E-Book, Deutsch, Band 3, 480 Seiten
Reihe: Golden Hearts
Neumeier Painted Promises (Golden Hearts, Band 3)
2. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7320-2367-7
Verlag: Loewe Intense
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Finale der Golden Hearts-Trilogie - Enemies to Lovers zwischen Graffiti und Malerei
E-Book, Deutsch, Band 3, 480 Seiten
Reihe: Golden Hearts
ISBN: 978-3-7320-2367-7
Verlag: Loewe Intense
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marina Neumeier, 1995 in Erding geboren, studiert Kunstgeschichte in München und arbeitet in einem Auktionshaus. Sie ist eine begeisterte Leseratte, liebt es zu verreisen und nutzt jede freie Minute, um an neuen Ideen zu arbeiten. Die Love-Trilogie ist ihre erste New-Adult-Reihe. Weitere Informationen zur Autorin auf Instagram und TikTok unter @marina.writing
Autoren/Hrsg.
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Prolog
München, 2017 – Acht Jahre zuvor
»Mach schneller, Casper, ich glaub, ich habe was gehört.« Meine Stimme wird durch das Bandana gedämpft, das ich mir über Mund und Nase gebunden habe, und das metallische Klackern einer energisch geschüttelten Sprühdose scheppert unnatürlich laut in meinen Ohren.
»Scheiß dich nicht ein, Luis. Um diese Zeit kommt hier niemand vorbei.« Die Augen konzentriert über dem Rand seiner eigenen Gesichtsverhüllung zusammengekniffen, beugt sich mein bester Freund weiter vor. »Wann hörst du endlich auf, so ein Schisser zu sein?«
Sobald wir aufhören, uns nachts auf Fahrzeughöfe der Stadt zu schleichen und Busse zu besprühen, denke ich mir, sage es aber nicht laut. Casper hält mich ohnehin für ein Weichei, weil ich nie die Nerven behalte und meine Angst nicht ablegen kann, wenn wir so was wie heute abziehen. Ich will es nicht noch schlimmer machen und riskieren, dass er endgültig die Nase voll von mir hat. Meine ewige Vorsicht nervt ihn zu Tode.
Casper dagegen ist mühelos cool in allem, was er tut. Bricht Regeln mit einem Grinsen, schert sich nicht um die Konsequenzen und gehört eigentlich in die Liga Menschen, die niemals mit jemandem befreundet wären, der so lame ist wie ich. Und doch ist er seit Jahren mein bester Freund.
Im Grunde weiß ich, warum. Nur wegen der einen Sache, die wir gemeinsam haben und die uns zusammenschweißt: das Sprayen. Auch wenn wir dahin gehend unterschiedliche Ambitionen haben. Ich träume von großen Wandbildern oder Ausstellungen meiner Arbeiten, Casper dagegen jagt hauptsächlich dem Nervenkitzel und Fame auf der Straße hinterher. Verbotsschilder sind seine Eintrittskarten und Vandalismus die Luft, die er atmet. Wir entstammen der gleichen, vermögenden und hoch angesehenen Münchner Bubble. Beide zu Tode gelangweilt von der piekfeinen Konformität, in die sich Söhne aus bestem Hause einfügen sollen, um den Erwartungen gerecht zu werden. Erwartungen sind alles, das ist mir schon lange klar. Während ich den Drang, nicht bei meinen Eltern anzuecken, nicht ablegen kann, ist Casper unverhohlene Provokation. So mutig, so exzessiv, so durch und durch rebellisch, wie ich Muttersöhnchen es nie sein könnte. Aber er zieht mich mit und ich gehe in seinem Windschatten auf. Bekomme gerade genug von der strahlenden Aura ab, die ihn umgibt, um spannender zu glänzen. Auch wenn das, wie heute Nacht, bedeutet, für ihn der Checker zu sein und Schmiere zu stehen, damit er ein planloses Writing auf einen Bus der MVG sprühen kann. Zumindest sieht alles, was ich von seinem aktuellen Werk erkenne, ziemlich verschmiert aus. Was Casper an Skills mit der Dose fehlt, macht er durch seine Waghalsigkeit wieder wett und ich bin nicht hier, um zu judgen. Er arbeitet konstant an sich, will immer besser werden und es ist beschissen, dass ich mich ihm insgeheim künstlerisch und technisch überlegen fühle. Graffiti ist nicht gleich Graffiti und mit seinen Aktionen könnte ich trotz meines zeichnerischen Talents sowieso nicht mithalten. Was sind hübsche Farbverläufe und detailreiche Bilder, wenn Casper sich mit seinen riskanten Pieces an U-Bahnhöfen und Brücken schrittweise einen legendären Ruf in der Szene aufbaut? Und das mit sechzehn. Sein Sprayer-Pseudonym Hazard kommt nicht von ungefähr.
