E-Book, Deutsch, 261 Seiten
Huber Die Familie Seldorf
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-2833-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 261 Seiten
ISBN: 978-3-8496-2833-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Roman erzählt die Geschichte einer französischen Adeligenfamilie zur Zeit der französischen Revolution.
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Diesem Volk stand ein fürchterlicher Uebergang bevor, um zur Freiheit zu gelangen. Der Altar dieser Gottheit ließ sich nicht unter den Mauern zakiger Ritterthürme erbauen; er sollte auf dem Schutte der ländlichen Hütten errichtet werden, von den blutigen Schatten der ehemaligen Bewohner umschwebt, von Wittwen und Waisen bedient seyn, und in einen Trauerschleier gehüllt, sollte die erhabne Göttin den dargebrachten Weihrauch empfangen.
Die ersten Jahre der Revolution hatten hier weniger Einfluß, als in den meisten andern Gegenden von Frankreich. Das Volk gebrauchte seine Rechte höchstens wie Vergünstigungen, und empfieng nicht Licht genug, um die neuen Vortheile als sein unbestreitbares Eigenthum anzusehen. Der Widersezungsgeist der adlichen Herrschaften, welcher mit jeder Faser ihres Daseyns verbunden, auch nur mit ihrem Daseyn aufhören konnte, vermehrte in dem Fortgang der Zeit die Verwirrung in den Begriffen und den Erwartungen des Volks. Die alte Zuchtruthe war zerbrochen, aber die neue Ordnung wurde nicht gelehrt; die alten Gözen waren dem Volke genommen, aber die neue Gottheit wurde ihm nicht gepredigt: der Adel schmeichelte ihm, die Priester goßen das Gift ihres Hasses in seine Seele – so war der verklommene Sinn dieser verscheuchten Menschen bald zu einer fanatischen Heftigkeit gereizt, und das duldende Hausthier zum Tiger umgebildet.
Der Augenblik, in welchem Adel und Geistlichkeit die Geburt ihrer Herrschsucht und ihrer Rachbegierde an das Licht bringen wollten, nahte heran; mancher Edelmann, der seit der Revolution in beständigem Umherschweifen das Feuer der Zwietracht überall angefacht hatte, zog sich jezt auf seinen Landsiz zurük, und erwartete in geschikt benuzter Ruhe das Zeichen zum Handeln. Während daß diese Menschen pralerisch und listig Volksliebe und Menschlichkeit zur Schau trugen, und auf diese Weise das unwissende Volk verleiteten, die Wohlthaten der Freiheit mit ihrer eignen väterlichen Denkart zu verwechseln, und für jene demnach unverbesserlich blind zu bleiben, deuteten die Priester auf eine unglükschwangere Zukunft, umlagerten das Bett der Sterbenden mit Besorgnissen über das Schiksal der Zurükbleibenden, verlasen in den Lehrstunden der Katechumenen die Geschichten der Märtirer und der Gefahren, welche die streitende Kirche bestanden hätte, und forderten am Altar die schaudernden Kommunikanten auf, ihr Leben für ihren Glauben zu opfern, und wie der Heiland, den ihre sündenbeflekte Hand austheilte, sich selbst zur Besiegelung der Wahrheit hinzugeben.
Unter den Adlichen, die um diese Zeit in ihre Stammgüter zurükkehrten, war L***, der Sohn eines alten Hauses, dessen Ahnen seit Jahrhunderten in C** bei Mortagne ihren Siz hatten. Ob die Natur in diesem jungen Mann einen Satan unter der Form eines Helden verbarg, oder ob in ihm das Schiksal eine Engelsseele zwang sich mit Werken der Finsterniß zu belasten, oder ob er einer von den Menschen war, die in einem gewöhnlichen Gang der Dinge übersehen und unbemerkt, von ausserordentlichen Umständen fortgetrieben bald kühn, bald schwach, bald frevelnd erscheinen – das wird vielleicht in einem Zeitpunkt, wo so mancher Göze in Staub zerfällt, und der Nachruhm selbst von dem Machtspruch der Leidenschaft abzuhängen scheint, nie entschieden werden. Während der kurzen Zeit da sein Name genannt ward, war L*** in den Augen von mehreren Tausenden Feldherr, Heiliger, Wunderthäter selbst nach seinem Tode; aber weder seine Apotheose, noch die Flüche, die von einer andern Seite seinen Schatten verfolgen, deken die geheimen Triebfedern seiner Thaten auf.
***, Seldorfs Landgut lag auf dem halben Weg von Saumür nach Mortagne, in einer Gegend, wo sehr häufige Zusammenkünfte des Adels gehalten wurden. Die nächsten Schlösser um *** gehörten Verwandten und Freunden von L***, und überdem hatte L*** ein besonders Interesse diesen Flek scharf zu beobachten, weil Seldorfs Unentschiedenheit in Rüksicht auf die eingeführten Neuerungen, und Berthiers bekannter kühner Eifer für die Sache des Volks ihm bei seinen politischen Planen nicht gleichgültig seyn konnten. Den ersten, welcher ehemals Herr über einige hundert streitbare Männer gewesen war, bei denen es ihm auch jezt nicht an Einfluß fehlte, in seinen Bund zu ziehen, über den andern, der ein Menschenalter lang der Vertheidiger der Unterdrükten gewesen war, ein wachsames Auge zu behalten, gehörte allerdings mit zu den tief angelegten Vorbereitungen, von denen seine nachmalige Würksamkeit gezeugt hat.
