E-Book, Deutsch, 244 Seiten
Reihe: Rocket Books
Melneczuk Thunder Rising
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-271-4
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 244 Seiten
Reihe: Rocket Books
ISBN: 978-3-95719-271-4
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stefan Melneczuk kam am Halloweentag 1970 zur Welt, schreibt seit 1985 dunkle Literatur und wurde mehrfach für seine Kurzgeschichten ausgezeichnet - unter anderem 1993 mit dem Literaturpreis der Stadt Hattingen. Seit 1998 erscheinen auch seine Bücher. Bei Lesungen zieht er alle Register - zwischen gepflegtem Horror und Melancholie, gewürzt mit schwarzem Humor. Gemeinsam mit dem Musiker Sascha Gutzeit zog er mit dem Live-Programm Leichen im Keller das Publikum beim Krimi-Festival Tatort Eifel in seinen Bann.
Autoren/Hrsg.
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Zweiter Teil
Auf der Suche
Chorus:
I feel at home!
Cause it’s my phone!
Dooot! Dooot! Dooot!
I’m lucky connected!
So lucky, lucky connected!
So luuuuucky!
So happy, happy, happy!
Dooot! Dooot! Dooot!
Dooot! Dooot! Dooot!
THE HAPPY FROGS
(„Lucky Connected – The Smartphony!“)
00:22
Kai ist besser zu Fuß als gedacht. Er zieht es vor, auf den ersten Kilometern die Straßen ins Tal zu meiden, wenn es eben geht. Früher oder später wird er jemandem begegnen, der dem Einschlag entgangen ist. Oder jemandem, den es erwischt hat – ohne Warnung. Kai hat das Spaltbeil aus der Garage mitgenommen. Das Ding ist so gut wie neu und hat eine scharfe Klinge. Für den Fall der Fälle. Wenig später steigt er über einen Weidenzaun, um einen Abstecher in den Wald zu machen. Kai muss zu den beiden Hubschraubern. Die Wracks liegen irgendwo da vorne. Kai hofft, dass keine Telefonisten dort sind. Und vor allem keine Plünderer. Er hört Carola in seinen Gedanken, als er die ersten Baumreihen hinter sich lässt und durch dichtes Laub stapft. Kai! Bist du verrückt? Weg hier! Sofort!
Kai hört irgendwann nicht mehr hin. Was Carolas Freundinnen jetzt wohl machen? In der Zeit, bevor die Smartphones böse wurden, hat sie in ihrer Mädels-Gruppe Stunde um Stunde am Telefon verbracht und eine Nachricht nach der anderen verschickt. Ob Sabine, Dana und Stefanie jetzt auch in Sicherheit sind und sich zu Hause verbarrikadiert haben? Sabine war schon immer ein Emoticon-Junkie. Und ganz vorne dabei im Zeichen des Apfels. Und sie hat Carola gerne ihre aufgetragenen Telefone überlassen – zum Freundschaftspreis. Ob Sabine noch am Leben ist? Oder hat es sie erwischt, als sie wieder mal eines ihrer Dauertelefonate mit Jan, Patrick, Sven oder Boris geführt hat, um ein Date klar zu machen? Nichts Ernstes, Leute! Ich weiß schon, wann es gut ist. Im Moment genieße ich einfach meine Freiheit, okay?
Mit einem Mal ist sich Kai ganz sicher, dass es Sabine erwischt hat, mit voller Wucht. Ob sie sich auch in die Hosen gemacht hat, als das Blinken über sie gekommen ist? Kai muss wissen, was aus den beiden Militärhubschraubern geworden ist, die nach dem Einschlag hier runtergekommen sind. Kai muss wissen, ob jemand den Crash überlebt hat.
Vom ersten NH 90 ist kaum noch etwas übrig. Wie die zweite Maschine – sie hat es tiefer in den Wald geschafft – hat auch dieser Transporthubschrauber beim Absturz eine Schneise zwischen die Bäume gepflügt und bis zum Aufschlag in einem Bachbett mehrere Eichen gefällt. Die Trümmer liegen überall verstreut. Aus einigen dringen dünne Rauchschwaden. Kai beobachtet das Wrack aus der Ferne. Er steht an einem Abhang und hat das Beil vor sich auf den Boden gelegt, um sein Fernglas mit beiden Händen scharfstellen zu können. Zwischen den Stahlwänden des Rumpfs glaubt Kai einen Toten in Uniform zu sehen. Der Mann liegt mit dem Gesicht nach unten im Bachwasser und hat keine Arme mehr.
Kai durchfährt ein Schauer, als er das Fernglas auf die Leiche richtet. Neben dem Trümmerfeld steckt eines der riesigen Rotorblätter wie ein abstraktes Kunstwerk. Eine verbogene Turnier-Lanze, die sich gelöst und in den Morast gebohrt hat. So steckt das Ding im Boden, ein Mahnmal, das einst einer fast zehn Tonnen schweren Hornisse gehört hat und jetzt nur noch Schrott ist. Überall liegt Papier im Wald verstreut, durchnässt und kaum noch als solches zu erkennen. Akten. Kai greift sich eines der Blätter, das in einem Strauch hängt, und betrachtet endlose Zahlenreihen. Akten. Viele, viele Akten. Weiß der Himmel, was die im Hubschrauber damit wollten. Kai spielt mit dem Gedanken, soviel Papier wie möglich einzusammeln und mitzunehmen, lässt es aber bleiben. Wir finden auch so heraus, was passiert ist.
