E-Book, Deutsch, 96 Seiten
Reihe: MERKUR Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken
Demand MERKUR 3/2015
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-608-11114-9
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Heft 3 / März 2015
E-Book, Deutsch, 96 Seiten
Reihe: MERKUR Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken
ISBN: 978-3-608-11114-9
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi hat sein Urteil bekommen – und es ist, daran hat Burkhard Müller im Aufmacher des Märzhefts (Nr. 790) gar keinen Zweifel, juristisch korrekt. Dennoch bleiben viele Fragen zum aktuellen Kunstbetrieb offen. Diesen geht Müller in seinem Essay nach und stellt fest: 'Beltracchis Vermächtnis besteht im Zweifel. Der schadet den Preisen und nützt der Kunst.' Der Politologe John Keane charakterisiert neue Formen des Despotismus von China bis Russland, die sich oft den Anschein des Demokratischen geben. Kritische Anmerkungen zur deutschen Ukraine-Berichterstattung hat Franziska Davies.
In Philip Manows Politikkolumne geht es um das Verhältnis von Politik und Architektur. Werner Plumpe befasst sich in der Wirtschaftkolumne mit dem Thema Schulden und fragt nach der Vergleichbarkeit von Weimarer Republik und der aktuellen Lage. 'Noch immer wissen wir viel zu wenig über die Weimarer Republik' – so resümiert Thomas Meyer seine Lektüre von Neuerscheinungen zum Thema. Hans-Peter Müller blickt auf Bücher zu Max Weber. Carlos Spoerhase liest eine Monumentalgeschichte der Literaturzeitschrift als 'Little Magazine'.
Mit der 'Nuance' zwischen Wolkenbildern und William Turner befasst sich – sehr nuanciert, versteht sich – der Literaturwissenschaftler Christiaan Lucas Hart Nibbrig. Walter Grasskamp kann sich nicht sonderlich aufregen über die in der Presse vielgegeißelten Warhol-Verkäufe. In Günter Hacks vogelkundlicher Reihe geht es um Falken und Fasane. Und Stephan Herczeg setzt sein Journal fort.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtliche Themen Kultur- und Ideengeschichte
- Sozialwissenschaften Medien- und Kommunikationswissenschaften Medienwissenschaften Medientheorie, Medienanalyse
- Wirtschaftswissenschaften Wirtschaftswissenschaften Wirtschaftsgeschichte
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtliche Themen Wirtschaftsgeschichte
- Geisteswissenschaften Literaturwissenschaft Literaturwissenschaft
- Geisteswissenschaften Kunst Kunst, allgemein Fälschung, Kunstraub
- Sozialwissenschaften Politikwissenschaft Politikwissenschaft Allgemein Politische Studien zu einzelnen Ländern und Gebieten
Weitere Infos & Material
Burkhard Müller: Beltracchi. Oder warum die Kunst den Zweifel braucht
John Keane: Die neuen Despotien. Vorstellungen vom Ende der Demokratie
Franziska Davies: Zur Debatte über die Ukraine. Deutschland und der Euromajdan
Philip Manow: Politikkolumne. Demokratie und Architektur
Werner Plumpe: Ökonomiekolumne. Schulden
Thomas Meyer: Die Weimarer Republik
Hans-Peter Müller: Max Weber und kein Ende
Carlos Spoerhase: Kleine Magazine, große Hoffnungen. Eine Monumentalgeschichte des modernen Literaturmagazins
Christiaan Lucas Hart Nibbrig: Was ist eine Nuance?
