E-Book, Deutsch, 328 Seiten
Kelman Wenn das Böse erwacht
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-277-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller
E-Book, Deutsch, 328 Seiten
ISBN: 978-3-98952-277-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Mit mehr als zwei Millionen verkauften Exemplaren ihrer Bücher ist Judith Kelman eine Meisterin der psychologischen Spannung. Sie wurde für ihren Thriller »Fürchte dich vor mir« mit dem Mary Higgins Clark Award ausgezeichnet und war Vorsitzende der Mystery Writers of America. Sie lebt in New York City. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Thriller um Rechtsanwältin Sarah Spooner mit den Bänden »Wo das Dunkel herrscht« und »Wenn die Unschuld stirbt« sowie die Standalone-Thriller »House on the Hill«, »Schrei, wenn du kannst« und »The Black Widow«.
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Kapitel 1
Alles kam Erica so unwirklich vor. Innerhalb weniger Minuten war ihre Welt in Teile eines Puzzles zerfallen, die nicht mehr zusammenpaßten. Immer und immer wieder durchlebte sie die Szene. Brian saß ihr gegenüber im Marco’s, ihrem Lieblingsrestaurant in der Gegend. Eine Platte mit Antipasti und eine Flasche Chianti standen zwischen ihnen auf dem karierten Tischtuch. Sein Knie preßte sich an das ihre, ihre Hände berührten sich wie zufällig, und ihre Blicke trafen sich immer wieder in ungezwungener Vertrautheit.
Dann fielen die Worte. »Ich bin schwanger, Brian.« Erica war sich bewußt, daß es nicht einfach sein würde, ihm das mitzuteilen. Es gab für dieses Geständnis keinen passenden Moment. Immer wieder hatte sie sich den Kopf zerbrochen und die Situation in Gedanken durchgespielt. Auf Brians tatsächliche Reaktion aber war sie nicht vorbereitet.
Zuerst passierte gar nichts. Dann machte das ruhige, anziehende Lächeln einem häßlichen Grinsen Platz.
»Schwanger. Du machst wohl Witze. Was ist denn mit deinem angeblichen Problem, von dem du dauernd erzählst? Ich dachte, du könntest keine Kinder kriegen. Hast du wirklich gedacht, ich wäre so blöd? So leicht in die Falle zu locken? Probieren kann man’s ja mal, aber du hättest dir die Mühe auch sparen können. Damit mußt du allein fertig werden, Schätzchen.«
Sie hatte ihn niemals wirklich gekannt. Niemals.
Noch ganz betäubt von Wut und Schmerz ging Erica durch den langen, beige gestrichenen Korridor von Prescott Press. Ohne stehenzubleiben, um wie sonst ihre Kollegen zu begrüßen, lief sie an den Redaktionsbüros vorbei, unter anderem auch an ihrem eigenen vollgestopften Kabuff. Schließlich blieb sie vor Mel Underwoods Zimmer stehen. Alles war plötzlich so schwierig geworden. Sogar das Weglaufen. Wenn es doch nur möglich gewesen wäre, das, was ihr Schmerzen bereitete, einfach aus ihrem Leben zu entfernen. Eine saubere Amputation und fertig.
