E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Püschel Doppelt währt am längsten
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-359-50089-6
Verlag: Eulenspiegel Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-359-50089-6
Verlag: Eulenspiegel Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Püschel, geboren 1954 in Jena, absolvierte ein Jurastudium, arbeitete vier Jahre als Redakteur bei der Wochenzeitung 'horizont' und neun Jahre als Literaturredakteur und Gerichtsberichterstatter beim Satireblatt 'Eulenspiegel'. Gleichzeitig begann er, als Drehbuchautor für das Kinderfernsehen zu schreiben, so die Serie 'Sherlock Holmes und sieben Zwerge'. Seit 1992 freischaffend, ist er vor allem als Drehbuchautor tätig - unter anderem für die Serien 'Für alle Fälle Stefanie', 'Der Fürst und das Mädchen' und 'In aller Freundschaft'. Mit 'Doppelt währt am längsten' erscheint sein erster Roman.
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Begegnung der anderen Art
Am Morgen verlasse ich das Haus, vergewissere mich noch, dass ich auch alles bei mir habe – und sehe mich im selben Moment in etwa vierzig Metern Entfernung zu einem Auto gehen.
Ich traute meinen Augen nicht.
Mein Mantel mit dem Pelzkragen schien mir eine Spur zu aufwendig. Ich war entschieden zu konservativ gekleidet für mein Alter. Ich bin Ende Fünfzig, da gehen Kollegen von mir noch in Turnschuhen, in knallengen Jeans, die ein festes Gesäß simulieren sollen und auch vornherum keine Frage offenlassen. Das heißt natürlich nicht, dass auch ich darauf aus wäre, mich auf diese Weise lächerlich zu machen.
Dann der Aktenkoffer. In Fernsehfilmen meiner Kindheit liefen nur Agenten mit solchen Koffern herum, Westagenten, wohlgemerkt.
Während ich, also der Fremde, mit der Linken den Koffer hielt, drückte ich mit der lässig vorgestreckten Rechten den Funkkontakt des Autoschlüssels. Mit einem trockenen »Plock« sprang die Zentralverriegelung auf. Ich stieg in den Wagen.
Was tut man in solch einer Situation?
Ich meine jetzt wieder mich. Sollte ich laut rufen: »He, warten Sie, Sie sind ja ich«? Oder: »Hallo, ich bin ja Sie!«? Beides ergab wenig Sinn.
Ich sah zu, wie ich den Motor startete, mit enerviert gehobener Braue den Schulterblick erledigte, bevor ich bedächtig und beinahe ohne Geräusch aus der Parklücke scherte. Ein zimtfarbener Mercedes älteren Baujahrs fuhr davon, gediegen und ein wenig auf Understatement angelegt. Ich bemerkte, dass der Wagen ein Kennzeichen mit »HG« hatte – Hochtaunuskreis. Das hört sich äußerst provinziell an, ist es übrigens auch, nur wohnen dort viele der Banker, die in der Frühe in ihre Limousinen steigen und sich in die Stadt fahren lassen – nach Frankfurt.
Ich kannte die Gegend. Susanne, meine Frau, hatte in den neunziger Jahren den sonderbaren Plan gefasst, wir müssten unser erweitertes Heimatland durch Städtereisen näher kennenlernen, es »uns erschließen«, wie sie es anspruchsvoll formulierte. Höre ich mich heute um, hat es diese geografische Neugier in der Ost-West-Richtung tatsächlich gegeben, umgekehrt seltener.
Im HG lagen die Villen so weit in der Tiefe parkähnlicher Grundstücke, dass man sie von der Straße aus höchstens erahnen konnte. Nie sah man jemanden ein Garten- oder Garagentor öffnen, weil die sich lautlos wie von selbst bewegten, Funkimpulsen aus dem Inneren des Hauses oder vom Bordcomputer des Wagens folgend.
Aus dieser Gegend kam offenbar mein geheimnisvoller Doppelgänger.
