E-Book, Deutsch, 544 Seiten
Frances Die Andere
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-18943-3
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sie hat deinen Job. Jetzt will sie dein Leben. - Spannungsroman
E-Book, Deutsch, 544 Seiten
ISBN: 978-3-641-18943-3
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michelle Frances arbeitet hauptberuflich bei der BBC Wales, wo sie unter anderem für Romanverfilmungen zuständig ist. Ihr Debüt »Das Gift der Seele« wurde zu einem internationalen Bestseller.
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5
Mittwoch, 11. Oktober
»Sie ist blutjung, gerade einmal vierundzwanzig«, sagte Carrie und verlagerte ihr Gewicht auf dem Küchenstuhl. Ihr Rücken schmerzte. Es wäre klüger, es sich mit ein paar Kissen auf dem Sofa bequem zu machen, aber Adrian kochte, und sie genoss ihre abendlichen Unterhaltungen.
Er runzelte die Stirn. »Das ist wirklich jung. Und hat sie was drauf?«
»Wie’s aussieht, hat sie sich hier und da sehr hervorgetan«, antwortete Carrie verdrossen.
Adrian sah von den Kartoffeln auf, die er stampfte. »Du hast doch keine Angst, oder?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Nicht mehr lange, dann muss ich meinen Traumjob zurücklassen.« Er antwortete nicht sofort. Sie wusste, was er dachte: Hätte sie sich nicht für das Baby entschieden, bräuchte sie das nicht zu tun. Seit Monaten ging es zwischen ihnen nur noch um »Die Entscheidung«, und das Leben hatte sich zu einem ständigen Balanceakt entwickelt.
»Aber nur für eine Weile«, gab er zurück.
»Die Leute in der Branche vergessen schnell.«
»Du bist ihre schärfste Neuerwerbung.«
»Dabei gehört der Titel doch eigentlich dir, oder?«
Einen Moment lang sonnte er sich in ihrem Lob, ehe ihm wieder einzufallen schien, wo er stand. »Ich bin nur der verlängerte Arm der renommierten Producerin, die gleich mehrere hochgelobte Doku-Dramas erschaffen hat.«
»Lange her.«
Adrian blickte sie ungläubig an. »So lange nun auch wieder nicht. Gerade mal ein paar Jahre. Außerdem macht sie das ja nicht weniger brillant. Wieso stellst du dein Licht so unter den Scheffel? Mal wieder?«
»Ach, du kennst mich doch. Ich denke immer, irgendwann merkt jemand, dass das alles bloß heiße Luft ist. Die Hälfte der Zeit komme ich mir wie eine Hochstaplerin vor. Wie zum Teufel habe ich eigentlich diesen Job bekommen?«
Sie sah ihm an, wie er sich bewusst entschied, nicht auf ihre Bemerkung einzugehen – weil er ihre Unsicherheit ein wenig anstrengend fand. Und er hatte durchaus recht damit. Sie musste zugeben, dass sie eine Reihe wirklich guter Sendungen produziert hatte, sehr guter sogar. Trotzdem lebte sie in der ständigen Sorge, dass sie ihren Erfolg lediglich Glück oder gutem Timing verdankte.
»Hast du dein Päckchen schon gesehen?« Er nickte in Richtung des großen Kartons in der Ecke. Sie stand auf, riss den Karton auf und nahm ein mit einer weißen Spitzendecke ausgeschlagenes Babykörbchen heraus.
»Wie findest du es?«
Er sah herüber. »Ja, sehr nett.«
»Das ist alles?«
Er sah ein zweites Mal hin. »Was willst du denn hören? Es ist ein Körbchen. Für ein Baby.«
»Für unser Baby. Das in vier Wochen zur Welt kommt.«
Keine Begeisterungsrufe, keine leuchtenden Augen.