Als Mel sie erblickte, verschränkte er die Hände auf seinem mit Papieren übersäten Schreibtisch und runzelte die Stirn wie ein besorgter Vater. »Was ist los, Erica? Du siehst ja furchtbar aus.«
Furchtbar war vermutlich noch eine Untertreibung. Da Erica weder ein klares Ziel vor Augen hatte noch wußte, wohin sie gehen sollte, war sie die ganze Nacht auf und ab gegangen und hatte nachgedacht. Und noch immer wußte sie nicht aus noch ein. Ihr war lediglich bewußt geworden, daß sie eine Entscheidung treffen mußte. Das war nicht nur eine ungewollte Schwangerschaft, nicht irgendeine kleine Unannehmlichkeit, die man einfach aus der Welt schaffen und dann vergessen konnte. Jahrelang hatte Erica sich von ihren Ärzten immer wieder den gleichen mitleidigen Spruch anhören müssen: »Tut mir leid, Miß Phillips. Aber aufgrund der Untersuchungsergebnisse ist es höchst unwahrscheinlich, daß Sie jemals schwanger werden können. Natürlich steht Ihnen immer noch die Möglichkeit einer Adoption offen ... und neue Entwicklungen auf diesem Gebiet eröffnen auch noch andere Alternativen ...«
Die vernünftige Erica. Sie hatte sich mit einem Leben ohne Kinder abgefunden. Kein Problem. Es gab schließlich genug Leute, die sich freiwillig dafür entschieden, keine Kinder zu bekommen. Erica hatte wirklich genug damit zu tun, sich um sich selbst und um ihre Karriere zu kümmern. Sollte ihr das Schicksal noch einmal eine dauerhafte Liebesbeziehung bescheren, mußte ihr Partner eben damit fertig werden, daß sie keine Kinder haben würden, denen er seinen Familiennamen oder sonstige Eigenarten vererben konnte. Wenn Erica ihm wirklich etwas bedeutete, würde er damit zurechtkommen oder sich mit den »Alternativen« abfinden.
Aber jetzt ... jetzt war das »Unwahrscheinliche« eingetreten. Erica war schwanger; und sie mußte davon ausgehen, daß dies eine einmalige Gelegenheit war. Oder war es eher ein Fluch? Sie war schwanger. Das Wort hallte in ihrem Kopf wider, und ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Ihre Mutter war bei einer Entbindung gestorben. Das kam vor. Es gab so vieles, was sie bedenken mußte. Es stand einiges für sie auf dem Spiel.
Erica hatte sich ihre Worte zurechtgelegt, und sie platzte damit heraus, ehe sie es sich wieder anders überlegen konnte. »Ich muß für eine Weile von hier weg, Mel. Persönliche Gründe. Du weißt, ich hasse es, etwas mittendrin hinzuschmeißen, aber es geht nicht anders. Hier sind das Davenport-Manuskript und die Ipswich-Serie. Ich bin sicher, daß Karen oder Elizabeth sich darum kümmern können. Sie haben bei beiden Projekten mit mir zusammengearbeitet.«
»Was ist denn los, Erica? Kann ich dir irgendwie helfen? Du weißt doch, wie sehr ich dich schätze.« Mel war als Chef eine seltene Mischung aus abgebrühtem Geschäftsmann und kuschelweichem Teddybär.
»Nein ... du kannst mir nicht helfen.« Erica wich Mels Blick aus. »Ich brauche ein wenig Zeit zum Nachdenken, Zeit, um mit den Dingen klarzukommen.«
»Ich will ja nicht neugierig sein.« Mels Stimme klang butterweich. »Aber ist irgendetwas mit deinem Freund Brian schiefgegangen?«
Erica wurde rot. »Schiefgegangen ist ziemlich untertrieben. Es ist aus zwischen uns. Aber das ist nicht alles, Mel. Es ist noch viel komplizierter.«
Mel lächelte verständnisvoll. »Ich will dich nicht verlieren, Erica. Du bist eine großartige Lektorin. Meinst du, du kannst die Sache regeln und dann zurückkommen?«
Erica schluckte. »Unmöglich wäre das nicht.«
»Ich hoffe es. Ich werde dich vermissen.«
»Ich dich auch, Mel.« Erica brachte ein halbherziges Lächeln zustande. »Ich habe wirklich gern hier gearbeitet.«
Mel stand auf und schloß sie ein wenig unbeholfen in die Arme. »Du kümmerst dich jetzt erst mal um deine persönlichen Angelegenheiten, ja? Dein Job hier läuft dir nicht weg.«
Als Erica wieder in ihrem eigenen Büro war, schloß sie die Tür hinter sich und ließ ihren Tränen freien Lauf. Mels Freundlichkeit machte alles noch viel schwerer für sie. Sie versuchte sich einzureden, daß sie die ganze Sache auf einfache Weise lösen und dann vergessen könnte. Doch sie konnte sich nicht vorstellen, jemals wieder ein halbwegs normales Leben zu führen.
