Kärger | Das Raunen der Stille | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 9, 256 Seiten

Reihe: Max Madlener

Kärger Das Raunen der Stille

Bodensee Krimi
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98707-312-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Bodensee Krimi

E-Book, Deutsch, Band 9, 256 Seiten

Reihe: Max Madlener

ISBN: 978-3-98707-312-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Serienmorde am Bodensee Ein missglückter Überfall auf einen Geldtransporter bringt Max Madlener und Harriet Holtby auf die Spur einer lang gesuchten RAF-Terroristin. Während die Ermittler alles daransetzen, die flüchtige Frau zu stellen, offenbart sich in einer Klinik ein weiteres Grauen: Eine soziopathische Krankenpflegerin treibt dort offenbar seit Jahren ihr heimliches Unwesen. Als Harriets Tante in ebendiese Klinik eingeliefert wird, kommt es zu einem gefährlichen Wettlauf gegen die Zeit.

Walter Christian Kärger, aufgewachsen im Allgäu, absolvierte die Hochschule für Fernsehen und Film und arbeitete 30 Jahre als Drehbuchautor in München. Über 100 seiner Drehbücher wurden für Kino oder TV verfilmt. Er lebt als Romanautor in Memmingen.
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1


»Geht’s?«, fragte sie, als sie sich auf den Beifahrersitz des betagten VW Golf schwang, den Sicherheitsgurt festzurrte und die Kalaschnikow quer vor sich auf den Schoß legte.

»Es muss gehen«, antwortete er mit schmerzverzerrtem Gesicht und drückte seinen Anschnallgurt ins Schloss, was ihm sichtlich Mühe bereitete, nicht nur, weil ihm die Glock im Hosenbund im Weg war. Nein, seit Monaten hatte er immer öfter das Gefühl, dass ihm Eisenringe die Brust einklemmten und Stiche ins Herz schossen, so wie jetzt.

Er war schließlich nicht mehr der Jüngste. Vierundsiebzig, um genau zu sein.

Seinen Lebensunterhalt in dem Alter mit Raubüberfällen bestreiten zu müssen, war wahrlich kein Zuckerschlecken. Aber was blieb ihnen anderes übrig – die Kampfgenossen von früher waren entweder im Knast, hatten das Zeitliche gesegnet, einige bekamen zweimal am Tag Besuch vom Pflegedienst oder vegetierten in Altersheimen dahin, wo sie ihre Zeit mit Sitzgymnastik in Stuhlkreisen, infantilen Spielen, endlosen Soaps im Fernsehen und gnädigem Dahindämmern verbrachten. Wenigstens waren sie nicht mehr in der Verfassung, jemanden zu verpfeifen, weil sie sich meistens nicht mal an ihren eigenen Namen erinnern konnten. Oder wollten.

Für sie alle galt sowieso ein ehernes Verschwiegenheitsgesetz wie bei der Mafia, die Omertà.

Kurioserweise erinnerte es fatal an das Motto des englischen Königshauses: Never explain, never complain. Niemals erklären, niemals beschweren.

Sie beide waren noch auf freiem Fuß, das letzte Duo aus der Hochzeit des RAF-Terrors, als sie im Verbund mit zahlreichen Kampfgenossen und Helfershelfern die Bundesrepublik in den achtziger und neunziger Jahren in Angst und Schrecken versetzt hatten.

Lange her.

Seit über dreißig Jahren lebten Jens-Uwe Burkart und seine Lebensgefährtin Irmgard Baselitz jetzt schon mit falschen Namen unter dem Radar der Behörden, die normalerweise jedes menschliche Wesen in Deutschland unbarmherzig im Visier hatten. Ob es das Finanzamt war oder die Krankenversicherung, das Einwohnermeldeamt, die Pflegekasse oder irgendeine andere Instanz – in ihrem speziellen Fall die Staatsanwaltschaft beziehungsweise die Polizei –, nichts war auf Dauer so schwierig, wie sich illegal und quasi unsichtbar durchs Leben zu schlagen.

