Luengo / Sebastián | Der Radfahrer von Tschernobyl | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Luengo / Sebastián Der Radfahrer von Tschernobyl


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8031-4141-5
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-8031-4141-5
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Auf dem Weg nach Paris zur Internationalen Generalkonferenz für Maß und Gewicht wird der spanische Delegierte und namenlose Erzähler dieses außergewöhnlichen Romans Zeuge davon, wie ein alter Mann in einem Fastfood-Restaurant ausgesetzt wird. Mehr oder weniger unfreiwillig nimmt er sich des Fremden an, auf dessen Unterarm eine geheimnisvolle Tätowierung in kyrillischen Buchstaben prangt. Als sich herausstellt, dass es sich bei dem Alten um den Atomphysiker Wassili Nesterenko handelt, dank dessen Intervention damals in Tschernobyl noch Schlimmeres verhindert werden konnte, verwischen sich die Grenzen zwischen Fiktion und Fakten vollends: Sebastián entführt uns aus Paris nach Prypjat, der Retortenstadt in unmittelbarer Nähe des Reaktors, und erzählt eindringlich die Schicksale seiner Bewohner.

Javier Sebastián, geboren 1962 in Saragossa, verbindet in allen seinen Büchern Fiktion und sorgfältig recherchierte Fakten. In Spanien liegen von ihm bereits fünf Romane und mehrere Erzählbände vor. Mit »Der Radfahrer von Tschernobyl« wird er erstmals auf Deutsch vorgestellt.
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EINS


Jede Sekunde war ewig, als würde sich alles auf dem Meeresboden abspielen.

Ich überflog eine Reportage über den Untergang der Lusitania 1915, und als ich aufblickte, sah ich sie die Treppe hinaufkommen. 1 198 Passagiere waren damals ums Leben gekommen auf dem Dampfer, der unter britischer Flagge fuhr. Der alte Mann und die Frau sahen aus wie Überlebende der Tragödie.

Es war ein modernes Selbstbedienungsrestaurant mit Leuchttafeln, auf denen für diverse Menükombinationen mit Beilagen und Extras geworben wird. Die beiden gingen zu einem Tisch neben der Theke mit dem Serviettenspender und den portionsweise abgepackten Saucentütchen. Die Frau schleppte zwei volle Kleidertüten, die nach Umzug aussahen. Ich riss mich zusammen und wandte mich wieder meiner Sonntagsbeilage zu; was ich dort sah, fiel nicht in mein Gebiet. Derjenige, der befohlen hatte, die Lusitania zu torpedieren, so las ich, hatte die Seekriegsbestimmungen missachtet, die verlangten, dass die Passagiere ziviler Schiffe vor einem Angriff ausgebootet sein mussten.

Wie magnetisch angezogen, wanderte mein Blick zu den soeben eingetroffenen Schiffbrüchigen hinüber. Der Mann hatte sich auf einen Stuhl gesetzt, oder vielmehr hatte er sich darauf fallen lassen. Ich nahm an, dass ihn furchtbare Rheumaschmerzen plagten. Er kippte in eine gefährliche Schieflage, die Frau setzte ihn wieder gerade hin.

Es ging mich nichts an, also schaute ich wieder in meine Zeitung. Von einem Artikel über die Tobin-Steuer interessierte mich lediglich die Überschrift, ich blätterte weiter und blieb bei einer Werbeanzeige hängen. Eine weibliche Bikinihüfte mit einer Digital-Pentax darauf, an dem Strand wäre ich jetzt auch gern. Aber das geht nicht, es ist Sonntag und es ist September, ich bin tausendeinhundert Kilometer weit weg von zu Hause, und hier schaut keiner irgendjemanden an. Keiner außer mir, ich linse hinter meiner Zeitung hervor und habe alles im Blick: Die zwei Lusitania-Überlebenden haben ihre Essensschachteln geöffnet, Juniorboxen, die Frau muss es machen, er kann es nicht. Vielleicht hat einer von beiden Geburtstag, und sie wollen hier feiern. Das Lokal befindet sich auf der berühmtesten Prachtstraße des Landes. Das Land ist Frankreich. Und durch die breite Fensterfront hat man einen echten Luxusblick.