Ihr Schreibtisch war voller Erinnerungen. Sie nahm Brians Foto aus dem Plexiglasrahmen, knüllte es zusammen und warf es in den Papierkorb. Ein Stapel Geschäftskarten folgte: Erica Phillips, zweite Cheflektorin, Prescott Press. Sie war so stolz gewesen auf ihre Stellung. Prescott war der Cadillac unter den Verlagen. Mel wußte mit seinem natürlichen Gespür für diese Dinge immer ganz genau, wann er einen übereifrigen Mitarbeiter bremsen mußte, wann er vollkommene künstlerische Freiheit gewähren durfte und wann es zu trösten und zu beschwichtigen galt. Mels Weisheit war über jeden Zweifel erhaben, was schon die Qualität und das Format seiner Autoren bewiesen.
Ericas Kalender war voll mit Terminen und Verabredungen. Sie würde Claire, ihre Sekretärin, bitten müssen, alles abzusagen. Lange Erklärungen waren ihr im Moment zuwider. Ihre Kollegen würden ohnehin früh genug die Wahrheit erfahren.
Als nächstes holte Erica die gerahmten Urkunden von der Wand: die Urkunde zum Abschluß ihres Englischstudiums, das Magisterzeugnis in Amerikanischer Literatur, die Preise für ihre Kurzgeschichten, das Who’s Who der amerikanischen Frauen. »Ein aufsteigender Stern«, hatte Mel sie immer genannt. Erica seufzte. Jetzt war sie wohl eher ein abgestürzter Komet.
Sie verspürte den Drang, ihr Fenster im einundzwanzigsten Stockwerk zu öffnen und diesen ganzen Kram ein für alle Mal loszuwerden. Die Aktentasche, die Brian bei Mark Cross für sie gekauft hatte, würde als erstes aus dem Fenster fliegen. »Zur Feier deines ersten Bestsellers«, hatte er gönnerhaft gesagt und sie dabei selbstzufrieden angelächelt.
Erica schaute auf die Menschen hinab, die von hier oben aussahen wie Ameisen. Wie leicht wäre es, einen Schritt nach draußen zu machen und loszulassen – ein klares, schnelles, dramatisches Ende. Aber damit hätte sie nichts gewonnen, denn so würde sie Brian sein mieses Benehmen nicht heimzahlen können. Seine Reaktion auf ihren Selbstmord konnte sie sich lebhaft vorstellen. »Wirklich? Allen Ernstes? Sie ist aus dem Fenster gesprungen, echt? Wenn ich das bloß gewußt hätte, dann hätte ich ein paar Filmleute vorbeigeschickt.«
Jemand klopfte leise an Ericas Tür. Dann öffnete sie sich einen Spalt breit, und Mels ausgestreckte Hand erschien. »Darf ich reinkommen?«
»Ja, natürlich, Mel!« Erica richtete sich auf, strich sich das Haar glatt und versuchte, ruhig und gelassen zu wirken. »Was gibt’s?«
Mel ließ seinen Blick über das Chaos in Ericas Büro schweifen und schüttelte den Kopf. »Hast du eigentlich irgendwelche Pläne, Erica? Ich meine, wohin willst du gehen? Was wirst du anfangen?«
»Ich weiß es noch nicht genau. Aber du brauchst dir meinetwegen keine Sorgen zu machen. Ich bin doch eine kluge, unabhängige junge Frau und werde die Sache schon regeln. Meinst du nicht auch?« Die Worte purzelten leblos aus Ericas Mund.
»Du wirst es bestimmt schaffen. Aber das ist es nicht ...« Mel sah aus wie ein müder alter Jagdhund. »Ich habe nur überlegt ...«
»Was? Raus damit, Mel. Gute Ratschläge kann ich im Moment unheimlich gut gebrauchen. Alles andere – vergiß es.« Großartig, daß Mel sich des Scherbenhaufens annahm, der von ihrem Leben übriggeblieben war. Irgendjemand mußte es ja tun.
Mel seufzte und schien seinen ganzen Mut zusammenzunehmen. »Ich habe da etwas, das vielleicht etwas für dich wäre. Aber ...«
»Na los, Mel. Spann mich nicht auf die Folter.« Mels Augen trübten...