Seine ersten Bemühungen, Seldorfs Bekanntschaft zu erlangen, waren in die Zeit von Theodors Entweichung gefallen; er hatte sich daher leicht beschieden, daß er in diesem traurigen Augenblik, als ein Fremder, nicht den vertrauten Zutritt finden würde, den er suchte, und er versparte seinen Besuch auf eine gelegnere Zeit. Er hatte sich schon mehrere Wochen in C** und der umliegenden Gegend aufgehalten, als er an einem schönen Frühlingsmorgen, auf einem einsamen Spazierritt von einem Schlosse jenseits des Flüßchens Layon nach Chollet, einen angenehmen Seitenweg einschlug, den er, da ihm mehr daran lag, jeden Winkel des Landes kennen zu lernen, als schnell an den Ort seiner Bestimmung zu gelangen, gern verfolgte. Dieser Weg führte ihn durch ein enges Thal in eine kleine Ebene, wo er durch eine Pflanzung blühender Obstbäume auf dem schönsten Wiesenplan bis an eine kleine Gartenpforte kam, die ihm die Aussicht in eine reizende ländliche Anlage nicht benahm, hinter welcher in einiger Entfernung unter hohen Nußbäumen ein Kirchthurm hervorragte. Die unendliche Schönheit des Morgens, der Gedeihen und Leben in die ganze Schöpfung hauchte, die strahlende Sonne, welche schmeichelnd mit dem West eiferte, die Thautropfen von den jungen Blüten zu küssen, das Rieseln einer nahen Quelle, alles lud L*** ein, sein Pferd an den nächsten Baum zu binden, und die angelehnte Pforte zu öfnen. Er wendete sich nach der Seite, wo er das Wasser gehört hatte, und gelangte bald an einen hohen dunkeln Bogengang von Geisblatt, bei dessen Ausgang eine Reihe Wasserrohre im Schatten von alten Akazia's sich in ein steinernes Beken ergoß. Sein eilfertiger Gang ward aber hier durch den Anblik eines jungen Mädchens gehemmt, die neben dem Wasser stand, und eine Menge Kräuter und Blumen auf dem Rand des Bekens ausbreitete. War es der Zauber des Morgens, der Sara's Liebenswürdigkeit erhöhte – denn L*** war in Seldorfs Garten gerathen, und sie war es, die frische Blumen zum Aufpuz für ihres Vaters Zimmer sammelte – oder machte das Romantische des Orts, des Augenbliks L***s Seele für jeden Eindruk von Schönheit empfänglicher, oder scheint ein reizendes Weib immer das Meisterstük der Schöpfung: genug L*** vergaß jezt seine Neugier und seine Nebenabsicht, in der Gegend zu spähen, und war blos in Anschauen verloren. Die Blüte der reinsten Gesundheit, welche bei ihrer schlanken Gestalt nur den Ausdruk der Jugend und Unschuld hatte, ein seelenvolles Gesicht, in welchem ein lächelnder Mund mit dem schwermüthigen Blik des grossen schwarzen Auges so anziehend-seltsam abstach, der ernste Eifer, mit welchem sie ihre kindliche Beschäftigung trieb, und die Blumen so denkend und theilnehmend ansah, als verstünden sie ihre Meinung – das ganze reizende Schauspiel fesselte L*** an seinen Plaz, bis Sara nach beendigter Arbeit das Körbchen, in welchem sie ihre Blumen geordnet hatte, aufnahm, noch einen lächelnden vergnügten Blik darauf warf, und ihren Arm hoch aufstreifte, um sie mit frischem Wasser zu besprengen. Jezt trat L*** näher hinzu, und mit einer Entschuldigung wegen des ungewöhnlichen Wegs, auf welchem er sich verirrt hätte, erzählte er mit ungezwungner Höflichkeit, durch welches Ohngefähr er hieher gerathen wäre. So unbefangen und verbindlich die Art war, mit welcher Sara seine Anrede erwiederte, so sah er doch jezt den Augenblik kommen, wo er wieder nach der kleinen Pforte zurükgemußt hätte, als Roger sich näherte, und noch hinter dem Gebüsch rief: Sind Sie fertig, Fräulein? Ihr Vater fragt nach Ihnen. – Sara sezte lebhaft einen grossen Strohhut auf, ergrif ihr Blumenkörbchen, und sagte: das ist gut, lieber Roger, daß Sie kommen; hier ist ein Herr, den ich nicht zum Frühstük einladen konnte, jezt thun Sie es – Roger trat näher, und die beiden Männer, welche sich schon öfters bei öffentlichen Versammlungen gesehen hatten, erkannten sich sogleich; der Anblik würkte aber verschieden auf beide. Bei Roger war es das sonderbare schnelle Gefühl, hier wie in den Volksversammlungen und allenthalben in einem Menschen wie L*** einem Gegner zu begegnen, der zwar gefährlich war, den er aber den unerschütterlichen Willen hatte, endlich zu besiegen: dieses Gefühl giebt allen wahren Republikanern, wenn sie friedlich mit Anhängern der Gegenpartei zusammentreffen, die nämliche Fassung, die brave Offiziere von zwei feindlichen Armeen haben, wenn sie durch ein Ohngefähr ausser dem Schlachtfeld auf einander stossen. Hier kam noch die jedem unverdorbnen Herzen heilige Ehrfurcht für die Geseze der Gastfreiheit hinzu; Roger wiederholte also dem Fremden Sara's Anerbietung, zwar mit einer ernsten und eher trozigen Art, zugleich aber mit der anständigsten Höflichkeit. In L***s Herzen zu lesen würde schwerer gewesen seyn, doch schien es von Sara's Bild zu eingenommen, um in diesem Augenblik so sehr auf seiner Hut zu seyn, als es dem Karakter dieses Mannes angemessen war. Er sagte,...




