Peale | Die amerikanische Malerin Emma Dial | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Peale Die amerikanische Malerin Emma Dial


1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-8270-7188-0
Verlag: Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-8270-7188-0
Verlag: Berlin Verlag
Format: EPUB
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Partys, Vernissagen, Charity-Dinner - Emmas Leben in New York ist glamourös: Sie ist Ghostmalerin für den berühmten Künstler Michael Freiburg, dessen Bilder auf dem Markt horrende Preise erzielen. Michael bezahlt gut, lädt Emma regelmäßig zum Essen ein und geht mit ihr ins Bett. Eigentlich ein Traum. Dennoch klafft eine große Lücke in Emmas Leben ... Die Geschichte einer jungen Frau voller Motivation und Talent und ein V.I.P Blick hinter die Kulissen der geheimnisvollen Welt moderner Kunst.

Samantha Peale studierte an der New School in New York und am Art Institute of Chicago. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Los Angeles. Der amerikanische Sender HBO plant eine TV-Serie nach Vorlage von Peales Debüt.

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1
  Als ich den Blick vom Ölbild an der Wand abwandte, sah ich, dass Michael direkt hinter mir stand, die Hände in den Hüften, unten am Gerüst aus Holz, und mich beobachtete, wie ich noch eine Schicht glänzendes Blau auf ein Eckchen Meer auftrug. Auf meinem Hochsitz einen Meter zwanzig über dem Boden, eine Batterie greller warmer Lampen über dem Kopf und die Überreste eines Käsebrots zu meinen Knien, fühlte ich mich wie ein gefangener Vogel. Ein Rotfußfalke oder eine Nebelkrähe. Oder eine Möwe. Ein exotisches Haustier. Ich hatte das Gemälde aus einer Collage von Fotos aufgebaut, Michaels Ausbeute einer Frankreichreise. Bleiernes Dunkel am Horizont und kein Land in Sicht. Ein Sammlerpaar aus Los Angeles sah uns seit einer halben Stunde zu, die beiden lehnten sich in ihren pelzbesetzten Daunenparkas an die Heizung. Sie wollten in New York Weihnachten feiern und das Jahr 2006 einläuten. Die Breslauers besaßen fünf Michael Freiburgs, drei aus meiner Hand, einen, den eine Vorgängerin von mir gemalt hatte, und ein Frühwerk aus dem Jahr 1978 von Michael selbst. Ohne Zuschauer konnte ich beim Malen nach dem Essen geradezu träge werden, und so hielt die Gegenwart der Breslauers mich wach, ich legte mich ins Zeug und kippte den Kaffee hinunter, eine Zigarette zwischen den Lippen, wie ein alter Meister. Michael legte gerade eine durchtriebene Show hin. Er hatte sich herausgeputzt: ein teurer Haarschnitt, um die graue Mähne zu ordnen, und weite schwarze Klamotten, in denen ich ihn noch nie gesehen hatte. Geschleckt und hübsch sah er aus, qualmte eine meiner Zigaretten nach der anderen und gab mir jedes Mal, wenn ich den Pinsel in die Farbe tauchte, eine Anweisung. Ich war wunderbar gehorsam und schwang ehrerbietig und manchmal übereifrig den Pinsel, als zittere an seinem Ende eine riesige Feder: meine eigene Show. Michael schäumte über vor Dankbarkeit. »Stell dir vor, du gleitest unter die Wasseroberfläche wie ein Fisch. Du musst die Farbe auftragen wie ein Fisch, Emma.« »Ein Barrakuda.« »Ein Piranha, Emma. Auf Korsika wimmelt es von Piranhas.« Ich hätte den Piranha in Südamerika angesiedelt, aber ich wollte ihn nicht berichtigen, oder gar einen eigenen Vorschlag riskieren, der seinem widersprach, nicht vor den Breslauers, die von allem bezaubert waren, was er sagte oder tat, auch wenn sie nicht wussten, wie sie reagieren sollten, wenn überhaupt. »Wie wäre es mit einem Kormoran? Oder einer Ziege?