E-Book, Deutsch, Band 119, 100 Seiten
Reihe: Der neue Dr. Laurin
Maybach Das Erbe einer Großtante
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98936-929-0
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der neue Dr. Laurin 119 - Arztroman
E-Book, Deutsch, Band 119, 100 Seiten
Reihe: Der neue Dr. Laurin
ISBN: 978-3-98936-929-0
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Viola Maybach hat sich mit der reizvollen Serie 'Der kleine Fürst' in die Herzen der Leserinnen und Leser geschrieben. Der zur Waise gewordene angehende Fürst Christian von Sternberg ist ein liebenswerter Junge, dessen mustergültige Entwicklung zu einer großen Persönlichkeit niemanden kalt lässt. Viola Maybach blickt auf eine stattliche Anzahl erfolgreicher Serien zurück, exemplarisch seien genannt 'Das Tagebuch der Christina von Rothenfels', 'Rosenweg Nr. 5', 'Das Ärztehaus' und eine feuilletonistische Biografie. 'Der kleine Fürst' ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken.
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»Was? Die alte Schachtel ist endlich gestorben?«, rief Georg Unterwanger, ein entfernter Verwandter von Otto Bernhard, dessen sechzigster Geburtstag heute gefeiert wurde.
Georg liebte solche deftigen Aussprüche, er streute sie besonders gern vor Publikum sehr wirksam in seine Sätze ein. Seine Frau Marianne sah dann immer ganz peinlich berührt aus, sagte leise, wie auch jetzt: »Georg, bitte!«, und schloss dann, wenn er einfach weiterredete, kurz die Augen, als könnte sie sein Verhalten auf diese Weise ungeschehen machen.
Otto Bernhards Tochter Luisa beobachtete Marianne mit stiller Neugier. Warum hielt sie sich nicht einfach die Ohren zu, wenn sie doch nichts mehr hören wollte? Da! Jetzt schloss sie die Augen, weil Georg natürlich weitermachte, nun erst recht, er hatte schließlich auch schon einiges getrunken. Mit dröhnender Stimme rief er: »Die war doch stinkreich, oder? Hat sie euch wenigstens ordentlich was hinterlassen? Ich meine, wie viele Männer hat sie gehabt? Vier oder fünf? Und einer reicher als der andere, da müssen ja ganz schön viele Millionen zusammengekommen sein!«
Luisa begegnete dem Blick ihres Vaters. Otto zwinkerte ihr zu, er amüsierte sich über Georg, wie immer. Warum, hatte er Luisa und ihre Mutter einmal gefragt, sollte er sich über jemanden aufregen, den er sowieso nicht mehr ändern würde? Außerdem fand er, dass Georg, trotz seiner manchmal ordinären Sprüche, im Grunde ein guter Kerl war, wenn auch nicht ›die hellste Kerze auf der Torte‹.
An Georg schieden sich die Geister, das war schon immer so gewesen. Otto hatte noch hinzugesetzt: »Der wäre gern ein wichtiger und erfolgreicher Mann geworden, aber das hat nicht geklappt, also macht er auf andere Weise auf sich aufmerksam. Das ist nicht immer geschmackvoll, aber meistens doch recht lustig.«
»Nur nicht, wenn er betrunken ist«, hatte Luisas Mutter Ilona eingewandt. »Dann er ist er schlicht und einfach unausstehlich.«
»Da hast du Recht, aber das ist er ja nicht so häufig. Außerdem sehen wir ihn höchstens vier Mal im Jahr, und da ich sonst nicht gerade viele Verwandte habe, halte ich den Kontakt aufrecht zum Sohn der Schwägerin meiner Großmutter – oder so ähnlich.«
Sie hatten gelacht. Das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Otto und Georg war tatsächlich so kompliziert, dass Luisa es sich bis heute nicht merken konnte.
Sie ließ ihren Blick weiterwandern, weg von Georg und der peinlich berührten Marianne zu den Freunden, Bekannten und Nachbarn ihrer Eltern, die sich eingefunden hatten, um mit ihrem Vater diesen runden Geburtstag zu feiern. Es war, für einen solchen Anlass, eine eher kleine Runde, weil ihre Eltern große Feiern nicht mochten.