Offenen Mundes sah ich mir nach, an diesem Dienstagmorgen im Januar, als ich in Eile war, weil Ellen, meine Schulleiterin, angerufen und mich weinerlich bedrängt hatte, in zwanzig Minuten eine Stunde Französisch in der 11a zu vertreten.
Eines war mir sofort klar: Unter keinen Umständen durfte ich jemandem von meiner sonderbaren Begegnung erzählen. Im Kollegium würde man mein Erlebnis unweigerlich als Bestätigung gewisser Vermutungen nehmen, die schon seit längerem über mich in Umlauf waren. Vermutungen, die meiner Direktorin den Vorwand lieferten, mir wieder und wieder das Sabbatjahr nahezulegen: »Stefan, du musst einfach mal raus hier! Sieh mich an: zehn Monate Bali! Ich habe das gebraucht. Und ich bin noch jünger als du.«
Stimmt, Ellen war zwei Jahre jünger als ich, siebenundfünfzig, und sie versäumte keine Gelegenheit, es beiläufig einzuflechten.
Sie war in der Tat fröhlich trällernd, braun gebrannt und um zwei Konfektionsgrößen erweitert aus dem Sabbatjahr heimgekehrt, um allen zu versichern, dass sie die Dinge fortan mit einer ganz anderen Gelassenheit angehen würde.
»Was gilt die Wette, dass sie dort keinen Sex gehabt hat«, fragte mich Zielonka, der Sport- und Geografielehrer, damals. »Sie ist jetzt exakt ein Jahr lang nicht gefickt worden; ansonsten würde sie doch nie im Leben derartigen Blödsinn erzählen.«
Ja, leider: was Ellen für ihre neue Gelassenheit ausgab, hielt genau zwei Wochen. Dann geschah nämlich die Sache mit dem Überlauftank unserer maroden Heizungsanlage.
Der Hausmeister, ein dem Alkohol stark zugeneigter Endvierziger, hatte es sich und seiner Familie zu Weihnachten besonders mollig machen wollen. Zuerst hatte er sich selbst ausgiebig von innen beheizt, war dann glühend in den Keller gewankt und hatte dort Kohle in den Ofen getan, als wäre er Dampflokheizer bei einer Hochgeschwindigkeitsfahrt – in jenen Zügen, die einst von Berlin nach Hamburg rasten und deren Rekorde aus den dreißiger Jahren erst lange nach Ende des Krieges eingestellt werden konnten. Aus eben dieser Zeit stammte wohl auch die Heizungsanlage unseres Gymnasiums. Seit ich denken konnte, war dort immer nur das Nötigste repariert und der Wärmekreislauf des Hauses mit größter Improvisationskunst am Laufen gehalten worden. Die Heizung war beim letzten Konjunkturprogramm schlicht vergessen worden, weil Ellen alles Geld für eine neue Asphaltdecke des großen Schulhofes verplant hatte, und für die Sanierung der Lehrertoiletten.
An welchem Ventil es nun im Einzelnen gelegen hatte, ist mir bis heute nicht klar – ich unterrichte Französisch, Geschichte und Sozialkunde –, jedenfalls platzte der bis dahin eine Ziegelstärke hinter der Wand ruhende Überlaufbehälter: Etwa dreihundert Ziegel nebst vierhundert Litern kochender trüber Brühe böllerten in den Physikvorbereitungsraum und vernichteten dort Möbel, sämtliche Lehrmittel und das jüngst ausgelegte teure Linoleum mit Parkettoptik. Menschen kamen glücklicherweise nicht zu Schaden: wegen der Weihnachtsferien waren keine Lehrkräfte oder Schüler im Raum. Jedenfalls bemerkten der Hausmeister und seine Familie den Schaden erst, als sie nach den Feiertagen allmählich ausnüchterten und die ausbleibende Heizungswärme gewahrten. Da war auch der Wasserschaden schon ein Stockwerk tiefer angekommen – im gerade frisch und teuer aufgerüsteten Informatikzentrum der Schule.
