E-Book, Deutsch, 130 Seiten
Nigg Mittendrin
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7562-8466-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 130 Seiten
ISBN: 978-3-7562-8466-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Tauchen Sie ein in das Tagebuch des Ethnologen Heinz Nigg und begleiten Sie ihn auf seiner Reise durch die Zeit nach der Pandemie. In "Mittendrin" ermutigt Nigg seine Leser*innen, ihre Umgebung aus neuen Blickwinkeln zu betrachten. Seine Worte sind eine inspirierende Aufforderung, eigene Überzeugungen zu hinterfragen und aktiv an einer positiven Zukunft mitzuwirken. Heinz Nigg ist ein Experte auf dem Gebiet der visuellen Anthropologie und der Oral History. Weitere Informationen zum Autor finden Sie auf seiner Wikipedia-Seite.
Seit den frühen 1980er Jahren ist Heinz Nigg freiberuflich als Ethnologe und Kulturschaffender tätig. Seine Schwerpunkte sind soziale Bewegungen, Videoarbeit mit Gruppen, Partizipation in der Stadtentwicklung und die Darstellung von Migrations- und Mobilitätserfahrungen durch Selbstzeugnisse. Heinz Nigg arbeitet vor allem mit Porträts, basierend auf der Methode der Oral History. 2017 kuratierte Nigg für das Schweizerische Nationalmuseum die Ausstellung Rebel Video über die alternative Videobewegung der 1970er- und 1980er-Jahre in der Schweiz und Grossbritannien. Er beschäftigt sich auch immer wieder mit Medienkunst und Fotografie. Heinz Nigg lebt in Zürich.
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April 22
Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg
Mit meiner Familie und Verwandten feierte ich den 96. Geburtstag meiner Mutter. Sie lebt in ihrer eigenen Wohnung, kauft ein, kocht und kümmert sich um den Haushalt. Vor ihrem Wohnzimmer liegt ein kleiner Garten, den sie liebevoll pflegt. Im Alter von 85 Jahren hat sie ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben, in der sie auch von der Angst vor dem Krieg erzählt und wie die elfköpfige Bauernfamilie aus Maienfeld, nahe der Grenze zu Österreich, ihre Flucht plante. Nach dem Geburtstagsessen las ich den Gästen einige Passagen vor: Angst: „Mein Vater musste einrücken. Das war schrecklich für mich. Ich hatte Angst, ihn zu verlieren und allein zu Hause zu sein. Die Straßenlampen wurden ausgeschaltet. Nur der Mond, wenn er da war, leuchtete uns den Heimweg. Es war eine schwere Zeit für meine Mutter, besonders mit den noch sehr kleinen Kindern. Wie hat sie das nur geschafft? Meine beiden Brüder Christian und Albin arbeiteten wie Erwachsene. Mein Vater war oben auf dem Berg Guscha an der Grenze. Wenn er an einer bestimmten Stelle war, konnte er genau sehen, wo wir arbeiteten, aber er konnte uns nicht helfen. “ Moorsoldaten: „Lange Zeit wussten wir nicht, was in Deutschland vor sich ging. Eines Tages brachte mein Vater das Buch ‚Die Moorsoldaten’ mit nach Hause. Es handelte von den Schrecken in einem deutschen Konzentrationslager. Er wollte nicht, dass ich es lese, aber ich habe es trotzdem gelesen und war entsetzt, dass so etwas passieren konnte. Wir sprachen darüber. Mein Vater sagte, das Buch müsse sofort aus dem Haus, wenn es ernst werden sollte. Die Schweiz hatte gerade General Guisan gewählt und alles wurde militärisch organisiert, die Grenze wurde besetzt. Wie verrückt wurden Festungen gebaut. Die Gegend um Maienfeld wurde komplett eingemauert, weil es ein mögliches Einfallstor gewesen wäre.