Oldenburg | Der gefesselte Wohlstand | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 280 Seiten

Oldenburg Der gefesselte Wohlstand

Wo die Milliarden liegen, mit denen wir die Welt verbessern können | Vermögen und Verantwortung, Reichtum und Kapital mit Gewissen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8437-3542-1
Verlag: Ullstein Taschenbuchvlg.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wo die Milliarden liegen, mit denen wir die Welt verbessern können | Vermögen und Verantwortung, Reichtum und Kapital mit Gewissen

E-Book, Deutsch, 280 Seiten

ISBN: 978-3-8437-3542-1
Verlag: Ullstein Taschenbuchvlg.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wie Geld die Welt verbessern kann Gute Lösungen fürs Klima, für bessere Bildung und mehr, Integration - dafür braucht es viel Geld, und zwar Milliarden. Felix Oldenburg weiß, wo diese herkommen können. Er war vier Jahre lang Chef des Bundesverbands Deutscher Stiftungen, der 4.800 Stiftungen vertritt. Er kennt viele reiche Menschen persönlich: Erbinnen, Start-up-Gründer, Finanzinvestoren, Prominente - und hat eine erfreuliche Nachricht: Viele Reiche sind bereit, deutlich mehr Geld für das Gemeinwohl auszugeben. Aber ihr wichtigstes Instrument erfüllt ihren Zweck nicht mehr: Milliarden an Stiftungskapital liegen ungenutzt herum. So profitieren überwiegend Banker und Berater. Das liegt an auf ewig angelegten Konstruktionen, komplexen Finanzstrukturen, Unwissenheit und veralteten Tabus. Felix Oldenburg greift die Debatte um Vermögensungleichheit, Steuergerechtigkeit und Kapitalismuskritik auf. Er sagt: Was die Politik nicht (schnell genug) löst, lässt sich mit der Kraft der Zivilgesellschaft gestalten. Der Wandel hat schon begonnen. 

Felix Oldenburg, geboren 1976, studierte Philosophie, Politik und Nonprofit Management. Er ist Sozialunternehmer, Verbandsmanager und Publizist, ist Mitgründer des Fintech-Startup bcause und Vorstand der gemeinnützigen Aktiengesellschaft gut.org, der Muttergesellschaft von Deutschlands größter Online-Spendenplattform Betterplace.org. Von 2016 bis 2020 war er Generalsekretär im Bundesverband Deutscher Stiftungen. Er wurde dreimal in der '40 unter 40' Liste von CAPITAL geführt, erhielt den Deutschen PR-Preis 2007, war #1 auf der OMR-Liste 2022, #2 bei den German Startup Awards 2023, hat in ZEIT, Handelsblatt und Tagesspiegel publiziert, TEDx-Talks gehalten und wurde u.a. von FAS, brandeins, taz und Börsenzeitung porträtiert.
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1 Die Wahrheit über Stiftungen


Als Verbandschef entdecke ich, was wirklich in
den Stiftungen steckt: zu wenig. Umso größer ist
das Potenzial des Stiftens, wenn wir es entfesseln.

Mai 2019: Die Nürnberger Messehalle ist durchflutet von der Frühlingssonne. Hier findet der Deutsche Stiftungstag statt, der größte Kongress für Stiftungen in Europa. 2000 Menschen schlängeln sich an den Ständen vorbei. Die Aussteller sind vor allem Finanzdienstleister, die den Bundesverband Deutscher Stiftungen finanzieren. Der größte Stiftungsverband der Welt hat 5000 Mitglieder, nennt sich die politische »Stimme der Stiftungen«, bietet aber auch Veranstaltungen, Fortbildungen, Beratung an.

Wie jedes Jahr soll der abendliche Festakt die Anwesenden mit dem guten Gefühl versorgen, das Richtige zu tun: die Stiftungschefs (überwiegend Männer), die Stiftungsmitarbeiterinnen (überwiegend Frauen), die Vermögensverwalter (in Anzügen) und die Organisationen, die sich in der Hoffnung auf Förderung ein Ticket leisten (nicht in Anzügen). Stiftende sieht man kaum. Sie sind entweder tot oder scheu, und wenn sie kommen, sind sie auf der Suche nach Geld für ihre eigenen Stiftungen. Neben Dutzenden Podiumsdiskussionen, in denen die Stiftungen ihre Arbeit darstellen, stehen unter anderem eine Zigarrenlounge und ein Ball auf dem Programm.