Sie hatten in ihr Haus eingeladen, sich das Essen liefern lassen, damit sie sich ganz ihren Gästen widmen konnten, und so war es ein schönes, harmonisches Fest.
»Luisa?«
Sie sah auf, neben ihr stand Marianne und lächelte schüchtern. »Lenk mich ab«, bat sie mit leiser Stimme, »Georg macht mich wieder einmal völlig verrückt.«
Luisa lachte. Sie mochte Marianne gern, vielleicht gerade, weil sie immer so verschämt war, wenn sich ihr Mann in ihren Augen danebenbenahm. Sie hatte sich schon manchmal versucht, vorzustellen, wie sie damit umgehen würde, wenn sie einen Mann wie Georg hätte. Aber es war ihr unmöglich, diese Frage zu beantworten, denn es war ja so: Auf gar keinen Fall würde sie jemals einen Mann wie Georg haben. Sie mochte Georg gern, wie ihr Vater, aber sie hätte mit jemandem wie ihm niemals zusammenleben können.
»Vielleicht«, sagte sie, »solltest du einfach anders damit umgehen. Du schämst dich jedes Mal, wenn er so laut wird, und du wünschst dich meilenweit weg. Aber er wird sich ja nicht mehr ändern, also ist es nur Kraftverschwendung, wenn du dich aufregst.« Sie zitierte, mehr oder weniger, ihren Vater, aber das konnte Marianne ja nicht wissen.
Marianne sah sie so verblüfft an, dass Luisa fragte: »Was ist? Findest du es ungehörig, dass ich so rede?«
»Nein, nein, im Gegenteil, ich finde es sehr klug. Wieso habe ich selbst noch nie so darüber nachgedacht?«
»Weil du damit beschäftigt warst, dich über Georg aufzuregen?«
Sie lachten beide, und wieder einmal dachte Luisa, dass Marianne richtig hübsch aussah, wenn sie so gelöst wirkte. Sie war Anfang fünfzig, ein wenig mollig, was gut zu ihr passte. Sie hatte sehr schöne dunkelblonde Haare, in denen sich erst einzelne silberne Fäden zeigten, und große blaue, immer ein wenig erstaunt in die Welt blickende Augen. Neben ihr sah Georg, auch das dachte Luisa nicht zum ersten Mal, ziemlich alt aus, dabei war er sogar ein Jahr jünger als Marianne.
»Du siehst toll aus in dem grünen Kleid«, sagte sie.
Marianne errötete vor Freude. »Das hat Georg auch gesagt«, gestand sie.
Als sie zu ihrem Mann zurückkehrte, sah Luisa ihr nachdenklich hinterher. Marianne fand das Benehmen ihres Mannes manchmal schrecklich, aber es gab keinen Zweifel daran, dass die beiden sich immer noch liebten.
Jemand drängelte sich durch die kleinen Gruppen, die überall im weiträumigen Wohnzimmer ihrer Eltern saßen und standen, zu Luisa durch.
»Niko!«, rief sie erfreut, sprang auf und fiel ihm um den Hals. Niko Wellendorf hatte früher in der Nachbarschaft gewohnt, er war ein Jahr älter als sie und so etwas wie ihr selbsternannter Beschützer gewesen. Sie hatte sich immer einen großen Bruder wie ihn gewünscht, er hatte diese Rolle mit Freuden übernommen. Später hatten sich ihre Wege getrennt, er war ins Ausland gegangen, aber wann immer sie sich heute trafen, freuten sie sich und redeten bald ›von den alten Zeiten‹ – worüber sie spätestens, wenn es ihnen bewusst wurde, von Herzen lachten.
Niko hatte, zu seinem Leidwesen, irgendwann aufgehört zu wachsen, während Luisa weiter in die Höhe geschossen war. Heute überragte sie ihn um einen Kopf, was ihn nicht daran hinderte, sie weiterhin »Kleine« zu nennen. Er hatte pechschwarze Haare und fast schwarze, kluge Augen in einem Gesicht mit scharfem Profil. Obwohl er eben nicht gerade groß war, schien er, nach allem, was Luisa mitbekommen hatte, bemerkenswerten Erfolg bei Frauen zu haben, auch solchen, die ihn überragten, was sie für ihn freute. Nur hatte er die Richtige offenbar noch nicht gefunden, denn er war, wie sie selbst auch, noch immer Single.