“ Abschied: „Hitler plante, Frankreich zu erreichen und die Maginot-Linie durch die Schweiz zu umgehen. Wir waren in höchster Alarmbereitschaft. Um fünf Uhr morgens läuteten die Kirchenglocken Sturm. Alle Männer mussten sofort zur Grenze. Mein Vater machte sich bereit. Ich sah zum ersten Mal, wie sich meine Eltern zum Abschied küssten. Wir waren auf alles gefasst. Hier in Maienfeld, so nahe an der Grenze, wäre das Chaos ausgebrochen.“ Evakuierungspläne: „Das war der erste große Schrecken. Jetzt trauten wir dem Herrn Hitler und seinen Kumpanen überhaupt nicht mehr. Im nächsten Ernstfall sollte ganz Maienfeld evakuiert werden. Meine Familie sollte auf den Heinzenberg im Domleschg flüchten. Wir hatten die Adresse und wussten, bei wem wir Unterschlupf finden konnten. Für jedes Kind hatten wir einen kleinen Rucksack mit Geschirr und Besteck gepackt. Thomas, unser Jüngster, hatte seinen Teddy dabei. Jeder hatte seine Aufgabe. Meine beiden Brüder Christian und Albin sollten unser Pferd im nahen Sargans abgeben. Das Vieh musste ins Oberland getrieben werden. Ich wäre mit meinen älteren Geschwistern und meine Mutter mit den Kleinen auf der Landstraße Richtung Landquart gegangen. Wie sich später herausstellte, wäre das genau das Falsche gewesen. Meine Nana auf dem Bücheli, ihrem Haus, sagte: ‚Ich bleibe hier.’ Das kann doch nicht wahr sein! Soll ich ohne meine geliebte Nana auf die Flucht gehen?“ Tag der Entscheidung: „Dann kam der berüchtigte 8. Mai 1940. Unser Briefträger ging schon Tage vorher im Dorf herum und verkündete, wer schon in die Sicherheit der Bündner Berge gezogen war. Es waren alles ‚bessere’ Frauen mit ihren Familien. Wir bereiteten alles vor, holten die alten Truhen hervor und verstauten unsere Kostbarkeiten darin. Aber wohin mit den Truhen? Wir stellten sie in eine Ecke des Zimmers und deckten sie zu. Mama schickte unserem Vater ein Päckchen mit einem Paar Schuhe. Ich weiß noch, wie Mama seinen Ehering an die Schnürsenkel band. Sie wusste nicht, ob sie ihren Mann je wiedersehen würde. Ich musste noch in die Stadt und sah, wie meine Klassenkameradin Fida ihren Leiterwagen am Brunnen putzte. Ich fragte sie, warum. Sie antwortete, dass sie am nächsten Tag mit einem sauberen Wagen die Landstraße hinauf nach Landquart fahren würde.“ Die Rolle der Schweiz: „Ich schlief bei Mama im Bett meines Vaters, damit wir nachts sofort aufstehen konnten, wenn die Sirene ertönte. Die Kleinen wecken, anziehen und los. Als ich an einem schönen Frühlingstag aufwachte, schauten Mama und ich uns ungläubig an: Wir sind noch hier! Was war passiert? Dank Verhandlungen und Zugeständnissen an den Feind wurde die Schweiz in dieser Nacht nicht überfallen. Der Gotthard war ein starkes Bollwerk. Die Deutschen wären nicht durchgekommen. Nicht auszudenken, was im Mittelland passiert wäre. Die Nazis hielten die Schweiz für wertvoll: Hier konnten sie ihre Beute verstecken, hier wurden Vermögen deponiert, hier wurde das Gold aus dem Zahngold der Nazi-Opfer eingeschmolzen. In der Schweiz wurde Munition hergestellt und in den Norden exportiert. Da fällt mir ein Zitat von Bismarck ein: ‚Wenn wir die Schweiz nicht hätten, müssten wir eine erfinden.’ Es wurde auch gemunkelt, dass im unteren Rheintal Menschen in Güterzügen transportiert wurden, ob es sich um Truppen oder Gefangene handelte, blieb ein Geheimnis.