Walter Grasskamp: Double Andy. Plädoyer für die halbe Aufregung
Günter Hack: Fasane des Kaisers, Falken der Republik
Stephan Herczeg: Journal (XXIV)
Burkhard Müller: Beltracchi. Oder warum die Kunst den Zweifel braucht
John Keane: Die neuen Despotien. Vorstellungen vom Ende der Demokratie
Franziska Davies: Zur Debatte über die Ukraine. Deutschland und der Euromajdan
Philip Manow: Politikkolumne. Demokratie und Architektur
Werner Plumpe: Ökonomiekolumne. Schulden
Thomas Meyer: Die Weimarer Republik
Hans-Peter Müller: Max Weber und kein Ende
Carlos Spoerhase: Kleine Magazine, große Hoffnungen. Eine Monumentalgeschichte des modernen Literaturmagazins
Christiaan Lucas Hart Nibbrig: Was ist eine Nuance?
Walter Grasskamp: Double Andy. Plädoyer für die halbe Aufregung
Günter Hack: Fasane des Kaisers, Falken der Republik
Stephan Herczeg: Journal (XXIV)
Burkhard Müller
Beltracchi
Oder warum die Kunst den Zweifel braucht
Zwei Tage hatten die Interviewer vom Spiegel sich Zeit genommen für das Ehepaar Wolfgang und Helene Beltracchi. Weniger schien nicht angemessen für diesen größten Fall von Kunstfälschung der Nachkriegszeit, ja aller Zeiten. Die beiden Beltracchis sind rechtskräftig zu mehreren Jahren Haftstrafe verurteilt, genießen aber das Privileg des offenen Vollzugs und wirken recht entspannt. »Lieben Sie Kunst?«, wollen die zwei Herren vom Spiegel wissen. Und Beltracchi antwortet, wie damals der Bundespräsident Gustav Heinemann, als die Presse von ihm wissen wollte, ob er sein Vaterland liebe: »Ich liebe meine Frau.« Die nächste Frage rückt ihm schon dichter auf die Pelle: »Sind Sie ein Künstler?« »Natürlich.« Das kann der Spiegel so nicht auf sich beruhen lassen und setzt nach: »Was ist ein Künstler?« Was Wolfgang Beltracchi darauf erwidert, scheint eine bloße Tautologie und vollzieht doch eine entscheidende Verschiebung: »Einer, der Kunst macht.« So unscheinbar wie möglich ist damit der Akzent vom Sein des Künstlers aufs Machen der Kunst verlagert worden. Das zieht, kaum überraschend, die nächste Erkundigung nach sich: »Aber wann ist etwas Kunst?« Hier nun sieht sich Wolfgang Beltracchi zu einer etwas längeren Auskunft genötigt. »Für den Zyniker definiert sich Kunst über Geld. Das ist natürlich eine ganz traurige Aussage. Ein Künstler aber ist jemand, der kreativ tätig ist.« Da scheint es nun wieder im Kreis herumzugehen, denn was hieße »kreativ«? Beltracchi aber fügt hinzu: »Lesen Sie mal ein Buch von Beuys. Dann wissen Sie überhaupt nicht mehr, was Kunst ist.« Zu den Zynikern rechnet Beltracchi sich nicht. Eher schon den Beuys, der für solche Verwirrung gesorgt hat. Und besonders schlecht zu sprechen ist er auf Damien Hirst, der den Kunstmarkt als solchen zur Kunst erklärt hat. Gegenüber einem Windhund wie Hirst und einem Schamanen wie Beuys wünscht sich Beltracchi als aufrechter Schöpfer abzusetzen. Hier fängt es eigentlich an, interessant zu werden. Der Spiegel aber, der schon zwei Tage hinter sich hat und ermüdet ist, spricht an diesem Punkt seine klassische Entlassungsformel: »Frau Beltracchi, Herr Beltracchi, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.