E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Miklitz Naturraum-Pädagogik
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-451-83549-0
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Pädagogische Ansätze in der Kita
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-451-83549-0
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In dieser vollständig überarbeiteten Neuausgabe führt Ingrid Miklitz praxisnah in die grundlegenden Ideen der Naturraum-Pädagogik in der Kita ein und zeigt wie pädagogische Fachkräfte Ihre Arbeit nach diesen Elementen ausrichten können.
Die Naturraum-Pädagogik nutzt den Wald und die Natur als Lernort, um ganzheitliche Bildungsprozesse in Gang zu setzen. Die Natur wird zum Antrieb für entdeckendes und eigenaktives Lernen mit allen Sinnen. Mit zusätzlicher Erweiterung um die Themen Klimawandel, Wetterextreme und Gefahrensicherung.
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1 Entstehung und Verbreitung der Naturraum-Pädagogik
1.1 Anthropologischer Exkurs: Die Macht der Gene – Steinzeit trifft auf Neuzeit
Unser Körper hat sich in den zurückliegenden 20.000 Jahren kaum verändert. „Die Steinzeit steckt uns in den Knochen“ titeln Professor Detlef Ganten u. a. in ihrem 2011 erschienenen Buch (vgl. Ganten u.a. 2011). Unsere Vorfahren waren gut zu Fuß. Sie legten am Tag ungefähr 20 Kilometer zurück, waren also mehrere Stunden auf den Beinen. Der Mensch musste laufen, um zu überleben. Jäger:innen und Sammler:innen litten fast nie an den heutigen Volksleiden Arthrose, Arthritis oder Osteoporose. Sie lebten gesünder als die späteren Ackerbauern. Der Mensch ist als Läufer geboren. Und dieses Erbgut tragen wir in uns. Unser Körper passt nicht in unsere heutige Lebensumwelt. Wir muten ihm Dinge zu, auf die ihn die Evolution nicht vorbereitet hat. Ein evolutionäres Erbe ist, dass Fett in den Zellen äußerst effektiv gespeichert wird. Ein Überangebot an „minderwertigen“ Nahrungsmitteln und mangelnde Bewegung sind die Hauptursachen für viele Krankheiten.
„Bei Kindern wachsen die Wirbelkörper noch, und sie reagieren sehr empfindlich auf einseitige Belastungen“ (ebd., S. 94). Die Auswirkungen füllen die Praxen der Orthopäden. Unsere Kinder sitzen zu viel. Die Evolution hat unseren Körper auf ein Leben als „Vielsitzer“ nicht vorbereitet.
„Senk- und Plattfüße, die in fortgeschrittenem Stadium zu starken Schmerzen, Knie- und Rückenproblemen führen können, entstehen vorwiegend durch eine zu schwache Fußmuskulatur. Dies ist bei Kleinkindern zunächst normal, sie bewegen sich in den ersten Jahren auf Senkfüßen. Dann bleiben die Senkfüße bestehen oder verschlimmern sich gar zu Knick- oder Plattfüßen. Halten wir uns also an unsere Vorfahren, die ohne Schuhe auf Achse waren, und lassen unsere Kinder möglichst oft barfuß laufen – am besten in der Natur“ (ebd., S. 96).
Die folgende Gegenüberstellung war Teil der Ausstellung „Steinzeitkinder“ im Neandertal-Museum in Düsseldorf-Mettmann (2013). Die Ausstellung wurde von Linda Owen konzipiert.
| Steinzeitkinder | Unsere Kinder |
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| Ergänzung d. Verf.: Kinder helfen schon in jungen Jahren mit |
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Kinder haben in einem typischen Alltag zu wenig Bewegungsmöglichkeiten. Auf Spielplätzen sitzen Kinder im Sandkasten, auf Rutschen, Wippen oder Schaukeln. Kindergartenräume sind häufig so vollgestellt, dass raumgreifende Bewegungen nicht möglich sind. Erfahren Kinder wenig Bewegung, so vermissen sie diese irgendwann nicht mehr und verlieren durch ihre Umwelt das genetisch angelegte Bedürfnis nach Bewegung.
Organisierte Bewegungsabläufe (etwa in Turn-/Gymnastikräumen) sind kein Ersatz für die Spontaneität eigeninitiierter Bewegungen und Handlungen von im Naturraum agierenden Kindern. Standardisierte Umgebungsqualitäten wirken wie ein schleichendes Sedativum (Beruhigungsmittel). Kein noch so raffiniert ausgestalteter Spielplatz ersetzt zum Beispiel ein Waldstück mit Stöcken, Steinen, Bodenerhebungen und -vertiefungen, Bäumen, Baumstümpfen und vielem mehr. Je größer das Maß an vorgegebener Strukturiertheit durch Menschenhand, umso geringer die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zur Gestaltung von Bewegungsmodifikationen.
