E-Book, Deutsch, 576 Seiten
Machfus Die Kinder unseres Viertels
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-293-30589-2
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 576 Seiten
ISBN: 978-3-293-30589-2
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nagib Machfus, geboren 1911 in Kairo, gehört zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart und gilt als der eigentliche »Vater des ägyptischen Romans«. Sein Lebenswerk umfasst mehr als vierzig Romane, Kurzgeschichten und Novellen. 1988 erhielt er als bisher einziger arabischer Autor den Nobelpreis für Literatur. Nagib Machfus starb 2006 im Alter von 94 Jahren in Kairo.
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1
Anfangs war dort, wo heute unser Viertel steht, leere Ödnis, die zu der bis zum Horizont reichenden Wüste des Mukattam gehörte. Nichts gab es dort, nur das Große Haus, das Gabalawi erbaut hatte. Es war, als wollte er damit jeglicher Furcht, Rohheit und Plünderei trotzen. Eine hohe Mauer umgab das weitläufige Gelände, dessen westlicher Teil aus einem Garten bestand und in dessen östlichem Teil das dreistöckige Haus hoch aufragte.
Eines Tages forderte der Stiftungsgründer seine Söhne auf, zu ihm in die mit dem Garten durch eine Terrasse verbundene Eingangshalle zu kommen. Die Söhne kamen alle, Idris, Abbas, Radwan, Galil und Adham. In seidenen Galabiyas standen sie vor ihm, und vor lauter Ehrerbietung sahen sie ihn nur verstohlen an. Erst als er ihnen befahl, sich zu setzen, nahmen sie Platz. Er musterte sie eine Weile mit falkenartig durchdringenden Blicken, dann ging er auf die zum Garten führende Tür zu, blieb dort stehen und sah hinaus in den Garten, wo dicht gedrängt Maulbeerbäume, Feigenbäume und Palmen wuchsen, Jasmin und Hennapflanzen rankten. Vögel sangen in den Zweigen, sodass der Garten von lärmendem Leben erfüllt war, während in der Halle Schweigen herrschte. Den Brüdern schien, dass der Herr der Einöde sie vergessen hatte. Hochgewachsen und breitschultrig kam er ihnen wie ein Wesen vor, das von einem anderen Stern gekommen war und in nichts den kleinen Menschen ähnelte. Sie sahen sich bänglich an, wussten sie doch, dass er sich immer dann so verhielt, wenn er einen Beschluss gefasst hatte. Es ängstigte sie, dass sie, gemessen an ihm, dem Herrscher des Hauses wie der Wüste, ein Nichts darstellten. Ohne sich von der Stelle zu rühren, drehte er sich zu ihnen um und sagte mit einer Stimme, die rau und tief den mit Teppichen und Vorhängen reich geschmückten Raum durchdrang: »Ich denke, es ist das Beste, wenn die Verwaltung der Stiftung nicht länger in meinen Händen liegt.«
Wieder ruhte sein prüfender Blick auf ihnen, aber ihre Gesichter verrieten nichts. Die Stiftung zu verwalten, war nicht gerade eine wünschenswerte Aufgabe für junge Leute, die Müßiggang und Ruhe gewohnt waren. Aber sie mussten sich darüber nicht den Kopf zerbrechen, denn Idris war als ältester Sohn geradezu dafür bestimmt, dieses Amt zu übernehmen. Der stöhnte denn auch im Innern auf, als er daran dachte, was für eine Last da auf ihn zukäme. Er würde sich mit lauter neuen Problemen und mit diesen unglückseligen Pächtern herumschlagen müssen.
