Freeman Männer mit Erfahrung
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-312-00693-9
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Reihe: Nagel & Kimche
ISBN: 978-3-312-00693-9
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lillian, die in einem kleinen Nest in Vermont lebt, fühlt sich von einem undurchsichtigen Typen namens Blackway verfolgt. Eines Morgens liegt ihre Katze tot vor der Tür. Ermordet von Blackway, davon ist sie überzeugt. Der Sheriff kann nichts für sie tun, daher sucht sie Hilfe bei einem Club kauziger alter Männer. Beeindruckt von ihrem Mut, stellen diese ihr den betagten Lester und den hünenhaften, etwas beschränkten Nate als Schutz zur Seite. Lillian traut den beiden nichts zu, aber sie lassen sich nicht abwimmeln und so verfolgen sie Blackway schließlich gemeinsam. Dieser Thriller besticht durch seinen schrägen Humor und seine ungleichen Helden. Ein Meisterstück - dicht, intensiv und leuchtend!
Castle Freeman wurde 1944 in San Antonio, Texas geboren. In Chicago aufgewachsen, studierte er an der Columbia University. Heute lebt er in Vermont, arbeitet als Redakteur und schreibt Short Stories und Romane. Sein Roman »Männer mit Erfahrung« (2008) wurde 2015 mit Anthony Hopkins, Julia Stiles und Ray Liotta verfilmt. Zuletzt erschienen von ihm bei Nagel & Kimche »Auf die sanfte Tour« (2017) und »Der Klügere lädt nach« (2018).
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FRÜHAUFSTEHER
Hochsommer: Die langen Tage beginnen mit hellem, sich rasch auflösendem Dunst und enden nie. Die Stunden strecken sich, dehnen sich. Sie dehnen sich und nehmen alles auf, was man in sie hineinsteckt; sie nehmen alles, was man hat: Geschäftigkeit, Untätigkeit, gute Ideen, schlechte Ideen, Gespräche, Liebe, Ärger, Lügen jeder Art – alles. Auch Arbeit? Nein. Niemand arbeitet mehr. Früher war das anders. Früher haben die Farmer gearbeitet. Für die Farmer waren die Hochsommertage die beste, geschäftigste Zeit des Jahres, aber die Farmer sind fort. Sie haben gearbeitet, sie haben gebaut, aber jetzt sind sie fort. Wer wird wohl der Nächste sein?
Sheriff Ripley Wingate war Frühaufsteher. Er bog von der Straße auf den Parkplatz hinter dem Gerichtsgebäude ab. Noch nicht mal sieben. Der Morgennebel hing über der Erde wie ein schwerer grauer Vorhang. Er wallte und waberte, trieb in wolligen Wirbeln und Girlanden dahin, teilte sich. In einer Ecke des Parkplatzes, beinahe verborgen von den Schwaden, ein anderer Wagen. Ein kleiner Wagen, leer.
Der Sheriff parkte den Pickup auf dem reservierten Platz gleich hinter dem Gericht und ging zu dem Wagen, einem Escort, dessen hinteres Seitenfenster teils eingeschlagen und mit Plastikfolie und Klebeband abgedeckt war. Er trat an das Beifahrerfenster, bückte sich und sah hinein. Doch nicht leer. Auf dem Fahrersitz saß eine junge Frau und schlief. Sie hatte die Knie angezogen, ihr Kopf lehnte am Fenster. Auf dem Beifahrersitz lag ein Küchenmesser mit zehn Zentimeter langer Klinge, und auf der Rückbank war ein pelziges Bündel, das der Sheriff nicht genau erkennen konnte. Er klopfte leicht ans Fenster.
Die schlafende Frau schlug die Augen auf. Sie sah sich um, und als ihr Blick auf den Sheriff vor dem Seitenfenster fiel, zuckte sie zusammen, fuhr zurück und ließ ihn nicht aus den Augen. Ihre rechte Hand tastete nach dem kleinen Messer auf dem Beifahrersitz.
«Kann ich helfen?», fragte Sheriff Wingate.
«Ich warte auf den Sheriff», sagte die junge Frau.
«Was?»
«Ich warte auf den Sheriff», sagte sie noch einmal lauter, damit er sie durch die Fenster des kleinen Wagens verstehen konnte.
«Ich bin der Sheriff.»