»Erbsen oder Bohnen?«
Enttäuscht verstaute sie das Körbchen im Karton. »Egal.«
»Dann beides. Mehr Vitamin C für dich … und das Baby.« Sie wusste, dass er ihr diesen Olivenzweig aus schlechtem Gewissen reichte. »Und du musst aufhören, dir wegen deiner Arbeit Sorgen zu machen«, fuhr er fort. »Keiner sägt an deinem Stuhl.« Carrie zuckte zusammen, woraufhin er ihr einen strengen Blick zuwarf. »Und falls doch, gehe ich gleich mit.«
Ihr war bewusst, dass dies vertraglich gar nicht möglich wäre, aber es war seine Art, sich bei ihr zu entschuldigen. Wenig später stellte er zwei Teller auf den Tisch. Drei gut durchgebratene Würstchen ragten wie Alienfinger aus einem Berg Kartoffelbrei, umgeben von dem grünen Gemüse, das er wie einen Bart arrangiert hatte.
»Okay?«, fragte er.
Sie lächelte. »Sieht gut aus.«
Dies war ihr Ritual – er kochte, während sie im überfüllten Pendlerzug nach Blackheath im Südosten Londons saß. Ein Jahr nach ihrem Kennenlernen hatten sie ein Reihenhaus mit vier Zimmern gekauft und Stück für Stück renoviert. Es war der Traum eines kinderlosen Paars: weiß getünchte Wände, eine frei schwebende Treppe, Springbrunnen im Garten. Es hatte einige Zeit gedauert, all die Umbauten zu finanzieren, da sie beide am Anfang noch für dieselbe Soap gearbeitet hatten, sie als Dramaturgin, er als freier Autor. Sie hatten beide unbedingt ihre Karriere vorantreiben wollen, allerdings ließ der gnadenlose Produktionsrahmen einer Sendung, die an vier Tagen pro Woche während des ganzen Jahres produziert wurde, kaum Spielraum für irgendetwas anderes. Urlaub war auf maximal eine Woche am Stück begrenzt, die Arbeitstage zogen sich häufig bis spät in die Nacht hinein, und krank werden kam gar nicht infrage. Einmal hatte Carrie sich eine Mandelentzündung zugezogen, sich aber nicht getraut, länger als einen Tag zu Hause zu bleiben, um sich auszukurieren. Wenn sie nicht bei der Arbeit erschiene, wären die Drehbücher nicht bereit für die Produktion. Und obwohl sie krank war, wäre es ihre Schuld, und davon hing ab, ob ihr zeitlich begrenzter Vertrag verlängert werden würde oder nicht.
Sie und Adrian hatten sich bei der monatlichen Story-Konferenz kennengelernt, sich auf Anhieb gut verstanden und sich wenig später ineinander verliebt. Nach etwa vier Wochen war Adrian nach einem Kinoabend mit in ihre Wohnung gekommen und hatte gemeint, er wolle ganz ehrlich zu ihr sein. Kurz hatte Carrie gefürchtet, er wolle ihr gestehen, dass er verheiratet war oder eine feste Freundin hatte, doch stattdessen ging es ihm um das Thema Kinder.
»Ich wollte nur, dass du Bescheid weißt … ich will einfach keine Kinder. Die meisten Frauen allerdings schon, deshalb hielt ich es nur für fair, gleich damit herauszurücken. Du kannst mir jetzt sagen, dass ich mich gleich wieder verziehen kann … sofern du das willst.« In seinen großen braunen Augen hatte sich eine solche Angst widergespiegelt, dass sich ihr Herz zusammengezogen hatte. In diesem Moment hatte sie gewusst, dass sie füreinander bestimmt waren, da auch sie niemals einen Kinderwunsch verspürt hatte – nicht nach dem, was ihr als Teenager passiert war.
Sie hatten geheiratet und praktisch zeitgleich das Haus gekauft – gerade mal ein Jahr nach ihrem Kennenlernen. Adrian, der sich inzwischen zu einem der »Starautoren« der Soap Opera hochgearbeitet hatte, war mittlerweile an dem Punkt angelangt, an dem er sich aus dem gnadenlos eng getakteten Tagesgeschäft zurückziehen konnte, um sich Gedanken über eigene Serienkonzepte zu machen. Einige davon wurden mit Entwicklungsgeldern belohnt, andere nicht, doch keine einzige seiner Ideen wurde je realisiert, sondern landete innerhalb von ein oder zwei Jahren im Papierkorb.