« Bestraft worden sind die beiden als Kriminelle. Dagegen legen sie nicht ernsthaft Beschwerde ein, sie finden es schon in Ordnung, dass sie im Knast sitzen, wenngleich sie anmerken, dass sie dort erst auf Verbrecher im engeren Sinne getroffen seien, »Mörder, Kinderficker, Totschläger«, wie sie ihren Interviewern zu Protokoll gegeben haben. Als Betrüger hat man sie verurteilt. Betrug definiert sich strafrechtlich als die Vorspiegelung falscher Tatsachen, um sich (oder einem anderen) einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen. Juristisch ist das alles eindeutig. Aber der große Kunstfälscher übt eine Strahlkraft aus, die anderen Straftätern, welche nach demselben Paragrafen abgeurteilt werden, doch fehlt. Keiner mag den Finanzier, der Kleininvestoren um ihre Ersparnisse prellt. Ein Hacker erzeugt ein gewisses kühles, wenn auch nicht unfreundliches Interesse daran, wie er es geschafft hat, das System zu schlagen – und das System wird ihn, wenn es schlau ist, nach erbrachtem Gesellenstück in die eigenen Reihen holen, damit er seinesgleichen das Handwerk legt, wie einen zum Förster bekehrten Wilderer. Beim Geldfälscher horcht jeder auf: Das ist nicht mehr lustig! Er mag als Handwerker noch so Bedeutendes geleistet haben, sein Werk bedroht unmittelbar jedermanns Barvermögen, und entsprechend schlägt ihm Abscheu entgegen. Wer Waren mit falschem Markennamen vertreibt, wird in Maßen noch als Gefahr wahrgenommen, wenn es dabei zum Beispiel um Medikamente geht, für die er den Qualitätsstandard nicht garantieren kann; sobald es sich aber lediglich um Klamotten und Handtaschen handelt, denken sich die meisten Leute nicht viel mehr als: Selber schuld. Juristisch also, wie gesagt, ist es klar genug, worin hier Vorspiegelung und Rechtswidrigkeit bestehen: dass der Urheber behauptet, das Bild, welches er selbst gemalt hat, stamme vielmehr von einem weit höher geschätzten Meister als ihm, und dafür einen Betrag kassiert, der beträchtlich über dem liegt, was er bekäme, gäbe er das noch so schöne Werk als das Produkt von eigener Hand aus, das es ist. Woher aber rühren dann das Unbehagen und die Faszination, die der Kunstfälscher auslöst, der, wie selbst seine Gegner es widerwillig formulieren, große Fälscher? Ich glaube, dass hier verschiedene Quellen zusammenfließen; und dass sich die Erinnerung an mehrere Figuren vereint, die in der jüngeren Geschichte halb, aber eben nur halb in Vergessenheit geraten sind, um nun in dieser Kompositgestalt neu aufzuleben, nicht ohne freudiges Wiedererkennen. Beltracchi als Figurenensemble Zunächst verkörpert sich in Wolfgang Beltracchi und seiner Frau Elena, die in jeder Hinsicht als seine vollauf gleichberechtigte Partnerin (oder Komplizin) firmiert, der Typus des Hippies. Beide haben sie Haare von einer wallenden Länge und Menge, wie man es heute bei einem Mann nur noch als spezielles Markenzeichen registriert und bei einer Frau jenseits eines bestimmten Alters eher unpassend findet. Man darf natürlich so herumlaufen, wie man heutzutage alles darf; aber wir glauben doch Bescheid zu wissen, was es mit solchen den Sechzigern und Siebzigern verhafteten Gestalten auf sich hat. Beltracchi macht auch durchaus keinen Hehl daraus, dass dies seine prägende Phase war; der 1951 Geborene verdiente sich sein Geld damit, sich in Amsterdam in all seiner malerischen Locken- und Textilpracht von Touristen fotografieren zu lassen. Es müsse, sagt er, eine unendliche Menge solcher Schnappschüsse geben, in denen er nicht als Subjekt, sondern als Objekt der Kunst auftrat. Als Akteur übte er sich in deren Reich zunächst recht anspruchslos ein, indem er die Flohmärkte mit Antiquitäten versorgte. Der Flohmarktkunde denkt nicht historisch; er fühlt sich heimisch im Zweierlei von »Jetzt« und »Früher«. Dem ließ sich im Angebot leicht