Aber Gabalawi hatte noch nicht zu Ende gesprochen. »Meine Wahl«, fuhr er fort, »ist auf euren Bruder Adham gefallen. Er wird die Stiftung unter seine Kontrolle nehmen.«
Verblüfft schauten die Brüder zu ihm auf und tauschten hastige und verwirrte Blicke. Nur Adham senkte verschämt den Kopf. Gabalawi wandte sich ab und sagte gleichmütig: »Deshalb hatte ich nach euch gerufen.«
Idris konnte vor Empörung kaum an sich halten, vor lauter Auflehnung schien er wie im Rausch zu sein. Alle Brüder, außer Adham, sahen beklommen auf Idris, schwiegen aber, obwohl sie sich darüber ärgerten, dass er übergangen worden war. Damit war auch ihre Ehre angetastet. Idris sagte nach kurzem Zögern mit ruhiger Stimme, als wäre nicht er es, der da sprach: »Aber, Vater …«
Gabalawi unterbrach ihn frostig. »Was, aber?«
Alle senkten den Blick, ängstlich bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. Nur Idris wagte es, hartnäckig zu bleiben. »Aber ich bin doch der älteste Sohn!«
Ungehalten erwiderte Gabalawi: »Ich denke, dass ich das weiß. Ich bin es, der dich gezeugt hat.«
Idris konnte seinen Zorn kaum noch verbergen. »Der älteste Sohn hat Rechte, die ihm nicht ohne Grund entrissen werden können.«
Gabalawi ließ seinen Blick lange auf ihm ruhen, als ob er ihm noch eine letzte Gelegenheit gewähren wollte, sich wieder in die Gewalt zu bekommen. »Ich versichere euch, dass ich mich in meiner Wahl vom Wohl aller leiten ließ.«
Der Schlag war zu stark für Idris’ Geduld. Obwohl er genau wusste, dass sein Vater keinerlei Widerspruch duldete und noch viel Schlimmeres auf ihn zukäme, wenn er widerspenstig bliebe, ließ ihn sein Zorn alle möglichen Folgen vergessen. Er stürzte zu Adham, stellte sich dicht neben ihn und holte tief Luft. Wie ein Hahn vor dem Kampf schien er den anderen zeigen zu wollen, welch ein Unterschied in Stärke, Schönheit und Pracht zwischen ihm und seinem Bruder bestand. Die Worte quollen aus seinem Mund wie Speichel bei einem, der unter starkem Niesen leidet. »Ich und meine Brüder sind die Söhne der rechtmäßigen Gattin, der edelsten aller Frauen. Der da aber ist nur der Sohn einer schwarzen Dienstmagd.«
Adhams dunkelhäutiges Gesicht wurde blass, aber er verharrte regungslos. Gabalawi hob warnend die Hand. »Idris, benimm dich!«
Ein Sturm der Empörung hielt Idris in wahnsinnigem Zorn gefangen. »Er ist der Jüngste!«, schrie er. »Also sage mir einen einzigen Grund, warum du ihn mir vorziehst, falls es nicht einfach so ist, dass wir jetzt in der Zeit der Mägde und Sklaven leben!«
»Zügle deine Zunge, du Dummkopf, hab Mitleid mit dir selbst!«
»Lieber lass ich mir den Kopf abschlagen, als dass ich diese Schande ertrage!«
Radwan sah zum Vater auf und sagte mit leicht bittendem Lächeln: »Wir alle sind deine Söhne. Es kommt uns zu, betrübt zu sein, wenn wir dein Wohlgefallen verloren haben. Aber natürlich liegt es einzig und allein bei dir, zu entscheiden. Das Einzige, was wir begehren, ist, den Grund für deine Entscheidung zu erfahren.«
Gabalawi wandte den Blick von Idris zu Radwan und versuchte, seinen Unwillen, so gut es ging, zu unterdrücken. »Adham kennt die Pächter gut, von den meisten weiß er die Namen. Außerdem kann er schreiben und rechnen.«