Angespannt lasse ich meinen Blick über den Fahrzeughof schweifen. Über etliche Reihen von Linienbussen, die hier für die Nacht oder zu Wartungszwecken geparkt sind. In die schattendunklen Schluchten zwischen den Fahrzeugen, in denen ich ständig das Licht einer Taschenlampe zu sehen glaube. Ein rasches, fernes Aufblitzen, als würde jemand durch die Reihen wandern, um auf dem gesamten Gelände nach dem Rechten zu schauen.
»Lina hat gesagt, sie geht auf ein Date mit mir, wenn ich ihr ein Beweisselfie von der Aktion schicke«, sagt Casper und hockt sich hin, um an Details neben dem Kotflügel des Vorderreifens zu arbeiten. Klicker-klicker-klicker-klicker. Das Schütteln der Dose klingt weiterhin unfassbar laut in der Stille der Nacht. Verräterisch laut.
Lina. Hinter ihr ist Casper schon ewig her, aber bisher hat sich die Prinzessin unseres Jahrgangs nie so richtig breitschlagen lassen, ihm ihre Gunst zu gewähren. Um sie zu beeindrucken, hat er sich zu immer extremeren Stunts hinreißen lassen. Anscheinend zahlen sich seine Bemühungen endlich aus.
»Weißt du, was der Hammer wäre?« Casper wirft mir einen kurzen Blick über die Schulter zu und an seinen zusammengekniffenen Augen erkenne ich, dass er mich angrinst. »Wenn du ein Porträt von ihr sprühen würdest, an eine krasse Stelle. An der Schule vielleicht.«
Die Aufmerksamkeit wieder wachsam auf das Gelände ringsum gerichtet, ziehe ich die Brauen hoch. »Und was soll das bringen? Ich will nichts von ihr.«
Mein bester Freund schnalzt mit der Zunge. »Natürlich nicht, Einstein. Wir setzen mein Tag darunter, damit sie denkt, dass es von mir ist.«
Okay? Ein seltsames, schweres Gefühl gesellt sich zu dem Unwohlsein, das in meinem Magen rumort, seit wir das Gelände über den Zaun betreten haben. Ich helfe meinem Kumpel, wo ich kann, stelle keine Fragen und mache jeden Scheiß mit – ob ich Schiss habe oder nicht –, aber dass er eine Arbeit von mir als seine ausgeben möchte? Um bei einem Mädchen Eindruck zu schinden? Das fühlt sich falsch an. Und natürlich habe ich nicht die Eier, um ihm das ins Gesicht zu sagen. Am Ende wendet er sich von mir ab und wer bin ich ohne Casper? Ein einsamer Niemand. Seit sie letztes Jahr ihren Abschluss gemacht hat, ist nicht einmal mehr meine große Schwester Lilli auf der Schule, mit der ich abhängen könnte, sollte Casper mich fallen lassen. Sie und ihre Freunde sind inzwischen an der Uni und können mich nicht mehr auffangen. Ohne meinen besten Freund habe ich niemanden. Deshalb gebe ich ein vages, zustimmendes Geräusch von mir und weiß, dass ich nicht widersprechen werde, sollte er diesen Plan ein weiteres Mal erwähnen. Lina auf eine Wand sprühen … Das könnte ich hinkriegen. Porträts von echten Menschen haben mich nie besonders interessiert, ich bevorzuge Dinge, die rein meiner Vorstellung entspringen und …
Da sind Stimmen. Erschrocken drehe ich mich um, in die Richtung, aus der ich definitiv knirschende Schritte und Männerstimmen gehört habe.
