E-Book, Deutsch, 76 Seiten
Raboi DIE LIEBE, DAS CHAOS UND ICH MITTENDRIN
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7554-1711-8
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eine Liebesgeschichte
E-Book, Deutsch, 76 Seiten
ISBN: 978-3-7554-1711-8
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Julia macht gerade eine schwere Zeit durch: Ihr Verlobter hat sie betrogen, und ihre beste Freundin ist schwerkrank. Als sie sich dann auch noch in zwei Männer verliebt, ist das Chaos perfekt... Die Liebe, das Chaos und ich mittendrin von Alea Raboi erzählt eine kurze Geschichte über tiefe Verbundenheit, Liebe und den alltäglichen Wahnsinn.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Drittes Kapitel
Oh, verdammt, was habe ich getan? Langsam dreht sich mein Kopf zur linken Seite. Ich öffne meine Augen. Lasse meine Hand die Kuhle entlanggleiten, höre Schritte und schnelle hoch. Martin. Martin Schöner, schießt es mir in den Sinn. Ich rolle seitlich aus dem Bett und trete an die Schlafzimmertür. Spähe um die Ecke zum Wohnungseingang und erblicke meinen Nachbarn mit einer Tüte in der Hand. Unsere Blicke treffen aufeinander. »Guten Morgen, Nachbarin. Ich war so frei und habe uns Frühstück besorgt. Frische Croissants. Butter habe ich in deinem Kühlschrank vergebens gesucht. Die hier ist von mir.« Er legt sie auf den Tisch. »Oh, du verwöhnst mich ja richtig«, staune ich. »Ich komme gleich.« Tapsend bewege ich mich in das Badezimmer und setze mich auf die Kloschüssel. Um das Plätschern des Urins zu übertönen, betätige ich zeitgleich die Spülung. Herrje, mir selbst nicht erklären, weshalb ich immer wieder zu solchen Mitteln greife, aber es ist mir stets unangenehm, wenn jemand meinen Urin ins Klowasser plätschern hört. Ich wasche mir die Hände und möchte schon zur Tür raus, als mir in den Sinn fährt, die Zähne vor dem Frühstück zu putzen. Obschon ich meine Beißereien nach dem Essen wieder putzen werde, will ich Martin nicht mit dem morgendlichen schalen Mundgeruch gegenübersitzen. Es ist aber auch zu gemein, er war vorhin in seiner Wohnung. Bestimmt nicht der Butter wegen, viel mehr, um seine Zähne zu putzen und in Ruhe zu urinieren! Erfrischt trete ich in die Küche. Martin hat den kleinen runden Tisch gedeckt, sodass ich mich nur zu setzen brauche. »Danke. Das sieht wunderbar aus, riecht auch sehr gut«, komplimentiere ich und sinke in die Lehne. »Ach. Das ist doch selbstverständlich. Ich meine«, er neigt den Kopf zur Seite und lächelt verschmitzt, »du hast schließlich die vergangene Nacht durchgeackert.« Ich schlucke leer, richte meinen Blick auf das Croissant auf dem Teller vor mir, traue mich nicht, Martin anzuschauen. Vor Scham würde ich am liebsten in den Boden sinken. Über uns schwebt eine Wolke aus peinlicher Stille. »Was arbeitest du eigentlich?«, will er wissen. Ich schmiere eine ordentliche Schicht Butter auf mein Gebäck, nippe am Kaffee, der dank meines Besuchs im Badezimmer nun nach Zahnpasta schmeckt, unterlasse es nur mit Mühe, mein Gesicht zu verziehen. »Ich bin Zahntechnikerin. Wenn du also mal ein neues Gebiss brauchst, kannst du dich an mich wenden.« Er lacht auf. »Und du? Was arbeitest du so?« »Versicherungsmakler.« »Dann bist du einer von denen, der von Tür zu Tür geht, um den Bewohnern eine überteuerte Versicherung anzudrehen? Oder bist du derjenige, der immer anruft, wenn ich unter der Dusche, am Kochen oder auf der Toilette bin?« Er hebt die Augenbrauen. »Was? So ein Schwachsinn. Ich gehe nicht hausieren.« »War ja nur ein Scherz. Nicht böse sein.« Ich mache einen Schmollmund. Er strahlt mich an. »Wie könnte ich dir böse sein.« Ich greife nach dem Croissant und führe es in den Mund. Ein unerträglicher, salziger Geschmack breitet sich ungehindert in meiner Mundhöhle aus. Unwillkürlich spuke ich auf den Teller. Sehe hoch und schaue in zwei mit Argwohn erfüllten Augen. »Äh... also, normalerweise esse ich schöner. Aber das ist ja Salzbutter!« »Und wegen der bösen Salzbutter machst du hier so einen Aufstand und spukst auf deinen Teller?