E-Book, Deutsch, Band 2, 439 Seiten
Kleinknecht Hamburg im Zorn
2022
ISBN: 978-3-8392-7302-9
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller
E-Book, Deutsch, Band 2, 439 Seiten
Reihe: Reporter Jan Fischer und Fotografin Charlotte Sander
ISBN: 978-3-8392-7302-9
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eine Bombe explodiert auf dem Hamburger Hafengeburtstag. Panik bricht aus. Als ein Brandanschlag auch noch die Redaktion der Journalisten Jan Fischer und Charlotte Sander trifft, nehmen es die beiden persönlich. Eine Spur führt sie nach Berlin, eine andere ins Hamburger Frauengefängnis. Dort sitzt die geheimnisvolle Rebekka ein. Weiß die Domina mehr, als sie zugibt? Für ihre Neugier zahlen die Journalisten einen hohen Preis. Denn ihr Gegner ist auf einer Mission, die weiteren Blutzoll fordert.
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1
Die Reifen des Flugzeugs aus Mallorca quietschten beim Aufsetzen. Charlotte Sander stand zur selben Zeit auf der unteren Ebene des Hamburger Flughafens vor dem Ausgang für die ankommenden Passagiere. Sie musterte die Menschen im Wartebereich. Ein Mann hatte ein Kleinkind auf dem Arm. Ob die beiden auf die Mutter des Kindes warteten? Vielleicht war sie eine erfolgreiche Geschäftsfrau und kam mit dem Lufthansa-Flug aus Frankfurt um 21.30 Uhr nach Hause. Ein anderer Mann saß auf einer der fünf Stuhlreihen aus Metall und starrte immer wieder auf sein Handy. Ein kleines Mädchen lief aufgeregt an der Absperrung zum Zollbereich auf und ab, während sein Vater einen Blumenstrauß in der Hand hielt und die Frau neben sich lächelnd ansah. Entweder warteten sie gemeinsam auf die Großmutter der Kleinen, die zu Besuch kam, oder auf eine große Schwester des Mädchens, die vielleicht von einem Auslandsjahr in den USA oder Australien zurückkehrte, überlegte Charlotte. Charlotte Sander war ein durch und durch visualisierender Mensch. Sie beobachtete ihre Mitmenschen, wann immer es ihr möglich war. Das lag vermutlich an ihrem Beruf. Als Fotografin war Charlotte darauf trainiert, in Perspektiven zu denken. Oder, was auch möglich war, sie hatte den Beruf gerade wegen dieser Fähigkeit zur Visualisierung gewählt. Ihr Blick wanderte nun über eine große Werbetafel, die die Sicht zu den Gepäckbändern einschränkte. Zum wiederholten Mal las Charlotte die Werbebotschaft. Dann fiel ihr Blick, ebenfalls zum wiederholten Male, auf die Anzeigentafel mit den erwarteten Flugzeugen. Die Maschine aus Frankfurt war noch im Anflug. »Gelandet«, stand dafür neben der Maschine aus Mallorca. Nervös trat die große Frau mit den grünen Augen und dem blonden Lockenkopf von einem Fuß auf den anderen. Ja, sie war eindeutig nervös. Denn in wenigen Minuten würde Lucia Moreno aus der Gepäckabfertigung kommen und von ihr eine angemessene Begrüßung erwarten. Doch wie sollte diese aussehen? Charlotte holte tief Luft und vergaß für eine Weile, wieder auszuatmen. Die beiden Frauen hatten sich im vergangenen Winter auf Mallorca kennengelernt. Ein Winter auf Mallorca. Charlotte hatte von einem Verlag den Auftrag bekommen, einen Bildband zum gleichnamigen Reisebericht von George Sand mit Fotos zu illustrieren. Als Geliebte Frédéric Chopins hatte die französische Schriftstellerin im Jahr 1838 insgesamt 98 kalte und nasse Tage auf Mallorca verbracht. Ein bleibender Eindruck, den George Sand sich mit stimmungsvollen und witzigen Aufsätzen von der Seele geschrieben hatte, während Chopin fleißig Stücke