“ Heute verfolgt meine Mutter die Nachrichten in der Tageszeitung, im Radio und im Fernsehen. Sie nimmt den Krieg in der Ukraine wahr und ist sich auch der Bedrohung für ganz Europa bewusst. Sie ist eine mutige Frau. Sie hat die Einsamkeit während der Pandemie gut überstanden. Ich besuche sie einmal in der Woche, kümmere mich um ihre Finanzen und zusammen mit meinen Geschwistern sorgen wir dafür, dass die alte Dame trotz ihres nachlassenden Gedächtnisses sicher durch den Alltag kommt. Wir machen immer noch Ausflüge mit dem Zug in die Bündner Herrschaft. Neulich hat sie ihr jüngster Bruder mit seiner Frau zum Mittagessen nach Landquart eingeladen. Unterwegs im Zug merke ich, wie langsam meine Mutter geworden ist. Das Gehen fällt ihr schwer. Ich frage: „Hast du Schmerzen?“ Sie antwortet: „Nein, ich bin nur müde in den Beinen.“ Wir genießen den Blick auf den wunderschönen Walensee. Als wir uns Maienfeld nähern, kommt meine Mutter ins Schwärmen: „Wie schön liegt mein Maienfeld dort – sanft am Hang und mit steil aufragenden Bergen!“ Selbsttherapie
Ich schaue mir gerade auf ARTE die französische Dramaserie ‚In Therapie’ an, die den Wochenablauf in der Praxis eines Psychoanalytikers zeigt. Verschiedene Klienten kommen zu ihm, darunter eine Anwältin, ein Junge mit seinen Eltern, eine Architekturstudentin und ein Unternehmer. Immer wieder kreisen ihre Fragen um dieselben Themen: Wer bin ich? Was will ich? Was fehlt mir im Umgang mit meinen Lieben und in der Partnerschaft? Diese Fragen beschäftigen mich als älteren Single besonders. Sie betreffen meine Fähigkeit, mit Menschen umzugehen. Aus den Ratschlägen des TV-Therapeuten nehme ich folgende Überlegungen mit: 1. Nachdenken über das, was kommt: Es ist wichtig, über meine eigenen Herausforderungen und Ziele nachzudenken. Aber mich dabei nicht zu verlieren. 2. Praktisch handeln: Manchmal reicht es nicht, nur über Probleme nachzudenken. Es ist wichtig, praktische Schritte zu unternehmen, um positive Veränderungen herbeizuführen. Natürlich, aber welche Schritte ... 3. Fünfe gerade sein lassen: Es ist auch wichtig, sich von Zeit zu Zeit zu entspannen und sich nicht zu sehr mit Kleinigkeiten zu beschäftigen. Und doch steckt der Teufel manchmal genau in diesen Details ... 4. Zuneigung schenken: Indem ich Wertschätzung zeige und Zuneigung schenke, kann ich die Bindung zu meinen Lieben stärken. Schenken, aber nicht verschwenden ... 5. Spontanen, herzlichen Menschen begegnen: Das führt zu neuen Begegnungen und bereichernden Erfahrungen. Mich nicht zu sehr mit Schwerenötern abgeben ... 6. Tief ein- und ausatmen: Beruhigt, baut Stress ab. Okay ... 7. Sich nicht mit fremden Dingen beschäftigen: Oder wie es auf Englisch heißt: Get your own shit together ... 8. Offen sein für Neues: Und dabei Bewährtes nicht einfach über Bord werfen ... 9. Schwächen einkalkulieren und akzeptieren: Nobody is perfect ... 10. An Ecken und Kanten feilen: An meinen persönlichen Schwächen arbeiten und mich weiterentwickeln. Und dabei nicht verkrampfen ... 11. Meinem Lebensstil treu bleiben: Nach meinen Überzeugungen und Werten leben. Dabei kann mir die Meinung anderer nicht egal sein ... 12. Sich organisieren erleichtert den Alltag: Geeignete Methoden finden, um Aufgaben zu strukturieren und zu planen. Auch Spontaneität bringt Leben in den Alltag ... 13. Zeit und Raum für Rückzug: Entspannen und die Batterien wieder aufladen. Nicht hängen bleiben ... 14. Gefühle zeigen: Über Gefühle sprechen. Aber nur, wenn mir jemand zuhört ... New York
Mein Sohn lebt seit zehn Jahren in dieser Stadt. Mein letzter Besuch war vor Covid. Freudiges Wiedersehen in Brooklyn, wo er lebt...




