Marshall | Farbenblind | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Marshall Farbenblind

Thriller
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-15837-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Thriller

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-641-15837-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dr. Jenna Rameys Gehirn besitzt eine seltene Eigenart in der Wahrnehmung, durch die ihre Eindrücke farblich aufblitzen: Rot kann Zorn bedeuten, Liebe oder Kraft. Doch Jenna ist imstande, diese plötzlichen Assoziationen zu nutzen, um aus Personen und Situationen zu lesen wie niemand sonst. Nun hat das FBI den Massenmörder Isaac Keaton festgenommen und die forensische Psychiaterin zu Hilfe gerufen. Im Verhör erfährt sie, dass er es – ob hinter Gittern oder nicht – in der Hand hat, noch mehr Unschuldigen Leid zuzufügen, und besessen davon ist, auch sie unter Kontrolle zu bringen. Jenna allein kann mit ihrem einzigartigen Feingespür verhindern, dass Keatons Drohungen Wirklichkeit werden ...

Tagsüber ist Colby Marshall Autorin, abends Tänzerin und Choreografin. Sie hat die Angewohnheit, jedes ihrer Hobbys zum Beruf zu machen, so dass ihr als Workaholic nie die Arbeit ausgeht. Neben ihren gefühlten 9502 normalen Jobs ist sie stolzes Mitglied der International Thriller Writers und der Sisters in Crime. Colby lebt mit ihrer Familie in Georgia. Und sie weiß, worüber sie bei der Graphem-Farb-Synästhesie schreibt, denn sie hat selbst diese seltene Gabe. Besuchen Sie sie online unter colbymarshall.com.
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11

»Hat’s wohl eilig gehabt, was?«, mutmaßte Richards, als die drei die Diele von Thadius Grogans Villa betraten.

»Etwas in der Art.«

Die Haustür war nicht abgeschlossen, nicht einmal richtig zu. Selbst wenn Jenna als Teenager nicht so viele Nancy-Drew-Krimis gelesen hätte, würde sie darin ein böses Vorzeichen sehen. So ein Haus ließ man schon an einem normalen Tag nicht unabgeschlossen, aber da Grogan kurz zuvor einen Anruf aus Howie Dumas’ »Büro« erhalten hatte, wirkte der hastige Aufbruch sehr beunruhigend. »Schusseligkeit« rutschte da als mögliche Erklärung ganz nach unten auf der Liste.

Jenna betrachtete das gerahmte Foto auf einem Tischchen in der Diele. Die junge Frau, die im Gras lag und schelmisch in die Kamera grinste, musste Emily Grogan sein.

Hank warf nur einen flüchtigen Blick auf das Bild und fragte dann: »Wohin zuerst?«

Jenna zuckte mit den Schultern und riss sich von Emilys Foto los. Es war das einzige Bild, und es gab auch sonst keinen Schnickschnack. »Wenn man möglichst viel über jemanden erfahren will, geht man am besten ins Bad.«

»Erinnere mich daran, dass ich dich nie zu einer Party bei mir daheim einlade«, meinte Hank, stand auf und folgte ihr.

Ihr Instinkt leitete Jenna die Treppe hinauf und ins Schlafzimmer. Das angrenzende geräumige Bad war rosa tapeziert, mit einem Waschbecken auf jeder Seite. Zeitungen, Bücher und Zeitschriften lagen auf Kommoden und Regalen, dazwischen Duschgel, Shampoo und verschiedene Haushaltsreiniger, benutzte Papiertücher, Pflasterverpackungen und mit Krümeln übersäte Pappteller. Sie registrierte einen erdfarbenen Ton vor ihrem inneren Auge. Schon als Kind hatte sie Unordnung mit drei Farben in Verbindung gebracht: einem Naturton, wenn es sich um einen unordentlichen Menschen handelte; eierschalenfarben, wenn sie jemanden besuchte, der keine Zeit zum Aufräumen hatte; oder die Farbe von nassem Schlamm, wenn jemand nicht mehr aufräumte, weil ihm alles egal war.

Den Schlammton hatte sie monatelang bei ihrem Vater gesehen, nachdem ihre Mutter gegangen war.

Die Badewanne mit Whirlpool war schmuddelig, aber nicht komplett verdreckt. Zumindest war sie hin und wieder geputzt worden.

»Er putzt noch oder hat jemanden, der für ihn das Gröbste erledigt«, überlegte Jenna laut.

