Malecki / Malecki | Rost | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 295 Seiten, Format (B × H): 134 mm x 204 mm

Malecki / Malecki Rost

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-905951-99-8
Verlag: Secession Verlag für Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 295 Seiten, Format (B × H): 134 mm x 204 mm

ISBN: 978-3-905951-99-8
Verlag: Secession Verlag für Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



2002 sterben die Eltern des siebenja?hrigen Szymek auf ihrem Ru?ckweg in das kleine Dorf Cholny bei einem Autounfall. Sein Leben vor diesem Ereignis kippt in eine ihm scheinbar unerreichbare Vergangenheit. Schon das Leben seiner Großmutter Tosia, bei der er nun aufwa?chst, ist von Ereignissen gepra?gt, die es in Stu?cke rissen, das erste Mal 1939, mit dem Ausbruch des Krieges, da war sie gerade so alt wie ihr Enkel zu Beginn des Romans. Jakub Ma?ecki verwebt nach dem Muster einer Fuge - deren existentielle Themen Liebe, Verrat und Krieg in dunklem Moll und eindringlich zarter Sprache erklingen - das Schicksal des heranwachsenden Szymek mit den Leben der Menschen aus Tosias Vergangenheit: den Einwohnern von Cholny. Die Schicksale dieser Menschen greifen ineinander, bilden Kontrapunkte zueinander, spiegeln sich in den Generationen und bilden ein ganzes Universum aus. Aber sie alle bleiben dem Leben in Cholny mit seinen dunklen Heimsuchungen verhaftet, als erklinge aus tiefer Vergangenheit ein wirkungsma?chtiger Ruf zu ihnen empor. Mit Szymek und Tosia tauchen wir ein in das gegenwa?rtige Polen und hinab in seine vom Krieg gezeichnete Geschichte. Und bewiesen diese beiden Menschen nicht eine so unbedingte Kraft und Liebe, die sich im Schweigen und Handeln ausdru?cken, wir ko?nnten der Trauer um die Welt von Cholny kaum entgehen. Aber die beiden zeigen mit ihrem Eigensinn immer wieder auf, dass der Mensch Widerstand leisten kann gegen die Unbill der Wirklichkeit. Jakub Ma?ecki hat mit Rost ein im Licht der do?rflichen Besonderheit erstrahlendes Lebenspanorama erschaffen, das aus Cholny heraus tief in unsere Welt zu leuchten vermag.

Jakub Ma?ecki, geboren 1982 im polnischen Ko?o studierte an der Wirtschaftsuniversita?t in Posen. Er hat bislang zehn Romane vero?ffentlicht, fu?r die er mehrfach ausgezeichnet wurde. Zudem u?bersetzt er aus dem Englischen ins Polnische. Er lebt als freier Schriftsteller mit seiner Frau in Warschau. Rost ist sein erster Roman in deutscher U?bersetzung.
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An jenem Tag, als alles zu Ende ging, beugte er sich über die Gleise. Seine Finger waren staubig. Die Münzen legte er in eine Reihe, so dass sie sich überschnitten. Nur ein bisschen. Er rückte die zwei mittleren zurecht, machte einen Schritt nach hinten, dann wieder nach vorn, korrigierte noch einmal. Dann hob er den Kopf und schirmte die Augen ab. Der Zug kam von der Stadt her. Ein Güterzug, sehr gut.

»Komm jetzt«, sagte Budzik von hinten.

Er trat zurück und klopfte die Hände ab. Unkraut reichte ihm bis zu den Knien, das Gras wogte sanft. Er ging wieder auf den Trampelpfad und verschränkte die Arme hinterm Kopf. Sein Nacken war heiß von der Sonne.

»Vielleicht springen sie gar nicht so weit.«

Budzik nickte. Sie standen schweigend da und schauten. Die alte Lokomotive zog lauter gleiche braune Waggons hinter sich her. Es war schwül. Heiß. Wurde immer lauter.

Schließlich verkündete Budzik, im Unkraut werde er nicht suchen. In letzter Zeit bekam er Blasen von den Brennnesseln und überhaupt. Szymek hockte sich neben ihn, die Hände auf den Knien. Nur das Summen einer Hummel im Gras und das Rattern der schweren Räder waren zu hören.

