Mühl | Die alten Soldaten | Buch | 978-3-935421-22-5 | www.sack.de

Buch, Deutsch, 216 Seiten, PB, Format (B × H): 135 mm x 215 mm

Mühl

Die alten Soldaten


Erscheinungsjahr 2009
ISBN: 978-3-935421-22-5
Verlag: Nordpark

Buch, Deutsch, 216 Seiten, PB, Format (B × H): 135 mm x 215 mm

ISBN: 978-3-935421-22-5
Verlag: Nordpark


Sie haben sich eingerichtet im Leben danach, die alten Soldaten, doch nicht bei allen ist alles vorbei. Caspers bewegt sich durch ein gedämpftes Leben, eine unaufgeregte Karriere und durch die Erinnerungen, bis ihn in den späten 1960er Jahren Patrick, der Kommandant seines Kriegsgefangenenlagers, der zum Freund geworden ist, besucht, ihn und die alten Soldaten.
Niemand ahnt, dass es ein letztes Wiedersehen sein wird und ein neuer Aufbruch für Caspers.

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Zielgruppe


Leser mit Interesse für das Dritte Reich, die wissen wollen, wie junge Soldaten in den Krieg kamen und wie Diktatur und Kriegserlebnis ihr Leben beeinflusste.


Autoren/Hrsg.


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1964

Der Arzt in Tirschenreuth hatte lange nicht erkannt, dass die Mutter Krebs hatte. Er hatte nicht einmal den Darmverschluss mit seinen drohenden Konsequenzen diagnostiziert. Caspers wusste damals noch nichts darüber. Der Arzt kam zweimal in dieser entscheidenden Woche, meinte, das Fieber sei schon etwas zurückgegangen, und ging. Um einen möglichen Darmverschluss hatte er sich nicht gekümmert, obwohl er von den Bauchbeschwerden wusste.
Das Fieber blieb, auch ihr Gesicht behielt die rosige Färbung. Sie klagte nicht, sie lächelte, wenn Caspers ins Schlafzimmer kam. Caspers ahnte zum ersten Male, dass sie diesmal sterben würde. Gedanken, die er vorher nie gehabt hatte, stellten sich zwischen den Augenblicken der Verzweiflung ein. Sie hat das Recht, zu sterben. Du darfst dich schon um ihretwillen nicht an sie klammern. Es ist nichts Ungewöhnliches, was da geschehen wird, es ist das Gleiche, was auch eines Tages mit dir passieren wird, auch du wirst sterben. Unerwartet brachte dieser Gedanke Trost, die Katastrophe wurde überschaubarer. Für Caspers war es dennoch immer noch unmöglich zu glauben, was da geschah.
Schließlich veranlasste der Arzt die Einweisung ins Krankenhaus. Das geschah am Morgen. Als sie dort in ihr Zimmer gefahren worden war, traten ihr Mann und ihr Sohn zu ihr. Wieder lächelte sie. Sie war den Ärzten dankbar.
"Hier fühle ich mich sicher", sagte sie zufrieden.
Mittags wurde sie operiert. Vater und Sohn warteten in der Nähe des Operationssaales, bis sie herausgefahren wurde. Während man sie über den Gang schob, trat der Arzt zu den beiden Männern.
"Wie lange noch?"
"Vielleicht einige Stunden, vielleicht ein Tag", war die Antwort.
Nachmittags erwachte sie langsam. Mann und Sohn saßen an ihrem Bett. Sie habe keine Schmerzen, sagte sie, und zur Schwester: "Bringen Sie meinen Männern doch etwas zum Trinken."
Der Arzt hatte den beiden gesagt, man habe ihr ausreichend Schmerzmittel gegeben. Vielleicht half ihr das bei ihrem Lächeln, unter dem die nächsten Stunden verflogen.
Sie saßen stumm an ihrem Bett.
Neben Willy Caspers der alternde Vater, der das Licht seines Lebens verlieren sollte, der jetzt nichts mehr hatte als die dürftige Solidarität seines Sohnes. Als sie zu atmen aufhörte, küsste Caspers sie auf die Stirn und sagte: "Liebe Mama."
Er meinte, sie hätte unmerklich gelächelt. Später dachte er, sie hat mich wirklich gehört, und ich hätte doch noch länger an ihrem Bett aushalten sollen. Jetzt ist eine andere Welt um mich herum. Sie war die Welt, die mich kannte, nur sie. Später las er irgendwann in einem Buch: "Den Tod seiner Mutter verwindet ein Mann nie."