Stiftende sieht man kaum.
Sie sind entweder
tot oder scheu.

Ich bin zum dritten Mal dabei. Mit meinen 41 Jahren werde ich überall noch als der »junge, neue Generalsekretär« des Verbandes vorgestellt. Ich weiß, was bei diesem Hochamt der Philanthropie von mir und meiner Eröffnungsrede erwartet wird: ein Feiern der anwesenden Profis. Politische Forderungen, die ihr Leben (noch) leichter machen. Sehr gern auch der historische Rückgriff, die intellektuelle Pointe. Ich habe nach dem ersten Beleg für das Wort »Philanthropie« in der klassischen Literatur gesucht und ihn in Aischylos’ gefunden. Der Held der griechischen Mythologie wagt es, den Menschen gegen den Willen der Götter das Feuer zu bringen. So etwas in der Art sage ich nun auch am Rednerpult. Für Wagemut stehen die Menschen im Publikum allerdings nicht gerade, eher bewahren sie die Asche, das tote Geld, das in vielen Stiftungen liegt. Was könnte man mit dem Potenzial, das hier im Saal liegt, alles anfangen?

Stiftungsmanager bewahren
die Asche, das tote Geld,
das in vielen Stiftungen liegt.

Ich stocke, kann und will nicht liefern, was die versammelten Vorstände meiner Mitgliedsstiftungen hören wollen. Wenn ich auf meiner langen Kennenlerntour durch alle Bundesländer etwas gelernt habe, dann, dass die Menschen, die hier vor mir sitzen, gar nicht die sind, mit denen ich eigentlich sprechen sollte: Niemand von ihnen wird dem Stiftungswesen auch nur einen Euro mehr einbringen. Das wäre aber dringend nötig, denn tatsächlich ist mir seit Amtsantritt gut zwei Jahre zuvor keine einzige nennenswerte Stiftungsneugründung begegnet. Aus den Gesprächen, Geschichten und den internen Verbandsstatistiken hat sich in meinem Kopf ein Bild zusammengesetzt, das sonst niemand hat. Das Stiftungswesen, das sich hier selbst feiert, steckt in einer wirtschaftlichen Krise und ist in einer kulturellen Nische gefangen, genauso weit entfernt von der vielfältigen Gesellschaft wie von denen, die als Nächstes stiften könnten.

Auf dem Weg zurück auf meinen Platz ist mir klar: Meine verbleibende Zeit in diesem Job werde ich nutzen. Kein harmloses »ach, wie schön« und »danke für Ihr Engagement« mehr. Wenn ich meine Rolle ernst nehme, muss ich die Erwartung enttäuschen, dass ich das Stiften feiern und verteidigen werde – und die Wahrheit sagen. Denn es geht um mehr als um ein paar Spenden, es geht um die Frage, wie wir die Großzügigkeit in unserem Land organisieren. Es geht um Milliarden für das Gemeinwohl, die ungenutzt bleiben, jedes Jahr. Weil sie in Stiftungsvermögen gebunden sind und zu wenig bewirken. Oder weil sie gar nicht erst in Stiftungen fließen. Und weil andere Formen für das Geben in großem Stil fehlen.

Ich habe Hunderte Stiftungen besucht: eine mit dem einzigen friesischsprachigen Radiosender, eine buddhistische, eine, die bedürftigen jungen Frauen frische Unterwäsche kaufen soll. Regelmäßig war ich bei den bekannteren Stiftungen, aber ich habe auch einen großen Teil meiner Zeit mit denen verbracht, die gar kein Geld zu verteilen haben, sondern selbst welches einsammeln wollen. Und dabei habe ich gelernt: Was sich hinter den hübschen Schaufenstern des Stiftens verbirgt, ist häufig viel weniger, als man vermutet.

Klar, man könnte einfach die Vermögen aller Stiftungen addieren. Da sie fast alle auf Ewigkeit angelegt sind und erhalten werden müssen, könnte man sagen, dass das Stiften gar nicht schrumpfen kann – eine ewige Erfolgsgeschichte. Nach dieser Betrachtungsweise könnte man aber auch den Zustand des Automarkts danach beurteilen, wie viele Autos seit Erfindung des Automobils verkauft wurden.

