E-Book, Deutsch, 136 Seiten
Liegener Wege
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-347-17935-6
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Abwegige Gedanken in wegsamen Geschichten
E-Book, Deutsch, 136 Seiten
ISBN: 978-3-347-17935-6
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
B-P Liegener Arzt und Anglist, Philogoge und Philanthrop, vor allem aber glücklichster Ehemann der ihm bekannten Welt. Geboren, aufgewachsen und meistens wohnhaft in der Stadt des Bären. Ja, in Berlin. Sprache und Sprachen sind für ihn eine ewig sprudelnde Quelle staunender Entdeckungen. In seinen Gedichtchen und Geschichtchen versucht er, ein kleines Stück seiner Begeisterung weiterzugeben.
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Der Italiener
Mein junges Alter hatte er mir natürlich sofort angesehen, die Unerfahrenheit daraus gefolgert und meine Unsicherheit gespürt. Trotzdem: Er war der Rettungssanitäter und ich der Arzt. Er hatte das Kind mit den unklaren Bauchschmerzen in die Rettungsstelle gebracht, wir hatten eine korrekte Übergabe durchgeführt und ich war nun für alles Weitere verantwortlich. Soweit ich wusste, hatte ich auch alles richtig gemacht: Ausführliche Anamnese, dabei den Vater beruhigt, eingehende körperliche Untersuchung, Fiebermessung oral und rektal, Urinprobe, Blutabnahme. Eigentlich dachte ich, dass der Junge sich nur vor einer Klassenarbeit oder etwas Ähnlichem drücken wollte. Er wirkte einfach zu gesund für seine leidende Miene, irgendwie stimmte etwas nicht. Trotzdem nahm ich ihn ernst. Ein Versuch von Professionalität, obwohl ich mir gar nicht sicher war, ob das Arztsein wirklich meine eigentliche Profession war. „Wir werden jetzt erst einmal die Ergebnisse der Labortests abwarten, dann sehen wir weiter“, erläuterte ich Vater und Sohn mit einem befestigenden Nicken. „Wollen Sie nicht eine Abdomen-Sonografie machen?“, fragte der Krankentransporter. Was tat er überhaupt noch hier? Er hätte längst auf dem Weg zu seinem nächsten Patienten sein können, meinetwegen auch zur Pause. Ich wurde etwas ärgerlich. Wenn ich wirklich Rat bräuchte, könnte ich ja jederzeit den Oberarzt hinzuziehen, da war ich keineswegs auf ihn angewiesen. Andererseits hatte ich mir angewöhnt, auf erfahrene Krankenschwestern und Pfleger zu hören, statt auf mein anstudiertes Wissen hinzuweisen und auf meine Stellung als fachlicher Vorgesetzter zu pochen. Dadurch hatte ich nicht nur viel gelernt, sondern auch das Verhältnis zwischen mir und dem Pflegepersonal war entspannt und vertrauensvoll geworden. Das bescherte mir wiederum manch ruhige Nacht im Stationsdienst, während mein eher besserwisserischer und stets auf Konfrontation bedachter Kollege wegen jeder Kleinigkeit aus dem Bett geklingelt wurde, die eigentlich auch die Nachtschwester hätte entscheiden können. Warum sollte ich also nicht auf diesen Sanitäter hören?
Längst hätte er weg gewesen sein können, aber immer noch stand er da und hielt mit besorgtem Gesicht die Hand des kleinen Patienten. Entgegen meiner ersten Empfindung ging es ihm augenscheinlich nicht darum, mich als inkompetenten Grünspan hinzustellen, sondern darum, den Jungen gut versorgt zu wissen. Um seinen Patienten ging es. Er schien richtig in seinem Beruf aufzugehen und dafür bewunderte, ja beneidete ich ihn beinahe ein bisschen. „Gut“, antwortete ich also nach einem kurzen Schattensprung und, nun wieder zum Vater gewandt: „Ja, ich werde nun noch eine Ultraschalluntersuchung durchführen.“ Und zum Sohn: „Jetzt wird es gleich etwas kalt auf dem Bauch, und dann schauen wir mal, was da drin so los ist, ja?“ Es war nichts los in seinem Bauch. „Alles normal.“ Die Untersuchung war unnötig gewesen wie vermutet. Trotzdem fühlten sich alle besser: Der Sanitäter, der Vater, ich, und sogar der kleine Schmerzpatient. Ich wischte noch die letzten Reste des Ultraschallgels von dem schlanken Bäuchlein, als eine Schwester hereinkam. „Sprechen Sie nicht Italienisch, Herr Doktor? Da draußen auf dem Gang steht jemand, der sich nicht zurechtfindet. Ich kann ihn nicht verstehen, aber ich denke, er ist Italiener.“ Tatsächlich hatte ich vor dem Medizinstudium überlegt Sprachen zu studieren, und vor jedem schweren Examen hatte ich erwogen, doch noch einmal meine Laufbahn in diese andere Richtung zu lenken. Was mir bisher eher wie ein verschrobenes Hobby vorgekommen war, da ich kaum mal ins Ausland verreiste, zeigte sich jetzt als nützliche Fähigkeit. „Ja, ein bisschen“, antwortete ich, und ein wenig fühlte es sich an, als sei meine ins Wackeln geratene ärztliche Souveränität durch diese zusätzliche und unerwartete Kompetenz wieder stabilisiert worden. Ich nickte dem Vater zu, der nun auf die Laborergebnisse warten würde, ich gab dem jetzt zufriedenen Sanitäter mit der Hand ein kurzes Zeichen des Einvernehmens und des Abschieds und folgte der Schwester aus dem Untersuchungszimmer.
