E-Book, Deutsch, Band 135, 100 Seiten
Reihe: Der neue Dr. Laurin
Maybach Inferno der Nacht
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98986-824-3
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der neue Dr. Laurin 135 - Arztroman
E-Book, Deutsch, Band 135, 100 Seiten
Reihe: Der neue Dr. Laurin
ISBN: 978-3-98986-824-3
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Viola Maybach hat sich mit der reizvollen Serie 'Der kleine Fürst' in die Herzen der Leserinnen und Leser geschrieben. Der zur Waise gewordene angehende Fürst Christian von Sternberg ist ein liebenswerter Junge, dessen mustergültige Entwicklung zu einer großen Persönlichkeit niemanden kalt lässt. Viola Maybach blickt auf eine stattliche Anzahl erfolgreicher Serien zurück, exemplarisch seien genannt 'Das Tagebuch der Christina von Rothenfels', 'Rosenweg Nr. 5', 'Das Ärztehaus' und eine feuilletonistische Biografie. 'Der kleine Fürst' ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken.
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Leon Laurin sah Annegret Möhring, die sehr aufrecht vor seinem Schreibtisch saß, fragend an. Normalerweise wäre sie jetzt aufgestanden und hätte sich verabschiedet, doch sie blieb sitzen. Ihre Untersuchung hatte, wie bei ihr üblich, nichts Beunruhigendes ergeben. Sie gehörte zu der Minderheit seiner Patientinnen, die auf die Frage: »Wie geht es Ihnen?«, stets mit einem Lächeln und der Versicherung: »Sehr gut, danke«, antwortete. Sie sagte das nicht nur so, es entsprach der Wahrheit, jedes Mal.
Annegret Möhring war Anfang sechzig, glücklich verheiratet, sie hatte drei Kinder und sieben Enkel. Sie arbeitete halbtags in einem Musikarchiv, hatte einen großen Garten, in dem sie mit Hingabe arbeitete, und sie war eine leidenschaftliche Gastgeberin. »Meinem Mann wird das manchmal zu viel«, hatte sie Leon bei ihrem vorigen Besuch lächelnd verraten. »Der hat auch ganz gern mal seine Ruhe, und wenn ich dann vorschlage, dass wir am Wochenende ein paar Leute zu uns einladen, stöhnt er und fragt: ›Muss das denn schon wieder sein?‹ Ich sage dann immer: ›Ja, unbedingt‹, und dann gibt er nach. Wenn die Gäste da sind, freut er sich, und hinterher sagt er immer: ›Gut, dass du dich durchgesetzt hast, das war ja wieder ein sehr schöner Abend.‹ Aber beim nächsten Mal macht er das gleiche Theater wie immer.«
Sie hatten beide herzhaft lachen müssen.
Jetzt sagte Leon: »Sie haben noch etwas auf dem Herzen, Frau Möhringer.«
»Ja, habe ich, ich suche nur nach dem richtigen Einstieg, weil ich nämlich eine Bitte an Sie habe, Herr Doktor. Die Bitte gilt nicht meinem Gynäkologen, sondern dem Klinikchef.«
»Muss ich mich fürchten?«
Sie lachte. »Natürlich nicht. Also, Sie wissen ja, dass ich in einem Musikarchiv arbeite.«
»Ja, das weiß ich.«
»Wir haben natürlich auch Kontakt zu Musikerinnen und Musikern, und irgendwann bin ich gefragt worden, ob ich nicht mitmachen möchte bei einem Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, jungen Künstlerinnen und Künstlern zu Auftritten zu verhelfen. Der Verein finanziert sich durch Spenden von Privatleuten oder auch Firmen, auch die Auftritte finden meistens im privaten Rahmen oder in Firmengebäuden statt – in Wohnungen oder Versammlungsräumen, im Sommer auch in Gärten. Neuerdings arbeiten wir auch mit der Stadt zusammen, so haben wir zum Beispiel ein Konzert für Wohnungslose in einer Kirche organisiert, und wir waren auch schon in städtischen Einrichtungen, zum Beispiel in Kindergärten.«
»Ich ahne, worauf Sie hinauswollen«, sagte Leon. »Und ganz spontan fällt mir dazu ein, dass ich mir ein lustiges Konzert für unsere schwerkranken Kinder sehr gut vorstellen kann.«
»Wirklich?« Annegret Möhring strahlte über das ganze Gesicht.
