Jorge | Erbarmen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 430 Seiten

Jorge Erbarmen


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96639-120-7
Verlag: Secession Verlag Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 430 Seiten

ISBN: 978-3-96639-120-7
Verlag: Secession Verlag Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dona Alberti sitzt im Rollstuhl, kann ihre Hände kaum noch benutzen, und erzählt einem Aufnahmegerät aus ihrem Leben im Hotel Paraíso, einem Altenheim, wo sie aus freien Stücken lebt, seit ein banaler Unfall sie ihrer Selbständigkeit beraubt hat. Das sind die Koordinaten von Lídia Jorges jüngstem und vielleicht persönlichstem Roman. Die alte Dame erzählt von ihrem Alltag, den Auseinandersetzungen und Freundschaften mit jungen Pflegerinnen und anderen Mitbewohnern, ihrer heimliche Liebe zu einem Mann, der kurz darauf stirbt, ihre nächtlichen Kämpfe mit einem Alter Ego, das ihr schwindendes Wissen herausfordert. Immer wieder kreisen ihre Gefühle um die schwierige Liebe zur Tochter, einer Schriftstellerin, der sie vorwirft, nur deshalb nicht reich und berühmt zu sein, weil sie vom Elend Namenloser erzählt, anstatt endlich Heldentaten berühmter Menschen zu beschreiben. Der Generationskonflikt mit autobiographischen Zügen wird zum Verhandlungsort einer sozial fundierten Poetik. Erbarmen wirft ein kritisches Licht auf unsere Gegenwart, vermeidet aber frontale Angriffe und stellt die Leser stattdessen geschickt vor grundsätzliche Fragen: Was ist Wissen in einer Zeit der totalen Verfügbarkeit von Information? Was zählt wirklich im Leben angesichts der Tatsache, dass wir alle dem Tod entgegengehen? Welche Funktion hat das geschriebene Wort in diesem Zusammenhang? Erbarmen entwickelt einen subtilen Sog, dem man sich kaum widersetzen kann, denn Jorge erzählt meisterhaft von Dingen, die uns alle bevorstehen

Lídia Jorge wurde 1946 in Boliqueime im Süden Portugals geboren. Sie studierte französische Literatur in Lissabon und verbrachte einige Jahre damit, während des Unabhängigkeitskampfes in Angola und Mosambik zu unterrichten. Sie lebt heute in Lissabon. Mit ihren ersten beiden Romanen gehörte sie zur Avantgarde der zeitgenössischen portugiesischen Literatur und hat seitdem zahlreiche renommierte Auszeichnungen für ihre Arbeit erhalten. Im Jahr 2021 nahm Lídia Jorge eine Professur an der Universität Genf an, auf die 2022 die Einrichtung des Lídia-Jorge-Lehrstuhls an der University of Massachusetts Amherst folgte. Ihr Roman Erbarmen wurde mit sechs renommierten Preisen ausgezeichnet, darunter der Médicis étranger 2023 und der Transfuge Prize for the Best Lusophone Novel 2023. Laut portugiesischem Buchinstitut ist Lídia Jorge nach Fernando Pessoa, Eça de Queiroz, Gonçalo M. Tavares und Luís de Camões die am fünfthäufigsten übersetzte portugiesische Autorin. Ihre Romane in deutscher Übersetzung waren bislang im Suhrkamp Verlag erschienen
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2


Vortag


Ich lag da und wartete darauf, dass die Stunden vergingen und das Wort, das ich durch den Kampf mit der Nacht gefunden und wieder verloren hatte, ganz natürlich in meinem Geist auftauchte, und hörte währenddessen von draußen die Kuckucke und das Krächzen der Amseln und freute mich darüber, dass der Frühling gekommen war. In meiner Vorstellung blätterte ich in aller Ruhe die Seiten meines Atlasses durch, bevor er vernichtet worden war. Denn wenn der Name des Landes, dessen Hauptstadt Baku ist, am Morgen noch nicht auftauchte, würde er am Nachmittag erscheinen. Ich gehöre zu den Menschen, die nicht glauben, dass die Hoffnung als letzte stirbt. Ich glaube, die Hoffnung ist einfach unsterblich. Dieser abwesende Name, der die Auseinandersetzung mit der Nacht unterbrochen hatte, würde auftauchen, wenn ich es am wenigsten erwartete. Ich vertraue voll und ganz auf die Gesetze des Denkens. Sie leiten mich und geben mir Frieden.