1.2 Gesamtgesellschaftliche Entwicklungen bereiten den Boden für eine neue Pädagogik
Spätestens mit Beginn der Ölkrise (ab 1973) geraten die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und ihre Endlichkeit in den Blickwinkel einer breiteren Öffentlichkeit. In den 1980er-Jahren rüttelt das Schlagwort „Waldsterben“ die Menschen auf. Luftschadstoffe wie Stickoxide und Schwefeldioxid bedrohen Europas Laub- und Nadelbäume. Ein großflächiges Baumsterben im Harz und Erzgebirge setzt die Politiker unter Zugzwang. Die Bevölkerung entwickelt ein Bewusstsein für den Wert der Natur und für deren Bedrohung.
Im Frühjahr 1985 rüttelt ein Artikel in der Zeitschrift „Nature“ die Öffentlichkeit wach: „Starke Verluste des Gesamt-Ozons in der Antarktis“ lautet die Schlagzeile (vgl. Deutschlandfunk 2010). Über dem Südpol entdecken britische Forscher:innen ein riesiges Loch in der schützenden Ozonschicht. Die schiere Größe (so groß wie die gesamte Antarktis) sensibilisiert die Menschen für die Umweltfolgen gefährlicher Emissionen ( meint „Ausstoß“; im Allgemeinen die Aussendung/Austragung von Störfaktoren in die Umwelt). Dazu kommt das Wissen um eine zunehmende globale Vermüllung des Planeten Erde. Schlagworte wie „Wegwerfgesellschaft“ und „Umweltsünder“ befördern Entwürfe neuer Lebenskonzepte. 1981 ist das Jahr, in dem in der Bundesrepublik die Friedensbewegung wächst. Immer mehr Menschen fürchten sich vor einer Spirale des Rüstungswettlaufs. Die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl (Ukraine) im April 1986 zerstört das Vertrauen in die Zukunftstauglichkeit von Atomkraftwerken. Das Unglück sensibilisierte viele Menschen für die globalen Auswirkungen und Abhängigkeiten in der Welt (vgl. ebd.).
Veränderte Kindheit
Die Marburger Universität gibt den ersten „Jugendreport Natur“ (vgl. Natursoziologie.de o. A. a) in Auftrag. Er erscheint 1997. Die Autor:innen des Jugendreports stellen unter anderem eine weitverbreitete jugendliche Naturentfremdung fest, die mit einer Naturverklärung einhergeht. In der Befragung von jeweils 1.200 hessischen Schüler:innen der Klassen 6, 9 und 12 (2002) und 1.200 Schüler:innen der Klassen 6 und 9 aus Bayern, Hessen und NRW wurde festgestellt, dass die Befragten Folgendes nicht benennen konnten:
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? 44 Prozent die Früchte von Buchen (häufigster Laubbaum in Deutschland)
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? 62 Prozent die Früchte des Kakaobaums (Basis des Schokoriegels)
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? Mehr als die Hälfte der Schüler:innen in Nordrhein-Westfalen weiß nicht, dass Rosinen getrocknete Trauben sind.
Im Gegensatz dazu haben die jungen Menschen ein überzogen idealisiertes Bild der Natur. 70 Prozent sehen in ihr die Harmonie schlechthin und bewerten alles, was natürlich ist, auch als gut. 80 Prozent bejahen Naturschutzgebiete und finden, dass das Wild seine Ruhe braucht. 90 Prozent geben an, ohne Natur nicht leben zu können. 80 Prozent der Jugendlichen glauben, dass Tiere eine Seele haben (Bäume: 40 Prozent) (vgl. ebd.).
Das rudimentäre Wissen über die Natur steht in einem gewissen Gegensatz zum Wunsch, sich für die Belange des Naturschutzes einsetzen zu wollen. Der Artenschutz wird befürwortet bei gleichzeitiger mangelhafter Artenkenntnis. Verdrängt wird das Thema Natur/Wald als Wirtschaftsfaktor. Nachfolgestudien des Jugendreports Natur belegen die Tendenz zur Naturentfremdung bei der heranwachsenden Generation (vgl. ebd.). Der 7. Jugendreport Natur (2016) titelt „Natur Nebensache?“ (Natursoziologie.de o. A. b). In der Grundauswertung (Schwerpunkt Wald) kommt man zu dem interessanten Ergebnis, dass die Wohnlage der Kinder keine große Rolle spielt. Naturentfremdung kann auch auf dem Lande stattfinden.
Die „Waldmoral“ ist geprägt durch eine einseitige, nach...




