E-Book, Deutsch, 104 Seiten
Pfützner Die Hölle misst 1000 Kilometer
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7554-1006-5
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 104 Seiten
ISBN: 978-3-7554-1006-5
Verlag: BookRix
Format: EPUB
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Als Hauptmann bildet Heinz Spoeck seit dem Sommer 1942 junge Infanterie-Soldaten in Stettin aus. Er unterweist seine Rekruten in Waffenkunde wie auch im Exerzieren. Als die Ostfront in Russland böse Verluste tragen muss und viele Divisionen der Wehrmacht fallen, erhält auch Spoeck seinen Marschbefehl. Das Infanterie-Bataillon Ostpommern wird im Mai 1944 auf persönlichen Befehl von Generalfeldmarschall Ernst Busch über Danzig nach Königsberg in Ostpreußen und von da aus weiter an die Front verlegt. Spoecks Bataillon erlebt an der Grenze zu Russland die furchtbare Seite des Krieges mit zahlreichen Verletzten und Gefallenen, mit Entbehrungen und körperlichen Strapazen. Spoeck muss sich im Zuge dessen auch mit seinem persönlichen Feind Hauptfeldwebel Wont auseinandersetzen. Mit dem letzten verbliebenen Zug aus seiner Kompanie desertiert Spoeck, weil er sich der hohen Ziele seines Vaterlandes nicht mehr sicher ist. Der Rückmarsch zu Fuß von der russischen Grenze nach Deutschland soll seine letzten Reserven fordern, sowohl körperlich als auch emotional.
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Stettin - Pommern
Ein friedlicher Morgen im September 1943 am Stettiner Haff – die Spätsommersonne war noch nicht ganz aufgegangen. Der Morgennebel hatte sich malerisch über das Haff gelegt. Es musste kurz nach sechs Uhr sein. Die ersten Befehle drangen an sein Ohr. Hauptmann Heinz Spoeck wünschte sich einen Moment lang, er könne wieder einschlafen. Er hatte von der Heimat geträumt. Die stillen Wiesen, die sich bis kurz vor Oranienburg erstreckten, der Wannsee und die knorrige alte Weide, in der er einst mit seinem Bruder Wilhelm Verstecken spielte, wurden in seinen Träumen lebendig. Und er hatte von seiner Anni geträumt, um deren Hand er im letzten Heimaturlaub gebeten hatte. Seine Anni, mit ihren wundervollen Brüsten, ihrem dunklen seidigen Haar, ihrem herzlichen Lachen, seine Anni hatte Ja gesagt. Es wurde nur eine kleine Feier im Kreise der Familie. Ihre Eltern waren extra aus Mecklenburg angereist. Das Hochzeitsmahl hatte aus dunklem Brot und einer kräftigen Suppe bestanden. Dennoch war es wunderschön. Oh Heimat, wie miss ich dich! Doch das hier war nicht der Stadtrand von Berlin. Hier war auch nicht das malerische Städtchen Dargun, aus dem seine Frau stammte. Das hier war Stettin in Pommern. Und seine Rekruten warteten sicher bereits auf ihn. Also raus aus den Federn, die ohnehin nicht so weich wie das heimische Daunenbett waren. Es handelte sich vielmehr um eine recht kratzige Wolldecke. Den warmen Nächten war es geschuldet, dass Spoeck glücklicherweise diese Decke nicht brauchte. Er wusch sich mit dem kalten Wasser, das in einem Krug bereitstand. Die darauf folgende Rasur benötigte nicht allzu viel Zeit. Nach gerade einmal zehn Minuten stand er in seiner Uniform und war bereit für den Tag. Er reckte sich ein letztes Mal und ging dann zur Mannschaftsbaracke. „Moin, Herr Hauptmann!