Buch, Deutsch, Band 1, 168 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 210 mm, Gewicht: 260 g
Reihe: Gesellschaft und Kunst
Fassbinder und der Antisemitismus heute / Gesellschaft und Kunst Bd. 1
Buch, Deutsch, Band 1, 168 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 210 mm, Gewicht: 260 g
Reihe: Gesellschaft und Kunst
ISBN: 978-3-939816-26-3
Verlag: Nomen Verlag
Vor 30 Jahren gab es einen bundesweiten und auch international beachteten Skandal um das Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ von Rainer Werner Fassbinder. Ihm wurde vorgeworfen, selbst antisemitisch zu sein oder doch antisemitische Klischees unbewusst zu bedienen. Die Diskussion darüber ist bis heute nicht beendet. Die unterschiedlichen, zum Teil diametral entgegengesetzten Sichtweisen hängen auch mit unterschiedlichen Erklärungsansätzen für den Antisemitismus zusammen.
Die Autoren des Buches vertreten die These, dass das Stück Fassbinders in jedem Fall dazu geeignet ist, über antisemitische Denkmuster und Mechanismen aufzuklären, und dass die Auseinandersetzung mit ihm in diesem Sinn nach wie vor aktuell ist. Das Buch ist daher als pointierter Beitrag zu einer Diskussion gedacht, die nicht abgeschlossen ist und weiter geführt werden muss. Vor allem auch deshalb, weil der Antisemitismus in der Bundesrepublik in den letzten Jahren wieder zunimmt.
Zielgruppe
An Antisemitismus, Rassismus, Fassbinder, Theater und Gesellschaftspolitik Interessierte.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
INHALT
Michel Friedman:
„Wann hat es je aufgehört?“ /
Über „Der Müll, die Stadt und der Tod“ und den Antisemitismus 9
Peter Menne:
„Der Müll, die Stadt und der Tod“ /
Ein antisemitisches Stück oder ein Stück über Antisemitismus? 17
Reiner Diederich:
Fenster oder Spiegel /
Zur Kontroverse um Fassbinders Skandalstück 37
Birgit Seemann:
„. . . daß man nicht spielt mit einem Feuer, das Giftgas verströmt“ /
Antisemitismus als gesellschaftliche und globale Konstante 88
Armin Pfahl-Traughber
Antisemitismus im Islamismus, Linksextremismus und Rechtsextremismus /
Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Ideologie, Agitation und Gewalthandlungen 101
Peter Menne
Vorurteil und Fehlwahrnehmung /
Antisemitische Projektionen anlässlich der Umstrukturierung des Frankfurter Westends 128
Der Müll, die Stadt und der Tod – Chronik der Ereignisse 153
Autorinnen und Autoren 167
Nachweise 168
Vorwort
Rainer Werner Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“ ist das wohl umstrittenste Theaterstück in der Geschichte der Bundesrepublik. Zum ersten Mal wurde einem prominenten Autor vorgeworfen, er bediene sich antisemitischer Klischees. Die einen meinten, und folgten dabei seiner eigenen Erklärung, er wolle diese Klischees zeigen, damit sie besser erkannt werden könnten. Die anderen, und das war die Mehrheit, meinten, er bestärke mit seinem Stück – bewusst oder unbewusst – judenfeindliche Ressentiments.
Als das Stück dann am 31. Oktober 1985 im Frankfurter Schauspiel uraufgeführt werden sollte, besetzten Mitglieder der Jüdischen Gemeinde die Bühne und verhinderten die Aufführung.
Der Streit um die möglichen Lesarten und Interpretationen von „Der Müll, die Stadt und der Tod“ ist bis heute nicht beendet. Es sind nicht nur unzählige Presseberichte und Artikel seit der Erstveröffentlichung 1976 erschienen, auch eine Vielzahl wissenschaftlicher Publikationen hat sich mit dem Thema „Fassbinder und der Antisemitismus“ beschäftigt.
30 Jahre nach der Bühnenbesetzung in Frankfurt, die weltweites Aufsehen erregte, versucht das vorliegende Buch, Denkanstöße zu geben, sich erneut mit dem Stück auseinanderzusetzen – vor allem im Hinblick auf die gegenwärtigen Verhältnisse: den sich in der Bundesrepublik immer offener zeigenden Antisemitismus und die wachsende Fremdenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft.
Das Buch hat nicht den Anspruch, die bisherige Debatte über Fassbinder und sein Theaterstück in all ihren Facetten nachzuzeichnen. Wir hoffen aber, einen Einblick in die Problematik des „literarischen Antisemitismus“ oder des Antisemitismus in der Literatur geben zu können.
Am Anfang steht der Bericht über ein Gespräch mit Michel Friedman über „Der Müll, die Stadt und der Tod“ sowie den Juden- und Fremdenhass heute.
Es folgt eine Textanalyse von Peter Menne mit der Frage: Handelt es sich um ein antisemitisches oder Ressentiments förderndes Stück oder um ein Stück über Antisemitismus?
Die jahrzehntelange öffentliche Kontroverse darüber betrachtet Reiner Diederich exemplarisch unter dem Gesichtspunkt, wie hier Antisemitismus und Kapitalismuskritik definiert und aufeinander bezogen werden.
Birgit Seemann beschäftigt sich mit den „blinden Flecken“ bei der Wahrnehmung der deutschen Geschichte – vor allem des Holocaust – und der eigenen Familiengeschichte in der Generation, der Fassbinder angehörte.
Armin Pfahl-Traughber gibt einen Überblick über die Formen und Ausprägungen antisemitischen Denkens und Handelns im politischen Extremismus – auch dem islamischen.
Peter Menne untersucht den „Realitätsgehalt“ antisemitischer Projektionen am Beispiel der Konflikte bei der Umstrukturierung des Frankfurter Westends von einem Wohn- zu einem Geschäftsviertel, die den zeitgeschichtlichen Hintergrund des Fassbinder-Stücks bildeten.
Am Schluss steht eine Chronik der Ereignisse, insbesondere der Aufführungsgeschichte von „Der Müll, die Stadt und der Tod“ im In- und Ausland.
Frankfurt am Main, im Oktober 2015
Reiner Diederich / Peter Menne