komponierte. Charlotte hatte viele Plätze besucht, die zu den Beschreibungen George Sands passten, und nahezu unzählige Motive mit der Kamera eingefangen. Begleitet wurde sie dabei zunächst von Javier Moreno, dem jungen Mitarbeiter einer Lokalzeitung. Der Verlag hatte den Kontakt vermittelt, damit Charlotte nicht einfach so über die große Insel irrte. Javier Moreno war ein gut aussehender Mann. Er war charmant und aufmerksam. Seine Mutter hatte viele Jahre in einem Hotel mit überwiegend deutschen Gästen gearbeitet. Deshalb hatte sie Wert darauf gelegt, dass ihre Kinder neben Englisch auch ein gutes Deutsch lernten. Dies setzte Javier sehr gekonnt ein, wenn er mit Charlotte im Jeep über die Insel fuhr. Doch Charlotte konnte den Reizen des Spaniers mühelos widerstehen, auch wenn sie während ihres Aufenthalts mit ihm und seiner Schwester unter einem Dach schlief. Immerhin war Charlotte zu dieser Zeit wieder fest mit Jan zusammen. Doch irgendwann hatte dann Javiers Schwester den Job als Location Scout übernommen, und die Sache begann, kompliziert zu werden. Es passierte nach einem gemeinsamen Abendessen mit den beiden Geschwistern. Ja, vielleicht hatten alle etwas zu viel Rotwein getrunken. Jedenfalls führte Lucia die kühle Norddeutsche noch einmal hinunter zum Strand. Beide Frauen zogen ihre Schuhe aus und spazierten barfuß über den kühlen Sand. Irgendwann blieb Charlotte stehen und ließ sich den vom Meer kommenden Wind ins Gesicht wehen. Die Dunkelheit verschluckte die Umgebung nahezu. Nur das Geräusch der Brandung und gelegentliche Lichtreflexe verrieten ihr, dass sie am Ufer des Mittelmeers stand. In diesem Moment trat Lucia zu ihr und umarmte sie von hinten. Charlotte spürte die Wärme der Spanierin durch den dünnen Stoff und dann, wie sie von ihr in den Nacken geküsst wurde. Scheinbar selbstverständlich schob Lucia eine Hand unter Charlottes leichte Jacke. Als sie Charlottes Brust berührte, wusste diese nicht mehr, was hier passierte. Und das lag nicht nur an dem, was Lucia tat. Es war Charlotte selbst, die in ein Gefühlschaos stürzte. Sie merkte, wie ihre Brustwarzen auf die Berührung der anderen Frau reagierten. Hitze schoss in Wellen durch ihren Körper. Noch mehr Küsse in den Nacken. Und ein Gedanke, der alles bestimmte: bitte nicht aufhören! Die beiden Frauen gingen zurück zum Haus und liebten sich heimlich in Lucias Schlafzimmer, während Javiers Schnarchen durch die dünnen Wände drang. Als eine kleine Pause zwischen den Schnarchern eintrat, horchten beide auf. Dann ging das Konzert weiter, und Lucia musste so lange kichern, bis Charlotte ihr eine Hand auf den Mund legte. Bei Charlottes Rückkehr nach Hamburg war für sie dann nichts mehr, wie es vor ihrer Abreise gewesen war. Zunächst fand sie Jan gar nicht in der Stadt vor und musste ihm bis nach Sylt folgen. Erst dort konnte sie ihm erzählen, was auf Mallorca passiert war, wenn auch nicht in allen Details. Jans Reaktion war anders als erwartet gewesen. Denn außer eines Nickens bei ihren Worten reagierte er gar nicht. Es war nicht so, dass er sich anschließend nicht weiter um Charlotte bemüht hätte, aber ganz offensichtlich wollte er sie nicht bedrängen. Und weil sie sowieso schon wieder längere Zeit in getrennten Wohnungen lebten, reduzierten sich ihre privaten Kontakte fortan wie von selbst. Sie trafen sich weiter in der Redaktion des Lauffeuers, tranken zusammen Kaffee und redeten über die Arbeit, doch schliefen sie seit Charlottes Mallorca-Reise