« Erbost steht er auf. Das fängt ja gut an. »Entschuldige bitte, aber Salzbutter löst in mir einen Würgereflex aus«, flöte ich zurück. »Wie alt bist du eigentlich?« Was geht denn hier ab? Welche Laus ist ihm denn jetzt plötzlich über die Leber gelaufen? Nun stehe ich auch auf. »Das ist doch nicht so schlimm. Komm, wir setzen uns wieder hin und frühstücken in Ruhe fertig.« »Sorry, aber auf den Teller spucken und wegen Salzbutter so einen Aufstand machen, zeugt nicht wirklich von Intelligenz«, faucht er, wendet sich von mir ab und verschwindet zur Wohnung raus. Verdattert sinke ich rücklings in die Stuhllehne. Das kann doch verdammt noch mal nicht wahr sein. Hat er mich jetzt einfach sitzen lassen? Ich kann doch nichts dafür, dass der Würgereflex stärker war als ich. Herrgott! Wer bitte schön mag denn Salzige Butter? Fassungslos über das, was gerade passiert ist, räume ich den Tisch auf. Nach dem Abwasch ziehe ich in Erwägung, einfach zur Arbeit zu fahren, obwohl ich noch ein paar Tage Urlaub habe. Flitterurlaub, um genau zu sein, eigentlich wäre ich jetzt mit Michael in den Flitterwochen. Die hatten wir nicht direkt nach der Hochzeit geplant, da Michael einige Termine nicht verschieben konnte. Nein, ich will nicht zur Arbeit. Ich setze ich mich in mein Auto und fahre zu meinen Eltern, ich will meinen heute nicht unter die Augen treten und mir durchdringende Blicke gefallen lassen. Ich rolle die Einfahrt entlang durch eine Allee aus Bäumen (fragen Sie mich nicht, welche; ich kenne mich mit Bäumen nicht aus), die vor ein paar Tagen noch mit weißen Schlaufen dekoriert waren. Der Motor verklingt. Ich verspüre keinen Drang auszusteigen und bleibe einen Augenblick sitzen. Was für ein Monat. Was für zwei Wochen. Anfang des Monats war noch alles in Ordnung, und jetzt ist mein Leben so chaotisch wie noch nie zuvor. Erst platzte die Hochzeit, dann wurde ich als beschimpft und sitzengelassen. Warum zum Teufel habe ich auch gleich Sex mit meinem Nachbarn? War es vielleicht die Wut über Michael? Musste ich einfach nur mal „Frust ablassen“, wie er es nannte, wenn er Fremdgeher in Schutz nahm? Frust ablassen an der personifizierten Männlichkeit? Ich entsteige meinem Wagen und schlendere zur Terrasse hinter dem Haus. »Kind«, ruft mir meine Mutter entgegen. »Mama, hallo. Dachte ich mir doch, dass du hier draußen die Sonne genießt. Wo ist denn Papa?« »Der zeigt gerade unserem neuen Gärtner dessen Arbeit.« »An einem Samstag?« »Ja, also bei dem Salär ist das ja wohl das Mindeste. Bei uns wird er wenigstens nicht verhungern.« »Natürlich nicht«, pflichte ich ihr bei und füge in Gedanken hinzu: Dafür wird er einen Burnout bekommen. Mutter geht ins Haus, um mit einer Tasse Kaffee wiederzukommen. »Hier, mein Kind. Mit einer extra Portion Milch.« Ein Lächeln huscht mir über das Gesicht. Es tut gut, bei meinen Eltern zu sein. Zu Hause. Im Geborgenen. Ich lasse mich tiefer in die Lehne sinken und schaue in den herrschaftlichen Garten. In der Ferne erblicke ich meinen Vater, neben ihm steht ein etwas fülligerer Mann. »Ist das neben Papa der Neue?« Mutter nippt am Getränk und nickt. »Mhm«, macht sie und schluckt hinunter. »Otto.« »Otto?« »Ja, Otto. Warum, ist was nicht in Ordnung mit diesem Namen?« Ich schüttele den Kopf. »Nein, alles bestens. Habe ihn nur seit Jahren nicht mehr gehört.« »Ich hole mal schnell den Kuchen.« Ich schaue Mutter nach. »Du hast Kuchen gebacken?« »Ja«, erklingt ihre Stimme aus der Küche. »Er darf sich nur nicht daran gewöhnen.« »Ach, so. Für Otto. Weil es sein erster Tag ist.« Sie kehrt auf die Terrasse zurück. »Ja, für wen denn sonst?« Ihre Worte verletzen mich, gekonnt lächele ich den Schmerz, den ihr Stich in mein Herz mir beschert, weg. Mein Vater und Otto kommen stetig näher, geradewegs auf die Terrasse zu. Mutter stellt die Stühle zurecht und legt Dessert-Teller auf den Tisch. »Julia, das ist aber eine schöne Überraschung“, sagt mein Vater. Er umarmt mich, ohne mich fest zu drücken, ohne, dass ich überhaupt etwas Nähe spüre. »Darf ich vorstellen«, er...