Wenn er in Chojny war, kamen sie fast immer hierher. Sie brachten Metallgegenstände mit, die sie gefunden oder gestohlen hatten. Nägel, Schrauben, Münzen. Manche konnten sie danach nicht wiederfinden – unter dem Gewicht des Zuges schossen sie weit ins Gras oder Gebüsch. Doch die meisten fanden sie. Szymek hatte zwei Scharniere, die wie Schmetterlinge aussahen, viele zusammengeklebte Münzen in verschiedenen Formen, zerquetschte Schrauben und Nägel, einen gleichmäßig durchtrennten Hammerkopf, Kleckse aus zusammengeklebtem Draht und eine originell zerrissene Klinge. Am meisten liebte er ein auf dem Parkplatz vor dem Wohnblock gefundenes Kettchen, das die Lokomotive zu einer kriechenden Schlange mit rauer Haut geschmolzen hatte. Manchmal stellte er sich vor, er hätte eine Freundin und würde ihr dieses ausgefallene Teil schenken, und sie würde sich aus Dankbarkeit unsterblich in ihn verlieben. Die Sachen versteckte er in einem Baumloch in Großmutter Tosias Obstgarten. Großmutter wusste das nicht oder wollte es nicht wissen. Sicher hatte sie ab und zu bemerkt, wie er in dem alten Apfelbaum wühlte, den Arm bis zum Ellbogen im dicken Stamm.

Diesmal hatte Budzik Glück. Seine Nägel hatten sich unter der Last der Lokomotive in ein längliches, dickes Spinnennetz verwandelt. Ein Teil war gleich abgebrochen, geblieben war ein Netz, nicht größer als eine Hand. Budzik hielt die Beute unter die Sonne und schaute mit seinem Zahnlückengrinsen durch die schmalen Spalten. Von den Münzen keine Spur, sie waren weit Richtung Wald geflogen. Szymek hatte zu suchen begonnen, aber schnell aufgegeben. Ein Klebteil war nur ein Klebteil, das nächste Mal würde es klappen. Von einem fehlenden Klebteil ging die Welt nicht unter, vor allem nicht an einem Tag, wo Mama versprochen hatte, aus Warschau den neuen Asterix mitzubringen. Wer wollte an so einem Tag im Gras und in den Disteln stöbern. Alte Münzen hatte er noch ein halbes Glas. Er zuckte mit den Achseln und folgte Budzik.

Langsam gingen sie zurück und reichten sich abwechselnd den flachen Gegenstand mit den ausgefransten Rändern. Budzik sagte, eines Tages werde er alle seine Klebteile aus dem Versteck im Hühnerstall holen und auf das Regal im Zimmer legen. Was sein Vater sagen würde, sei ihm piepegal. Eines Tages werde er das tun.

Sie kamen an der Ausfahrt zur Landstraße vorbei, und Szymek hielt Ausschau nach dem blauen Uno. Er blieb stehen und wartete eine Weile in der Hoffnung, gleich würden seine Eltern hier abbiegen. Doch sie bogen nicht ab. Nur Holowczyc flitzte in die andere Richtung, wie immer nahe an der Böschung, groß und unheimlich. Mit seinen dicken Armen schob er die Räder an und brummte etwas in seinen dichten Bart.

Szymek hoffte, die Eltern würden bald nach Hause kommen, wie versprochen, aber er kannte es bereits – bei den Eltern wusste man nie. Er war gerne bei Großmutter Tosia, doch an diesem Abend würde Bugs Bunny im Fernsehen laufen, und er hatte noch viel zu tun. Daheim erwartete ihn das langweilige Prozedere mit den Fischen: Lebendfutter aus der Tiefkühltruhe, ein bisschen trockenes aus der Tüte, Heizstab und Filter abwischen, Wasser nachgießen. Aber das Wichtigste: das Ausmalen der Kühe.

Die Kühe brachte Papa von der Arbeit mit. Sie standen auf riesigen Papierbögen, in einem kleinen Rahmen in der linken oberen Ecke. Eine Seite, die andere Seite und der dreieckige Kopf von vorne. Geister von Kühen, dünne Umrisse ohne Flecken, denn die musste man selbst ausmalen. Papa zeichnete sie auf der Arbeit ein und markierte die Stellen, die schwarz sein sollten, mit einem Kreuzchen. Szymek setzte sich an den Schreibtisch, knipste die Lampe mit dem roten Metallschirm an und malte die Flecken sorgfältig mit seinem Filzstift aus. Wenn er sich vertat, musste er das ganze Blatt mit der Kuh noch einmal machen. Entschlossen bewegte er den Stift über das Fell der Tiere und belebte eins nach dem anderen. Fast nie fuhr er über die Linien hinaus: Er war sieben Jahre alt und hatte in seinem Leben schon Hunderte von Kühen ausgemalt.

Bugs Bunny lief um 18.00 Uhr, es wäre also am besten, die Kühe schon vorher zu erledigen. Dann könnte er Mama in der Küche von den schönsten Stellen des Zeichentrickfilms erzählen. Sie wäre bei den Töpfen, an der Spüle oder mit der Backhaube beschäftigt, er würde an dem quadratischen Tisch neben dem Zeitungsstapel auf der kleinen Eckbank sitzen, den Kopf an die Holzverkleidung gelehnt, und minutiös die Abenteuer von Bugs Bunny und den anderen Helden wiedergeben. Mama lachte immer, auch wenn die Geschichten gar nicht so lustig waren.

