Lowell | Die Kapitel meines Herzens | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Lowell Die Kapitel meines Herzens


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-455-17083-2
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-455-17083-2
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Von klein auf wächst Sam mit Büchern auf: Wann immer sie in der Bibliothek ihres Vaters ein Buch findet, in dem sein Lesezeichen liegt, weiß sie, dass er es für sie versteckt hat. Zu Weihnachten schenkt er ihr eine Schnitzeljagd mit Zitaten aus der Weltliteratur. Sams Vater ist nicht nur Bestseller- Autor, sondern auch ein direkter Nachfahre der Brontë-Familie. Als er stirbt, ist Sam die letzte lebende Verwandte der Schriftsteller-Dynastie. Alles, was ihr Vater ihr hinterlassen zu haben scheint, ist ein abgegriffenes rotes Lesezeichen. Oder ist es ein Hinweis auf ein geheimes Erbe? Die Öffentlichkeit hat ihren Vater schon lange im Verdacht, wertvolle Gemälde, Briefe und Romanentwürfe der berühmten Schwestern zu verstecken. Antworten hofft Sam am Old College in Oxford zu finden. Dort hat Sam zwar nur Augen für Bücher, ihr Professor und ein attraktiver Mathe-Student lenken sie jedoch mehr ab, als sie es sich eingestehen möchte.