Von da an war Ellen wieder, was sie immer gewesen war: eine schon als Fachlehrerin für Biologie hinlänglich überforderte Frau, die zu allem Unglück auch noch mit der Leitung unseres dadurch gleich nicht mehr ganz so ehrwürdigen Eduard-von-Keyserling-Gymnasiums betraut war. Dies übrigens nur, weil meine Bewerbung von der Schulbehörde seinerzeit unberücksichtigt geblieben war.
Leider machte dieser Umstand fortan den Kern unserer beruflichen Beziehung aus: Ellen, beim Griff nach der Macht beherzt, durchsetzungsfähig und ohne Beißhemmung, kam nach Inbesitznahme des Schulleiterzimmers auf die fixe Idee, der ganze Vorgang müsse für mich eine schreckliche Demütigung sein. Seither gab sie mir wann immer sich Gelegenheit bot zu verstehen, welchen Wert sie meiner kompetenten Mitarbeit zumaß und dass sie vor einer Entscheidung von Tragweite niemals versäumen würde, meine Meinung einzuholen. Außerdem war ich ja ihr Stellvertreter. Und irgendwie fand ich nie den rechten Ton, sie wissen zu lassen, dass der Schulleiterposten an sich mich überhaupt nicht reizte. Ich hätte ihn lediglich als Chance gesehen, nach beinahe dreißig Berufsjahren endlich den direkten Umgang mit Schülern meiden zu können, mit ihrem Geruch hastig gerauchter Pausenzigaretten und dem Dunst von Pubertätsschweiß, der beklommen machend in allen Räumen hing. Ich hatte nicht länger Lust, diese verwöhnten Bälger auf ein nutzloses, ungerichtetes Leben vorzubereiten. Das Wissen, das man ihnen auf dem Silbertablett anbot, führte doch zu nichts, außer dass sie demnächst als »digitale Bohème« in irgendwelchen Szenekneipen mit leerem Blick vor ihren Notebooks sitzen und über wer weiß was für Seiten surfen würden – unoriginell, uninspiriert und entkräftet vom exzessiven Masturbieren. Denn irgendwelche längeren Bindungen mit Partnern welchen Geschlechts auch immer ging diese Bande ja nicht mehr ein. Wie und wann auch, wo sich doch alle bereitwillig von ebenfalls halb oder gänzlich ungebildeten Vorgesetzten als stets verfügbare flexible Idioten ausplündern ließen und dabei noch stolz waren, was für wichtige Jobs sie »machten«.
»Sie macht einen guten Job«, wie ich sie hasste, solche Sätze, gönnerhaft, Überblick vortäuschend. Die Kanzlerin und der Innenminister machten einen guten Job, und die Frau an der Käsetheke im Supermarkt.
Ich als Schulleiter aber hätte allenfalls noch die Pläne für die Unterrichtung der Schüler erarbeitet und Kollegen, die noch nicht an dem Punkt angelangt waren wie ich, moralisch unterstützt.
Jemand anderer hätte diese meine Verfassung vielleicht als Lebenskrise erfühlt, mir aber erschien das alles als logischer Ablauf meiner Erwerbsbiografie. Die Idee, zum geeigneten Zeitpunkt vorzeitig in den Ruhestand zu gehen, hatte ich bereits verworfen. Nur weil die Schüler unerträglich und meine Kollegen noch unerträglicher waren, musste ich doch nicht auf 14,4 Prozent meiner Altersbezüge verzichten.
Es versteht sich von selbst, dass man mit Ellen über solche Dinge nicht reden konnte. Sie lebte in ständiger Angst, ich könnte beim Bildungssenator gegen sie intrigieren. Deshalb auch die Idee mit dem Sabbatjahr: Sie hoffte, sich in der Zeit meiner Abwesenheit ungestört weiter als Schulleiterin profilieren zu können.
Leider hatte ich mich unlängst im Sozialkunde-Leistungskurs etwas gehen lassen und scherzend angedeutet, dass ich die an deutschen Schulen bedauerlicherweise abgeschaffte Prügelstrafe durchaus für ein zielführendes pädagogisches Mittel hielte, worauf mehrere Schüler meine Ironie missverstanden und mich in eine ernsthafte Diskussion...