Bei der kleinsten zufälligen Kontrolle konnte man auffliegen, und man musste mit den schlimmsten Konsequenzen rechnen, wenn man als immer noch steckbrieflich gesuchter Terrorist auf der Fahndungsliste stand, auch wenn die Schwarz-Weiß-Fotos auf den Plakaten aus Zeiten stammten, die schon »historisch« genannt werden mussten.

Burkart und Baselitz waren sozusagen zwei der letzten Mohikaner der dritten Generation, alt und gebrechlich geworden im Laufe der Jahre, in denen sie ständig fluchtbereit waren und bei jedem betont unauffälligen Auto, das mit zwei Insassen in ihrer Straße parkte, darauf gefasst sein mussten, dass man sie endgültig ausfindig gemacht hatte und bereits überwachte.

Das war kein Leben – aber sie hatten keine andere Option.

Sich der Justiz zu stellen?

Auf das nächste Polizeirevier zu gehen und zu sagen: »Guten Tag – wir sind die Letzten von der RAF, die Sie noch nicht gefasst haben«?

Ein Ding der Unmöglichkeit. Schließlich wussten sie nur zu genau, was dann unweigerlich auf sie zukäme. Endlose Verhöre, ein monatelanges, wenn nicht gar jahrelanges Verfahren, währenddessen Isolationshaft und Videoüberwachung. Sie würden an den Pranger gestellt werden, das ganze Bohei um die letzten verbliebenen Terroristen würde erneut in den Medien und der Öffentlichkeit aufflammen und breitgetreten.

Wie das aussah, hatten sie in letzter Zeit wieder zur Genüge vor Augen geführt bekommen, als Fahnder mehr oder weniger durch Zufall auf eine frühere Kombattantin von ihnen gestoßen waren. Erniedrigende Fotos und Videos der Verhaftung, der Abführung mit Handschellen, des Flugs im Hubschrauber zur Generalbundesanwaltschaft, tagelang auf allen TV-Kanälen und in sämtlichen Gazetten. Wiederaufwärmen der alten Geschichten – wer war beteiligt am Attentat auf Alfred Herrhausen, am Attentat auf Siegfried Buback und seine Begleiter, an dem auf Detlev Karsten Rohwedder und an der Ermordung von Hanns Martin Schleyer? Da waren auch nach so langer Zeit bis zum heutigen Tag noch allzu viele Fragen offen.

Vielleicht war es für ihre frühere Kampfgefährtin Daniela Klette, die nach dreißig Jahren Fahndung festgenommen worden war, eine gewisse Art von Erleichterung, endlich erwischt worden zu sein. Sie wussten es nicht, sie hatten seit dem Zeitpunkt, als sich die RAF 1998 für aufgelöst erklärt hatte, keinen Kontakt mehr gehabt. Aber sie ahnten es.

Nein, öffentlich bloßgestellt und zum Affen gemacht zu werden – das war für sie undenkbar, ein Horrorszenario. Ganz abgesehen davon, dass es keine angenehme Vorstellung war, den Lebensabend hinter Gittern verbringen zu müssen. Und den Knast würden sie dann nur noch mit den Beinen voraus verlassen.

Lieber hatten sie sich damit abgefunden, immer – im übertragenen Sinn – über die Schulter zu schauen, keinerlei soziale Kontakte zu pflegen, sich nicht auf Facebook, Instagram, X oder TikTok herumzutreiben, bei jedem Klingeln an der Wohnungstür zusammenzuzucken, durch den Türspion zu spähen und damit zu rechnen, dass einem ein bis an die Zähne bewaffnetes SEK-Kommando gegenüberstand.

Aber es war das einzige Arrangement, das ihnen übrig geblieben war. Es gab für sie keine Alternative.

Nein, das war kein Leben. Es war die Hölle.

Wenn man in seinen Zwanzigern ist und sich mit Leib und Seele der Schnapsidee verschrieben hat, dass man mit seinen Aktionen die Welt gewaltsam verbessern sollte, und genügend gleichgesinnte fanatische Mitstreiter um sich herum hat, kann man das vielleicht eine Weile machen. Selbst wenn sich die angeblich hehren Ideale früher oder später als Irrwege entpuppen und an eine Umkehr nicht mehr zu denken ist – der Point of no Return ist nach ersten Anschlägen mit Menschenopfern schnell erreicht. So zynisch sich das auch anhört: The show must go on.

