E-Book, Deutsch, 512 Seiten
Jacques Redwall 4
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98743-076-3
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Geheimnis der Glocke
E-Book, Deutsch, 512 Seiten
ISBN: 978-3-98743-076-3
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Brian Jacques (ausgesprochen 'Jakes') wurde 1939 in Liverpool geboren und wuchs in Kirkdale, in der Nähe der Docks, auf. Er verließ die Schule im Alter von fünfzehn Jahren und arbeitete als Feuerwehrmann, Busfahrer, Postmeister und Stand-up-Entertainer, bevor er seine schriftstellerische Karriere mit einem Engagement am renommierten Everyman Theatre begann. Sein erstes Buch für Kinder, REDWALL, wurde 1986 veröffentlicht. Einundzwanzig weitere Bücher der Reihe wurden mit Millionen verkauften Exemplaren auf der ganzen Welt veröffentlicht und fanden großen Anklang. Im Jahr 2021 kündigte Netflix die Veröffentlichung einer Zeichentrickadaption von REDWALL an, die die Reihe einer neuen Generation von Fans näherbringen soll. Brian starb am 5. Februar 2011 in Liverpool.
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2
An der Nordseite des Abteigebäudes wurde etwas Neues gebaut.
Auf dem Holzgerüst des halb fertiggestellten Glockenturms schlug der junge Dandin pflichtbewusst auf den hohlen Buchenholzstamm ein.
Er war zwar ein kräftiger kleiner Mäuserich, doch der heulende Wind drückte auch ihn nach hinten. Er schüttelte sich Regenwasser aus den Augen, zog den Kopf ein, um den Elementen weniger ausgesetzt zu sein, und schlug stur weiter mit seinen beiden Eibenholzknüppeln auf den Stamm ein. Wann immer Dandin den Blick auch nur ein wenig hob, sah er den hin und her wogenden, rauschenden und seufzenden Moosblumenwald. Er sah aus wie ein ruheloser Ozean.
»Dandin, komm da runter. Du holst dir noch den Tod!«
Der junge Mäuserich schützte die Augen mit einer Pfote vor dem heftigen Regen und sah über das Gerüst hinweg nach unten.
Mutter Mellus, die in einen sauberen, alten Mehlsack gehüllte Dächsin von Rotwall, stampfte mit ihrer Tatze im nassen Rasen auf. »Hörst du mich, junger Mäuserich? Komm sofort da runter!«
Dandin blies die Regentropfen von seinen Schnurrhaaren und grinste verwegen, als er rief: »Sofort, Gnädigste, wie du wünschst.«
Ohne einen Blick zurück stürzte sich Dandin vom Turm und fiel begleitet von den verblüfften Knurrlauten der Dächsin dem Erdboden entgegen. Unmittelbar vor dem drohenden Aufschlag endete sein Sturz mit einem Ruck und er schwang an einer dicken Weinrebe, die er sich um die Hüften gebunden hatte, hin und her. Dandin berührte seine Nase mit einer nassen Pfote.
»Bin so schnell gekommen, wie es ging, Gnädigste …«
Eine große Tatze versetzte ihm einen deftigen Schlag hinter die Ohren, dann befreite Mutter Mellus ihn von der Weinrebe. Sie legte ihn wie einen Säugling in ihre Armbeuge und suchte Schutz vor dem Regen, während Dandin laut und unablässig nörgelte.
»Lass mich runter. Ich bin kein Kleinkind. Ich kann allein gehen …«
»Nein, du bist kein Kleinkind, du bist ein frecher, junger Kerl und du solltest es besser wissen. Stürzt dich einfach so von einem hohen Turm! Bei den Ohren des Otters, ich bin um zehn Jahreszeiten gealtert!«
»Ich weiß, was ich tue. Das war kein bisschen gefährlich. Würdest du mich jetzt bitte runterlassen? Ich kann auf meinen eigenen Pfoten stehen …«
»Ich lasse dich runter, kleiner Bengel. Nächstes Mal werde ich dir den Hintern so sehr versohlen, dass du dich erst beim Beerenpflücken wieder hinsetzen kannst. Wehe, du springst noch einmal von einer so hohen Stelle! Was hättest du gemacht, wenn die Rebe gerissen wäre? Wir hätten dann nicht einmal ein Grab für dich ausheben müssen, so tief hättest du in der Erde gesteckt. Du hättest den Pfahlwurzeln einer Eiche die Pfote schütteln können. Sei still, du kleiner Taugenichts, sonst bekommst du meine Tatze zu spüren. Die Abteijugend von heute … Was soll man da noch sagen?«
Nörgelnd und schimpfend betraten der junge Mäuserich und die alte Dächsin die Abtei. Mutter Mellus schloss die riesige Tür mit einem Tritt und sperrte damit das Tosen des Gewitters aus.
Hinter dem Großen Saal saß im gemütlichen Höhlenloch Abt Bernard am Kopfende eines Tisches, mit Bruder Simeon an seiner linken und dem Steigerwurf, dem Anführer der Maulwürfe, an seiner rechten Seite. Laternen erhellten die schlichte Festtafel, Maulwürfe saßen Schulter an Schulter mit Mäusen, Igel neben Ottern und Eichhörnchen. Die Kleinen der Abtei durften mit den Älteren am Tisch sitzen. Es handelte sich bei ihnen größtenteils um Waisen, die Mutter Mellus im Wald gefunden hatte: Mausekinder, kleine Igel, ein junges Eichhörnchen und Otterzwillinge, die von ihren Eltern hergebracht worden waren. Diese Kleinen nannte man Mickris. Sie saßen an den Seiten des Tisches, gegenüber den Brüdern und Schwestern von Rotwall, den guten Mäusen, die sich um sie kümmerten.
