E-Book, Deutsch, 310 Seiten
Gorel Endstation Frauenhaus
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7693-8016-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
ICH klage an
E-Book, Deutsch, 310 Seiten
ISBN: 978-3-7693-8016-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der einsame Weg aus der Gewalt Häusliche Gewalt ist eines der drängendsten Themen unserer Zeit. Sie bleibt so lange ein Teil toter Statistiken, bis man anhand der Realität sieht, was sie bedeutet. Barbara Gorel, Psychotherapeutin und freie Künstlerin, bricht dieses Tabu und erzählt in ihrem Buch offen und schonungslos von ihrer eigenen Geschichte. Bereits als Kind litt sie unter Gewalt durch ihren Vater. Sie flüchtete mit 14 Jahren in die Obdachlosigkeit. Hilflos und auf sich allein gestellt, lernte sie ihren zukünftigen Ehemann kennen. Schon nach wenigen Wochen schlug er sie. Mit 16 Jahren wurde sie schwanger und heiratete. Als ihr zweites Kind geboren wurde, war sie 19 Jahre alt. Die häusliche Gewalt nahm stetig zu und bedrohte auch das Leben ihrer Kinder. Die Psychotherapeutin analysiert ihr Verhalten, das ihr lange Zeit die Trennung erschwerte. Sie schildert, wie sie sich schließlich doch befreien konnte und mit ihren Kindern Schutz im Frauenhaus fand. Die Autorin bezieht sich auch auf den sozialen Kontext. Sie legt den Finger in die Wunde und sagt deutlich: Die deutsche Justiz hat versagt. Es gab keine hilfreiche Unterstützung, und die Täter wurden nicht zur Rechenschaft gezogen. Wegen der Untätigkeit der staatlichen Institutionen war sie ständig der Gewalt ausgesetzt. Es gab auch damals Gesetze zum Schutz gewaltbetroffener Kinder und Frauen, die jedoch nicht angewandt wurden. Diese Männer waren extrem kriminell und entgingen ihrer gesetzlichen Bestrafung, während ihre Opfer ein Leben lang unter den Folgen der Gewalt gelitten haben. Die Autorin ist keine Ausnahme, aber sie ist wütend und will die Öffentlichkeit wachrütteln, weil in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau von ihrem (Ex)-Partner getötet wird. Weil Frauen in der Ehe, beim Arzt, im Kreißsaal, in der Arbeit und auf offener Straße Gewalt erleben und kaum jemand etwas dagegen unternimmt. Was sind die Gründe dafür? Sind es Unkenntnis, Hilflosigkeit und Desinteresse? Oder ist es ein tief verankerter Frauenhass? Es liegt in unserer Mentalität, unangenehme Themen zu verdrängen, aber wir müssen hinsehen und die Gesellschaft sensibilisieren. Wir sind es unseren Nachkommen schuldig, die über Generationen hinweg unter dem Trauma der Mütter leiden.