Wieder einmal dachte Leon, dass es Vorteile hatte, eine Klinik zu leiten. Er war Chef der Kayser-Klinik geworden, als sich sein Schwiegervater Joachim Kayser, der Gründer der Klinik, in den Ruhestand zurückgezogen hatte. Zu Beginn hatte er vor allem die Befürchtung gehabt, die Leitungsaufgaben würden ihn allzu sehr von seiner eigentlichen Arbeit fernhalten, der medizinischen nämlich. Er war Chirurg und Gynäkologe, und beide Fachgebiete liebte er und wollte sie auf keinen Fall zugunsten der Führungsposition aufgeben. Aber im Laufe der Zeit hatte er herausgefunden, dass er das auch gar nicht musste. Er hatte einige Aufgaben an zuverlässige Angestellte abgegeben, und er hatte gelernt, die Freiheit, die ihm der Chefposten bot, für eine stetige Verbesserung der Klinik zu nutzen.
Dieses Gespräch jetzt, dachte er, konnte er nur deshalb führen, weil er, wenn er es für richtig hielt, ganz allein entscheiden konnte und wann immer es sich als nötig erwies, tat er das auch. Was diese Konzerte betraf, war er freilich sicher, dass es ihm gelingen würde, seinen Finanzchef dafür zu gewinnen, sodass er nicht gegen ihn würde entscheiden müssen.
»Ja, wirklich«, sagte er. »Aber natürlich kann auf einer Station kein großes Orchester auftreten, das ist Ihnen klar?«
»Oh, große Orchester vermitteln wir auch gar nicht. Bei uns treten ein paar wenige Solisten auf, ansonsten sind es in der Regel drei bis maximal fünf Leute. Es gibt ein paar reine Gesangsgruppen, aber meistens sind es kleine Kammermusikgruppenorchester. In den letzten Jahren sind auch immer mehr ausländische Künstlerinnen und Künstler dazugekommen, vor allem aus Europa.«
»Bleiben wir doch mal bei meiner ersten Idee: ein Konzert bei den schwerkranken Kindern. Was könnte das sein?«
Annegret Möhringer strahlte wieder. »Ich habe ein Gesangsquartett, das ich schon seit ein paar Monaten vermittele. Vier junge Männer, die einfach alles können: Heiteres und Besinnliches, Leises und Lautes, Rhythmisches und Getragenes. Sie haben sehr lustige und unterhaltsame Lieder in ihrem Repertoire, was ja für kranke Kinder und deren Eltern vermutlich das Richtige wäre.«
»Mein kleiner grüner Kaktus?«, fragte Leon. »Das ist das Einzige, was mir dazu einfällt.«
»Ich glaube, das singen sie nicht so gern, einfach weil es so bekannt ist, dass sie es schon wieder ein bisschen langweilig finden – also, als Vortragende. Aber so in der Art dürfen Sie es sich vorstellen. Und zufällig weiß ich, dass sie auch Lieder speziell für Kinder im Programm haben. Übrigens auch Schlaflieder, falls das Konzert abends sein sollte.«
»Die Idee gefällt mir«, sagte Leon nachdenklich. »Wir als Klinik würden also in diesem Fall die Musiker bezahlen?«
»Ja. Es ist, gemessen an sonstigen Gagen, ein eher bescheidener Betrag, der anfällt, die jungen Leute sind ja auch noch in der Ausbildung. Aber so können sie wichtige Erfahrungen bei Auftritten sammeln, und sie bereiten den Menschen, die ihnen zuhören, einen schönen Nachmittag oder Abend.«
»Wir machen das, Frau Möhring, auf jeden Fall mit den Kindern, aber ich rede auch noch einmal mit ein paar Kollegen, wie die das sehen. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass so etwas auch auf der Inneren oder der Chirurgischen Station eine schöne Abwechslung für die Patientinnen und Patienten wäre.«
»Ach, ich hatte gehofft, dass Sie das sagen, Herr Doktor! Für mich ist es immer noch nicht leicht, solche Gespräche zu führen. Manche Menschen reagieren sofort mit so viel Ablehnung, und ich bin die Rolle der Bittstellerin nicht gewöhnt.«
»Sie sind keine Bittstellerin, so dürfen Sie sich nicht sehen. Sie vermitteln jungen Menschen Möglichkeiten, Erfahrungen zu sammeln – und denen, die ihnen zuhören, vermitteln Sie schöne Erlebnisse. Das ist etwas ganz anderes.«
»Das sagen Sie, es gibt aber genügend Leute, die mich behandeln, als hätte ich sie angebettelt. Und letzten Endes will ich ja auch Geld von ihnen.«
»Aber nicht für sich selbst, sondern für andere, die dafür auch etwas leisten«, sagte Leon energisch. »Das hat mit betteln nichts zu tun! Also, wie machen wir jetzt weiter?«
»Ich lasse Ihnen die nötigen Unterlagen zukommen, Sie sagen mir ein paar passende Termine, davon suchen wir einen aus, und dann probieren wir es.«
»Das klingt wie ein guter Plan«, erklärte Leon zufrieden.
