E-Book, Deutsch, 1616 Seiten
Riebe Töchter einer dunklen Zeit
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-452-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Drei Romane in einem eBook: »Die Prophetin vom Rhein«, »Pforten der Nacht« und »Die Hexe und der Herzog«
E-Book, Deutsch, 1616 Seiten
ISBN: 978-3-98690-452-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Brigitte Riebe, geboren 1953 in München, ist promovierte Historikerin und arbeitete viele Jahre als Verlagslektorin. 1990 entschloss sie sich schließlich, selbst Bücher zu schreiben, und veröffentlichte seitdem mehr als 50 historische Romane und Krimis, mit denen sie regelmäßig auf den Bestsellerlisten vertreten ist. Heute lebt Brigitte Riebe mit ihrem Mann in München. Die Website der Autorin: www.brigitteriebe.com Bei dotbooks veröffentlichte Brigitte Riebe ihre historischen Romane: »Schwarze Frau vom Nil« »Liebe ist ein Kleid aus Feuer« »Die Braut von Assisi« - auch als Hörbuch erhältlich »Die schöne Philippine Welserin« »Der Kuss des Anubis« »Die Töchter von Granada« »Pforten der Nacht« »Die Hexe und der Herzog« »Die Prophetin vom Rhein« Die letzten drei Romane sind auch im Sammelband »Töchter einer dunklen Zeit« erhältlich. Auch bei dotbooks veröffentlichte Brigitte Riebe ihre Jakobsweg-Saga mit den Romanen: »Die Straße der Sterne« »Die sieben Monde des Jakobus« Auch als Sammelband erhältlich. Sowie den Roman »Der Wahnsinn, den man Liebe nennt«.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Bingen, Spätwinter 1152
Ein kalter Wind pfiff auf dem Fährschiff, das soeben vom rechten Rheinufer abgelegt hatte. Noch gegen Mittag hatte die Februarsonne ein Weilchen zwischen den Wolken hervorgeblitzt, inzwischen aber war der Nachmittag vorangeschritten, und der Himmel zeigte sich wieder verhangen. Schon drohte der nächste Graupelschauer, der die ständig klammen Umhänge erneut durchnässen würde.
Wie satt Theresa das alles hatte!
Beim Aufspringen auf die rutschigen Planken war Feuchtigkeit durch die löchrigen Sohlen gedrungen, und ihre Füße waren inzwischen zu Eis erstarrt. So durchfroren fühlte sie sich, so hungrig und verloren, dass sie am liebsten geweint hätte. Doch Weinen war strengstens verboten, ebenso wie über einen knurrenden Magen zu klagen oder über Schneeregen, Bettwanzen und schimmelig gewordenes Brot, das sich kaum noch hinunterwürgen ließ. Sie waren auf der Flucht und bettelarm, das hatte die Mutter ihnen eingetrichtert, bis jemand den Oheim zwingen würde, ihnen zurückzugeben, was er ihnen so dreist geraubt hatte.
Allerdings gab es da sehr wohl etwas, auf das Götz von Ortenburg sich in seinem Zorn berufen konnte, etwas Schwerwiegendes, Unaussprechliches, das spürte sogar Gero, ihr kleiner Bruder, der so angestrengt auf das Wasser starrte, als erhoffe er sich Erlösung aus den blaugrünen Fluten. Die Mutter selbst hatte ihrem Schwager den An lass für sein Handeln geliefert. Und es hätte sogar noch schlimmer ausfallen können, da Götz sehr jähzornig werden konnte, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Deshalb hatten sie sich auch im Schoß der Nacht aus der Burg geschlichen, zwei Pferde aus dem Stall geholt und sich nach Westen durchgeschlagen, um dort Schutz und Hilfe zu erbitten.
Eine endlose Reise allerdings, die ihnen bislang nichts als Enttäuschungen und neuen Kummer gebracht hatte. Theresa hatte von Anfang an nicht recht daran glauben können, dass dieser schwache Herrscher, von vielen im Reich als »Pfaffenkönig« verunglimpft, ihnen helfen würde, und ihr Misstrauen sollte sich schließlich auch bewahrheiten. Zu König Konrad, der ihren Vater in den Tod geschickt hatte, war trotz Bitten und Flehen kein Vordringen gewesen. Er litt, wie man ihnen flüsternd zutrug, an einem südlichen Fieber, mit dem er sich während des gescheiterten Kreuzzuges angesteckt hatte, und war dem Tod näher als dem Leben.