Die zweite Maschine ist fast zwanzig Meter lang und fünf Meter hoch. Auf beiden Seiten des Hubschraubers ziehen sich Risse durch den Stahl. Alle Türen und Luken sind geschlossen. Diese Hornisse ist von innen ausgebrannt. Die beiden Toten hinter den Cockpit-Fensterrahmen tragen Pilotenhelme und sind bis zur Unkenntlichkeit verkohlt.
„Hallo?“, ruft Kai in den Wald. Er steht jetzt auf dem Stumpf einer Buche, die der Hubschrauber oder der Sturm der vergangenen Nacht gefällt hat. „Ist hier jemand?“
Keine Antwort. Kai wendet sich vom Wrack ab und stapft bergauf zur Straße zurück, den Geruch von verbranntem Gummi in der Nase.
Seine erste Begegnung der dritten Art hat Kai eine halbe Stunde später, bevor er die Häuser am Stadtrand erreicht. Vor ihm ist noch jemand auf dem Weg dorthin, schwerfällig und alles andere als gut sortiert. Wie alt der Mann ist, lässt sich noch nicht einmal schätzen. Er trägt ein zerrissenes T-Shirt und Jeans und geht nach vorne gebeugt wie ein großer, dürrer Büßer. So schlurft der Mann die Straße entlang und zieht ein Smartphone voller Schrammen hinter sich her. Das demolierte Telefon steckt auf einem verbogenen Selfie-Stativ, das aussieht wie ein moderner Wanderstab. Das Smartphone funktioniert schon lange nicht mehr. Der Mann nimmt erst von Kai Notiz, als er ihn überholt und dabei nicht aus den Augen lässt.
„Fatta! Fatta! Fatta!“, grüßt der Telefonist verschnupft und entblößt blitzblanke und einst gewissenhaft gepflegte Zähne. „Bildaaa!“ Das ramponierte Telefon kratzt über den Asphalt und ist fest mit dem Aluminiumstab verbunden. „Bildaaa!“
Kai zieht es vor, besser nichts zu sagen und auf dem Weg in die Stadt möglichst viele Meter zwischen sich und den Telefonisten zu bringen. Der Mann sieht aus wie ein Demenzkranker, der aus einem Heim ausgebüxt ist. Kai fragt sich, ob er wirklich das Beil benutzen würde, sollte der Mann ihn angreifen. Kai ist sich mit einem Mal sicher, dass er zuschlagen würde. Und das gefällt ihm nicht. Den da hat es einfach nur erwischt. Volltreffer. Sein Handy hat geklingelt. Er hat aufs Display geschaut, um zu sehen, wer ihn da anruft. Und dann war es auch schon um ihn geschehen.
Wenig später steht Kai vor der Leiche eines anderen Mannes. Mit gespreizten Beinen und dem Gesicht nach unten liegt er im Straßengraben. Nur einen Steinwurf entfernt, auf einem Stacheldrahtzaun, hocken zwei Raben, die hier gerade noch gespeist haben. Sie beobachten Kai und sehen zu, wie der Mensch einfach nur dasteht und den Blick nicht von seinem toten Artgenossen lassen kann. Die Raben fliegen erst fort, als sie den keuchenden Jogger erblicken, der eiligst die Stadt verlässt, schweißnass und in kurzer Hose. Einen Moment lang, eine furchtbare Sekunde lang, glaubt Kai einen Telefonisten auf sich zulaufen zu sehen. Aber dann ist da nur noch eine durchtrainierte Gazelle auf zwei Beinen, die möglichst viele Meter zwischen sich und die Geisterstadt bringen will. Der Jogger – ein drahtiger Kahlkopf – wirft Kai nur einen kurzen Blick zu und scheint sich zu fragen, warum er dem Toten zu seinen Füßen soviel Beachtung schenkt.
„Sie haben echt geglaubt, dass Sie die Welt retten?“ Ein Wunder, dass der Jogger diesen Satz so hinbekommt bei seiner Atemnot. Die quält ihn augenscheinlich so, wie es eine neunschwänzige Katze nicht besser tun könnte. Der Mann ist verrückt geworden bei klarem Verstand. „Sie haben das wirklich geglaubt, nicht wahr?“ Dann beantwortet der Jogger seine Frage selbst: „Es sind die Handys! Es sind die verdammten Handys!“
Fort ist er. Kai sieht dem irren Läufer nach und fragt sich, was den Mann da vorne noch von einem Telefonisten unterscheidet. Es sind die Handys! Kai ist froh, dass er das Beil bei sich hat.
00:23
Die Vorstadt ist menschenleer und still. Verlassene Autos, in denen vielleicht noch der Zündschlüssel steckt? Fehlanzeige! Überall stehen Wagen auf der Straße, zum Teil ramponiert wie die Familienkutsche der Sterns. Das einzige Auto mit Schlüssel ist ein verbeulter Ford Fiesta mit drei platten Reifen, eingedrücktem Motorraum und mit einer Frauenleiche auf dem Rücksitz, die Kai sich nicht näher ansehen will. Das Radio im Wagen rauscht im Strom der Frequenzen. Die Warnblinkanlage gibt nach dem heftigen Zusammenstoß mit einem Laternenpfahl am Straßenrand den Takt vor. Ihr Schein spiegelt sich in den Glasfassaden der Zweckbauten, die hinter verwaisten Firmenparkplätzen aufgereiht stehen wie moderne Tempelanlagen. Feierabend bis auf Weiteres. Hier arbeitet niemand mehr. Kai ist sich sicher, dass sich in einigen Bürohäusern immer noch Menschen aufhalten, die der Einschlag nicht erwischt hat. Menschen, die es vorgezogen haben, erst einmal in der Firma zu bleiben und abzuwarten, bis sich die Lage beruhigt hat. Langsam aber sicher ist die Sorge um Familien und Freunde zu Hause zu groß, um noch länger...




