E-Book, Deutsch
Matharu Die Dämonenakademie – Wie alles begann
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-20396-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch
ISBN: 978-3-641-20396-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die E-Book-Story umfasst umfasst circa 112 Manuskriptseiten.
Weitere Infos & Material
1
ARCTURUS ZOG SICH TIEFER in die Schatten des Stalls zurück und wartete darauf, dass es Mitternacht wurde. Der Lärm in der Schenke nebenan hatte nachgelassen, aber jetzt schon herauszukommen schien ihm zu riskant.
Falls alles so ablief wie geplant, würde sein Herr bald die Glocke läuten. Für die betrunkenen Gäste bedeutete dies, dass es an der Zeit war, nach Hause zu wanken, oder – wenn sie Glück hatten – nach oben in eins der Zimmer. Erst dann konnte Arcturus zur Tat schreiten.
Er hatte es nun schon seit zehn Jahren geplant, vor fast zwei Dritteln seines jungen Lebens. Endlich würde er den Prügeln entkommen, dieser endlosen Plackerei und den mageren Mahlzeiten, die sein einziger Lohn waren.
Als Waise war er nur so viel wert wie seine Arbeit, seine charakterlichen Qualitäten spielten keine Rolle. Selbst der Ochse in dem Abteil gleich neben Arcturus bekam besseres Essen als er. Immerhin hatte er auch ein Vielfaches dessen gekostet, was sein Herr im Armenhaus für Arcturus bezahlt hatte.
Also war er nicht einmal so viel wert wie ein Lasttier.
Die Glocke ertönte und riss ihn aus seinen Gedanken. Die Tür zur Schenke schwang quietschend auf, und er hörte, wie der Kies unter den Schritten der Betrunkenen knirschte. Ihr rohes Gelächter verhallte in der Ferne, dann kehrte wieder Stille ein. Trotzdem wartete er noch volle zehn Minuten, bis er sich ins Freie wagte.
Arcturus befühlte seinen Rucksack und überlegte, ob er alles dabeihatte. Weglaufen war nicht einfach, wie er aus bitterer Erfahrung wusste. Als er noch klein war und im Armenhaus lebte, waren ständig Kinder weggelaufen. Jedes Mal kamen sie ein paar Tage später zurück, ausgehungert, verprügelt oder Schlimmeres.
Für unterernährte Kinder ohne Bildung gab es keine Arbeit. Sie konnten nirgendwo hin. Zog er einfach aufs Geratewohl los, würde er betteln müssen und dann ein paar Tage später reumütig zurückkehren – wie so viele andere. Oder er käme wieder ins Armenhaus. In die Hölle auf Erden.
Er kniete sich ins Stroh und ging ein letztes Mal sein Gepäck durch. Zweiundvierzig Schillinge, angespart aus Almosen und dem Trinkgeld, das er über die Jahre bekommen oder auf dem Boden gefunden hatte. Damit würde er wenigstens ein paar Wochen durchkommen, bis er neue Arbeit fand.
Außerdem besaß er einen dicken Pelz, den ein fahrender Händler wegen des Weinflecks darauf weggeworfen hatte. Für Arcturus’ Zwecke genügte dieser Pelz vollauf; Hauptsache, der hielt ihn warm, wenn er draußen schlafen musste. Dann war da noch ein Messer, das er unter hohem Risiko aus der Küche gestohlen hatte. Zur Verteidigung gegen Räuber schien es ihm zwar kaum geeignet, aber Arcturus fühlte sich einfach sicherer damit. Dazu hatte er noch zwei Kerzen, einen Laib Brot, gepökeltes Schweinefleisch und Ersatzkleidung, das war’s. Gerade genug, um eine Chance zu haben.
Das Wiehern eines Pferdes ganz in der Nähe erinnerte Arcturus daran, warum er sich gerade für diese Nacht entschieden hatte. Eine so gute Gelegenheit hatte sich ihm noch nie geboten: Vor ein paar Stunden war ein junger Adliger eingetroffen. Vollkommen erschöpft von seinem langen Ritt hatte er nicht einmal die Taschen vom Sattel genommen, sondern Arcturus die Zügel schnell in die Hand gedrückt und sich dann ins Gasthaus geschleppt, um sich ein Zimmer für die Nacht zu nehmen.
Arcturus wusste, wohin der Junge unterwegs war: zur Dämonenakademie, um die Kunst der Beschwörung zu erlernen, so wie alle Adelssprosse, sobald sie volljährig waren. Die Akademie befand sich in Corcillum, am anderen Ende Hominums. Mit ein bisschen Glück würde Arcturus in den Satteltaschen alles finden, was er für seine Reise brauchte. Ganz zu schweigen von den Wertsachen, die sich mit Sicherheit darin fanden.
Er schnalzte mit der Zunge, um den Hengst zu beruhigen, und kam langsam näher. Als Stalljunge konnte er gut mit Pferden umgehen, und wirklich: Sogleich beschnupperte der Hengst auf der Suche nach Essbarem seine Hand. Arcturus streichelte seine Schnauze, dann machte er die Satteltaschen los und ließ sie zu Boden fallen.
Eine gründliche Durchsuchung ergab, dass sie größtenteils leer waren. Kein Wunder, dass der Kerl sie nicht mit aufs Zimmer mitgenommen hatte. Arcturus’ Stimmung trübte sich ein wenig, aber am meisten war ohnehin das Pferd selbst wert. Er hatte schon viele gesehen, doch dieses hier war ein wunderschöner Hengst mit langen, kräftigen Beinen und hellen, klugen Augen. Auf seinem Rücken würde er jeden Verfolger abhängen, seien es Räuber oder gar Pinkertons – das war die Polizei Hominums, die sich nicht zu schade war, flüchtige Waisenkinder wieder einzufangen, wenn nur die Belohnung stimmte.