nicht mehr miteinander. Charlotte war das ganz recht, brauchte sie doch die Zeit, um ihre Gedanken zu ordnen. Ursprünglich hatte sie geplant, gleich nach ihrer Beichte noch einmal nach Mallorca zu reisen und somit zurück in Lucias Arme. Doch dann verzögerte Charlotte das Vorhaben immer weiter. Sie tat vor sich selbst so, als sei sie zu sehr mit der Buchveröffentlichung und ihrer anderen Arbeit beschäftigt. Dabei wusste sie ganz genau, dass diese Gründe vorgeschoben waren. Die Gestaltung des Bildbandes hätte sie auch problemlos von Mallorca aus über das Internet begleiten können. Aber sie wollte es nicht. Bald erschien Charlotte das erotische Abenteuer mit Lucia nur noch wie eine Fantasie. Doch dann kündigte die Spanierin unerwartet an, selbst nach Hamburg zu kommen. Charlottes Puls beschleunigte jedes Mal, wenn sie daran dachte. Denn es wurde gar nicht erst diskutiert, ob Lucia im Hotel schlafen sollte. »Gepäckausgabe«, stand nun auf der Ankunftstafel hinter der Maschine aus Mallorca. Charlotte sah auf ihre leeren Hände. Hätte sie auch einen Blumenstrauß kaufen sollen? Noch schien es nicht zu spät zu sein. Der Blumenstand befand sich nur ein Stück den Korridor hinunter zwischen Buchladen und Coffee Shop. Die Schiebetür zum Zollbereich öffnete sich und gab den Blick auf die im Kreis laufenden Gepäckbänder frei. Eine junge Frau schob einen Gepäckwagen in die Wartehalle. Das kleine Mädchen lief ihr lachend entgegen. Auch die Eltern lächelten sich an und gingen auf die Heimkehrerin zu. Weiter hinten glaubte Charlotte, Lucia zu erkennen. Doch bevor sie sich sicher sein konnte, schloss sich die Schiebetür schon wieder. Erneutes Warten. Dann ging die Tür wieder auf. Ja, das war Lucia. Sie trug ein für Hamburger Verhältnisse zu dünnes Kleid. Ein Kurzmantel lag auf dem Rollkoffer, den sie hinter sich herzog. Charlotte lächelte, als sich ihre Blicke trafen. Schnell hob sie die Hand. Und nun endlich freute sie sich auch. Es war schön, Lucia wiederzusehen. »Hola!«, sagte Lucia mit einer für eine Frau von ihrer Größe ungewöhnlich tiefen Stimme. »Hola!«, erwiderte Charlotte. Die über einen Kopf größere Blondine breitete die Arme aus und umschloss Lucia damit. Bis zur Drehtür am Ausgang zog Lucia ihren Koffer selbst. Ab dort übernahm Charlotte, während Lucia in ihren Kurzmantel schlüpfte. Charlotte zahlte am Parkautomaten, dann fuhren sie die spindelförmige Ausfahrt hinunter. Die Fahrt nach Harburg würde je nach Verkehrslage vor dem Elbtunnel etwa 30 Minuten dauern. Lucia erzählte von ihrem Flug und von Javier, Charlotte von den Fortschritten bei der Illustration des Bildbandes. Als das Container Terminal von Waltershof kurz nach der Elbtunnelausfahrt auftauchte, stellten die beiden Frauen ihr Gespräch ein. Schiffe waren Lucia durch das Inselleben mehr als vertraut. Aber hier lagen die wirklich großen Containerriesen auf Reede. Nebel wallte über dem Wasser, während mächtige Scheinwerfer das Hafenbecken ausleuchteten. Es war ein Abbild menschlicher Ingenieurskunst und Technik, doch mit etwas Fantasie hätten die riesigen Hafenkräne und Schiffsrümpfe auch eine Szene mit Ungetümen aus der Urzeit darstellen können. »Wunderschön«, stellte Lucia fest. »Ja, Hamburg ist wunderschön«, erwiderte Charlotte mit einem Blick durch das Seitenfenster, dann sah sie wieder auf die Straße. »Wenn du willst, zeige ich dir den Hafen mal in aller Ruhe. Hier gibt es wirklich viel zu sehen.« »Das wäre toll.« Charlotte nickte zu Lucias...