E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Huxley Narrenreigen
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-492-97664-0
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-492-97664-0
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Aldous Leonard Huxley, geboren 1894 in Godalming/Surrey, in Eton erzogen, studierte nach einer schweren Augenkrankheit englische Literatur in Oxford und war ab 1919 zunächst als Journalist und Theaterkritiker tätig. 1921 begann er mit der Veröffentlichung seines ersten Romans »Die Gesellschaft auf dem Lande« seine literarische Laufbahn. Von 1938 an lebte er in Kalifornien. Huxley starb 1963 in Hollywood.
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ZWEITES KAPITEL
Gumbril senior wohnte in einem hohen, engbrüstigen, gleichsam rachitischen Haus an einem kleinen düsteren Platz unweit von Paddington. Es war fünf Stockwerke hoch, hatte einen Keller, in dem die Küchenschaben herumliefen, und eine Treppe von etwa hundert Stufen, die jedesmal bebten, wenn man sie nicht sehr behutsam betrat. Das Haus war vor der Zeit alt geworden, war schon halb verfallen in einem halbverfallenen Viertel. Der Platz, an dem es stand, kam immer mehr herunter. Ein paar Jahre zuvor noch waren diese Häuser von geachteten Familien bewohnt gewesen; heute waren sie in elende kleine Wohnungen unterteilt, und aus den benachbarten Slums, die wie manche andere unerfreuliche Dinge von den alten bürgerlichen Familien übersehen zu werden pflegten, kamen jetzt Scharen von Kindern und tollten auf den einst geheiligten Bürgersteigen herum.
Von den alten Mietern war Mr. Gumbril fast der Einzige, der noch übrig geblieben war. Er liebte sein Haus, und er liebte den kleinen Platz. Der gesellschaftliche Abstieg hatte den vierzehn Platanen, die die kleine Anlage des Platzes verschönten, nichts anhaben können, und die Luftsprünge schmutzstarrender Kinder störten auch nicht die Stare, die im Sommer allabendlich kamen, um sich auf den Zweigen der Bäume zum Schlafen niederzulassen.
An schönen Abenden saß Mr. Gumbril gern draußen auf dem Balkon und wartete auf das Kommen der Vögel. Und genau bei Sonnenuntergang, wenn der Himmel ganz golden war, hörte man von oben ein Zwitschern, und die unzähligen schwarzen Schwärme der Stare schossen, von ihren täglichen Exkursionen zurück, quer über den Himmel zu ihren Schlafplätzen. Unter allen baumbestandenen Plätzen und Gärten der Stadt hatten sie sich diesen Fleck gesucht und ihn Jahr für Jahr so hartnäckig für sich beansprucht, als ob es für sie nur diesen und keinen anderen Platz gäbe. Warum sie gerade seine vierzehn Platanen auserwählt hatten, konnte sich Mr. Gumbril allerdings nicht vorstellen. Denn es gab in der Umgebung viele Anlagen, die größer und schattiger waren; aber kein Vogel suchte sie je auf, während sich jeden Abend wieder von den großen Schwärmen eine Legion der Getreuen löste, um sich lärmend auf diesen Bäumen niederzulassen. Da saßen sie und schwatzten, bis die Sonne unterging und die Nacht kam; nur zuweilen senkte sich, ebenso plötzlich wie unerklärlich, Schweigen über alle Vögel. Es waren nur wenige Sekunden einer atemlosen Spannung, auf die alsbald, wieder ebenso unvermittelt wie unerklärlich, ein neuer Ausbruch simultanen Lärms folgte.
Die Stare waren Mr. Gumbrils liebste Freunde, und er hatte sich an trügerisch warmen Abenden, wenn er draußen auf dem Balkon saß und den Vögeln zusah und zuhörte, schon so manche Erkältung und Verkühlung zugezogen, hatte so manche Stunde mit rheumatischen Schmerzen verbracht. Aber diese kleinen Unannehmlichkeiten konnten seiner Liebe zu den Vögeln nichts anhaben, und so war er nach wie vor an jedem halbwegs schönen Abend in der Dämmerstunde auf seinem Balkon zu sehen, wo er wie gebannt durch seine runden Brillengläser zu den vierzehn Platanen hinaufstarrte. Der Wind spielte in seinem grauen Haar, zerrte es hoch und ließ es in langen dünnen Strähnen über Stirn und Brille fallen; dann schüttelte Mr. Gumbril unwillig den Kopf und nahm für einen Augenblick die knöcherne Hand von seinem dünnen grauen Bart, den sie unaufhörlich kämmte und striegelte, strich die herabhängenden Haare zurück und bemühte sich, die ganze zerzauste Frisur wieder zu glätten und in Ordnung zu bringen. Die Vögel wurden nicht müde, zu schwatzen und zu schnattern, und Mr. Gumbril fuhr sich mit der Hand kämmend und zerrend durch den Bart. Noch ein Windstoß, dann senkte sich die Dunkelheit herab. Die Gaslaternen rund um den Platz beleuchteten nur die äußeren Zweige der Platanen und tauchten die Ligustersträucher hinter dem Parkgitter in smaragdgrünes Licht. Weiter hinten blieb das Dunkel undurchdringlich. Wo man am Tage glatte Rasenflächen und Geranienbeete sah, war jetzt Geheimnis, war bodenlose Tiefe. Endlich schwiegen auch die Vögel.