Aber nicht mit Ende sechzig, Anfang siebzig.

Als die Illusionen endgültig den Bach hinuntergegangen, die letzten Kampfgefährten gefasst, getötet oder im Knast gelandet waren, die biologische Uhr unwiderruflich im Ablaufen begriffen war, sich Diabetes, Arthritis und andere mehr oder weniger schwere Altersbeschwerden immer stärker bemerkbar machten und – kein Witz, sondern unbarmherzige Wirklichkeit – Burkart erste untrügliche Anzeichen von Demenz bei sich registrierte, was er seiner Lebensgefährtin wohlweislich verschwieg, da bestand der Wille zum Weitermachen nur noch aus purer Verzweiflung.

Sie wohnten in Freiburg in einer kleinen Altbauwohnung, die einem letzten verbliebenen Unterstützer gehörte, der aus großbürgerlichem Milieu stammte und mehrere Wohnhäuser geerbt hatte. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihm zu vertrauen. Obwohl immer das Damoklesschwert über ihnen schwebte, von ihm verraten zu werden. Schließlich war für Hinweise, die zu ihrer Verhaftung führten, eine relativ hohe Belohnung ausgesetzt. Aber er war nicht auf Geld angewiesen und wegen seines schlechten Gewissens, mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden zu sein, noch von der früheren revolutionären Überzeugung beseelt – zumindest was seine geheime innere Einstellung zu ihrer Vergangenheit anging. Außerdem: Was sollten sie sonst tun?

Die Miete wurde bar bezahlt, ebenso Strom, Gas und Wasser, der Eigentümer überwies dann die Rechnungsbeträge an die Versorger.

Gemeldet waren sie unter falschen Namen, gefälschte Ausweise hatten sie genug. Die waren aber alle abgelaufen, keine Chance, sie offiziell zu verlängern. Und der einzige der alten Kameraden, der eine Fälscherwerkstatt besaß und damit umgehen konnte, der Freund von Daniela Klette, war dem Teufel beziehungsweise den Fahndern im letzten Augenblick von der Schippe gesprungen und seither spurlos verschwunden.

Es war von Anfang an ein Ritt auf der Rasierklinge gewesen, daran konnte man sich nie gewöhnen. Aber leben musste man damit.

Doch das war nicht der einzige Stress. Die Geldbeschaffung war das größte Problem. Und mit dem höchsten Risiko verbunden. Waffen besaßen sie aus der sogenannten »bleiernen Zeit« noch von einem Depot, das nie entdeckt worden war. Ein Fluchtauto zu besorgen, war relativ einfach. Das brauchten sie, wenn es ernst wurde. So wie jetzt.

Im Laufe der Jahre hatten sie sich darauf spezialisiert, Geldtransporter zu überfallen, die in großen Supermärkten und Einkaufszentren eingesetzt wurden, um die Tageseinnahmen abzuholen. Das war ihrer Meinung nach vom Verhältnis Risiko zum Ertrag her gesehen am praktikabelsten, wenn man es gut vorbereitete und professionell durchzog. In heutigen Zeiten eine Bank zu überfallen, war der helle Irrsinn. Und um einen Bankautomaten zu sprengen, was seit geraumer Zeit in bestimmten kriminellen Kreisen in Mode gekommen war, hatten sie weder das Know-how noch die nötige Ausrüstung. Ein zwar riskanter, aber schnell durchgezogener Überfall auf einen Geldtransporter war üblicherweise wenigstens lohnend – normalerweise...


Kärger, Walter Christian
Walter Christian Kärger, aufgewachsen im Allgäu, absolvierte die Hochschule für Fernsehen und Film und arbeitete 30 Jahre als Drehbuchautor in München. Über 100 seiner Drehbücher wurden für Kino oder TV verfilmt. Er lebt als Romanautor in Memmingen.

Walter Christian Kärger, aufgewachsen im Allgäu, absolvierte die Hochschule für Fernsehen und Film und arbeitete 30 Jahre als Drehbuchautor in München. Über 100 seiner Drehbücher wurden für Kino oder TV verfilmt. Er lebt als Romanautor in Memmingen.



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