Doch es könnte sich herausstellen, dass die Kühe zu viele wären und er sie vor dem Film nicht alle schaffen würde. Dann müsste er ein paar für später übriglassen, was bedeutete, dass nach dem Baden weniger Zeit für Asterix wäre, und Asterix muss man auf einmal lesen, das weiß ja jeder. Alles hing davon ab, wie viele Kühe Papa bringen würde. Mittwochs waren es in der Regel die meisten, denn da hatte er das größte Gebiet, aber es kam auch vor, dass er an einem Freitag mit einem großen Stapel ankam. Und die jetzigen wären ja vom Freitag: Die Eltern waren gleich nach der Arbeit nach Warschau zu einem Konzert gefahren. Szymek beschloss, wenn es sehr viele Kühe wären, würde er es riskieren, Asterix im Bett, unter der Decke zu Ende zu lesen – er hatte ein Lämpchen in Form eines Kugelschreibers, von Onkel Roch; die Eltern erlaubten zwar nicht, es nachts zum Lesen zu benutzen, aber Asterix war eben Asterix, mit dem würde er ja nicht bis zum Morgen warten.

Sie kamen am Teich vorbei, am verrosteten Anhänger des Doktors, am Bildstock und am Lebensmittelladen von Frau Duszna. Wie immer bellte hinter dem Metallgitter der kleine Hund der Nagórnys.

Die Sonne brannte. Vor ihnen, in der Ferne, verschwamm über dem Asphalt die Welt. Budzik redete. Lange und laut, wie es seine Art war. Später versuchte Szymek jahrelang, sich zu erinnern, worum es dabei gegangen war und ob sie vielleicht etwas falsch gemacht hatten. Er wusste nur noch, dass er doch ein bisschen sauer gewesen war wegen der verlorenen Münzen. Er hätte länger suchen sollen. Vielleicht lagen sie ja noch dort, gar nicht weit von den Gleisen, und es hätte genügt, sich etwas mehr Mühe zu geben?

Er erinnerte sich, dass sie sich mit einem normalen Kopfnicken verabschiedet hatten. Dass er noch Budziks Vater gewinkt hatte, der eine dicke Katze mit riesigem, aufgeblähtem Bauch vom Hof vertrieb. Einen Augenblick später war er dann schon vor Großmutters Haus. An der Straße standen drei Autos. Eines gehörte dem Onkel – das glänzende blaue, in dem es immer nach Vanille roch. Die anderen kannte Szymek nicht. Er öffnete das Gartentor und legte die Drahtschleife wieder über den Pfosten.

Langsam scharrte er mit den Schuhen über den Pfad mit den Gehwegplatten. Er wischte die rechte Hand ab, die immer noch mit rotbraunen Streifen bedeckt war. Er griff nach der Klinke. Und so ging alles zu Ende, die ganzen sieben Jahre, von denen er außer den Gleisen und den Kühen später nicht viel erinnerte. An jenem Tag setzte er sich nicht an den Tisch in der Küche und fütterte nicht die Fische. Er las keine einzige Seite des neuen Asterix. Nur den Zeichentrickfilm sah er, aber nicht zu Hause, nicht an seinem Lieblingsplatz auf der Couch, an einen Berg aus größeren und kleineren Kissen gelehnt. Er sah ihn bei Großmutter und erzählte danach niemandem von den schönsten Stellen, und niemand lachte über sie, obwohl sie gar nicht so lustig waren.

Er griff nach der Klinke und ging langsam hinein. Im Haus waren viele Leute. In der Ecke des Zimmers erkannte er Herrn Nagórny, der mit jemandem telefonierte. Er bemerkte, dass Herr Nagórny seine Schuhe anhatte, obwohl Großmutter sonst jeden bat, sie...


Malecki, Jakub
Jakub Malecki, geboren 1982 im polnischen Kolo studierte an der Wirtschaftsuniversita¨t in Posen. Er hat bislang zehn Romane vero¨ffentlicht, fu¨r die er mehrfach ausgezeichnet wurde. Zudem u¨bersetzt er aus dem Englischen ins Polnische. Er lebt als freier Schriftsteller mit seiner Frau in Warschau.
Rost ist sein erster Roman in deutscher U¨bersetzung.

Schmidgall, Renate
Renate Schmidgall, geboren 1955 in Heilbronn, studierte Slawistik und Germanistik in Heidelberg. Sie u¨bersetzte neben anderen Jacek Dehnel, Pawel Huelle, Andrzej Stasiuk, Wislawa Szymborska, Adam Zagajewski und erhielt zahl- reiche Preise, zuletzt 2017 den Johann- Heinrich-Voß-Preis der Deutschen Akademie fu¨r Sprache und Dichtung.



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