«Wirklich?»
«Warum kommen Sie nicht rein?», sagte der Sheriff und wies mit dem Kopf auf das Gerichtsgebäude.
Die junge Frau machte keine Anstalten auszusteigen, beugte sich aber über den Beifahrersitz und öffnete das Seitenfenster einen Spaltbreit.
«Sie haben keine Uniform», sagte sie.
«Stimmt», sagte der Sheriff. Er richtete sich auf und wandte sich zum Gehen.
«Woher weiß ich dann, dass Sie der Sheriff sind?»
«Was soll ich sagen?», antwortete der Sheriff. «Sie können hier sitzen bleiben, wenn Sie wollen. Vielleicht kommt ja ein anderer Sheriff vorbei.»
«Moment», sagte die junge Frau. Sie nahm die Füße vom Sitz, öffnete die Fahrertür und stieg aus. Sie war groß, und ihr braunes Haar war lang, sehr lang, und fiel in sanften Wellen über ihre Schulterblätter. Der Sheriff musterte sie. Sie wirkte nicht betrunken, sie benahm sich nicht betrunken, sie roch nicht betrunken. Sie schloss die Tür und sah ihn über das Wagendach hinweg an.
«Na gut», sagte sie.
Der Sheriff wartete und ließ ihr den Vortritt.
«Nach Ihnen», sagte die junge Frau.
Der Sheriff schüttelte den Kopf. «Ich hab kein Messer», sagte er. «Sie schon. Nach Ihnen.»
«Oh», sagte die junge Frau. Das Küchenmesser lag noch auf dem Beifahrersitz. Sie beschloss, es dort liegen zu lassen, und ging zum Hintereingang des Gerichtsgebäudes. Der Sheriff folgte ihr.
In seinem winzigen Büro im Untergeschoss des Gerichtsgebäudes wies Sheriff Wingate auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Die junge Frau setzte sich. Er ließ sie erst einmal ankommen und machte sich ein bisschen zu schaffen: Er schaltete die Kaffeemaschine ein, riss das gestrige Kalenderblatt ab und warf es in den Papierkorb, stellte das Funkgerät lauter und dann leiser. Schließlich setzte er sich an den Schreibtisch und sah die junge Frau an.
«Was kann ich für Sie tun?», fragte er.
«Ich brauche Hilfe», sagte die junge Frau.
«Bei was?»
«Er ist hinter mir her», sagte sie. «Ein Mann. Er will mir was tun.»
«Ein Mann?»
«Ja. Er beobachtet mich. Er verfolgt mich. Er lässt mich nicht in Ruhe.»
«Blackway», sagte der Sheriff.
«Sie wissen Bescheid?»
«Ich kenne Blackway», sagte der Sheriff. «Die meisten hier kennen ihn. Kaffee?» Er stand auf und ging zur Kaffeemaschine.
Die junge Frau schüttelte den Kopf.
Der Scheriff schenkte sich einen Becher Kaffee ein und setzte sich wieder.
«Blackway verfolgt Sie also?», fragte er.
«Sag ich doch.»
«Seit wann?»
«Seit einer Woche, zehn Tagen», sagte die junge Frau. «Er beobachtet mich. Einmal wollte ich gerade aus meiner Einfahrt fahren, da hat er sich mit seinem großen Pickup in den Weg gestellt, so dass ich nicht vorbei konnte. Er hat einfach dagesessen und mich angestarrt. Ich sollte sehen, dass er mich anstarrte. Dann ist er weitergefahren. Das hat er schon öfter gemacht. Und einmal hat er das Fenster von meinem Wagen eingeschlagen.»
«Waren Sie dabei?», fragte der Sheriff. «Haben Sie es gesehen?»
«Nein. Es war in der Nacht. Ich hab geschlafen, und der Wagen war geparkt.»
«Wissen Sie, ob jemand anders ihn dabei gesehen hat?»
«Nein.»
«Dann wissen Sie also nicht mit Sicherheit, dass er es war.»
«Er war’s», sagte die junge Frau. «Wer denn sonst?»
«Vielleicht keiner», sagte der Sheriff. «Vielleicht viele. Was sonst noch?»
Die junge Frau schluckte schwer. Sie sah zu Boden und schüttelte den Kopf. Sie wollte etwas sagen und schluckte erneut.