Arcturus wühlte gerade das letzte Taschenfach durch, da bekam er einen Gegenstand zu fassen und lächelte. In der Dunkelheit konnte er ihn kaum erkennen, doch es fühlte sich wie ein aufgerolltes Stück Leder an. Er breitete es vor sich aus und fand ein Stück Pergament darin.
Eine schwarze Schrift zeichnete sich im Mondlicht ab, das durch die Fugen im Dach hereinfiel. Arcturus hob das Pergament auf und hielt es ans Licht. Er hatte im Armenhaus gerade mal ein Jahr Unterricht bekommen und war nicht besonders gut im Lesen. Allerdings ließen die Reisenden oft Bücher in ihren Zimmern liegen, mit denen er im Lauf der Jahre geübt hatte. Mittlerweile konnte Arcturus besser lesen als die meisten, musste allerdings immer noch laut mitsprechen.
»Do rah lo fah lo go …«, flüsterte er.
Die Silben ergaben keinen Sinn, trotzdem konnte Arcturus nicht aufhören. Seine Augen wurden wie magisch von den Buchstaben angezogen, und während er sprach, überkam ihn ein eigenartiges Gefühl. Zuerst wurde sein Geist schwerfällig wie von Alkohol, dann aber schärfte sich seine Wahrnehmung plötzlich von Sekunde zu Sekunde. Das Grau der Nacht schien heller zu werden, die Farben tiefer.
»Sai lo go mai nei go …«, ertönten die Worte, während seine Augen von Zeile zu Zeile sprangen, als hätten sie sich selbstständig gemacht.
Arcturus’ Herz schlug immer schneller, etwas regte sich in seinem Innern. Dann sah er ein Flackern in der Dunkelheit. Das ausgerollte Leder zu seinen Füßen begann violett zu leuchten, Muster zeichneten sich darauf ab. Aus dem Augenwinkel erkannte er die Umrisse eines Pentagramms mit sonderbaren Symbolen an jedem der fünf Spitzen. Das Leuchten pulsierte wie ein Herzschlag, begleitet von einem tiefen Summen.
Als er die letzte Zeile erreichte, erschien eine leuchtende Kugel in der Luft. Sie drehte sich um die eigene Achse und erstrahlte immer heller. Das Leuchten blendete Arcturus, das Brummen wurde zu einem Brüllen und dabei so laut, dass es in seinen Ohren schmerzte.
Arcturus sprach die letzten Worte, dann warf er sich auf den Boden und presste die Hände auf die Ohren. Eine glühende Hitze rollte über ihn hinweg, als liege er gleich neben einem großen Lagerfeuer. Dann verstummte das Geräusch mit einem Donnerschlag.
Die plötzliche Stille senkte sich wie eine Glocke über den Stall, das einzige Geräusch waren Arcturus’ abgehackte Atemzüge. Er presste die Lider aufeinander, so fest er konnte, und rollte sich zu einer Kugel zusammen. Arcturus wusste, er sollte seine Sachen packen und verschwinden, bevor jemand kam, aber eine lähmende Furcht hatte sich seiner bemächtigt. Wie steifgefroren lag er auf dem kalten Stallboden.
Der Hengst riss sich mit einem lauten Schnalzen von seinem Haltestrick los und galoppierte mit donnernden Hufen davon. Das Gleißen, die Hitze und der Lärm waren für das prächtige Tier zu viel gewesen. Als Arcturus begriff, dass seine letzte Hoffnung auf Flucht gerade durch die Stalltür entwischt war, schlug seine Angst in Verzweiflung um.
Da raschelte etwas in dem Stroh neben ihm. Er hörte ein leises Knurren und hielt den Atem an. Die Augen immer noch fest geschlossen, hielt er sich mucksmäuschenstill. Was auch immer das sein mochte, wenn er sich tot stellte, zog es vielleicht weiter und suchte woanders nach Beute.
Das Knurren wurde lauter. Es kam auch immer näher, bis Arcturus den heißen Atem der Kreatur in seinem Nacken spürte. Eine Zunge leckte ihm über die Wange und hinterließ eine Speichelspur auf seiner Haut. Arcturus spannte die Muskeln an und bereitete sich auf einen Kampf vor.
Mit einem Schrei sprang er auf und schlug sofort zu. Er spürte eine weiche, feuchte Schnauze unter seiner Faust und hörte, wie die Kreatur winselnd zurückwich. Mit neuem Mut schlug er gleich ein zweites Mal zu, und zwar so hart, dass das Vieh über den Boden geschleudert wurde. Dann ergriff es mit tapsigen Schritten die Flucht und fiel dabei fast über die eigenen Beine.
Arcturus griff nach seinem Beutel und rannte zur Stalltür. Das Gasthaus lag in vollkommener Stille, nichts rührte sich. Er grinste erleichtert. Es gab nach wie vor eine Chance. Mit etwas Glück war der Hengst noch nicht weit.
Doch als er den ersten Schritt in die Freiheit machte, überkam ihn ein eigenartiges Gefühl … von Schmerz und … Verrat. Arcturus schüttelte den Kopf und lief weiter, aber das Gefühl blieb. Es wurde sogar stärker.
Etwas regte sich am Rande seines Bewusstseins. Es rührte von dem Geschöpf her, als wäre es über eine unsichtbare...