Richards rümpfte die Nase angesichts der wasserfleckigen Bücherstapel rund um die Wanne und der Zettel, die überall auf dem Boden lagen. »Also wenn der eine Putzfrau hat, ist sie nicht sonderlich gründlich.«

Jenna ging zu den Schränkchen und nahm ein halbvolles Fläschchen Alprazolam in die Hand, ein verschreibungspflichtiges Mittel gegen Angstzustände. »Ich sagte das Gröbste, ich meinte nicht blitzblank. Nach den Wasserflecken auf den Büchern zu schließen, hat er seine Gewohnheiten. Die Bücher bleiben, wo sie sind, ob nun Wasser draufspritzt oder nicht. Wenn er eine Putzfrau hat, darf sie die Badewanne putzen, aber seine Sachen nicht anrühren. Irv soll den Arzt ausfindig machen, der den Tranquilizer verschrieben hat, aber ich tippe auf einen Allgemeinarzt, keinen Psychologen.« Jenna reichte Hank das Medikament. Ihr Blick schweifte über einen Stapel Papiere auf einem Schemel neben der Wanne und ein aufgeschlagenes Buch auf dem Spülkasten der Toilette.

Hank zückte sein Handy und tippte eine Nachricht. »Ich setze Irv auch auf die mögliche Putzfrau an.«

In einer Ecke stand ein Wäschekorb, fast leer, abgesehen von einem Paar Boxershorts und einem weißen Hemd. »Die Wäsche wird gemacht, aber es gibt kein Klopapier«, sagte Jenna und nickte zu der leeren Rolle am Wandhalter. »Er hat die Energie, die Wäsche zu machen, aber nicht, das Klopapier zu wechseln. Kommt mir komisch vor. Also, er hat eine Putzfrau, ist aber noch nicht so depressiv, dass ihm alles egal ist. Um bestimmte Dinge kümmert er sich noch selbst.«

Sie nahm das Buch vom Toilettenkasten. Zu jung: Die Geschichte von Bailey Frumpton. »Die Geschichte eines Mädchens, das mit zwölf entführt wurde.«

Hank griff nach dem Buch, das ganz oben auf dem Stapel neben der Wanne lag. »Ja. Und hier auch ein echter Kriminalfall. Der ganze Stapel.«

»Also vielleicht weniger depressiv, sondern eher zwanghaft eine Mission verfolgend«, meinte Jenna, drehte sich um und öffnete das Schränkchen unter dem Waschbecken.

»Woher wissen Sie, dass das nicht seine Art ist, darüber hinwegzukommen?«, fragte Richards. »Sie wissen schon, Bücher von Leuten, die sich damit auskennen. Trauerarbeit?«

Jenna wühlte im Schränkchen, fand aber nichts Interessantes. »Sehen Sie hier irgendwelche Selbsthilfebücher?«

Richards gab keine Antwort. Wer auch immer Thadius Grogan war, er wollte nicht aus seiner Welt des Todes und der monströsen Verbrecher geholt werden. Man konnte meinen, dass er sich jedes Buch über echte Kriminalfälle geholt hatte, das in den letzten fünf Jahren in der Stadt verkauft worden war. Und als er alle hatte, fuhr er in die nächste Stadt und die nächste. Nein, dieser Typ verharrte in seiner eigenen Welt.

»Hast du einen Computer gesehen?«, fragte Jenna Hank.

»Müssen wir nachschauen«, antwortete Hank.

»Machen wir uns auf die Suche, aber davor will ich noch einen Blick ins Schlafzimmer werfen.«

»Nach dir«, sagte Hank.

Jenna ging zurück ins Schlafzimmer. Sie hatte auf dem Weg ins Bad nur einen kurzen Blick darauf geworfen und bewusst vermieden, das Zimmer auf sich wirken zu lassen. Jetzt nahm sie es neu in sich auf und registrierte, was für einen Einfluss die einzelnen Gegenstände auf ihre Sinne ausübten. Farben tanzten vor ihren Augen. Die Stapel mit Ordnern, Papieren und Büchern türmten sich auch im Schlafzimmer, sogar auf dem Bett, vermutlich dort, wo früher seine Frau geschlafen hatte. Auf seiner Seite war das Bett nicht gemacht, auf dem Boden daneben lag weiteres Lesematerial, ringsherum verstreut Stifte und Textmarker. »Die Putzfrau kommt nicht jeden Tag.«

Sie ging zum Bett. Ganz oben auf dem Stapel lag ein Buch über forensische Methoden, daneben ein Schreibblock mit Notizen. »Sieht aus, als ob er selbst recherchiert hätte. Frag nach, ob Irv rauskriegen kann, wer beim Mord an seiner Tochter ermittelt hat, Hank. Vielleicht müssen wir uns mit demjenigen in Verbindung setzen.«

Eine halb leere Flasche Wasser auf dem Nachttischchen. Daneben Ibuprofen. Nichts Außergewöhnliches. Der Typ war kein Alkoholiker. Und anscheinend auch nicht drogen- oder medikamentenabhängig. Natürlich, im Bad hatten sie Tranquilizer gefunden, aber das Fläschchen war noch ziemlich voll. Keine anderen Anzeichen.