Ein Blick auf die wenigen Zahlen, die es gibt, zeigt aber, dass die Realität damit nicht angemessen beschrieben ist. Es gibt in Deutschland über 25 000 Stiftungen. Jedes Jahr werden etwa 500 neue gegründet. Davon sind jedoch aktuell nur noch die Hälfte gemeinnützig – fast 20 Prozent weniger als noch vor fünf Jahren. Auf jede Stiftung, die heute gegründet wird, um Geld für die Gesellschaft zu vergeben oder einzusammeln, und deshalb steuerbegünstigt ist, kommt eine andere, die Geld eher wegschließt. Bei denen geht es vor allem darum, Unternehmensanteile zu übertragen. In solchen Familienstiftungen oder Stiftungsunternehmen ist ein guter Teil der deutschen Wirtschaft organisiert – zahlt dafür aber auch Steuern. Um solche Stiftungen, die also keine gemeinnützigen Vermögensvehikel sind, handelt es sich auch bei den Stiftungen, von denen im Zusammenhang mit den »Panama Papers« und anderen Skandalen in den Medien die Rede war. Meist liegen die Vermögen dabei ganz oder teilweise in Ländern, in denen der Stiftungsbegriff rechtlich anders definiert ist.

Es profitieren in erster Linie
die Steuerberater, Anwältinnen
und Privatbanken.

Aber auch in Deutschland wird das Feld der Stiftungen immer unübersichtlicher, je näher man ihm kommt. Zusätzlich zu den zivilrechtlichen Stiftungen gibt es nämlich noch Stiftungs-GmbHs, Stiftungsvereine und Treuhandstiftungen. Sie nutzen den Begriff »Stiftung«, um anzudeuten, dass hier irgendwie private Vermögen für das Gemeinwohl an der Arbeit sind. Aber was kommt wirklich dabei heraus?

Hier tappen wir weitgehend im Dunklen. Es gibt keine öffentlich einsehbaren Informationen über die Finanzen der deutschen Stiftungen aus einem Register oder aus Steuererklärungen. Ihr Gesamtvermögen wird auf 100 Milliarden Euro geschätzt. Das ist ein Viertel des Bundeshaushalts. Der wird aber jedes Jahr ausgegeben. Was Stiftungsvermögen jährlich für gemeinnützige Zwecke abwerfen, ist noch viel schwerer zu schätzen als die Vermögen selbst. Denn was erbringt das Stück Land, dessen Verkauf die Stiftungssatzung verbietet, was die Musikinstrumenten-Sammlung oder was die Anteile an nicht börsennotierten Unternehmen? Insgesamt sicher nur einen Bruchteil einer üblichen privaten Vermögensrendite.

Der mit Abstand größte Stifter ist keine Privatperson, kein Unternehmen, sondern seit Langem der Staat. Er finanziert mit Stiftungen die Folgekosten des Atom- und Steinkohleausstiegs, die Erinnerungskultur, die Förderung von Engagement und ja, auch eine russische Ostsee-Pipeline. Für Regierungen sind Stiftungen gerade bei großen Summen reizvoll, denn damit umgeht man die Verwaltung und nicht selten auch die parlamentarischen Haushaltsverfahren und ihre wechselnden Mehrheiten.

Für Privatleute ist das anders. Sie haben in den vergangenen zehn Jahren kaum noch größere neue Stiftungen eingerichtet. Als Generalsekretär wird mir in meinem Berliner Büro mit Blick auf den Checkpoint Charlie einmal im Monat eine Aktenmappe mit Neugründungen vorgelegt, denen ich Willkommensschreiben schicken soll. Aus den wenigen Informationen, die ich zu den Neugründungen bekomme, ist ersichtlich, dass es kaum welche mit einem Vermögen gibt, das zum Überleben reicht. Wäre das Stiften eine Branche, würde man von einer Industrie im Niedergang sprechen. Aber anders als etwa bei Kameraherstellern, Videotheken, Reisebüros oder Buchläden vollzieht sich dieser Wandel unbemerkt und in Zeitlupe.

Wäre das Stiften eine Branche,
würde man von einer Industrie
im Niedergang sprechen.

Das Stiftungswesen sieht also eindrucksvoll aus, ist aber begrifflich, rechtlich und steuerlich verwirrend, aus den Vermögen kommt weit weniger heraus als möglich, und die neuen Stiftungen sind entweder staatlich oder suchen selbst Geld. Das ist meine Erkenntnis nach den ersten zwei Jahren als Generalsekretär. Profitieren tun von alledem in erster Linie die Steuerberater, Anwältinnen und Privatbanken.

Das alles ist ernüchternd. Aber zum Glück nur der kleinere Teil der Geschichte. Der...



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