»Na, Kleine? Schön dich zu sehen«, sagte er, während er sie ebenfalls umarmte.
»Endlich«, sagte sie, als er sie losließ und sie einen einigermaßen ruhigen Platz vor einem der großen Fenster gefunden hatten, die den Blick auf den Garten freigaben.
»Endlich – was?«
»Endlich jemand in meinem Alter, mit dem ich über andere Dinge reden kann als zum Beispiel über den Tod von Tante Alice.«
»Die sagenhaft reiche Großtante, die überall auf der Welt gelebt hat mit oft wechselnden Ehemännern und einem sich stetig vergrößernden Vermögen?«, fragte er.
»Genau die!«
»Von der war ja schon damals ständig die Rede, weißt du nicht mehr? Da lebte sie, glaube ich, gerade auf den Seychellen.«
»Später auf den Bahamas, in New York und Florida, auf Mauritius, in Südafrika oder Namibia, genau weiß ich das alles nicht mehr. Und eine Weile auch in einem Palast in Indien.«
»Hast du sie noch kennengelernt? Das war damals dein größter Wunsch.«
»Nein, habe ich nicht, leider. Meine Mutter übrigens auch nicht. Mein Vater hat sie als junger Mann das letzte Mal gesehen, danach hat sie ihr unstetes Leben begonnen und ist nie mehr nach Europa zurückgekehrt. Sie war auch kein Familienmensch, jedenfalls hat mein Vater das immer gesagt, aber sie hat uns viele Ansichtskarten geschrieben, die hat er aufbewahrt. In den letzten Jahren hat sie seltener geschrieben, das mit den Karten ist ja auch ein bisschen aus der Mode gekommen. Außerdem war sie auch schon über neunzig, ihre Schrift sah zum Schluss ein bisschen zittrig aus. Aber irgendwie war ich immer in dem Glauben, dass sie unsterblich ist. Sie schien … unverwüstlich zu sein. Also: Ich kenne sie, wie damals, nur von Fotos, auf denen sie aussah wie ein Filmstar.«
»Die hast du mir damals gezeigt, daran erinnere ich mich auch noch. Ich habe vorhin jemanden sagen hören, dass dein Vater jetzt den unermesslichen Reichtum seiner Tante erben wird, weil es niemanden sonst gibt.«
»Glaub nicht alles, was du hörst«, sagte Luisa. »Mein Vater denkt, dass er keinen Cent erbt.«
»Aber wieso denn nicht?«
»Er sagt, sie war schon als junge Frau sehr eigensinnig, und sie hatte eben wenig Familiensinn, also nimmt er an, dass sie alles an irgendwelche Vereine oder Stiftungen vererbt. Außerdem: Du kennst ja meine Eltern. Die haben alles, was sie brauchen, sie sehnen sich nicht nach mehr Geld.«
»Und du?«
Luisa lächelte ein verträumtes Lächeln, während sie sich mit beiden Händen die widerspenstigen braunen Locken aus dem Gesicht strich. Ihre braunen Augen mit den kleinen grünen Einsprengseln leuchteten, als sie sagte: »Ich würde wahnsinnig gern viel Geld erben, denn dann könnte ich das Haus für vernachlässigte Kinder eröffnen, von dem ich so sehr träume.«
Niko schüttelte den Kopf und erwiderte ihr Lächeln. »Immer noch?«, fragte er. »Ich glaube, darüber hast du schon mit elf oder zwölf gesprochen, als dieses Mädchen in eure Klasse kam, weißt du noch? Die wurde von ihren Eltern geschlagen und bekam nichts zu essen, wenn sie etwas getan hatte, was den beiden nicht passte. Die Lehrer hatten die Eltern erst überzeugen müssen, dass die Tochter unbedingt aufs Gymnasium gehen sollte, weil sie so begabt war. Ich glaube, später ist sie in eine Pflegefamilie...