“, ertönte es aus vierundzwanzig Männerkehlen. Sie waren bereits angetreten. Peter Püren, seines Zeichens Erster Zugführer, hatte die Männer gut im Griff. Spoeck blickte belustigt auf diese verrückte Truppe. Die meisten Soldaten waren gleich alt oder älter als er selbst. Im Gegensatz zu ihm waren sie nicht bereits zu Kriegsbeginn einberufen worden. Bauern, Handwerker, Musiker und sogar zwei Medizinstudenten, die sogleich zum Sanitäter gemacht wurden, fanden sich im Dritten Zug. Der baumlange Püren machte keine Unterschiede zwischen Intellekt und Hammer. Hauptmann Spoeck ebenfalls nicht, denn eines musste klar sein: Der Feind würde nicht fragen, ob er da einen klugen oder einen weniger klugen Menschen vor sich hatte. Der Feind würde schießen, ohne Vorwarnung und ohne Zweifel. „Marschgepäck aufnehmen, Stellen am Haupttor in zehn Minuten!“, befahl Spoeck dem Zugführer. Püren wiederholte den Befehl lautstark vor den Soldaten. „Im Laufschritt MARSCH!“ „Jawohl, Zugführer!“, riefen die Männer zurück. Obwohl sicher drei Stunden durch Feld, Wald und Wiese vor ihnen lagen und obwohl sich die Temperaturen bereits jetzt bei 20 Grad Celsius bewegten, sah man keinen Unmut auf ihren Gesichtern. Jeder war froh, bei Spoeck zu sein. Es gab böse Gerüchte über den 1. und den 2. Zug unter Hauptfeldwebel Hans-Dietrich Wont. Hinter vorgehaltener Hand wurden diese Gerüchte weitergetragen, bis sie auch die obere Etage erreicht hatten. Oh ja, Spoeck wusste, wie Hans-Dietrich Wont vorzugehen pflegte. Der war erst zufrieden, wenn die Männer Blut spuckten. Wont prahlte täglich in der Offiziersmesse damit, wie arg er seine zwei Züge zu schleifen wusste. Das führte letztlich dazu, dass sogar der stellvertretende Bataillonskommandeur Major Walter Rettig einschritt. Er wolle bei Tisch seine Ruhe haben und Wont solle endlich das Maul halten. Hauptmann Spoeck war sehr viel beliebter unter den Soldaten, obschon er sie nicht weniger forderte. Aber er pflegte dies mit Humor und Verständnis zu tun. Auch wenn die vorgegebenen Zeiten so gut wie nie geschafft wurden, hielt Spoeck dennoch zu den Männern und verteidigte sie vor dem Bataillonskommando. Wenn man bedachte, dass seine Rekruten kaum vier Wochen Zeit hatten, das Soldatenhandwerk zu erlernen, waren Rekordergebnisse kaum möglich. Man könne nicht verlangen, dass in dieser kurzen Spanne ein perfekter Soldat zu formen sei. Üblich waren eigentlich drei volle Monate Grundausbildung, aber das ließ die immer weiter vorrückende Front nicht zu. So versuchte Hauptmann Spoeck, wenigstens die Grundbegriffe in die sturen Schädel seiner Soldaten einzuhämmern. Der heutige Marsch würde hoffentlich beweisen, dass der 3. und der 4. Zug seine Lektionen gelernt hatte. Spoeck eilte in seine Unterkunft. Felduniform, Rucksack, Wasserflasche, Waffen, Munition, Notfallmedizin und Feldverpflegung, Stahlhelm – routiniert kleidete er sich an. In weniger als einer Minute war er abmarschbereit. Als er zum Haupttor schritt, sah er Wont vor dessen zwei Zügen stehen. Und er sah das gemeine Grinsen in Wont‘s kantigem Gesicht. Am Haupttor der Kompanie erwartete ihn Peter Püren bereits. „Dritter Zug angetreten und bereit!“ Hubert Frante rief: „Vierter Zug angetreten und bereit!“ „Zugführer zu mir, Lagebesprechung!“, antwortete Hauptmann Spoeck. Püren und Frante stellten sich neben ihrem Hauptmann auf und breiteten die Landkarten aus. „Runter ans Haff, dann nordwärts bis zur Heide, übersetzen zur Insel, zurück bis zum Heidehügel, heimwärts“, erklärte Hauptmann Spoeck die heutige Route. „Sind wir zum vorzüglichen Mittagsmenü wieder daheim, Vati?