Ein wenig deplatziert wirkte er schon, dieser Italiener. Sein unaufdringlich eleganter grauer Nadelstreifenanzug mit der schicken, beinahe ein wenig zu gelben Krawatte bildete einen Kontrast zur nüchternen, funktionalen, ja kahlen Schlichtheit des Krankenhausflurs. Sein eher fortgeschrittenes Alter, die aufrechte Haltung und der konservativ unmodische Schnitt seiner grauen, vollen Haare passten nicht recht in dieses moderne Gebäude, sondern schienen eher in einen alten Backsteinbau zu gehören. Gleichzeitig ließen die funkelnden, beweglichen, wenn auch etwas hilflosen Augen die Leblosigkeit dieses sterilen, langweiligen Ganges deutlicher hervortreten, als ich sie je wahrgenommen hatte. Mit ausgestreckter Hand und einem freundlichen „Buon giorno, Signore“ ging ich auf ihn zu. Er erwiderte meinen Gruß mit einem erleichterten „Dottore!“. Gleichzeitig ergriff er meine Hand und während er sie freudig schüttelte, stammelte er: „No speakeh English very good-eh“. „No problem“, antwortete ich spontan auf Englisch, wie man das eben tut, wenn jemand einen in dieser Sprache anredet. Gleich besann ich mich aber, dass er ja eben nicht gut Englisch sprach und wechselte ins Italienische. Ich erklärte ihm, dass ich ein wenig seine Sprache spräche und fragte, wie ich ihm helfen könne. Seine Augen leuchteten auf und sein ganzes Gesicht wurde zum Spiegel glücklicher Freude. Wie schwierig es sei, sich hier zurecht zu finden, dass er fast schon aufgegeben hätte, jemals seinen Weg zu finden, was für ein Glück er habe, mich getroffen zu haben. Schon, dass er es überhaupt geschafft hätte, hierher in dieses Haus zu gelangen sei ebenso erstaunlich wie erfreulich aber jetzt sei ich ja da. „Che fortuna!“ Es freute mich natürlich sehr, dass er sich so über mich freute, und ebenso sehr, dass ich zumindest fast alles verstanden hatte, was er in einer schier endlosen Flut von wohlklingenden Worten über seine Fährnisse berichtet hatte.
„Schön“, sagte ich, aber wie könne ich ihm denn jetzt helfen? Ich könne ihm helfen, entgegnete er, und dafür wäre er auch sehr dankbar, seinen Weg zu finden. Es sei so schwierig hier in diesem fremden Land, dessen Sprache er ja nicht spreche, und jetzt wisse er nicht, wo er entlang gehen müsse. Diesen Gang entlang, oder jenen, und all die Buchstaben, Zahlen und Pfeile die an den Türen und fast allen Ecken des Ganges, an den Fahrstühlen und Treppenhäusern angebracht waren, seien auch keinerlei Hilfe für ihn, da er sie nicht verstehe. Gerne, meinte ich, würde ich ihm den Weg weisen, aber wo wolle er denn eigentlich hin. Ja, das sei schwierig, sagte er, vielleicht verstehe ich ihn auch nicht so recht, aber all die Abteilungen, die dort angeschrieben standen, die sagten ihm eigentlich gar nichts und so recht wisse er deshalb nicht, wohin er gehen müsse. Er hätte nie etwas für Krankenhäuser übriggehabt, aber nun war alles viel schlimmer, als er sich das von außen vorgestellt habe. Jetzt sei er zwar hier drinnen, aber finde seinen Weg nicht. Glücklicherweise sei ich jetzt da, denn ich sei ja Arzt und kenne mich im Krankenhaus aus. Ich könne ihm sagen, wohin er gehen müsse.
Warum konnte er nur nicht zum Punkt kommen? Tatsächlich war er mir sehr sympathisch in seiner offenen, lebendigen und zugewandten Art. Ob er einen Termin habe und bei wem, ob er einen Namen habe, damit ich ihm weiterhelfen könne. Ja, einen Namen habe er, Salvatore Camino sei sein Name, kein seltener Name in Italien, zumindest nicht in der Gegend, aus der er komme. Er habe seinen Namen immer sehr schön gefunden, auch wenn andere ihn verlacht hätten. Was an seinem Namen denn so lustig gewesen sei, fragte ich ihn, und gerne hätte ich mir auf meine vorschnelle Zunge gebissen, denn das führte uns ja wahrlich nicht weiter. Aber tatsächlich fand ich den Namen seltsam passend, da ich dachte, das Italienische Wort camino bedeute Weg. Ich hatte mich aber geirrt, denn anders als im Spanischen heißt das Italienische camino einfach nur Kamin und folglich hörte ich mir jetzt eine ganze Weile an, wie man ihm früher gesagt habe, er sehe aus wie ein Schornsteinfeger, seine Seele sei ja auch so schwarz, er solle sich verziehen wie eine Rauchwolke, glühe wie die Asche in der Feuerstelle, wenn er mal rot werde und noch viel anderes, was ich nicht alles so recht verstand. Sein Sprachfluss wurde nämlich nicht langsamer, als er sich an diese alten Zeiten erinnerte. Als ich ihm noch mein Missverständnis erklärte, musste er lachen und meinte, dass wir uns dann jetzt aber langsam mal auf den Weg machen sollten. Tatsächlich hatten wir jetzt schon eine geraume Weile in dem trostlosen Flur herumgestanden, und so konnte es wirklich nicht schaden, ein wenig in Bewegung zu kommen. Am besten in Richtung Altbau, denn dort befand sich der Haupteingang mit dem Pförtner. Vielleicht, so dachte ich,...