Annegret Möhring stand auf. »Ich danke Ihnen«, sagte sie, drückte ihm kräftig die Hand und verließ sein Sprechzimmer.
Sie war Leons letzte Patientin vor der Mittagspause gewesen. Er machte sich also umgehend auf den Weg ins klinikeigene Restaurant, das mittags als Kantine diente. Das war eine seiner Großtaten als Klinikleiter gewesen: die Wiedereinrichtung einer eigenen Küche, mit einem hoch dekorierten Koch an der Spitze. Seitdem schwärmten nicht nur die Angestellten vom Klinikessen, sondern auch die Patientinnen und Patienten. Tatsächlich ließ sich die Auswirkung der schmackhaften und gesunden Verpflegung auch an den Genesungszeiten ablesen. Leon hatte schon immer gewusst, wie wichtig gutes Essen für die Gesundheit war – umso mehr wunderte er sich darüber, dass andere Krankenhäuser seinem Beispiel nicht folgten. Es war wohl vor allem eine Kostenfrage, aber er hatte auch den Verdacht, dass andere Klinikleitungen den Aufwand und die Arbeit scheuten, die eine solche Umstellung mit sich brachte – dazu gab es natürlich immer auch die Möglichkeit des Scheiterns. In der Kayser-Klinik war es dazu zum Glück nicht gekommen.
Im Restaurant traf er auf Timo Felsenstein, den Leiter der Notaufnahme, und Eckart Sternberg, den Chefarzt der Chirurgie. Die drei Männer verbrachten ihre Mittagspause gerne miteinander, nur war es leider nicht immer möglich.
Timo hatte an ihrem Stammplatz bereits auf sie gewartet, Eckart war offenbar auch gerade erst gekommen, er stand noch am Tisch, als Leon sich näherte.
Timo sprang sofort auf. »Da ist er ja!«, rief er. »Auf ins Gewühl!«
Die Schlange vor der Essensausgabe war tatsächlich schon recht lang, aber sie reihten sich ein wie alle anderen, und lange warten mussten sie dann auch nicht. Die Küche hatte die Essensausgabe sehr gut organisiert, das lief mittlerweile wie am Schnürchen.
Sie kehrten mit ihren vollen Tellern zum Tisch zurück. Kaum saßen sie, als Timo, der Jüngste der drei, auch schon fragte: »Und? Irgendwelche besonderen Vorkommnisse? Bei mir nicht, kann ich gleich sagen. Wir hatten einen ziemlich ruhigen Vormittag.«
»Wir auch«, sagte Eckart.
»Ich auch«, sagte Leon, »allerdings war jetzt gerade eine Patientin bei mir, die mir einen interessanten Vorschlag gemacht hat.«
Er berichtete also von Annegret Möhrings Anfrage und freute sich, als seine beiden Freunde und Kollegen ähnlich wie er selbst reagierten.
»Großartige Idee!«, sagte Eckart sofort.
»Finde ich auch«, meinte Timo, »auch wenn sie für die...




