E-Book, Deutsch, Band 12, 272 Seiten
Reihe: Kantonspolizei Aargau
Haller Aargauer Vergeltung
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98707-213-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 12, 272 Seiten
Reihe: Kantonspolizei Aargau
ISBN: 978-3-98707-213-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ina Haller lebt mit ihrer Familie im Kanton Aargau, Schweiz. Nach dem Abitur studierte sie Geologie. Seit der Geburt ihrer drei Kinder ist sie »Vollzeit-Familienmanagerin« und Autorin. Zu ihrem Repertoire gehören Kriminalromane sowie Kurz- und Kindergeschichten. www.inahaller.ch www.facebook.com/autorininahaller www.instagram.com/ina.haller.autorin/
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
ZWEI
Andrina hastete die Treppe nach oben und betrat außer Atem die Büroräume des Verlags. Aus dem Sitzungszimmer drang Stimmengemurmel.
Seraina hatte sich gestern Abend bereit erklärt, Rebecca bis zum Mittag zu übernehmen. Wie so oft hatte Andrina sich gefragt, was sie ohne ihre Schwester machen würde. Seraina hatte eine Physiopraxis und an drei Tagen in der Woche Patienten.
Andrina war gerade abgefahren, als Seraina anrief. Regina habe erbrochen, und es sei keine gute Idee, Rebecca zu bringen. Andrina war nichts anderes übrig geblieben, als umzukehren und Enricos Angebot anzunehmen, da ihre Nachbarin einen Arzttermin hatte und nicht einspringen konnte. Ruth Bischofsberger hatte bereits öfter ausgeholfen, wenn Not am Mann war.
Andrina klopfte an die Tür zum Sitzungszimmer und öffnete sie.
»Schön, dass du endlich den Weg gefunden hast«, begrüßte Elisabeth sie. »Pünktlichkeit ist dir offenbar nicht bekannt.«
»Ich musste Rebecca erst –«
»Wenn du das Familienleben und den Job nicht unter einen Hut bringst, solltest du überlegen, ob –«
»Ob ich lieber kündige«, fauchte Andrina sie an. »Du hast recht, das sollte ich in Betracht ziehen.« Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust.
»Stopp.« Tatjana stand auf. »Andrina kommt außerhalb ihrer Präsenzzeit, und du hast sie erst gestern Abend verständigt, was ich nicht fair finde. Ich an deiner Stelle hätte ihr offeriert, Rebecca mitzubringen.«
Elisabeth öffnete den Mund, klappte ihn aber zu Andrinas Erstaunen gleich wieder zu.
»Ich finde es toll, wie Andrina sich organsiert hat«, fuhr Tatjana fort. »Da wäre eher ein Dankeschön als eine Rüge angebracht.«
Elisabeth funkelte Tatjana an, sagte zu Andrinas erneuter Verwunderung aber nichts. Andrina hätte es nicht gewagt, aber Tatjana genoss eine Sonderstellung. Wenn eine Elisabeth die Meinung sagen konnte, war sie es.
»Setz dich, Andrina.« Elisabeth zeigte auf den Stuhl neben Tatjana. »Wir sind fast fertig, und ich fasse zusammen. Ich nehme an, du hast von Melissa Sondereggers Ableben gehört?«
Andrina nickte.
»Die Polizei hat mich kontaktiert«, fuhr Elisabeth fort. »Herr Wagner sagte, sie würden gerne mit den Mitarbeitenden des Verlags sprechen, die mit ihr Kontakt hatten. Ihr unerwarteter Tod ist tragisch, aber ich frage mich, wieso die Polizei uns Fragen stellen will. Das bringt rein gar nichts.«
Las sie keine Zeitung? Auch in den Radionachrichten war am Morgen über den Tod berichtet worden. Inzwischen wurde wiederholt die Frage gestellt, ob es Mord war. Bisher hatte die Polizei es weder bestätigt noch dementiert.
»Bei einem außergewöhnlichen Todesfall schauen sie genauer hin«, sagte Andrina. »Sie wollen sichergehen, dass keiner nachgeholfen hat.«
»Woher weißt du das?«, fragte Elisabeth scharf.