entsprechen. Zweitens tritt der Fälscher das Erbe des Hochstaplers an. Der Hochstapler ist ein paradoxes Phänomen: Er untergräbt die Hierarchie der Gesellschaft, in der er sich bewegt, indem er sich ihr bis zur völligen Selbstaufgabe fügt. So müssten die herrschenden Klassen mit ihm eigentlich recht zufrieden sein – wenn er die Angleichung nicht, statt als osmotischen Prozess, vielmehr aufgrund einer bewussten Berechnung vollzöge. So entlarvt er die scheinbare Naturwüchsigkeit der sozialen Rollen als etwas, das gewollt und willkürlich ist und sich folglich auch ändern ließe. Das Unnachahmliche, das die Elite für sich in Anspruch nimmt, macht er als nachahmlich durchschaubar und gibt so das bedenklichste Beispiel. Bestürzen muss daran, dass die ideale Erfüllung des Erforderten gerade dem frech-devoten Unbefugten gelingt. Verhaltensforscher sprechen von »überoptimalen« Signalen: Alle Möwenjungen picken nach einem roten Punkt auf dem Schnabel der Elterntiere und werden daraufhin gefüttert. Bietet man den Jungen eine Attrappe mit einem noch viel röteren und größeren Punkt dar, picken sie nach diesem noch viel stürmischer und übersehen ihre tatsächlichen Eltern, von denen allein sie doch was zu fressen kriegen. So kann eine Fälschung sich leicht als der überoptimale Doppelgänger des Originals bewähren. Und ganz zu Recht bildet sich Wolfgang Beltracchi viel darauf ein, dass die Witwe von Max Ernst ein Gemälde, das in Wirklichkeit von ihm stammte, begeistert als das beste Bild ihres verstorbenen Mannes rühmte. Zum Dritten setzt Beltracchi eine Tradition fort, die in den ästhetischen Debatten des 18. Jahrhunderts eine entscheidende Rolle spielte, mit der Moderne und was ihr folgte aber ihre Stellung sukzessive eingebüßt hat: die des Kunstrichters. Es muss, so sah es dieses aufgeklärte Zeitalter, gewisse objektive, jedoch notwendig in der subjektiven Kategorie des Geschmacks vermittelte Kategorien dafür geben, was Kunst sei und was nicht, und was das jeweilige Einzelkunstwerk tauge. So etwas lässt sich der Kunstbetrieb inzwischen nicht mehr gefallen. Ist es übertrieben zu behaupten, dass Kunstkritik in einem emphatischen Sinn heute gar nicht mehr existiert? In den Bereichen von Theater, Literatur und Film hat sich eine annähernd unabhängige kritische Instanz bis auf die Gegenwart erhalten, die neben dem Gradmesser des ökonomischen Erfolgs und nicht selten gegen ihn ihre Position verteidigt. Was jedoch die Bildende Kunst betrifft, so drückt sich ihre Wertschätzung primär und nahezu ausschließlich in den für sie notierten und gezahlten Preisen aus. Sie verdanken sich einem fieberhaften Hype, der sich, wenn schon nicht ohne Absicht, doch im Großen und Ganzen so blind vollzieht wie bei den Aktienkursen. Die Experten in ihren dienstfertigen Katalogartikeln registrieren es nur noch als vollzogenes Faktum. Vor allem aber Künstler alten Stils Und wie führt Beltracchi dieses scheinbar verjährte Amt des Kunstrichters neuerlich ein? Er sorgt ganz unverhofft für einen neuen Maßstab. Dieser wurzelt einerseits in seinem persönlichen Urteilsvermögen, ist aber andererseits strikt nachprüfbar; und erfüllt damit in musterhafter Weise die alte doppelte Anforderung an das ästhetische Urteil, im Subjektiven das Objektive zu geben, nämlich: wie leicht oder wie schwer es ist, einen Künstler zu fälschen. Zu beurteilen vermag das nur er, aus langer Erfahrung; aber sehen kann es jeder, der will. 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