Das Café in Friedhofsnähe war groß genug für die etwa zwanzig Trauergäste, Verwandte und Nachbarn, die sich zum Leichenschmaus versammelten. Der Sohn war nicht wirklich verzweifelt. Sie litt nicht mehr, sie und die beiden hatten keine Angst mehr, und beides hatte Willy Caspers immer am meisten für sie und sich gefürchtet. Es war geschehen, es musste sein.
Einer war dennoch hilflos und verzweifelt, der Vater. Caspers sah ihn in den nächsten Wochen täglich zum Friedhof gehen, traf ihn auch einige Male am Grab. Er saß auf einer Bank in der Nähe.
Mit ihm konnte er jedoch nicht über sie sprechen, sie trauerten getrennt. In irgendeinem Zusammenhang sagte der Vater einmal, er werde nie mehr einen solchen Menschen finden, und nie mehr werde er mit jemand so vertraut sein. Solche Worte hatte Willy Caspers in der Vergangenheit nie von ihm gehört.
Morgens lag der Vater lange im Bett, vergraben ins Kissen. Er wusste, wenn er den Kopf heben würde, würde es ihn wie ein Hammerschlag treffen: das fiebrige, rosige, haarschopfverklebte Gesicht war nicht mehr neben ihm, würde nie mehr dort sein. Die Welt hatte keinen Haltegriff mehr, er konnte nur noch ins Bodenlose stürzen.
Caspers hatte erlebt, wie die Eltern sich vor langen Jahren einmal gestritten hatten. Die Szene vergaß er nie. Der Vater war immer heftiger geworden, beschimpfte die Mutter, demütigte sie mit Worten. In diesen Augenblicken hatte sich Caspers geschworen, niemals im Leben in eine Situation zu kommen, in der er wie die Mutter jetzt von einem Menschen abhängig war und von ihm gedemütigt wurde, oder wo er vielleicht um Geld für sich, die Kinder oder den Haushalt bitten musste. Man durfte nicht heiraten. Dieser Entschluss begleitete ihn.

Am Morgen nach dem Aufstehen trat Caspers ans Fenster seines Zimmers im Bahnhofshotel und blickte hinaus in die Holz-, Sägewerk-, Wald- und Wiesenlandschaft. Er prüfte sich, wie er die Welt nach diesem Verlust ertragen würde. Da war auch ein Gefühl, jetzt habe er es hinter sich, den Verlust der Mutter; gestorben sei nun genug, jetzt müsse erst einmal für lange Zeit Ruhe einkehren. Oder doch nicht? Würde nicht auch für ihn diese unendliche ferne Zukunft, in der sein Tod ihn erwartete, Gegenwart werden? Auf dem Sterbebett, das aus dem Krankenzimmer gefahren wurde, in einen Abstellraum, und von da wieder hinaus in eine Welt, die schon eine Geisterwelt war, mit der lächelnden, weinenden Mutter am Ausgang. Und erst dieser Augenblick würde der Abschied von ihr sein.
Der Himmel hatte die Farbe hellblauer, blasser Tinte, dazwischen waren weißliche und graue Streifen. Wenn Caspers wollte, konnte er die Welt jetzt reinlich und einfach finden, vielleicht war sie sogar leichter zu ertragen als in der Zeit bei der sterbenden Mutter. Caspers war aus Bonn angereist, um in dieser Zeit bei seiner Mutter zu sein.