«Nur die Ruhe», sagte der Sheriff.
«Annabelle», sagte die junge Frau. «Er war bei meinem Haus und hat sie erwischt.»
«Annabelle?»
«Meine Katze. Er hat sie umgebracht.»
Der Sheriff nickte. «Die auf Ihrem Rücksitz.»
«Gestern Nacht», sagte die junge Frau. «Sie lag auf der Vordertreppe. Mit durchgeschnittener Kehle. Er hat ihr fast den Kopf abgetrennt.»
«Nur die Ruhe», sagte der Sheriff.
Die junge Frau schluckte und sah noch immer zu Boden. Sie nickte.
«Wollen Sie jetzt einen Kaffee?»
Wieder nickte die junge Frau.
Der Sheriff stand auf, ging zur Kaffeemaschine und schenkte der jungen Frau einen Becher ein. «Milch und Zucker?»
«Nur Zucker.»
Der Sheriff gab einen Teelöffel Zucker in den Becher und rührte um. Dann stellte er den Becher vor der jungen Frau auf den Schreibtisch. Sie nahm ihn und hielt ihn in beiden Händen, als wollte sie sie wärmen. Schlanke, schmale Hände.
Der Sheriff ging wieder zu seinem Stuhl. Er setzte sich.
«Und dann haben Sie Ihre Katze genommen und sind hergefahren, mitten in der Nacht», sagte er.
«Ja.»
«Und falls Blackway sich sehen lassen sollte, wollten Sie ihn mit Ihrem Obstmesserchen abstechen.»
«Besser als nichts», sagte die junge Frau.
«Ach ja?», sagte der Sheriff. «Und Sie haben die ganze Nacht hier gewartet?»
«Ja.»
«Warum?»
Die junge Frau sah ihn an.
«Warum?», sagte sie. «Was soll das heißen: ‹Warum?› Ich hab Ihnen doch gesagt, warum. Ich habe Angst. Ich werde bedroht. Er stellt mir nach. Sie sind der Sheriff. Ich brauche Schutz. Sie müssen mir helfen. Sie müssen was unternehmen.»
«Und was?»
«Was?», sagte die junge Frau. «Ich weiß nicht. Irgendwas. Sie sind doch schließlich der Sheriff, nicht ich. Und nein, ich kann nicht beweisen, dass er Annabelle umgebracht hat. Ich war nicht dabei. Aber ich weiß, dass er es war.»
«Ich hab nicht gesagt, dass er es nicht war.»
«Na gut», sagte die junge Frau. «Und was können Sie tun?»
«Nicht allzu viel.»
«Nicht allzu viel?»
«Ich könnte ihn natürlich besuchen», sagte der Sheriff. «Blackway, meine ich. Ich könnte mit ihm reden. Ich weiß aber nicht, ob das die Sache besser machen würde. Was meinen Sie? Wie ich Blackway kenne, würde es die Sache eher schlimmer machen.»
«Er will mir was tun», sagte die junge Frau. «Er wird mir was tun. Das hat er vor.»
Sheriff Wingate sah sie an. Er nickte.
«Für etwas, das er vorhat, kann ich ihn nicht festnehmen», sagte er. «So funktioniert das nicht. So was wäre gegen das Gesetz. Das wissen Sie.»
«Sagen Sie mir nicht, was ich weiß», sagte die junge Frau.
«So funktioniert das nicht», fuhr der Sheriff fort, «und Sie würden auch nicht wollen, dass es funktioniert.»
«Sagen Sie mir nicht, was ich will.»
Der Sheriff gab keine Antwort. Er sah die junge Frau über den Schreibtisch hinweg an und wartete.
«Hören Sie», sagte die junge Frau und stellte den Kaffeebecher auf den Tisch, «hab ich mich irgendwie unklar ausgedrückt? Er hat meine Katze umgebracht. Meine Scheiß-Katze. Er hat ihr die Scheiß-Kehle durchgeschnitten. Also sagen Sie mir nicht, was ich will.» Sie stand auf und wandte sich zum Gehen.
«Setzen Sie sich», sagte der Sheriff.
Sie sah ihn an und setzte sich wieder.
«Warum?», sagte sie. «Warum soll ich mich setzen? Sie sagen, Sie können nichts für mich tun. Sie sagen, ich muss warten, bis er irgendwas...