Wohl wissend, dass das Wort, das ich suchte, von selbst in Erscheinung treten würde, lauschte ich, wie sich der Morgen hier drinnen zeigte, während die Vögel draußen die Kronen der Kängurubäume verließen, und die Geräusche, die durch die Arbeiten im Haushalt hervorgerufen wurden, sich vermischten. Aus Gründen, die ich nicht kenne, funktioniert mein Kopfkissen manchmal wie ein Lautsprecher. Viele der Geräusche, die das Kissen erreichen, werden unter meinem Kopf verstärkt. So habe ich schon früh mitbekommen, dass sich der Lieferwagen mit den Lebensmitteln in langsamer Fahrt näherte, anhielt und wieder wegfuhr. Der Wasserwagen ächzte am Eingangstor, und etwas, das wie ein Gaskanister klang, rollte mit einem lauten Knall über den Bürgersteig. Da er nicht gegen die Mauer der Blumenbeete prallte, musste ihn jemand aufgehalten haben. Wer ihn wohl festgehalten hatte? Eine Hupe ertönte, ein hoher, scharfer Ton, bestimmt aus Versehen. Ein Mädchen schrie aus dem Fenster, was nicht vorkommen sollte, einige sind schon wegen leiserer Rufe entlassen worden. Das Gebrüll des Mädchens war genauso laut wie das Hupen, auf das es antwortete. Wer sie wohl war? Wenn ich mich nicht irre, ist es die Stimme von Lurdes Malato gewesen.

Oder?

Währenddessen begann hier unten, im Erdgeschoss, jemand, schwere Möbel hin und her zu schieben. Dann klimperte jemand auf den Tasten des Klaviers, und jemand anderes rief am Aufzug im obersten Stockwerk, man solle ihn losfahren lassen. Jemand entgegnete, er stehe im Keller, in der Waschküche. Ein Disput, bei dem die Rufe gehört wurden, aber nicht die Worte. Endlich traf der Aufzug auf dieser Etage ein. Gelächter ertönte. Ich wusste, was los war. Das sind die Bewegungen des Vortages, und der Vortag bringt immer ein Durcheinander. Wir armen Bewohner. So viel Energie auf den Fluren und doch keine Menschenseele an der Tür, um uns guten Morgen zu sagen. Ich dachte daran zu klingeln, um etwas zu bewirken. Ich griff nach der Birne, um sie zu drücken, tat es aber nicht, weil ich befürchtete, die Stimme, die ich aus einem Fenster hatte rufen hören, könnte tatsächlich Lurdes Malato gehören und sie selbst würde hereinkommen, die Hände in die Hüften gestemmt, und sich über mein Rufen beschweren. Lange hielt ich die Birne in der Hand, so lange, dass die Zeit keine Rolle mehr spielte. Genau so war es – und als ich nach langem Warten die Augen öffnete, entdeckte ich Nina Mercedes in der Tür.

Nina kam auf mich zu, und ich wartete darauf, dass sie sich über mein Gesicht beugte und mich zudeckte, wie nur sie es kann. Aber dazu kam es nicht, denn während sie sich näherte, hob die Puerto-Ricanerin heruntergefallene Gegenstände auf, um sie wieder an ihren Platz zu legen. Wie an vielen anderen Tagen auch, lag die Hälfte der Gegenstände, die in der Nacht meinen Schlaf beschützt hatten, verstreut um mein Bett herum. Das Mädchen zählte jedes einzelne Teil auf, das sie vom Boden las - die Wasserflasche, die Uhr, das Foto, den Stoffbeutel, den Kugelschreiber, die Socken, erst die eine, dann die andere. Sogar das Handy lag auf dem Fußboden. Nina hob es auf. Sie brachte ihr Gesicht ganz nah an meines heran und sagte in mein Ohr: ».«

Sie spricht leise, sie trägt dieselben Schuhe mit weichen Sohlen wie die anderen, aber sie geht so lautlos den Gang entlang, als wäre sie barfuß. Von allen Mädchen hat sie die sanftesten Hände und die freundlichsten Worte. Manchmal frage ich mich, ob Nina wirklich ist, wie ich denke, oder ob ich es bin, die sie so großartig macht. Die Wahrheit ist, dass alle von Nina Mercedes gewaschen und angezogen werden wollen. Alle rufen nach ihr und wollen sie um sich haben, und ich hatte an diesem turbulenten Morgen das Glück, an der Reihe zu sein. Eine Belohnung dafür, dass ich nicht geklingelt habe, als so viele andere zur gleichen Zeit draußen auf dem Flur läuteten. Nina fragte: »… Was ist mit deinem Atlas passiert? Erzähl es mir, Mädchen …« Ich antwortete: »Eines Tages, wenn du Zeit hast, dich neben mich auf das andere Bett zu setzen, werde ich es dir sagen.«