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2
Mein Vater hatte mit mir nur ein einziges Mal über mein Erbe gesprochen. Ich erinnere mich gut daran. Ich war vierzehn Jahre alt. Meine Mutter hatte uns ein Jahr zuvor verlassen, und so war die einzige Frau in meinem Leben meine Mathelehrerin Rebecca, die immer mittwochs und sonntags zu uns kam. Es war ein Donnerstag, mein Vater und ich saßen in »The Heights«, seiner Bibliothek, die er nach Heathcliffs Zimmer in Sturmhöhe benannt hatte. Es war sein privater Rückzugsraum und als solcher mit Bergen von Krempel vollgestopft: überschüssige Saucieren, Pullover mit Schildkrötkragen, Ausgaben von The Republic und eine Hemingway-Voodoo-Puppe. Am Fensterrahmen baumelte kopfüber ein Strauß getrockneter Rosen. Dad sagte, jede stehe für eine Absage, die er früher von großen Verlagen bekommen hatte. Für mich sahen sie einfach nur aus wie unglückliche Fallschirmspringer. An jenem Morgen frühstückten wir auf dem Teppich. Normalerweise erklärte Dad mir morgens irgendetwas, von dem er meinte, ich sollte es wissen: das Übel der Adverbien, der Vorteil der Einäscherung, legale Möglichkeiten, Steuern zu umgehen. Er war damals einundvierzig Jahre alt, zwei Meter groß, und er goss Whiskey in seinen Kaffee. Ich war eins achtzig, und ich war unmöglich. »Sammy«, sagte er. »Dad.« »Eines Tages werde ich sterben.« »Gib mir mal den Sirup.« Vor uns auf dem Boden stand ein Teller mit selbstgebackenen Pancakes. Daran erinnere ich mich, weil Dad sie zu lange auf dem Herd gelassen hatte und die verkohlten Unterseiten aussahen wie die braunen Flecken einer Kuh. Er reichte mir Vermont’s-Finest-Ahornsirup. »Wenn du älter bist, wirst du die ›Warnungen aus Erfahrung‹ erben«, sagte er. »Die ›Warnungen aus Erfahrung‹?«, fragte ich. »Genau.« »Warum wenn ich älter bin?« Ich hätte eher fragen sollen: Was sind die »Warnungen aus Erfahrung«? Aber wenn man jung ist, denkt man nicht daran, das Absurde zu hinterfragen. Er sagte nur: »Vierzehn ist eine unschöne Zahl.« Damit war unser Gespräch beendet. Ich bat ihn, so etwas nicht mehr zu sagen, denn meinen Vater zu verlieren war für mich der größte Albtraum. Seit meine Mutter in Paris lebte und dort Hochzeitskleider entwarf, hatte ich nur noch ihn. Und Dad war toll. Er hatte weiches zerzaustes Haar, passend zu seinem aus der Form geratenen Schriftstellerkörper, der gerade fit genug war, um mich hochzuheben, wenn wir uns umarmten. Er hatte eine viereckige Brille und nur zwei Weisheitszähne, eine kahle Stelle an der rechten Wade und Augen wie ein Adler. Er war toll auf eine Weise, wie nur tote Väter je toll sein konnten. Soweit ich wusste, kannte kein anderer lebender Mensch die »Warnungen aus Erfahrung«. Ich wollte, dass es so blieb. Die Außenwelt hatte die Familie meines Vaters schon lange in Verdacht, etwas zu verheimlichen, und die stete Aufmerksamkeit der Medien wurde langsam lästig. Brontë-Biographen wiesen gern darauf hin, dass eine enorme Zahl von Brontë-Memorabilien mit den Jahren verschwunden oder sonst wie unauffindbar geworden sei: die alten Porzellanbecher der Mädchen, Gemälde, Notizen, Skizzen, Briefe und ein paar frühe Romanentwürfe. Irgendwie waren sie »verloren gegangen«. Und, natürlich, wo sonst könnten sie sein außer bei meinem Vater? Dad war der einzige lebende Nachfahre von Patrick Brontë, dem Vater der berühmten Geschwister Brontë. Patrick hatte Frau und Kinder überlebt und, der Legende nach, die wertvollsten Besitztümer der Familie für die Nachwelt aufbewahrt. Eines von Patricks Geschwistern hatte einen meiner Urururgroßväter in die Welt gesetzt, dessen Nachkommen letztendlich meinen liebenswerten und ziemlich exzentrischen Dad hervorgebracht hatten. Die öffentlichen Spekulationen über den »Verbleib des Brontë-Besitzes« hatten in den letzten zwanzig Jahren ein Allzeithoch erreicht. Dieses Rätsel weckte gefährliche Neugier in der eigenartig weiten Welt der Brontë-Fans, die wahrscheinlich als Kinder die Romane gelesen hatten und sie ihr Leben lang liebten. Diese Leute waren allzu leicht davon zu überzeugen, dass die Brontës – da sie ja romantische und leidenschaftliche Menschen gewesen waren – in ihrer Vergangenheit etwas Romantisches und vor allem Wertvolles versteckt hätten. Die Journalisten gossen ständig Öl ins Feuer, die Schlagzeilen wurden immer reißerischer – »Zehn atemberaubende Gründe für Charlotte Brontës heimlichen Reichtum« –, und die Gerüchte steckten schließlich auch normale Leute an, Leute, die zuvor noch nie etwas von den Brontës gehört hatten. Statt zu vermuten, dass mein Vater alte Becher und Zeichnungen hortete, glaubte nun jeder durchschnittliche, schlecht informierte Klatschkolumnist, dass Tristan Whipple Goldminen, Rubinringe und Gutenberg-Bibeln versteckte. Die Brontës selbst verloren darüber irgendwie an Bedeutung. All das lehrte mich zwei Dinge: Erstens, wenn man einer der letzten Brontës ist, erbt man ungewollt eine außergewöhnlich große und sonderbare Fangemeinde. Zweitens, wenn