In ganz Moosblume war Rotwall für sein Essen berühmt. Alle Zutaten wurden in der Abtei angebaut und die Köche von Rotwall waren Spezialisten.
Der Steigerwurf hatte seine Nase tief in einem Himbeer-Sahnepudding vergraben. Während er auf seiner Lieblingsnachspeise kaute, sagte er in der rustikalen Sprache der Maulwürfe: »Hohurr, gibt nix Bess’res wie ’n Himbeerpudd’n, nee, nee. Ich könnt den bis zum nächste Maulwurftach esse un hätt imma noch net genuch.«
Gabriel Stachel, Igel und Kellerwächter, hielt ein kleines Glas Birnenlikör an die Laterne und ließ die bernsteinfarbene Flüssigkeit kreisen, während er sie kritisch betrachtete. »Hm, der hat sich im Keller doch ganz gut gemacht, oder?«
Ein großer Otter namens Flagg nahm Gabriel das Glas ab und trank es mit einem Schluck aus. »Sogar sehr gut. Viel zu schade für einen Keller.«
Gabriel sah ihn empört an. »Also wirklich, du gemeiner Otter!«
Madde, ein Maulwurfkind, sah bei dem Gelächter auf, wischte sich Zwetschgenmarmelade vom Kinn und wedelte mit seiner Grabklaue vor Gabriel Stachels Gesicht herum. »Nee, de Eul’ sin gemeen, de Otta sin schlimm, jawoll.«
Schwester Serena, eine rundliche Maus und Leiterin der Infirmerie, wischte Madde Marmelade von den Schnurrhaaren und stellte ihm eine Schale mit Milch und Honig hin, während sie ihn zurechtwies. »Sei still, Madde. Man widerspricht den Ältesten nicht.«
Madde schlürfte lautstark seine Milch. Als er den Kopf hob, war sein Kinn weiß. »Burr, Ält’ste. Dannin sacht, dass ich ’n komische kleene Kerl bin, dasse mich auch mal zum Ält’ste mache wer’n. Ich wett, dann binch älta als die und bestimmt auch weisa.«
Der Abt, der sich gerade heißes Gebäck in den Mund schieben wollte, hielt inne. »Der Stammalarm wird nicht mehr geschlagen. Wo ist Dandin?«
Simeon nippte an seinem schäumenden Oktoberbierkrug. »In der Küche. Hörst du ihn nicht? Er wird abgetrocknet, bekommt frische Kleidung und eine Strafpredigt von Mellus.«
»Halt still, deine Ohren sind durchnässt!«
»Au, au! Wenn du so weitermachst, hab ich gleich keine Ohren mehr! Und die riesengroße Kutte zieh ich nicht an. Die gehört dem fetten Bruder John.«
»Oh, du undankbarer kleiner Bengel! Was fällt dir ein, Bruder John fett zu nennen? Er war schließlich so nett, dir seine Ersatzkutte zu leihen! Komm zurück, sage ich …«
Das Klatschen nasser Pfoten auf dem Gangboden verriet, dass der Übeltäter auf der Flucht war. Dandin stürmte ins Höhlenloch. Er setzte sich zwischen den Steigerwurf und ein Eichhörnchen namens Rufus Bürste, nahm sich eine Nusskäseecke und schob sie zwischen zwei Fladenbrotscheiben. Während er kaute, schüttete er sich einen Krug kalten Erdbeersaft ein. Der große Otter Flagg zwinkerte Dandin zu und reichte ihm eine Schale mit Heißwurzelsoße, damit er das Fladenbrot hineintunken konnte. »Aye aye, Matrose, haben wir wieder Ärger mit Mama Mellus? Runter mit dir – da hinten kommt sie.«
Dandin verschwand gerade noch rechtzeitig unter dem Tisch. Mutter Mellus kam eilig herein. Sie hatte sich ein sauberes Leinenhäubchen um den großen gestreiften Kopf gebunden. Sie nickte dem Abt zu und setzte sich in einen großen Sessel am Ende des Tisches. Zwei junge Mäuse auf ihrem Schoß und ein Maulwurfkind auf der Armlehne sorgten dafür, dass sie Dandin schnell vergaß. Sie war zu beschäftigt damit, die Mickris zu füttern, ihnen das Kinn abzuwischen und generell das Kommando zu übernehmen.
»Komm, mein Kleiner, iss deinen Waldsalat. Pudding gibt es danach.«
»Nein, ich will keinen Salat, will Pudding.«
»Erst Salat, dann Pudding. Du willst doch so groß und stark wie ich werden, oder?«
»Ich bleib lieber klein, wenn ich dann immer Pudding essen kann!«
Abt Bernard streckte die Pfote unter den Tisch und stupste Dandin an. »Du kannst rauskommen, junger Mäuserich. Mutter Mellus hat mit den Mickris alle Pfoten voll zu tun. Du hast dich als Alarmschläger gut bewährt, Dandin, aber du hättest bei dem Gewitter nicht so lange draußen bleiben müssen.«
Dandin setzte sich stolz auf und griff nach einem Heidelbeer-Sahnepudding. »Danke, Vater Abt. Ich bin so lange geblieben, weil ich sicherstellen wollte, dass alle Abteitiere sicher im Trockenen sind. Das ist doch meine Aufgabe.«
Der blinde Simeon lächelte. »Gut gemacht, junger Dandin. Mäuse wie dich können wir in der Rotwall-Abtei gebrauchen. Eines Tages, wenn die Abtei fertig gebaut ist, könntest du sogar unser...