Die grenzenlose Weite meiner inneren Realität Barbara ist eine Künstlerin, die sich mit surrealen und visionären Themen auseinandersetzt. Sie hat sich bereits in jungen Jahren mit dem Zeichnen und Malen vertraut gemacht. Viele ihrer Bilder entstanden in einer sorgenfreien Fantasie und sichern ihr das Überleben in einem Elternhaus voller Gefahren. Später widmete sie sich außerdem verschiedenen Ausdrucksformen wie Theater, Tanz und Musik. Nach einer schweren psychischen Erkrankung kündigte sie ihren Job in der Vorstandsetage eines großen Chemiewerks und entschied sich 1998 für eine künstlerische Laufbahn. Barbara wohnt in Leverkusen und ist Initiatorin des Künstler-Netzwerks ART4Friends-Club.de. Ihre Kunst basiert auf Spiritualität und den Erkenntnissen über die Verbindung des Menschen mit der Magie. Sie möchte den Menschen die Welt der Träume und der Spiritualität näher bringen. Die Künstlerin versucht, eine Welt visueller Poesie zu schaffen, in der Licht und Dunkelheit aufeinanderprallen und das Mystische sichtbar machen. Weil sie sich hauptsächlich auf die weibliche Figur konzentriert, sagt sie: In ihrer Arbeit geht es um das Gefühl von Macht, Schöpfung, Energie und Zauberei. Nichts ist so faszinierend wie das Mysterium, es ist der Ausgangspunkt für Überlegungen und Erkundungen. Barbara sucht immer die Verbindung zwischen Träumen, Spiritualität und abstrakten Konzepten. Die Künstlerin erklärt: Bei der Suche nach Antworten oder Inspirationen für Leben und Kunst suche ich nicht im Alltäglichen oder Gewöhnlichen, sondern in der grenzenlosen Weite meiner inneren Wirklichkeit. Diese Welt, die von geheimnisvollen Orten und Menschen bewohnt wird, hat ihre eigenen Geschichten und Weisheiten. Ich bin lediglich eine Geschichtenerzählerin.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
VORWORT
„Die Scham muss die Seite wechseln“ Gisèle Pélicot.
Dieses Zitat verdeutlicht, wie verkehrt unsere Gesellschaft, unsere Politik, unser Rechtssystem und unsere Strukturen auch im Jahr 2024 sind. Der Fall der 71-jährigen Gisèle Pélicot ist international bekannt. Ihr eigener Ehemann hatte sie über zehn Jahre immer wieder betäubt und fremden Männern zur Vergewaltigung angeboten. Der Prozess findet auf ausdrücklichen Wunsch der mutigen Frau öffentlich statt. Das ist keineswegs üblich. Zum Schutz von Opfern wird die Öffentlichkeit in solchen Prozessen meist ausgeschlossen. Gisèle Pélicot hat meine rückhaltlose Hochachtung. Sie ist trotz ihrer Traumatisierung und ihres Leidens laut, klar und deutlich. Sie weist Unverschämtheiten und Unterstellungen dieser Kreaturen und ihrer Verteidiger sofort scharf zurück und weigert sich, über die jahrelangen Misshandlungen im stillen Kämmerlein zu verhandeln. Diese Frau will gehört und gesehen werden. Sie will, dass die Welt gezwungen wird, sich diese Ungeheuerlichkeiten anzusehen. Und verweist mit scharfen Worten die Scham dorthin zurück, wo sie ausschließlich hingehört – auf die Seite der Täter. Gisèle Pélicot ist eine stolze Amazone aus einer Generation, in der Frauen noch zum Schweigen und Sichfügen erzogen wurden. Welch ein gesunder Zorn angesichts dieser unvorstellbaren Grausamkeiten. Chapeau, Gisèle Pélicot. Die Täter-Opfer-Umkehr ist eines der größten Probleme bei der Bekämpfung häuslicher Gewalt, weil sie die Betroffenen davon abhält, Hilfe zu suchen. Die Täter-Opfer-Umkehrung durch staatliche Institutionen und Gesellschaft führt zu einer Verzerrung der Gewalt. Daher ist es oft falsch zu glauben, dass Verwaltung und Justiz objektivarbeiten. In Bereichen mit Gewaltbetroffenheit arbeiten auch nur Menschen, die