Der Mann kippt wieder zur Seite. Sie schiebt ihn zurück, damit er nicht abstürzt, wie sie es an diesem Tag sicher schon viele Male hat tun müssen. Dann streicht sie ihm das Haar aus dem Gesicht.

Ich brauchte Servietten, das war meine Ausrede, um an ihnen vorbeizuschlendern. Da sah ich alles. Der Mann konnte kaum kauen, ich denke sogar, er aß im Grunde gar nicht.

In den Tüten waren tatsächlich Kleider. Das konnte ich immerhin genau erkennen.

Zurück an meinem Tisch, breitete ich die Sonntagsbeilagen wie einen Fächer vor mir aus, als hätte ich vor, noch eine ganze Weile zu bleiben; es kam mir auf einmal ganz gemütlich vor hier, beinahe wie zu Hause. Ich linste wieder hinüber. Sein Anzug war ihm zu weit. Das Jackett hatte ihm vielleicht früher mal gepasst, jetzt aber nicht mehr.

Sie steht auf. Wischt sich die Krümel von der Bluse. Stellt mit Bedacht die Essensreste auf das Tablett wie jemand, der alles richtig machen will, und trägt es zu einem Abfalleimer. Dort wirft sie alles hinein. Kommt wieder zu ihm an den Tisch. Sie beugt sich ein wenig zu ihm hinunter, wie um ihm etwas ins Ohr zu flüstern, doch dann hält sie inne, sagt nichts, richtet ihm lediglich den Hemdkragen, der sich ihm hinten aufgestellt hat. Sie gibt ihm einen Kuss auf die Stirn, streicht ihm über die Wange, noch ein Kuss, und sie geht. Sie ist weg.

Die Frau war gegangen und hatte den Lusitania-Überlebenden in dem Selbstbedienungsrestaurant neben zwei vollen Kleidertüten sitzenlassen. Nach zehn Minuten war sie immer noch nicht zurück. Nicht nach einer Viertelstunde und auch nicht nach einer halben. Da der Mann vom Stuhl zu kippen drohte und sie nicht zurückkam, musste ich zu ihm hingehen und ihn wieder richtig hinsetzen. Dass ich es nicht mit ansehen konnte, wie er so schief dasaß, erklärte ich ihm so behutsam wie möglich.

Der Lusitania-Überlebende gab keine Antwort. Er schaute mich an wie jemand, der nicht versteht. Mit einer Geste verlangte er nach etwas zu schreiben, jedenfalls kam es mir so vor, ich gab ihm eine Papierserviette, schreiben Sie darauf, was Sie wollen, sagte ich. Wenn Sie nicht sprechen können oder es Sie zu sehr anstrengt, können wir uns schriftlich verständigen. Hier, Sie können meinen Stift nehmen. Aber der Mann zuckte mit den Schultern und wollte doch nicht mehr schreiben.

Ich half ihm, sich richtig hinzusetzen. So würde er nicht vom Stuhl fallen, wenn ich meine Sachen zusammenpackte und ging. Alles Weitere würde schon irgendjemand in die Hand nehmen. Doch dann begegnete ich auf der Treppe einem Angestellten, dachte, Bescheid sagen könnte ich immerhin, und sprach ihn an.

Sehen Sie den Mann da drüben, sagte ich. Vielleicht könnten Sie sich um den kümmern, man hat ihn hier sitzenlassen.

Der Mann von Prypjat hatte seinen Unterschlupf in der Autoscooterkabine. Er sortierte die Chips nach Farben, und an manchen Abenden erlegte er Schlangen mit einer Pfanne. Er trug zwei Mäntel übereinander und hatte noch einen dritten als Reserve.

Das Autoscooterhäuschen war sicherer als eine Wohnung, denn in den Höfen, in den Parks und auf dem Gelände des Tschemigow-Sportkomplexes streunten wilde Hunde. Unten im Hausflur nahmen sie Witterung auf und kamen dann über die Treppen nach oben. Es gab keine Türen mehr, die hatten sie alle abtransportiert, und die Hunde drangen überall ein. Magere, dreckstarrende Köter, manche hatten blutige Pfoten, an denen sich die Haut abgelöst hatte.

