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E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Off Nichts wird sich niemals nirgendwo ändern

Roman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-95575-611-6
Verlag: Ventil Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-95575-611-6
Verlag: Ventil Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Sterben im Mittelmeer und in der Wüste, der Rechtsruck in vielen Staaten - vier zornige junge Menschen wollen diesem Wahnsinn nicht länger zusehen und entschließen sich, die Weihnachtstanne auf der Hamburger Binnenalster in Brand zu stecken. Ein Unterfangen, das nicht nur für Herausforderungen in technischer Hinsicht sorgt, sondern auch für reichlich Diskussionsstoff in der Gruppe. Daneben regieren Eifersucht, Eitelkeit und Gier, denn natürlich unterliegen auch die Protagonisten dieses Buches dem ewigen Gesetz, das da lautet: Nichts wird sich niemals nirgendwo ändern.

Jan Off war mal irgendwo und hat dort flüchtig jemanden kennengelernt, der beinahe was erlebt hätte. Dieses Ereignis wirkt bis heute nach. Im Ventil Verlag erschienen von ihm unter anderem die Titel 'Vorkriegsjugend', 'Ausschuss', 'Angsterhaltende Maßnahmen', 'Offenbarungseid'; 'Unzucht' und zuletzt 'Klara' (zusammen mit Dirk Bernemann und Jörkk Mechenbier).
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G20, letzter Teil: Meine Befürchtungen in Bezug auf die Stimmungslage sollten sich innerhalb kürzester Zeit bewahrheiten. In den Medien erhob sich ein Sturm der Entrüstung, wie ich ihn nur ein paar Wochen zuvor nicht für möglich gehalten hätte. Ich hatte immer geglaubt, dass es eine Schnittmenge zwischen liberaler Öffentlichkeit und linksradikaler Bewegung geben würde, dass bei allem Unverständnis doch immer auch Respekt und manchmal gar (zumindest heimliche) Bewunderung im Spiel wären. Aber dem war, wie ich nun erkennen musste, ganz und gar nicht so. Die angenommene Verankerung in der Zivilgesellschaft existierte nicht. Stattdessen kamen Hass und Häme in einem Ausmaß zum Vorschein, das darauf schließen ließ, diese Empfindungen hätten schon lange darauf gelauert, sich endlich Bahn brechen zu dürfen.

Sicher wäre es besser gewesen, wenn ich Fernsehen und Internet für ein paar Tage gemieden hätte. Aber das Gegenteil war der Fall. Zwanghaft las ich sämtliche Meldungen und Artikel, die mir unter die Augen kamen, sah eine Nachrichtensendung nach der anderen und so gut wie jede Talkshow, die sich dem Thema G20 widmete (und das waren in der ersten Woche nach den Ereignissen fast alle). Vor allem die Talkshows machten mir zu schaffen. Jeder durfte dort plötzlich unwidersprochen Linken-Bashing betreiben und nach Belieben Räuberpistolen verbreiten. Besonders dreist war in dieser Hinsicht ein am Einsatz beteiligter Zugführer der Bereitschaftspolizei, der mit der Behauptung aufwartete, die hätten in der Schanze Gullydeckel entfernt und die dadurch entstandenen Löcher mit Stroh abgedeckt. So sich überhaupt jemand bereitfand, sich in diesem Format für linke Positionen einzusetzen, gar noch Verständnis für die Ausschreitungen zu äußern beziehungsweise nicht mit totaler Ablehnung zu reagieren, wurde er gnadenlos niedergebrüllt und als Terrorunterstützer oder hirnloser Phantast gebrandmarkt.

Die Stimmung war derart aufgeheizt, dass einige meiner Bekannten nicht mehr aus dem Haus gingen oder nur noch, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Micha zum Beispiel, der mit seinen daumendicken Dreadlocks schon von Weitem als zu erkennen war. Auch ich hatte mehr als einmal das Gefühl, dass es in diesen Tagen schon genügte, schwarze Klamotten zu tragen, um schräg angeguckt zu werden. So bekundete beispielsweise der Kioskverkäufer, bei dem ich mir mindestens zweimal die Woche meine Kippen holte, allen Ernstes sein Erstaunen darüber, dass ich nicht verhaftet worden war. Und dabei lag kein Lächeln auf seinem Gesicht.

Trost boten allein die Beiträge im Netz, die sich der Hexenjagd entgegenstemmten und zurecht darauf hinwiesen, dass die Empörung über den Sachschaden angesichts des Sterbens im Mittelmeer oder der Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte regelrecht zynisch war.

Neben all dem Wahnsinn, diesem Zustand des In-die-Enge-gedrängt-Seins, der Wut auf die Mehrheitsgesellschaft und der Niedergeschlagenheit, die wiederum deren Wut auf mich und meinesgleichen hervorrief, blitzte aber immer auch ein anderes Gefühl auf, ein Gefühl des Unbehagens. Und zwar jedes Mal dann, wenn ich an die Ereignisse im Schanzenviertel zurückdachte, deren Zeuge ich geworden war. Zwar hatte es in den Stunden ohne staatliche Herrschaft keine Schwerverletzten oder gar Tote gegeben. Aber was das anging, war zweifelsohne auch Glück dabei gewesen. Denn eins ließ sich nicht leugnen: Unter Kontrolle hatten wir, hatte die linke Bewegung, in diesem Zeitraum nur wenig gehabt.

Ein Anruf von Mascha, einer Freundin von der Uni. Ob ich eine Weile auf ihre beiden dschungarischen Zwerghamster aufpassen könne, sie hätte kurzfristig ein Auslandspraktikum angeboten bekommen, irgendein Renaturierungsprojekt in Griechenland. Mir fiel nichts ein, was dagegensprach.

Sie kam mit Käfig, Streu und Futter vorbei und erklärte mir kurz, worauf ich zu achten hätte. Nichts Weltbewegendes.

»Wie heißen sie denn?«, wollte ich wissen.

»Charme und Anmut«, gab Mascha zur Antwort.

»Wirklich?«

»Ja, wirklich.« Sie lachte. »Und bevor du weiterfragst, es sind zwei Männchen.«

Ich bot ihr an, einen Kaffee aufzusetzen, aber sie wollte gleich weiter, hatte vor dem Abflug noch reichlich zu tun. Als sie weg war, wurde mir bewusst, dass ich schon länger keinen Sex mehr gehabt hatte. Ich blickte auf die beiden Nager. Ob die wohl manchmal …? Homosexualität kam ja im Tierreich nicht selten vor. Seltsam eigentlich, dass Mascha lebende Geschöpfe im Käfig hielt. Sie gehörte zur Tierbefreiungsszene. Aber vielleicht hatte sie das Pärchen ja aus irgendeinem Labor. Ich hatte völlig vergessen, sie danach zu fragen, wie ich auch vergessen hatte, mich danach zu erkundigen, wer von den beiden Charme und wer Anmut war.

Gönnerhaft schmiss ich eine Extra-Portion Bananenchips in die Futterschale. Zur Feier des Tages beziehungsweise auf ein gutes Zusammenleben.

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Jan Off war mal irgendwo und hat dort flüchtig jemanden kennengelernt, der beinahe was erlebt hätte. Dieses Ereignis wirkt bis heute nach. Im Ventil Verlag erschienen von ihm unter anderem die Titel "Vorkriegsjugend", "Ausschuss", "Angsterhaltende Maßnahmen", "Offenbarungseid"; "Unzucht" und zuletzt "Klara" (zusammen mit Dirk Bernemann und Jörkk Mechenbier).



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