Nina half mir aus dem Bett, und es war gut, wie sie das machte, aber ich werde ihr nie erzählen, wie in einer Winternacht ein unerwarteter Regenguss mit Donner und Blitz in dem Haus, das ich verlassen habe, durch ein Loch der Telefonanlage drang, an der Wand entlangsickerte, sich in einer Ecke des Wohnzimmers sammelte und in den Zeitschriftenkorb leckte. Ich werde niemandem, nicht einmal Nina, von den Missgeschicken erzählen, die ganz allein meine sind. Ich werde ihr nicht erzählen, dass ich den versehentlich in diesem Korb gelassen hatte, obwohl er auf die Schreibtischplatte gehört hätte. Aber Gegenstände sind wie Menschen: Sie suchen den Ort ihres Verderbens, wenn sie verloren gehen müssen. In jener stürmischen Nacht sickerte das Regenwasser unaufhaltsam in die Ecke des Zimmers und verwandelte das im Weidenkorb gestapelte Papier in eine einzige unförmige Masse, ohne dass ich es bemerkte. Als es mir schließlich auffiel, war es zu spät. Auf Regen und Donner folgte schönes Wetter, und die Katastrophe war da. Der war zwar noch zu erkennen, doch er war verloren. In der Hoffnung, ihn zu retten, legte ich ihn sogar in die Sonne und bearbeitete ihn mit Föhn und Bügeleisen. Vergeblich. Ich trennte die Seiten einzeln voneinander, aber sie waren miteinander verklebt, und als ich sie auseinanderzog, begannen große weiße Flecken den Platz einzunehmen, auf dem einst Ozeane, Meere, Kontinente, Länder abgebildet waren, gut gekennzeichnete Seiten, auf denen ich die Welt auf meine Weise studierte. Ich hatte nicht vor, Ninas Leben mit solchen privaten Episoden zu füllen, ich sagte einfach: »Ganz schön viel Aufregung in diesem Haus. Wird es morgen ein Konzert geben?« Sie antwortete: ». Wir vermissen immer noch Senhor Peralta, und ohne ihn gibt es keine Konzerte.«

Nina wusch mein Gesicht mit in Rosenwasser getränkter Watte, dann mit klarem Wasser, parfümierte mich, legte mir die Halskette, den Ring mit dem blauen Stein und die Hängeohrringe an und setzte mich in den Rollstuhl, den sie – Karren – nennt. Dann fragte sie mich: »Willst du jetzt dein Plastiktablett, dein Blatt Papier und deinen kleinen Bleistift? Willst du bis zum Nachmittag warten? Wenn du willst, schreibe ich die Daten für die ganze Woche auf, das mache ich gerne. So kannst du, Alberti, dir die ganze Kraft deiner Hände aufsparen, um deine Gedanken niederzuschreiben. Willst du es jetzt tun, oder schreibst du lieber am Abend?«

Ich sagte ihr, es sei schon spät und dass ich meine Notiz bei Einbruch der Nacht schreiben würde. Sie schob den Wagen den Korridor entlang. Hinter meinem Rücken hörte ich, wie sie nach links und rechts »buenos días« sagte, als wir die Wege derer kreuzten, die bereits auf dem Rückweg waren. Dona Marcela, die ohne Hilfe ging, verkündete, heute sei Ostersamstag. Als ich an ihr vorbeiging, winkte ich ihr zu und fragte sie, ob sie zurück in ihr Zimmer, die 214, gehe, worauf sie antwortete: »Nein, ich gehe nicht in mein Zimmer. Was denken Sie denn? Ich gehe ins Jenseits …« Nina kommentierte: »Das ist aber sehr weit weg,

Nina führte mich durch den Korridor in Richtung des Rosa Salons. Die Bilder von schneebedeckten nordischen Hütten an der Wand sahen mich an, die Türen und Fenster waren so gemalt, dass einige so wirkten, als lachten sie. Nach einer umkämpften Nacht war ein schöner Samstagmorgen angebrochen, dachte ich. Ich bemühte mich, die Seite wiederherzustellen, auf der Baku zu sehen war, aber mir fehlte die Darstellung des Atlanten.

20. April 2019



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