»Das ist die normale Vorgehensweise«, schaltete sich Gabi ein. »Melissa Sonderegger war jung, und soweit ich in den Medien gelesen habe, bestanden keine gesundheitlichen Probleme. Daher darf man einen gewaltsamen Tod nicht außer Acht lassen.«
»Wieso wollen sie ausgerechnet mit uns sprechen? Ich nehme an, keiner von euch war an dem fraglichen Tag mit ihr zusammen.«
»Das ist auch normal«, sagte Andrina.
»Finde ich nicht. Wie gesagt, wir gehören nicht zum näheren Umfeld.«
»Indirekt tun wir das. Ihr Buch ist im Cleve-Verlag erschienen.«
Elisabeth spielte mit der Zigarettenpackung, die vor ihr auf dem Tisch lag. Es war offensichtlich, wie gerne sie sich eine angesteckt hätte. Dabei hatte sie sich zu Jahresbeginn vorgenommen, mit dem Rauchen aufzuhören. Das hatte ganze zwei Tage funktioniert. Zwei Tage, in denen sie unausstehlich gewesen war.
»Was das bringen soll, steht für mich in den Sternen. Ihr Tod ist, wie gesagt, tragisch. Da wir am wenigsten damit zu tun haben, möchte ich nicht in diese Sache hereingezogen werden.«
Es erschreckte Andrina, wie sachlich Elisabeth über den Tod der Autorin sprach. Sachlich war zu wenig. Es klang kaltherzig. Obwohl Melissa Sonderegger alles andere als angenehm gewesen war, war der Tod das Letzte, das Andrina ihr gewünscht hätte.
»Wir stecken wegen des Buches mittendrin«, sagte Lukas und erntete einen wütenden Blick.
»Ich gehe davon aus, die Polizei wird wissen wollen, ob es Vorkommnisse gab und was für ein Verhältnis wir hatten. Wie ich euch vorhin gesagt habe, werden die Beamten gleich da sein. Ich habe keine Lust auf sich hinziehende Befragungen und möchte nicht im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen. Gestern hatte ich ein Gespräch mit Herrn Wagner. Ich habe Frau Sonderegger gelobt. Die Zusammenarbeit verlief gut, und wir hatten ein herzliches Verhältnis zu ihr.«
Andrina glaubte sich verhört zu haben.
»Ich bitte euch, ähnliche Aussagen zu machen und diese so knapp wie möglich zu halten. Schlechte Publicity können wir nicht gebrauchen.«
»Wir sollen lügen?«, rief Kilian entrüstet.
»Nicht lügen. Einfach nicht alles erzählen und schönreden.«
»Herzliches Verhältnis ist nicht schöngeredet, sondern voll gelogen«, warf Sybille ein.
»Ich hatte im Gegensatz zu euch keine Probleme mit der Frau und kann nicht nachvollziehen, wieso ihr euch mit ihr so schwertut.«
»Da gibt es eine einfache Erklärung«, sagte Kilian. »Sie durfte es sich mit dir nicht verscherzen. Du bist diejenige, die das letzte Wort hat.«
»Schluss jetzt!« Elisabeth schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Wenn ihr Teil der Ermittlungen werden wollt, ist es eure Angelegenheit. Es ist eine wohlgemeinte Bitte meinerseits. Es wird die Konsequenz nach sich ziehen, dass nicht nur ihr, sondern auch der Verlag in den Fokus gerät. Darauf habe ich keine Lust. Zumal keiner von uns mit ihrem Tod zu tun hat.«
Elisabeths Handy klingelte. Sie schaute auf das Display, nahm das Handy und eilte aus dem Raum.
»Klopf, klopf.« Gabi streckte den Kopf zur Bürotür herein. »Darf ich reinkommen?«
»Klar.« Andrina hatte aus dem Fenster gestarrt und drehte sich um, als Gabi eintrat.
»Ich kann mich nicht konzentrieren.« Gabi schloss die Bürotür.
»Da bist du nicht die Einzige.« Andrina lehnte sich gegen die Fensterbank.