Auch in seiner Umgebung schien keiner daran interessiert, sich ausgerechnet jetzt mit der wirren Geschichte der Witwe eines Reichsgrafen und ihrer unmündigen Kinder zu beschäftigen, die in Not geraten waren. Zu Bamberg jedenfalls, wo die Großen des Landes sich für eine Italienfahrt versammelt hatten, die nun nicht mehr stattfinden konnte, hatte man sie abgefertigt wie lästiges Bettlerpack. Hätte es nicht jenen Ritter gegeben, der mit ihrem Vater gegen die Heiden gekämpft und ihnen einen Beutel mit ein paar Silbermünzen zugesteckt hatte, sie hätten sich unterwegs schon bald nicht einmal mehr die schäbigste Unterkunft leisten können.
Sah man ihnen das Elend inzwischen schon von Weitem an?
Gerade in diesem Moment wünschte sich Theresa aus ganzem Herzen, dass es anders wäre. Ein Blick auf ihre lehmbespritzten Kleider und das rissig gewordene Schuhwerk belehrte sie jedoch eines Besseren. Warum musste sie ausgerechnet in einem so erbärmlichen Zustand auf diesen jungen Mann treffen, der sie wie magisch anzog, seitdem er ihren Weg gekreuzt hatte?
Er war groß und hielt sich gerade, hatte stattliche Schultern und eine dichte, rotbraune Mähne, die der Wind ihm zerzauste. Ein wenig erinnerte er sie an Richard, den Bastard von Onkel Götz, aber vielleicht auch nur, weil beide sich ähnlich geschmeidig bewegten, und Richard der ansehnlichste junge Mann war, der ihr bisher begegnet war. Das Gesicht des Fremden war flächig und hell, mit einem Nest von Sommersprossen auf der Nase und einem Grübchen im Kinn, das man nur bemerkte, wenn man ganz genau hinsah. Sein dicker, brauner Walkumhang sah so wärmend aus, dass Theresa ihn darum beneidete. Was sie aber am meisten faszinierte, waren seine Augen, das rechte so blau wie der Himmel an einem strahlenden Junitag, das linke ein gutes Stück dunkler, fast ins Bräunliche changierend.
Natürlich schaute er nicht zu ihr herüber, und wenn doch, dann lediglich gleichgültig, als nehme er sie bestenfalls zufällig wahr. Was bekam er denn auch schon zu sehen? Nichts als ein armselig gekleidetes Mädchen, das inzwischen viel zu lange von zu Hause fort war, um mit dem Kostbarsten prunken zu können, was die Natur ihm geschenkt hatte. Das dunkle Haar, sonst Theresas größter Stolz, war notgedrungen straff geflochten und unter einer verbeulten Filzkappe verborgen, anstatt wie sonst lockig und knisternd bis zu den Hüften zu fallen.
Jetzt musste ihre Nase noch spitzer wirken, und die Wangen sahen vermutlich so eingefallen aus wie die eines halb verhungerten Kindes. Theresa, die noch vor wenigen Monaten auf ihren vierzehnten Geburtstag hingefiebert hatte, um endlich zu den Erwachsenen zu zählen, schätzte das anziehende männliche Gegenüber auf zwanzig. Eigentlich genau das zu ihr passende Alter. Doch seit sie Ortenburg verlassen hatten, war so viel geschehen, dass sie beide sehr viel mehr trennte als diese paar lächerlichen Jahre.
»Ist Euch nicht gut?«, wandte sich der ältere Mann, der neben dem jungen stand, an die Witwe, und sein singender Tonfall ließ erkennen, dass er wohl nicht in seiner Muttersprache redete. »Ihr seid doch nicht etwa krank?«
Ada von Ortenburg wischte sich mit der Hand über das Gesicht. Dabei verschob sich der Umhang und entblößte ihren gewölbten Bauch.
»Es geht schon wieder.« Schnell zupfte sie den Stoff zurecht. »Wir sind nur schon so lange unterwegs. Und haben leider bislang nicht gerade Glück gehabt.«
Der Blick ihres Gegenübers schien an Schärfe zu gewinnen. Der Mann war mittelgroß und sehnig, hatte grau meliertes Haar und ein markantes Gesicht. Unter einem wild wuchernden, pechschwarzen Brauengestrüpp stachen Augen hervor, blank wie geschliffener Obsidian.