Nun waren es schon fast zwei Jahrzehnte, seit er die Heimatstadt verlassen hatte.
Im Krieg war Caspers Soldat gewesen, war lange fort, kam aus amerikanischer Gefangenschaft zurück, studierte, wobei er in Münster bei Onkel Moritz wohnen durfte. Er hatte studiert, von Onkel Moritz, dem Bruder der Mutter mit regelmäßigen Zahlungen unterstützt. In Münster hatte er Freunde gefunden.
Nach dem Studium hatte er Arbeit als Assistent und Sekretär bei einem Bundestagsabgeordneten bekommen. Das war ein armseliger Job, wohl nicht offiziell, aber der Abgeordnete war der Meinung, er tue schon sehr viel für den schüchternen, zartgliederigen jungen Mann, wenn er ihn in einem seiner Turmzimmer wohnen ließ (zu seinem Haus gehörte ein alter Turm), und vor allen Dingen, indem er ihn bei manchen politischen Gesprächen mit Parteifreunden zuhören ließ. So lernte er, wenn auch nur oberflächlich, in einem gänzlich anderen Umfeld zu leben und zu denken als bisher. Den Lehrerberuf, an den Caspers ursprünglich gedacht hatte, traute er sich nicht mehr zu. Bei aufsässigen Schülern wäre er hilflos verstummt, das ahnte er. Er war auch mit seiner jetzigen, sehr unselbstständigen Arbeit nicht zufrieden, aber er sah keine Alternative. Zwei Tage nach der Beerdigung fuhr er zurück nach Bonn.
In seinen oft ungewöhnlichen Arbeitsstellen, als Sekretär bei dem Bundestagsabgeordneten, als Hauslehrer bei den unerziehbaren Söhnen einer Essener Industriellen, und als Aushilfskraft in einem kleinen Antiquariat, verdiente er immer sehr wenig Geld, und schickte von dem wenigen Geld immer noch monatlich eine Rate an Onkel Moritz.
Wer manchmal mit seinen Briefen Leben von Caspers auftauchte, das war Patrick. Patrick, der freundlich lächelnde Camp Commander, der das Gefangenenlager bei den Niagarafällen kommandiert hatte; und der, inmitten der Kriegs-Düsternis, in Caspers die Hoffnung auf ein Leben erweckt hatte, das genau so freundlich lächelte wie er, der Kommandeur. Er hatte ihm schon kurze Zeit nach dem Krieg geschrieben, anscheinend hatte er sich aus dem Register im Camp die Privat-Adresse von Caspers und anderen notiert. Ein vorausschauender Mensch, hatte Caspers beim Empfang des ersten Briefes gedacht.
Patrick, der Lebenskünstler, wenn man seinen Briefen glauben konnte.
Caspers genoss seine Briefe. Patrick war in Mexiko, Patrick war in Ulan Bator, Patrick hielt Vorlesungen über irische Folklore - von dort kamen seine Vorfahren - Patrick hatte eine wundervolle Verlobte, Kathleen; Patrick war glücklich, wenn er mit seinen Studenten zusammen war, Patrick wollte mit der Theatergruppe ein neues Stück inszenieren. Caspers möge ihm dazu einen Rat geben, er schätze sein Wissen und sein Urteil sehr. Auch als Caspers seinen Eintritt ins Presseamt überlegte und in einem Brief erwähnte, man biete ihm dort durch Vermittlung eines Freundes eine Stelle an, äußerte Patrick in seinem Brief Zustimmung und Sympathie.
Er habe vorher nichts sagen wollen, aber jetzt sei es klar und erfülle seine kühnsten Hoffnungen, Caspers schlage den Weg ein, den er immer schon für ihn vorausgesehen habe. Der Aufstieg habe begonnen. Sein Herz sei bei dieser Nachricht vor Freude gehüpft. Patrick war immer begeistert, fand Caspers, ob er nun Anlass dazu hatte oder nicht.


Karl Otto Mühl wurde am 16.2.1923 in Nürnberg geboren. 1929 folgte der Umzug der Familie nach Wuppertal. Dort Ausbildung zum Industriekaufmann. muehl-jung1941 Kriegsdienst in Afrika, Gefangenschaft in Ägypten, Südafrika, USA, England.
Im Februar 1947 Rückkehr nach Wuppertal, wo er sich der Künstlergruppe 'Der Turm' anschließt, der auch Paul Pörtner angehört. Erste Kurzgeschichten werden 1947/48 veröffentlicht.
Am Carl-Duisberg-Gymnasium holt er 1948 das Abitur nach, danach Werbe- und Verkaufsleiter in Maschinen- und Metallwarenfabriken. Erst in der Mitte der 60er Jahre gelingt es ihm wieder, kontinuierlich zu schreiben. Zwischen 1964 und 1969 entsteht der Roman 'Siebenschläfer' (veröffentlicht 1975), mit den Theaterstücken 'Rheinpromenade', 'Kur in Bad Wiessee', 'Die Reise der alten Männer' gelingt ihm der Durchbruch.
Seitdem veröffentlichte Karl Otto Mühl dreizehn Theaterstücke, zahlreiche Fernsehfilme, Hörspiele und Romane.
Die Stadt Wuppertal verlieh ihm 1975 den Eduard von der Heydt Preis.



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