Idris und die Brüder waren verwundert. Seit wann galt es als Vorzug, den Pöbel zu kennen? Seit wann wurde man wegen eines solchen Verdienstes vorgezogen? Und wenn einer die Schule besuchte, galt das denn als besondere Leistung? Hätte Adhams Mutter ihn in die Schule geschickt, wenn sie nicht daran gezweifelt hätte, dass er in der Welt der Noblen bestehen könnte? Voll bitterem Hohn fragte Idris: »Sollen etwa diese Gründe ausreichen, um die mir zugefügte Demütigung zu entschuldigen?«
»Es ist mein Wille«, antwortete Gabalawi barsch. »Du hast ihn vernommen, nun hast du zu gehorchen, das ist alles.« Abrupt drehte er sich zu den anderen Brüdern um. »Und ihr? Habt ihr noch etwas zu sagen?«
Abbas konnte dem Blick des Vaters nicht länger standhalten und erwiderte niedergeschlagen: »Ich höre und gehorche.« Galil schlug die Augen nieder und sagte schnell: »Wie du befiehlst, mein Vater.« Und Radwan, an seinem Speichel würgend, fügte hastig hinzu: »Gern, Vater, wie du meinst.«
Idris aber stieß ein zorniges Lachen aus, und mit verkrampftem Gesicht brüllte er: »Ihr Feiglinge, ihr! Etwas anderes als diesen verabscheuungswürdigen Verrat konnte ich von euch ja auch nicht erwarten! Wegen eurer Feigheit werdet ihr euch nun vom Sohn einer schwarzen Magd herumkommandieren lassen!«
Finsteren Blickes rief warnend Gabalawi: »Idris!«
Aber er war nicht mehr zu bändigen, er schien von Sinnen. »Was bist du denn für ein Vater! Du hast dich zum Gewaltherrscher aufgeschwungen und kannst nun nichts anderes mehr sein! Uns, deine Söhne, behandelst du, als gehörten wir zu deinen zahlreichen Opfern!«
Gabalawis Körper spannte sich, langsam trat er zwei Schritte näher an Idris heran und sagte drohend: »Hüte deine Zunge!«
Aber Idris scherte sich nicht darum. »Mir jagst du keine Angst ein!«, schrie er. »Du weißt genau, dass ich nicht furchtsam bin. Wenn du beschlossen hast, diesen Sohn einer Magd über mich zu stellen, dann wirst du niemals mehr von mir ein Wort heuchlerischen Gehorsams hören!«
»Weißt du nicht, welche Strafe auf Widerspruch steht, du missratener Sohn?«
»Der wirklich Missratene hier ist dieser Bastard einer Magd.«
Gabalawis Stimme schwoll an und klang rau: »Sie ist meine Frau, du streitsüchtiger Mensch! Beherrsche dich, oder ich werde dich zermalmen!«
Die Brüder zuckten entsetzt zusammen, Adham ebenso wie die anderen. Sie wussten, wie stark ihr despotischer Vater war. Idris’ Zorn aber war so maßlos, dass er sich auch angesichts der drohenden Gefahr nicht mehr zurückhalten konnte. Wie ein Wahnsinniger schien er bereit zu sein, sich in loderndes Feuer zu stürzen. »Du hasst mich! Ich habe es nicht gewusst, aber nun ist mir klar, dass du mich hasst! Vielleicht war es diese Magd, die dich gegen uns aufgehetzt hat? Der Herr der Ödnis, Gründer der Stiftung, furchterregender Führer der Noblen lässt es zu, dass eine Magd ihr frevelhaftes Spiel mit ihm treibt! Morgen werden die Menschen die wundersamsten Geschichten über dich erzählen, du Herr der Ödnis!«
»Ich warne dich zum letzten Mal, hüte deine Zunge, verfluchter Sohn!«
»Verfluche mich nicht um Adhams willen! Selbst die Felsen werden sich weigern, das Echo eines solchen Fluches zu tragen! Alle Welt wird sich darüber das Maul zerreißen!«
Gabalawi brüllte so laut los, dass es bis in den Garten und den Harem zu hören war. »Verschwinde, geh mir aus den Augen!«
»Das ist mein...