Der Augenblick war gekommen, in dem sich Mr. Gumbril von seinem eisernen Stuhl erhob, die in der Abendkühle steif gewordenen Glieder reckte und durch die Balkontür in die Wohnung trat, um wieder an seine Arbeit zu gehen. Die Vögel waren seine Zerstreuung; sobald sie schwiegen, war es Zeit, wieder an ernste Dinge zu denken.
An diesem Abend arbeitete er jedoch nicht, denn wie an jedem Sonntag erschien auch heute sein alter Freund Porteous, um mit ihm zu essen und zu plaudern. Als Gumbril junior um Mitternacht überraschend in der Wohnung seines Vaters auftauchte, fand er die beiden vor dem Gasofen im Arbeitszimmer.
»Mein lieber Junge, was um alles in der Welt tust du hier?« Gumbril senior sprang bei dem unvermuteten Erscheinen seines Sohnes auf. Sein leichtes seidiges Haar flog wegen der plötzlichen Bewegung nach oben und wurde für einen Augenblick zu einer silbernen Aureole, um sogleich wieder zurückzufallen. Mr. Porteous blieb, wo er war, so ruhig, stabil und unerschüttert wie eine sitzende Litfaßsäule. Er trug ein Monokel am schwarzen Band, eine schwarze Halsbinde, die doppelt gefaltet den knapp einen Zentimeter breiten Rand eines steifen weißen Kragens sehen ließ, einen zweireihigen schwarzen Rock, helle karierte Hosen und Lackschuhe mit angesetzten Gamaschen. Mr. Porteous war sehr eigen in seiner äußeren Erscheinung. Wer ihm nur zufällig und zum erstenmal begegnete, wäre kaum auf die Idee gekommen, dass er es hier mit einer Autorität auf dem Gebiet der spätlateinischen Dichtung zu tun hatte, und genau das beabsichtigte auch Mr. Porteous. Neben ihm erinnerte Gumbril senior, schmächtig und gebeugt, dabei flink und beweglich, in seinem zu weiten und zerknitterten Anzug an eine aufgezogene Vogelscheuche.
»Was um alles in der Welt?«, wiederholte der alte Herr seine Frage.
Gumbril junior zuckte nur die Achseln. »Ich habe mich gelangweilt, und da habe ich mich entschlossen, nicht länger den Schulmeister zu spielen.« Er hatte einen Ton souveräner Sorglosigkeit angenommen. »Wie geht es Ihnen, Mr. Porteous?«
»Danke, gut wie immer.«
»Ich muss gestehen«, bekannte Gumbril senior, während er sich wieder setzte, »dass mich das nicht überrascht. Wenn mich etwas überrascht hat, dann nur, dass du, der du nicht gerade zum Pädagogen geboren bist, es so lange ausgehalten hast. Was dich überhaupt auf den Gedanken gebracht hat, Pauker zu werden, kann ich nicht begreifen.« Er betrachtete seinen Sohn erst durch seine Brillengläser und dann über deren Rand hinweg, doch weder das eine noch das andere Mal wurden ihm dabei die Motive seines Sohnes offenbar.
»Was hätte ich denn sonst tun können?«, fragte der junge Gumbril und zog sich einen Stuhl an den Ofen heran. »Du hast mir die für einen Pädagogen geeignete Erziehung gegeben, und damit war für dich der Fall erledigt. Keine Aussichten, keine Chancen. Ich hatte keine Alternative. Und jetzt machst du mir Vorwürfe.«
Mr. Gumbril reagierte mit einer Gebärde der Ungeduld. »Das ist einfach Unsinn«, erklärte er. »Der einzige Sinn einer Erziehung, wie du sie gehabt hast, liegt darin, einem jungen Mann die Möglichkeit zu lassen, selbst herauszufinden, wofür er sich interessiert. Aber dich hat anscheinend nichts besonders interessiert –«
»Mich interessiert alles«, unterbrach ihn sein Sohn.
»Was auf dasselbe hinausläuft, nämlich sich für nichts zu interessieren«, bemerkte sein Vater beiläufig, um dann dort fortzufahren, wo er unterbrochen worden war. »Du hast dich für nichts so sehr interessiert, dass du dich ihm ganz gewidmet hättest. Deshalb hast du die letzte Zuflucht aller Schwachköpfe mit klassischer Richtung gewählt und bist Lehrer geworden.«
»Was sagen Sie da!«, verwahrte sich Mr. Porteous. »Ein bisschen habe ich ja auch mit dem Unterrichten zu tun. Ich muss für die Ehre meines Berufes eintreten.«
Gumbril senior ließ seinen Bart los und strich sich die Haare zurück, die ihm bei seinem Temperamentsausbruch in die Stirn gefallen waren. »Ich sage nichts gegen Ihren Beruf«, beteuerte er. »Ganz und gar nicht. Es wäre ein vorzüglicher Beruf, wenn jeder, der ihn ausübt, ihm so viel Liebe entgegenbrächte, wie Sie, Porteous, Ihrer oder ich meiner Arbeit entgegenbringe. Aber die unentschiedenen Geister wie Theodore schädigen das Ansehen dieses Berufs, indem sie ihn ohne Überzeugung ergreifen. Solange nicht alle Lehrer Genies und Enthusiasten sind, wird niemand etwas lernen außer das, was er sich selbst beibringt.«
»Trotzdem wäre es mir lieb gewesen, ich hätte nicht so viel allein lernen müssen«, sagte Mr. Porteous....