« Ich musste dafür sorgen, dass alles Geplänkel blieb, sinnlich, Andeutung. Catherine Breslauer sah aus, als wolle sie etwas einwerfen, sagte aber nichts. Lewis und sie fassten Michael mit Samthandschuhen an, was schade war, ich wusste nämlich, wie lustig sie ohne ihn sein konnten. »Keine Ziegen«, greinte Michael. »Nein.« Wir fanden das Bild beide etwas Besonderes, das geheimnisvolle Zweieinhalb-mal-drei-Meter-Seestück hatte uns fast drei Monate lang in Atem gehalten, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Gründen. Das Bild enthielt etwas von mir, meine körperlichen und geistigen Mühen waren darin eingeschrieben. Michael wusste, dass es ein Volltreffer war. Oft stellte ich mir vor, wie ich zart in die weiten, zweidimensionalen mediterranen Wasser tauchte, faul darin schwamm, meinen Körper wieder und wieder sich drehen und wenden ließ, ohne vom Fleck zu kommen. In der vergangenen Woche hatte Michael geglaubt, das Meer sei fertig, dann aber beschlossen, in Anwesenheit der Breslauers die letzten Pinselstriche zu überwachen. Wahrscheinlich würden sie es kaufen, dieses oder ein anderes Bild aus der neuen Serie. Immer wieder rief Michaels Frau Gerda im Atelier und auf seinem Handy an, aus dem Taxi unterwegs zu uns, aber keiner hob ab. »Nur ein klitzekleines bisschen schwerer, Emma, ja?« »Okay.« Ich führte den Pinsel wie zuvor und bewegte die Hand etwas bedächtiger. Meeresschatten mit seinen kargen Farben, monumental und menschenleer, ließ den Breslauers das Wasser im Munde zusammenlaufen. »Wir haben dir was Kleines zu Weihnachten mitgebracht, Emma«, sagte Catherine. Sie stellte eine goldene Schachtel auf den Glastisch neben die Farben, die ich für Meeresschatten angemischt hatte. Jedes Jahr schenkten sie mir eine Flasche Krug-Jahrgangschampagner, die ich in einem Schrank über dem Kühlschrank aufhob. Lewis Breslauer räumte das Geschenk auf den versifften gelben Lehnsessel um, in dem Michael oft saß und meine Arbeit überwachte. »Wir können ja im Büro auf euch warten«, sagte er. Die Breslauers hatten genug gesehen, um Besitzerstolz auf das Bild zu entwickeln, was genau der Zweck ihres Nachmittags im Atelier gewesen war. Ich hielt inne, damit das Öffnen und Schließen der Tür meine Hand nicht zucken ließ. Keine Fehler. Nicht einmal die kleinsten. Michael nahm das goldene Geschenk vom Sessel. »Haltet den Dieb, das gehört mir.« »Es ist im Weg, Emma. Ich bringe es für dich nach vorne. Der Anwalt wird ein paar Unterlagen vorbeibringen, wenn ich im Urlaub bin. Du musst für mich unterschreiben.« »Als ich oder du?« Ich konnte seine Unterschrift perfekt fälschen, die Unstimmigkeiten inklusive, die Art, wie er den Kuli mit der Faust packte. Ich konnte jedes von Menschenhand gesetzte Zeichen kopieren, obwohl ich nie durchblicken ließ, wie stolz ich darauf war. »Als ich. Mein Testament, Emma. Nicht vergessen.« Gerda hatte gedroht, Michaels Pass zu verstecken, bis er sein Testament geändert hatte. »Ich werde versuchen, daran zu denken: Ich bin du.« »Notariell beglaubigt werden muss es auch. Alles per Boten zurückschicken. Und in meiner Abwesenheit niemanden von der Galerie ins Atelier lassen. Wenn es nichts wahnsinnig Wichtiges ist, kletterst du nicht von diesem Gerüst.