»Cas, pack zusammen, es kommt jemand!« Ich bücke mich, um ein paar seiner herumliegenden Dosen aufzuheben und sie in meinen Rucksack zu stecken, aber Casper tritt mir mit dem Fuß die Hand weg.
»Ich hau nicht ab, bevor ich fertig bin! Nur Loser bringen ein Piece nicht zu Ende.« Farbnebel zerstäubt sich in der Luft, als er mit schneller werdenden Bewegungen sprüht. Schüttelt, sprüht, schüttelt. Während ich unter Strom stehe, weil ich es hier keine Sekunde länger aushalte. Man wird uns erwischen. Meine Eltern werden erfahren, was ich abziehe, wenn ich nachts aus dem Haus schleiche. Dass ich Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung begehe, wenn sie denken, dass ich brav im Bett liege. Und Casper … Ich weiß, wie brutal sein Vater hinter der Saubermannfassade ist. Wie er ausflippen und die Kontrolle verlieren kann. Wenn ich mir vorstelle, was er tun würde, sollte sein Sohn von der Polizei nach Hause gebracht werden, rebelliert mein Magen.
Ich schaue mich um, ducke mich vorsichtshalber hinter die Motorhaube des Busses und höre, wie sie sich nähern, bevor ich sie sehe. Das charakteristische Rauschen eines Funkgeräts ertönt.
»Der Sicherheitsmann des Hofs hatte recht, hier sind welche. Zwei, soweit ich erkennen kann.«
Scheiße, scheiße, scheiße. Bullen. Mehr als einer. Mein rasendes Herz springt mir fast in die Kehle, so wild tobt es in meiner Brust. Der metallische Geschmack der Panik legt sich auf meine Zunge und lässt zu viel Speichel im Mund zusammenlaufen. Fuck.
»Wir müssen weg«, zische ich Casper zu. »Jetzt!«
Er wirft einen schnellen Blick hinter sich, macht aber keine Anstalten, seine Arbeit zu unterbrechen. Für ihn zählt nur, nicht unvollendeter Dinge zu gehen.
»Was macht ihr Wichser hier?«
Ich schrecke so heftig zusammen, dass mir kurz schwindelig wird, als plötzlich eine mir nicht unbekannte Stimme neben mir ertönt. Kein Sicherheitsmann, kein Bulle, sondern Bax, wie ich nach einer Schocksekunde erkenne. Er ist ein erfahrener Sprayer, schätzungsweise Anfang bis Mitte zwanzig, und sieht sich als unser Mentor. Wir begegnen uns immer wieder auf nächtlichen Touren und er hat Casper schon mehrmals die Leviten für sein unvorsichtiges Verhalten gelesen.
»Was willst du denn hier?«, faucht mein bester Freund.
»Bin eingestiegen, als ich das Blaulicht habe vorfahren sehen und wusste, dass ihr Vollpfosten was geplant habt. Komme ja gerade rechtzeitig. Ab dafür!«
Das muss er mir nicht zweimal sagen, doch Casper bleibt stur. »Ich muss fertig werden und das Selfie für Lina machen!« Unruhig schaut er sich um; die Stimmen der Polizisten kommen näher, aber wir haben noch eine Chance zu entwischen, wenn wir endlich gehen!
»Willst du wirklich für ’ne Chick ’ne Vorstrafe kassieren?« Bax klingt so schockiert, wie ich mich tief in meinem Innersten fühle. Casper kann so ein Sturkopf sein!
»Beeil dich«, dränge ich ihn, obwohl ich weiß, dass er in dieser Sekunde aufhören muss, falls er es wegschaffen will. Natürlich tut er das nicht. Er scheint mich nicht zu hören, sprüht verbissen weiter und mir bricht der kalte Schweiß aus. Die Loyalität zwingt mich dazu, an seiner Seite zu bleiben; der Schwur, den wir einander geleistet haben: immer zusammen. Bis zum bitteren Ende. Ganz egal, dass mich jeder Instinkt...