persönliche Einstellungen zum Thema Gewalt an Frauen haben. Die Argumente der Täter-Opfer-Umkehr sind so ausgelegt, dass es für betroffene Frauen besonders schwierig ist, ihre traumatischen Erlebnisse dagegenzustellen. Oft denken sie am Ende, dass sie etwas falsch gemacht haben und selbst für die Gewalt verantwortlich sind. Die betroffenen Frauen können möglicherweise doppelten Schmerz empfinden: den Schmerz, der durch die Taten verursacht wurde, aber insbesondere auch den Schmerz durch fortgesetzte Gewalt staatlicher Institutionen in Form von Täter-Opfer-Umkehr. Es geht nicht allein darum, dass eine gewaltbetroffene Frau Zuflucht in einem Frauenhaus findet, sondern es geht um das Recht auf Teilnahme am Leben. Es geht um nichts Geringeres als das Recht auf Freiheit und Sicherheit. Ich klage an
Ich will mit meiner Autobiografie dazu beitragen, die Gewalt gegen Frauen sichtbar zu machen, denn sie stellt schon lange kein privates Problem mehr dar. Ich erzähle meine Geschichte, die seit meiner Kindheit in einer Spirale aus Gewalt gefangen war. Im ersten Teil berichte ich, wie die verrohte Nachkriegsgesellschaft Gewalt an ihre Nachkommen weitergab. Von Misshandlung und Missbrauch an Kindern, in seiner schlimmsten Form. Und von trügerischer Sicherheit in einem staatlichen Kinderheim, in dem Erzieher ihren Zöglingen das Fürchten lehrten. Ich schreibe von häuslicher Gewalt im Elternhaus und in der eigenen Ehe. Von der Macht der Ärzte und der Willkür der damaligen Polizei, die von der Bezeichnung „Dein Freund und Helfer“ noch weit entfernt war. Zur Sprache kommt auch die erlittene Gewalt in der Geburtshilfe, die immer noch ein Tabu ist. Nach meiner Meinung liegen die Hauptgründe in Scham und mangelndem Wissen. Aber heute schweige ich nicht mehr, ich bin wütend und klage an. Auch aus diesem Grund habe ich mich entschieden, meine Erfahrungen öffentlich zu machen. Frauen müssen ermutigt werden, sich gegen jede Form von Gewalt zu verteidigen. Wenn junge Mütter mir erzählen, dass sie auch im Jahre 2023 gewaltvolle Erfahrungen bei der Entbindung gemacht haben, könnte ich schreien. Ich habe meine Geschichte nicht veröffentlicht, weil ich sie gerne weitergeben wollte. Es wäre mir viel lieber gewesen, mich stattdessen mit meiner Kunst zu beschäftigen. Doch ich musste über die Themen schreiben, die mich schon so viele Jahre bedrückten. Dies ist meine Art, die Geschehnisse zu verarbeiten und auf die häusliche Gewalt im Elternhaus und in meiner ersten Ehe zu reagieren. In der Geschichte meiner Kindheit erzähle ich auch über das große Leid meines geliebten Halbbruders. Er war sieben Jahre älter als ich und musste in unterschiedlichen Kinderheimen aufwachsen. Das Jugendamt wollte ihn vor gewalttätigen Übergriffen seines Stiefvaters schützen, doch auch im Kinderheim konnte er sich nicht den brutalen Angriffen der Erzieher entziehen. Er litt am stärksten unter dem Kinderheim „Marienfrieden“ in Arnsberg-Hüsten, dessen Opfer nachweislich vor einigen Jahren Schadensersatz forderten. Es war bedauerlicherweise für meinen Bruder zu spät. 1985 hat er sich mit nur 34 Jahren das Leben genommen. Sein Suizid hinterließ tiefe Wunden in meinem Herzen, von denen ich mich nie ganz erholen sollte. Geprägt von der Gewalt im Elternhaus flüchtete ich mit sechzehn Jahren in eine Ehe. Mit der Hoffnung auf ein sicheres Leben habe ich kurz darauf mein erstes Kind bekommen. Mein Mann war fünf Jahre älter und entpuppte sich schnell als jähzorniger Frauenschläger. Die erlernten und unbewussten Verhaltensweisen ließen mich einige Jahre lang die Grausamkeiten aushalten. Wenn ich bei Mutter nach Rat suchte, waren ihre Worte: „So ist das eben … damit musst du dich abfinden.“ Es gab kaum jemanden, mit dem ich sprechen konnte, und wenn ich es dennoch tat, stieß ich auf Unverständnis: Warum trennst du dich denn nicht? Warum lässt du dir das gefallen? Warum hast du dich auf den Frauenschläger eingelassen? Ich konnte es nicht mehr hören und schwieg, obwohl ich weiterhin unter der Gewalt litt. Schweigen als Zustimmung zum Missbrauch