Die Kissen waren zusammengeknüllt, als ob er im Bett gesessen und gelesen hätte. Das sah nicht gerade nach Schlafen aus. Konnte er schlafen?

»Schauen wir in die anderen Zimmer.«

Richards ging voran über den Flur. Drei Türen waren offen, zwei geschlossen. Die eine offene Tür führte in ein weiteres Badezimmer, die andere auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs in ein offensichtlich nie genutztes Gästezimmer. Im dritten Zimmer befanden sich sämtliche Trainingsgeräte, die je auf einem Shoppingsender angepriesen worden waren. Hinter der einen geschlossenen Tür verbargen sich schlichte braune zugeklebte Kartons.

Hank las die Beschriftungen, die mit Edding oben auf die Kartons gekritzelt waren. »›Narelle: Kochbücher. Narelle: Schlafanzüge und Nachthemden. Narelle: Verschiedenes. Narelle: Dekoartikel.‹ Die Sachen seiner Frau.«

»Auf die sollten wir vielleicht noch einmal zurückkommen«, sagte Jenna, war aber schon drei Schritte weiter bei der letzten Tür. Sie war sich ziemlich sicher, was sie finden würde.

Sie wusste sofort, dass das Zimmer einmal Emily Grogan gehört hatte. Ein verschnörkeltes weißes Metallbett mit blauem Paisleyüberwurf. Ein verblichener, schäbiger Läufer auf dem Boden neben einem Schreibtischstuhl, dessen Sitzfläche aus Gummibändern bestand. Ein alter Schallplattenspieler auf der Kommode, daneben verschiedene Lippenstifte. Das typische Zimmer eines jungen Mädchens, das ausgezogen war, um zu studieren: Eine Plastikkiste mit Weihnachtsgeschenkpapier stand verloren auf dem Boden neben der Tür, ein kleiner kaputter Fernseher war darin, aus dem Weg geräumt, bis jemand Zeit für die Reparatur hatte.

Richards betrachtete die Kiste mit dem Geschenkpapier und dem Fernseher. »Aus dem Kinderzimmer wird schnell ein Abstellraum, wenn das Kind auszieht.«

Jenna musterte die Bilder, die am Schminkspiegel befestigt waren. Emily mit Freunden bei einer Geburtstagsparty. Emily mit Freunden an Halloween, alle in Star-Wars-Kostümen.

»Das Übliche. Mich stört nur, dass alles so unberührt wirkt.«

Ein Foto von Emily mit Thadius. Er trug einen graumelierten Vollbart und lächelte breit. Hatte Narelle das Bild gemacht? Emily stand neben ihm und zeigte auf das T-Shirt, das sich über seinem runden Bauch spannte. »Number One Dad.« Ihre Lippen formten ein übertriebenes »Oh«.

Richards zog die buschigen Brauen zusammen. »Viele Eltern lassen das Kinderzimmer genau so, wie es war, wenn ihr Kind ums Leben kommt, oder?«

Jenna öffnete die hölzerne Schmuckschatulle auf der Kommode. Silberne Armreifen, eine rosa Perlenkette. »Ja, das ist nicht ungewöhnlich. Aber es ist schon komisch, dass die Sachen der Tochter alle noch so sind, wie sie waren, als sie starb; die Sachen der Frau dagegen wurden weggepackt.«

Hank öffnete die Schubladen des Nachttisches und schüttelte den Kopf. »So komisch ist das auch wieder nicht. Seine Frau hat Selbstmord begangen. Sie hat...


Marshall, Colby
Tagsüber ist Colby Marshall Autorin, abends Tänzerin und Choreografin. Sie hat die Angewohnheit, jedes ihrer Hobbys zum Beruf zu machen, so dass ihr als Workaholic nie die Arbeit ausgeht. Neben ihren gefühlten 9502 normalen Jobs ist sie stolzes Mitglied der International Thriller Writers und der Sisters in Crime. Colby lebt mit ihrer Familie in Georgia. Und sie weiß, worüber sie bei der Graphem-Farb-Synästhesie schreibt, denn sie hat selbst diese seltene Gabe. Besuchen Sie sie online unter colbymarshall.com.



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