Dann fiel ihm etwas so Brillantes und Verkäufliches ein, dass Elaine Marsh sich das Konzept sofort unter den Nagel riss und sich an die Arbeit machte. Es gelang ihr, die BBC dafür zu gewinnen, und ehe er sich versah, hatte er grünes Licht für die Umsetzung. Die Story um eine Schülerin, die in ihrer Schule einen Aufstand mit tragischem Ausgang anzettelte, schlug ein wie eine Bombe und katapultierte Adrian in den Olymp der Drehbuchschreiber.
Carrie hatte sich unterdessen auf Real-Life-Storys spezialisiert und war dort ebenfalls sehr erfolgreich. Sie arbeiteten beide extrem hart und belohnten sich dafür mit Urlauben an exotischen Orten, wann immer sie sich in ihre engen Terminkalender quetschen ließen. Sie tauchten mit Walhaien auf den Malediven und reisten sogar in die Antarktis. Sie tranken nur die besten Weine. Adrian fuhr einen BMW-Zweisitzer und hatte in Broadstairs an der Küste von Kent ein Ferienhaus gekauft. Sie hatten sich einen Lebensstil angewöhnt, um den sie ihre Freude mit Kindern glühend beneideten. Trotzdem war Carrie instinktiv vor dem Gedanken zurückgeschreckt, eine Abtreibung vornehmen zu lassen, als sie mit zweiundvierzig plötzlich schwanger geworden war. Vielleicht war dies ihre letzte Chance, sich fortzupflanzen. Vielleicht lag es auch daran, dass der Fötus bereits vierzehn Wochen alt war und ein Mienenspiel besaß, sprich, die Augen zusammenkneifen konnte und solche Dinge. Sie hatte keine Ahnung, warum, doch eine Abtreibung kam definitiv nicht infrage.
Adrian hatte die Neuigkeit komplett aus den Socken gehauen. Eine Schwangerschaft war so jenseits jeglicher Vorstellungskraft für ihn, dass er volle zwei Tage gebraucht hatte, um zu begreifen, dass sie es ernst meinte. Dann waren die Schuldzuweisungen auf sie eingeprasselt. Wie es sein konnte, dass sie schwanger geworden war? (Sie hatte ihre Pille vergessen, ganz einfach.) Es tat ihr leid für ihn, aber es war, wie es war. Sie konnte sich schließlich nicht »entschwangern«, auch wenn sie häufig überlegte, dass es deutlich einfacher wäre, als sich der komplexen Entscheidung zu stellen, während der Sand immer schneller durch die Uhr rieselte. Am Ende hatten sie beide begriffen, dass es kein Zurück mehr gab, ganz egal, wie sie zu all dem standen. Bis heute hatte Adrian sich nie wirklich mit ihrer Entscheidung anfreunden können, und tief im Innern wusste Carrie, dass sie beide die Köpfe in den Sand gesteckt hatten und schlicht ignorierten, dass schon bald eine dritte Person Teil dieses Haushalts sein würde.
Besagtes drittes Haushaltsmitglied verpasste ihr einen kräftigen Tritt in die Rippen.
»Aua!«
»Alles in Ordnung?«
»Das Baby hat Fußballtraining.«
Er nickte.
»Es hat keine Ahnung, wie weh das tut. Apropos … wir haben heute Abend Schwangerschaftsmassage.«
Ein verlegener Ausdruck erschien auf seiner Miene.
»Tut mir leid …«
»Du kannst nicht?«, fragte sie enttäuscht.
»Ich hatte heute eine großartige Idee für Folge vier, die ich unbedingt zu Papier bringen will, solange sie noch frisch im Kopf ist.«
Sie runzelte die Stirn. Wieso konntest du das nicht schon während des Tages machen, statt bis zum Geburtsvorbereitungskurs zu...