Es geschah bei den Autoscootern. Der Mann von Prypjat hatte eine Technik erfunden, die Wagen wie von alleine fahren zu lassen, dann konnte man rufen: Hurra, der Strom ist wieder da, es lebe das Leben, es kommt wieder zurück, das Schlimmste ist vorbei.

Für die vereiste, spiegelglatte Bahn hatte er sich Seilrollen und mehrere Meter Seil aus einem Lager besorgt. Die Seile schlang er einmal um das Gitter und knotete die Enden an den Lenkrädern fest.

Er blickte zum Himmel auf und dachte, dass es keinerlei Notwendigkeit dafür gab, dass er existierte. Aber irgendjemand in Prypjat sollte doch existieren und die Verwandlung sehen, die sich gleich vollziehen würde.

Das Seil fest gepackt, zählte er – eins, zwei, drei – und zog mit aller Kraft. Die Wagen setzten sich in Bewegung. Der rechte, der mit der Nummer fünf, hatte sich zehn Meter nach vorne bewegt. Seiner war mehr zur Seite gerollt, schräg über die Bahn, bis zu einem Riss im Asphalt. Seine Botschaft war: Shmychow, du bist nicht mehr allein.

Oder falls hier noch irgendjemand lebt, dann weiß er jetzt Bescheid. Es ist ein neuer Bewohner eingetroffen in der Stadt Prypjat, der Stadt des Atomkraftwerks.

Jetzt fehlte nur noch, dass die Lichter angingen. Fröhliches Rummelplatzgedudel, alte Schlager und aktuelle Charthits, junge Leute mit Fahrchips in der Hand, die darauf warteten, dass sie an der Reihe waren. Die Sirene ertönt und Fahrerwechsel, die nächste Riege auf die Piste.

Ja, jetzt konnte man sagen, dass in der Stadt Prypjat jemand lebt, und der Beweis dafür ist, dass er vier Autoscooter in Bewegung gesetzt hatte. Manchmal pochte er morgens mit einem Stock gegen die Blechjalousien, um sich anzukündigen. Oder er legte auf einer Straßenkreuzung seinen Namen aus Steinen. Was konnte er sonst tun, ich habe doch zwei Hände, rief er laut, ich nehme Raum ein, ich gehe Straßen entlang, ich hinterlasse Spuren, wenn ich gehe.

Das heißt: Jetzt gibt es Beweise, sehen Sie mich an, wenn Sie es nicht glauben, man wird diese Autoscooter hier zur Kenntnis nehmen müssen, wo haben sie vor fünf Minuten gestanden, und wo stehen sie jetzt? Von alleine fahren sie nämlich noch nicht, die Autoscooter.

Es sollte aber auch Publikum geben, selbst wenn die Zuschauer nur Attrappen wären, also machte er sich auf in die Uliza Drushby Narodow, wo vor dem Unfall ein Laden gewesen sein musste. Er stapfte über losen Schutt, alles war von Pflanzen überwuchert. In einer Kiste fand er zwanzig Säcke, später würden sicher noch mehr auftauchen, aber erst einmal hatte er diese zwanzig Säcke, so groß wie Handtaschen.

Er ging zurück über den großen, leeren Platz, auf dem noch ein paar Busse standen, die Ikarusse von der Evakuierung. Unterwegs rupfte er allerlei Unkraut aus und stopfte damit die Säcke voll. Solange keine anderen da sind, sind das hier eben meine Freunde und Bekannten, sagte er.

Er postierte sie um die Bahn herum, band sie am Gitter fest, wie die Gesichter von Zuschauern sahen sie aus, Verwandte und Bekannte, die über die Landstraße von Iwankowo gekommen waren, um ihn Autoscooter fahren zu sehen. Mit einem Körper aus Zweigen und einem Mantel oder einer Decke darüber würden sie von weitem aussehen wie...


Javier Sebastián, geboren 1962 in Saragossa, verbindet in allen seinen Büchern Fiktion und sorgfältig recherchierte Fakten. In Spanien liegen von ihm bereits fünf Romane und mehrere Erzählbände vor. Mit 'Der Radfahrer von Tschernobyl' wird er erstmals auf Deutsch vorgestellt.



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