man ein gut aussehender und zurückgezogen lebender alleinerziehender Vater ist, erbt man eine noch größere und noch sonderbarere Fangemeinde. Als Kind ist die Berühmtheit meines Vaters für mich ganz normal gewesen, so normal wie die üblichen Tatsachen des Lebens, die man mit fünf Jahren kennt, etwa dass der Himmel blau ist, die Sonne im Westen untergeht und Väter eben immer in den Nachrichten erwähnt werden. Doch die stete Aufmerksamkeit der Medien machte meinen armen Vater verrückt. Schließlich verweigerte er Interviews und mied öffentliche Auftritte, wann immer dies möglich war. Seine Romane wurden noch kryptischer. Er schloss sich stundenlang in seinem Arbeitszimmer ein. Er begann, überall im Haus merkwürdiges Zeug herumliegen zu lassen für den Fall, dass eines Tages Reporter einbrechen könnten, damit sie dann eine Menge verwirrenden Stoff für ihre Geschichten fänden. Ich bin mir sicher, dass die Außenwelt meinen Vater für verrückt hielt. Die Ironie ist, dass ich in all den Jahren nie gesehen habe, dass mein Vater irgendwo ein verstecktes Brontë-Erinnerungsstück hervorgezogen hat. Es gab keine Becher, es gab keine Rubinringe und es gab keine Goldminen. Wichtig waren meinem Vater nur ihre Romane – Agnes Grey, Die Herrin von Wildfell Hall, Jane Eyre, Sturmhöhe, Shirley und Villette –, und die waren, als ich das letzte Mal nachgesehen habe, alle noch jedermann zugänglich. Dad hatte diese Bücher sein ganzes Leben lang studiert, auseinandergenommen und Wort für Wort analysiert. Er hatte Ehrfurcht vor ihnen – eine Ehrfurcht, wie sie ein Großteil der Menschen vor dunklen, geheimnisvollen Frauen hat. »Diese Romane sind lebendig und alle anderen Bücher tot«, sagte er immer, »verstehst du?« Er gab mir Unterricht über sie, las mir aus seinen abgegriffenen Ausgaben vor und machte dabei unverständliche Randnotizen. Ich war mir sicher, dass er etwas wusste, das andere Menschen nicht wussten. Doch wenn ich ihn danach fragte, sagte er nur: »Ich will dir nur beibringen, richtig zu lesen, Sammy.« Nach seinem Tod wurden die Brontës auch zu meiner großen Liebe, aber nur vorübergehend und auch nur aus Not. Ich war der Ansicht, dass ich die Arbeit meines Vaters vollenden musste. Schließlich war es sein Lebenswerk, die Romane der Brontës zu interpretieren. Vielleicht gab es da ja wirklich etwas Wichtiges, das ich übersehen hatte, und vielleicht war es meine Aufgabe als letzte Erbin, dies herauszufinden. Im Alter von fünfzehn bis fünfzehneinhalb verbrachte ich übertrieben viel Zeit mit der Erforschung der Brontës. Ich rekonstruierte ihr Leben und versuchte, sie auf die Weise meines Vaters kennenzulernen – als Verwandte. Ich brütete über den wenigen Biographien aus der Bibliothek meines Vaters, die das Feuer überlebt hatten; ich schrieb eigene Gedichte und Geschichten in einem morbiden Brontë-Stil; ich erfand fiktive Freundinnen in der Gestalt von Anne, Charlotte, Emily und sogar einen Freund wie Bruder Branwell, den Trinker. Vermutlich hatte ich gehofft, meinen Vater damit in gewisser Weise wieder zum Leben erwecken zu können. All das führte zu nichts. Bis zum heutigen Tag verstand ich nicht, was meinen Vater an den drei lange verstorbenen Cousinen so gefesselt und was er eigentlich gesucht hatte. Jetzt fühlte ich mich mit all dem Wissen gestraft, das ich mir über die Brontës angeeignet hatte. Ich kam mir vor wie eine Olympionikin, die seit Jahren nicht mehr trainiert hatte und deren Muskeln sich nun in Fettgewebe verwandelten. Noch immer kannte ich Charlotte, Emily und Anne so gut, wie kein Mensch einen anderen jemals kennen sollte. Ich kannte ihre Schuhgrößen und ihre Körpergrößen, ich kannte ihre albernen kleinen Geheimnisse, ich wusste, worüber sie gestritten und worüber sie gelacht hatten. Ich kannte sogar Emilys Muttermal am rechten Fuß. Liebe hinterlässt immer Narben – und das war meine: das Wissen, dass ich die Freundinnen, die ich am besten kannte, in Wirklichkeit niemals kennengelernt hatte. Erst im Internat beschäftigte ich mich in einem wissenschaftlichen Zusammenhang mit den Brontës. Da ich erst mit sechzehn auf die Highschool kam, war ich zwei, drei Jahre älter als meine Klassenkameradinnen. Ich hatte dafür gekämpft, in die Klasse des Junior College aufgenommen zu werden, doch als meine Mutter mich anmeldete, erklärte sie der Schulverwaltung, dass das Schulexperiment meines Vaters ein »totales Desaster« gewesen sei, und empfahl, dass ich mit der ersten Highschool-Klasse anfangen sollte, damit ich mich von dem...


Lowell, Catherine
Catherine Lowell lebt in New York. Sie studierte in Stanford und erhielt noch vor Studienabschluss zwei Stipendien, beide für die Realisierung eines Romans. So entstand Die Kapitel meines Herzens, Lowells Debütroman.

Wurster, Gaby
Gaby Wurster, geboren in Stuttgart, studierte Sozial- und Sprachwissenschaften. Sie lebt als freie Übersetzerin, Herausgeberin und Autorin in Tübingen.



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