tür zu, um dem Besucher zu öffnen …
*
Suko schüttelte nach dem Niesen den Kopf und strich durch sein Gesicht. Er war vom Strahl der Frühlingssonne gekitzelt und auch mitten in seiner Frage unterbrochen worden, die sich um den letzten Fall drehte, den ich zusammen mit Bill Conolly erlebt hatte. Da war es um eine Person gegangen, die sich Prinzessin Blutleer nannte, aber nicht so blutleer bleiben wollte, denn sie war als Vampirin auf die Jagd gegangen, und wir hatten sie schließlich auf einer Kart-Bahn stellen und ihr den Garaus machen können, um es etwas vornehmer auszudrücken.
»Noch mal, John.«
»Bitte.«
»Du weißt also nicht, wie es kam, dass diese Gunhilla zu einer Blutsaugerin degenerierte und wer sie nach so langer Zeit wiedererweckt hat?«
»Nein, das weiß ich nicht.«
»Du hast auch keinen Verdacht?«
Ich wiegte die Schultern. »Keinen konkreten. Es muss jemand gewesen sein, der sich mit Vampiren auskennt.«
Suko sah mich nachdenklich an. »Viele Personen gibt es da wohl nicht«, erklärte er.
»Das stimmt schon. Und deshalb zerbreche ich mir auch nicht den Kopf, mein Lieber.«
»Das wundert mich aber.«
Ich winkte ab. »Was soll das denn? Es ist ganz einfach, denke ich mal. Wenn nichts mehr hilft, was deine Gedanken in die richtige Form bringt, dann steht zum Schluss nur ein Name ganz oben auf der Liste. Und der leuchtet mit einem großen blutroten D auf der Stirn.«
»Also Will Mallmann, alias Dracula II.«
»Genau der.«
Suko schwieg zunächst, dann nickte er langsam. Wahrscheinlich dachte er ebenso wie ich. Dracula II war der selbsternannte König der Vampire. Für ihn gab es kein anderes Ziel, als die Herrschaft der Blutsauger in dieser Welt. Deshalb war er unterwegs. Deshalb suchte er alte Orte auf, wo es die verdammten Bluttrinker noch gab. Die meisten von ihnen lagen in einem tiefen Schlaf und lauerten nur darauf, wiedererweckt zu werden. Das konnte bei Gunhilla auch geschehen sein. Wir forschten nicht weiter nach, auch weil wir keine Zeit dafür hatten. Wir nahmen es einfach hin und damit basta. Irgendwann würden wir wieder auf Dracula II treffen und vielleicht Bescheid wissen.
Die Stunden der vergangenen Nacht hatten sich wirklich zu einem Horrortrip entwickelt, in dem zwei Menschen ihr Leben verloren hatten. Zum einen Bill Conollys Bekannter, der ihn überhaupt erst auf den Fall aufmerksam gemacht hatte – er war durch den Biss zu einem Vampir geworden, den Bill hatte letztendlich mit einer Kugel erlösen müssen –, und dann hatte es da noch einen Mitarbeiter der Kart-Bahn gegeben. Er war durch den Hieb eines Beils gestorben, das Gunhilla in seinen Körper geschlagen hatte. Ihre Geisel, mit der sie zusammen von oben herab auf die Kart-Bahn gefallen war, hatte nur leichte Verletzungen abbekommen, aber die beiden Toten reichten aus.
Ich war wieder vom Regen in die Traufe gekommen. Der Fall in Russland hing mir noch in den Knochen. Dabei hatte ich gedacht, mich etwas ausruhen zu können.
Nichts, denn mein Schicksal war es wohl, immer wieder hineinzuspringen in den See der schwarzmagischen Gestalten, um sie an die Oberfläche zu holen, damit ich sie bekämpfen konnte.
Suko war nicht mit in Russland gewesen, und auch Gunhilla kannte er nur vom Hörensagen. So hatten wir uns an diesem späten Nachmittag in ein Lokal verzogen, um in Ruhe miteinander sprechen zu können. Außerdem musste ich ihn informieren.
Das Lokal gab es noch nicht lange. Es war kein Pub und auch kein Restaurant oder Bistro. Es war eine Mischung aus beidem. Man konnte trinken, und man konnte auch etwas zu essen bekommen. Zumeist Suppen und kleinere...