»Ich frage mich, was in Elisabeth gefahren ist.« Gabi setzte sich seitwärts auf Lukas’ Stuhl und stützte sich mit dem Ellenbogen auf der Lehne ab. »Sie hat regelmäßig ihre Phasen, aber so?«
»Das geht für mich eindeutig zu weit. Immerhin ist ein Mensch tot, und Melissa Sonderegger wurde vielleicht ermordet.«
Gabi fuhr mit der Zeigefingerspitze über die Lehne. »Was anderes. Möchtest du kündigen, wie du es heute angedeutet hast?«
Andrina brauchte einige Sekunden, bis sie mit dem abrupten Themenwechsel klarkam. »Ich weiß es nicht.«
In der Vergangenheit hatte Andrina öfter kurz davorgestanden, wenn Elisabeth ausfallend gewesen war, hatte es aber am Ende sein gelassen. Ihr machte die Arbeit Spaß, und sie schätzte die Kolleginnen und Kollegen. Sie waren ein wunderbares Team, und Andrina würde es bedauern, nicht mehr dazuzugehören.
»Du kennst Elisabeth«, fuhr Gabi fort. »Raue Schale, weicher Kern.«
Von dem weichen Kern war seit Längerem nichts mehr zu spüren gewesen, und die Schale empfand Andrina inzwischen als hart wie Stein. Die ehemals herzliche Frau wurde seit Jahren verbitterter. Andrina hatte keine Ahnung, woran es lag. Der Verlag stand gut da und machte jedes Jahr mehr Umsatz. Keine Selbstverständlichkeit in der heutigen Zeit in dieser Branche. Von privaten Problemen wusste Andrina nichts. Gab es neuen Ärger mit den Zwillingen? Mit Ruben wahrscheinlich weniger. Sein Bruder Richard war es, der einmal straffällig geworden war. Seitdem er eine Lehre als Schreiner begonnen hatte, lief es gut, wie Elisabeth erzählt hatte. Obwohl das nicht der Wahrheit entsprechen musste. Elisabeth würde nicht zugeben, wenn etwas im Argen lag. Das war für sie gleichbedeutend mit Schwäche, und Schwäche wäre das Letzte, das sie sich eingestehen würde.
»Ich würde mit einer Kündigung bis nach der Geburt warten«, sagte Gabi.
»Du hast recht.« Mehr als einmal hatte sie überlegt, wie es mit einem zweiten Kind weitergehen würde, war aber zu keinem Schluss gekommen. Seraina hatte zwar signalisiert, auch beim zweiten Kind an zwei Tagen in der Woche, in der Regel dienstags und donnerstags, Tagesmutter zu sein, doch Andrina war sich nicht sicher, ob sie das ihrer Schwester zumuten wollte. Andrina hatte das Gefühl, ihre Schwester auszunutzen.
»Wie geht es Enrico?«, fragte Gabi.
»Besser, obwohl es an manchen Tagen aussieht, als mache er Rückschritte. Er ist zu ungeduldig.«
»Das heißt, es war zu früh, von stationärer auf ambulante Reha zu wechseln?«
»Ja und nein. Er sollte sich mehr schonen. Ich finde, er mutet sich zu viel zu. Am Montag war er bei JuraMed, obwohl er krankgeschrieben ist. Er wollte sich ein Bild vor Ort machen. Dabei muss er sich keine Sorgen machen. Es läuft alles bestens.« Andrina setzte sich auf ihren Stuhl und streckte die Beine von sich. »Auch heute wird er sich nicht schonen. Er hütet Rebecca. Ich hoffe, ich sitze hier wegen der Befragungen nicht zu lange fest und kann bald gehen.«
»Was hältst du von Elisabeths Aufforderung?«
»Ich finde es befremdlich und kann ihre Instruktion nicht nachvollziehen«, erwiderte Andrina. »Hundertprozentig fällt ihr das auf die Füße. Das Gleiche gilt für diejenigen, die mitmachen. Dabei gibt es keinen Grund zu lügen. Wir haben uns nichts zuschulden kommen lassen und nichts zu verbergen.« Oder hatte Elisabeth das etwa?
»Elisabeth hat Angst, es könnte auf den Verlag zurückfallen«, sagte...