“, fragte Peter Püren frech. Spoeck schaute seinen Zugführer scharf an. Auch Frante verschlug es den Atem. So eine Respektlosigkeit hatte er noch nie erlebt. Er war erst seit kurzem bei der Truppe und konnte nicht wissen, dass Spoeck und Püren abseits von den obrigen Ohren sehr salopp miteinander sprachen. Offen gesagt dachte Frante, dass es jetzt eine derbe Strafe hageln würde. „Nein, mein Sohn“ , erwiderte Hauptmann Spoeck schlagfertig. „Mutti muss heute wohl etwas länger auf uns warten.“ Schweigen, dann brüllendes Gelächter. Die Soldaten konnten vor Lachen kaum mehr gerade stehen. Vor allem, wenn man das „vorzügliche Menü“ kannte – matschige Kartoffeln, ein undefinierbarer Brei aus Karotten und weißen Bohnen, eine Wurst und ein Kanten Brot. In der Offiziersmesse gab es zwar etwas bessere Kost, aber auch das ging weit am guten Geschmack eines normalen Menschen vorbei. „Ruhe jetzt!“, rief der Hauptmann seine Soldaten zur Ordnung. „Abmarsch, und ich will keinen Mucks mehr hören, bis wir wieder am Haupttor sind!“ Püren und Frante setzten sich an die Spitze ihres Zuges. Schweigend stampften sie bis zur Heide. Dort angekommen durften die Soldaten etwas Wasser trinken, ein Luxus, der bei Gott nicht jedem Soldaten dieser Kompanie zugebilligt wurde. Wont ließ bisweilen sogar nach Ende eines Marsches die Wasserflaschen ausschütten. Wehe dem Soldaten, dessen Wasserflasche nur noch halb voll oder gar gänzlich leer war. Spoeck fand diese Art der Schikane in jeder Form übertrieben. Er wusste, was bei vollem Gepäck und Marschieren unter Zeitdruck vor ihnen lag und die Wärme schlug bereits am Morgen mit aller Kraft zu. Der Hauptmann erteilte bereits während der ersten Etappe seinen Zugführern die kommenden Befehle: „Auf der Insel verschanzen wir uns und erwarten dann Hauptfeldwebel Wont‘s Züge. Das bedeutet Schützenlöcher graben, tarnen und Hinterhalt legen.“ Püren stöhnte leise auf. Das hatte er bereits erwartet. Spoeck brachte ihn mit einem einzigen Blick zur Ruhe. Es war ein Geschenk, das ihm Oberstleutnant Friedrich Scholz mit dieser Übung gemacht hatte. Spoeck wusste, dass Scholz nicht zu den Fürsprechern Wont‘s gehörte. Wont hatte eine große Schwäche. Er wollte siegen, immer und überall. Seine Egomanie war so groß, dass es Zeit wurde, ihm einen Dämpfer zu verpassen. Außerdem hatte Scholz verlauten lassen, dass Major Rettig sich bereits auf den Ausgang der Übung freute und innig hoffte, dass Spoeck als Sieger hervorging. „Frante, dein Zug hinter die Kiefernschonung! Püren, deiner fünfzig Meter weiter westlich, dort bei den Sandhügeln! Los geht’s, Männer!“ Die Zugführer gingen zu ihren Soldaten. Sie würden an der Insel anlanden und dort schnellstens mit dem Graben der Schützenlöcher beginnen. Der Hauptmann ging als Erster in das hier nur knietiefe Wasser. Die Furt betrug nur etwa dreißig Meter und es musste schnell gehen. Wont war mit seiner Truppe höchstens fünfzehn Minuten hinter ihnen. Kurz vor der Insel hatten die Männer ihre Feldspaten schon in der Hand. Nur wenig später standen alle an ihrem Gefechtspunkt und gruben Schützenlöcher. Püren mit seinen Riesenpfoten war natürlich als Erster fertig. Bevor er zur Wehrmacht kam, war er Bauarbeiter und galt als einer der Besten in seiner Firma. Als das Schützenloch für den Hauptmann, den Funker und den Ersten Sanitäter fertig war, ging Püren zu seinem Zug. Er überprüfte ordnungsgemäß jedes einzelne Schützenloch. Der kleine Partz aus seinem Zug hatte eine schlechte Stelle erwischt. Ausgerechnet da war kein...