« Wenn es nach Michael ginge, würde ich jede wache Stunde da oben verbringen und in seinem Auftrag etwas Kolossales malen. Vor sechseinhalb Jahren hatte er mich direkt vom Gerüst weg eingestellt, in einem Auftragsatelier in Chelsea, wo ich nach der Kunsthochschule ein paar Jahre gearbeitet hatte, Schaufensterdekorationen für Warenhäuser und Trompe-l’œils für die Eingangshallen von Stadtvillen gemalt und die Deckenmalerei eines afrikanischen Himmels für das American Museum of Natural History. Der gefiel mir immer noch. Michaels letzte Assistentin hatte nach einem Streit um gestohlenes Arbeitsmaterial gekündigt. Ich stand ganz hoch oben und malte für einen Bauzaun an der Ecke 42nd Street und 5th Avenue hundert Meter griechische Mäandermuster auf Sperrholzplatten. Michael rüttelte an einer der Stützen, um mich herunterzuholen. Er sagte, er habe den Museumshimmel gesehen, eine Wandmalerei bei Bloomingdales (»Montparnasse 1965«), und mir ein paar Minuten zugesehen, wie ich das Sperrholz mit dem Pinsel bearbeitete, während er mit meinem Arbeitgeber die Ablösesumme aushandelte, die er zahlen würde, falls er mich nahm. Am Vormittag darauf kam ich zu ihm ins Atelier und zeigte ihm Dias meiner eigenen Arbeiten – Ansichten vom Haus meiner Großmutter auf Cape Cod, gefärbtes rotes Zuckerwasser in den Futterhäuschen für die Kolibris, das alte Kinderzimmer meiner Mutter, umgebaut zum Fernsehzimmer, in dem ich zahllose Stunden mit Videospielen verbracht hatte –, dazu Reproduktionen und Studien aus der Schule. Er stand mit schulterbreit gespreizten Beinen da, beugte sich über den Lichtkasten und sah durch die Lupe. Meine Mutter, eine Professorin für Kunstgeschichte, Spezialgebiet: Skulptur und Malerei des neunzehnten Jahrhunderts, schimpfte immer auf Michael Freiburg. Sie fand sein Werk seelenlos und kommerziell, und dass am Maryland Institute so viele ihrer Studenten verknallt in ihn und seinen Ruhm waren, machte sie wütend. Dass ich, ihre Tochter, für den Mann malen würde, war ihr ein weiterer Beweis dafür, dass ich undurchdacht an meine Arbeit heranging, denn ich sei, um es in ihren Worten zu sagen, abhängig von den Impulsen eines anderen. Damals wollte ich mich auf ihren Vorwurf, mir fehle der eigene Antrieb, nicht einlassen. Ich würde eine Bereicherung sein, egal, um was es für ein Werk es ging. Und wie konnte die Gegenwart von Michaels Genius keinen guten Einfluss auf mich haben? Er gab mir eine Prüfungsaufgabe: Ich sollte eine seiner Bleistiftzeichnungen kopieren, ein solide gearbeitetes Porträt der Malerin Therese Oller, seiner ersten Frau, und dann ein Detail aus Velázquez’ Porträt von Philip IV. Er saß an seinem Schreibtisch, las Reisezeitschriften und telefonierte, während ich sieben Stunden lang arbeitete. Von Anfang an hatten wir es nicht eilig, voneinander wegzukommen. Das Telefon klingelte, aber wir rührten uns beide nicht. Mein Pinsel berührte kaum die Leinwand. »Du hast mich verstanden, oder? Nicht diese Leute hier hereinlassen.« »Ich weiß.« »Nicht das Testament durchlesen, um nachzusehen, ob du irgendwas bekommst, dann werfe ich dich nämlich raus und verklage dich.« »Sei einfach großzügig.« Michaels Konzentration auf Meeresschatten ließ langsam nach. Er wählte Gerdas Nummer, verlagerte sein...


Detje, Robin
Robin Detje (* 1964 in Lübeck) ist ein deutscher Autor, Übersetzer und Regisseur. Er überträgt unter anderem Will Self, Denis Johnson und Willy Vlautin ins Deutsche. Für seine Übersetzung von William T. Vollmanns Europe Central wurde er mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet; 2017 erhielt er den Henrich Maria Ledig-Rowohlt-Übersetzerpreis. Robin Detje lebt in Berlin.

Peale, Samantha
Samantha Peale studierte an der New School in New York und am Art Institute of Chicago. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Los Angeles. Der amerikanische Sender HBO plant eine TV-Serie nach Vorlage von Peales Debüt.



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