Ich schwieg jahrelang, weil ich alles, was mir widerfahren war, nicht schlimm genug fand. Auch, weil mir lange Zeit die Sprache dazu fehlte. Bis ich langsam verstand, dass das, was mir widerfahren war, die Geschichte vieler Frauen ist. Machte dieses Wissen die Erlebnisse besser? Nein, aber mehr oder weniger war es doch so. Ich bemerkte, dass es nicht nur um mich ging, sondern dass die alltäglichen sexistischen, zweideutigen, frauenabwertenden Bemerkungen, die verbalen und körperlichen Übergriffe Teil eines Systems waren. Es war nichts falsch an mir, weder mein Aussehen noch mein Verhalten. Falsch waren diejenigen, die mir gegenüber übergriffig waren, und falsch war das System, das dieses enorme Ausmaß häuslicher Gewalt produzierte und unterstützte. Wie viel Zeit mussten Frauen investieren, um sich gegen Angriffe zu wehren, die ihr Leben gefährdeten? Was konnten diese Frauen, die sich selbst vor Gewalt schützen mussten, die täglich kämpfen mussten, um zu überleben, für ein Leben führen, wenn ihnen nicht so viel Zeit geraubt würde? Im Jahr 2022 registrierte das Bundeskriminalamt 432 Fälle von Gewalt in Partnerschaften – pro Tag!! Die aktuellen Zahlen zeigen, wie wichtig das Thema für die Gesellschaft ist. Es muss deutlich mehrüber Femizide als bisher berichtet werden, und es ist notwendig, dabei die aktuelle Zahl zu benennen. Nur so kann vermittelt werden, dass es eben keine Einzelschicksale gibt, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Das Thema muss ständig in der Öffentlichkeit präsent bleiben. Gewalt gegen Frauen ist auch heute noch ein alltägliches Problem, das uns alle betrifft. Trotzdem ist es bisher nicht gelungen, in der Öffentlichkeit darüber zu sprechen. Wenn die betroffenen Frauen laut sind, werden sie abgestraft. Wenn sie schweigen, schützen sie die Täter. Aber gleichzeitig auch sich selbst. Es wird nicht über häusliche Gewalt gesprochen, da die Betroffenen aus dem öffentlichen Leben verdrängt werden. Und weil das Unvorstellbare nicht thematisiert wird, passiert es auch nicht. Ist es immer noch falsch und schmutzig, über etwas zu sprechen, über das nicht gesprochen werden soll? Ebendarum werden wir zu Komplizen der Täter, denn um etwas zu kritisieren, ist es erforderlich, dass man es sich vorstellen kann und will. Es muss klar und deutlich kommuniziert werden, ohne Wenn und Aber. Gewalt darf niemals abstrakt bleiben, sonst ist sie unvorstellbar, unwahrscheinlich und unantastbar. Mehrere Versuche, der häuslichen Gewalt zu entkommen, scheiterten an mangelnder Unterstützung durch staatliche Institutionen. Sie stuften die Taten als private Streitigkeiten ein und leisteten kaum oder gar keine Hilfe. Zu meiner Zeit konnten Gesetzgebung, Recht und das Schweigen der Gesellschaft nicht dazu beitragen, dass es Frauen ermöglicht wurde gewaltfrei zu leben. Immer wieder führte dies dazu, dass Entscheidungen zugunsten von Männern gefällt und Kindswohl sowie Frauenrechte missachtet wurden. Sie alle tragen eine Mitverantwortung für das unsägliche Leid in der häuslichen Umgebung. Die vielen Ungerechtigkeiten, die Frauen und Mütter heute immer noch erfahren, machen mich wütend. Ich beklage,...