»Frauen ohne männlichen Schutz meiden für gewöhnlich Straßen und Flüsse.« Plötzlich klang er offen missbilligend. »Zumal zu dieser unwirtlichen Jahreszeit. Und dazu haben sie auch jeden Grund. Was sagt denn Euer Gemahl dazu? An ihm wäre es doch zuallererst gewesen, Euch vor solch gefährlichen Abenteuern abzuhalten!«
Geros magerer Rücken schien auf einmal noch steifer geworden zu sein. »Ich kann sie doch beschützen!«, rief er, ohne sich umzudrehen. »Mama und meine Schwester. Auch wenn ich leider noch kein Ritter bin. Doch zu ihrem Schutz fühle ich mich längst groß genug!«
Theresa sah, wie die Mutter den Umhang unwillkürlich enger um sich zog. Lass es bleiben!, hätte sie ihr am liebsten zugerufen. Du kannst es ohnehin nicht mehr verbergen, so viel Mühe du dir auch gibst. Aber natürlich kam nicht ein Laut über ihre Lippen.
»Mein Mann ist tot, und es gibt nur noch eine einzige Zuflucht, die uns geblieben ist. Wir müssen sie unter allen Umständen erreichen, sonst weiß ich nicht, was aus uns werden soll.«
Das Brauengestrüpp schnellte fragend nach oben.
»Wir kommen gerade vom Kloster Eberbach«, fuhr Ada fort, »aber auch dort konnte man uns nicht weiterhelfen.«
Wieso erteilte die Mutter einem Fremden diese Auskünfte, wo sie den Kindern doch eingeschärft hatte, so wenig wie möglich von sich preiszugeben, bis sie ihr Ziel erreicht hätten?
»Der Erzbischof von Mainz ...« Adas Stimme war nur noch ein Flüstern. »Ich hatte so sehr gehofft, ihn in Kloster Eberbach anzutreffen, aber ...«
Sie taumelte, suchte nach einem Halt und lehnte sich in Ermangelung von etwas Besserem an den Weißen, Theresas kreuzbraven Wallach mit der Blesse, die ihm den Namen eingetragen hatte. Das Tier ließ es sich schnaubend gefallen. Es war jetzt ihr einziges Pferd, nachdem das andere vor ein paar Tagen alle viere von sich gestreckt hatte. Was hieß, dass sie nun noch langsamer vorankommen würden.
»Der Erzbischof hat Eberbach verlassen und ist nach Bamberg geritten«, sagte der Mann. »Es scheint ungewiss, wann er wieder an den Rhein zurückkehren wird, so wie die Dinge gerade liegen.« Er sah Ada an und schüttelte missbilligend den Kopf. »Ich beginne mir ernsthaft Sorgen um Euch zu machen. Ihr schwankt ja noch immer und seid kreidebleich! Wollt Ihr Euch nicht ein wenig ausruhen? Willem, den Hocker und unseren Proviantkorb – und beeil dich gefälligst!«
Der Jüngere lief zu dem Packpferd, das sie mit sich führten. Schon nach wenigen Augenblicken kam er mit einem aufklappbaren Sitzmöbel zurück, auf das Ada sich mit einem Seufzer der Erleichterung sinken ließ.
Gerade noch rechtzeitig, denn das Boot, das bislang ruhig und gleichmäßig unter den Stößen der Fährleute vorangekommen war, geriet in der Strommitte auf einmal ins Trudeln und begann bedenklich zu schwanken. Waren das jene gefährlichen Untiefen im Rhein, vor denen andere Reisende sie so eindringlich gewarnt hatten?
Plötzlich war auch Gero wieder an ihrer Seite. Obwohl er grünlich im Gesicht war, griff er ebenso gierig wie Theresa nach dem weißen Brot. Der geräucherte Fisch dagegen verschwand zögerlicher in seinem Mund.
»Habt ihr denn kein Fleisch?«, sagte er, mit vollen Backen kauend. »Oder wenigstens ein ordentliches Stück Käse? Ich mach mir eigentlich nicht besonders viel aus Wassergetier, müsst ihr wissen.«
»Damit können wir leider nicht dienen.« Die Stimme des Alteren klang plötzlich belegt.
»Verhungern wirst du schon nicht, Kleiner!« Willems breites Lachen entblößte einen abgeschlagenen Schneidezahn, der ihm etwas Jungenhaftes verlieh.
Ada ließ den...




