E-Book, Deutsch, 130 Seiten
Schuster Das Gemälde von Ashton Manor
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98672-008-7
Verlag: Dryas Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gothic-Novel
E-Book, Deutsch, 130 Seiten
ISBN: 978-3-98672-008-7
Verlag: Dryas Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Selina Schuster, geboren 1988, lebt am östlichen Rand des Ruhrgebiets, zusammen mit ihrem Mann und einem dicken, roten Kater, der gerne auf Papierstapeln liegt. Nach ihrem Studium der Anglistik, Germanistik und Geschichtswissenschaften arbeitet sie als Lehrerin und ist zudem als Übersetzerin und Autorin tätig. Neben diversen akademischen Veröffentlichungen im Bereich englischer Literaturwissenschaften, sowie Geschichtswissenschaften, sind ihre Werke vor allem den Bereichen Historie und Mystery zuzuordnen.
Autoren/Hrsg.
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Prolog
Ashton Manor, Romney Marsh. November 1878
»Komm raus, komm raus, wo immer du bist!«
Die hohe Stimme des Jungen kam kaum gegen das Rauschen des Windes im Schilfrohr an. Langsam begann er zu frieren. Seine Füße waren bereits klamm und kalt. Sie steckten in viel zu großen Wellingtons, die ihm bis über die Knie gingen. Ebenso war der Regenmantel, den sein Großvater ihm geschenkt hatte, noch ein wenig zu lang, sodass er zwar den allgegenwärtigen Nieselregen abhielt, ihn jedoch in seiner Bewegungsfreiheit erheblich einschränkte. Die Ärmel des Mantels waren bereits mehrfach umgekrempelt, trotzdem lugten lediglich seine Fingerspitzen unter den Aufschlägen hervor.
Suchend blickte der Junge sich um, doch er sah nichts weiter als öde Marschlandschaft, über der sich ein grauer, wolkenverhangener Himmel auftürmte. Hier und dort blieb seine Aufmerksamkeit an einem vertrockneten Schilfhalm hängen, der sich im auffrischenden Wind bog, ansonsten konnte er jedoch keinerlei Bewegung ausmachen.
.
Er mochte es nicht, mit ihr Verstecken zu spielen.
Es war nicht gerecht.
Sie hatte den Vorteil, so fürchterlich klein zu sein, dass sie sich problemlos hinter jedem noch so fadenscheinigen Gestrüpp verstecken konnte und man sie schlichtweg übersah. Selbst das weiße Wollkleidchen, welches gut sichtbar unter ihrer Jacke hervorblitzte, half ihm nicht bei seiner Suche. Wieder und wieder sah er sich nach dem weißen Farbtupfer um, doch überall war alles nur braun und grau.
»Celice, wo steckst du?«, rief er erneut, diesmal lauter und ein wenig genervter als zuvor und formte seine Hände vor seinem Mund zu einem improvisierten Trichter.
Erneut nichts weiter als Rauschen.
Enttäuscht ließ er die Arme sinken und wusste einen Augenblick lang nicht, was tun.
Er hatte keine Lust mehr auf dieses dumme Spiel. Ihm war kalt und sein Magen meldete sich knurrend zu Wort.
Die Lippen geschürzt, stemmte er trotzig die Hände in die Hüften und stapfte lustlos mit den Stiefeln im Matsch herum.
»Das macht keinen Spaß, wenn du dich so gut versteckst!«
Missmutig sprang er mit den schlackernden Stiefeln in eine große Pfütze und blieb beinah im Morast hängen.
»Ian, du gibst dir gar keine Mühe!«
Sein Kopf schnellte in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Hoch und dünn war sie zu ihm herübergeweht worden und sie hatte sich dabei von ihm entfernt.
Ein feines Grinsen zerrte an seinen Mundwinkeln.
Sein Blick glitt über die braunen Grasbüschel und ölig erscheinenden, kleinen Tümpel der Marsch. Er konnte ein leises, rhythmisches Platschen hören.
Sie lief wieder zurück Richtung Haus!
Wasser spritzte an seinen Waden hinauf, lief von oben in die Schäfte seiner Stiefel, dass es seine dicken Wollsocken tränkte, doch es kümmerte ihn nicht.
Das sich hell gegen den grauen Novemberhimmel abhebende Haus kam immer näher. Mit federnden Schritten nahm er je zwei Stufen des Hausaufganges auf einmal und platzte schwer atmend in die Eingangshalle. Der Wind stob durch die Tür und schien ihn weiter ins Innere des Hauses zu drücken.
Hektisch sah er sich um. Sein Blick huschte über den auf Hochglanz polierten Holzboden, das flackernde Feuer im Kamin, mit den so gemütlichen Ohrenbackensesseln davor und den imposanten Treppenaufgang ihm gegenüber.
Wo konnte sie sich versteckt haben? Es gab hunderte Möglichkeiten … Er wollte grade schon resigniert die Schultern sinken lassen, als er sie entdeckte.
Fußspuren.
Ein feines Grinsen schlich sich zurück auf seine Gesichtszüge.
Winzige, nasse Fußspuren, die sich über den perfekt gewienerten Parkettboden der Eingangshalle erstreckten. Sie führten um die Ecke, herüber zum Aufgang der Dienerschaft. So leise und schnell er konnte, streifte er sich den Regenmantel und das verkrustete Schuhwerk ab, warf alles achtlos in die Ecke neben der Tür und schlich auf nassen Strümpfen herüber zur Tür des Dienstbotenaufgangs.
Er konnte sich ein leises Kichern nicht verkneifen.
Sie war nur angelehnt.
Vorsichtig drückte er die Holztür auf und blickte die dunkle Treppenflucht empor. Schief und buckelig waren die Stufen über die Jahre geworden, abgetreten von vielen schnellen Schritten. Er setzte einen Fuß auf die erste Stufe und verlagerte prüfend sein Gewicht nach vorne. Augenblicklich zuckte er zusammen und hielt wie schockgefroren in der Bewegung inne, als das alte Holz ein erbärmliches Ächzen von sich gab.
Verdammt!
Er musste leise sein, sonst würde Celice sofort wissen, dass er ihr auf den Fersen war.
Behutsam setzte er einen Fuß vor den anderen, stets darum bemüht, die Stufen nur an den Seiten zu betreten. Nichtsdestotrotz knarrte die Treppe bei beinah jedem mit noch so viel Bedacht gesetzten Schritt und ein jedes Mal fuhr es ihm wie ein Schrei durch alle Glieder. Er atmete erleichtert aus, da er endlich den rettenden Treppenabsatz erreicht hatte und sich suchend umblickte.
Wo konnte sie sich nur versteckt haben? Unschlüssig drehte er sich einmal um die eigene Achse und ließ seinen Blick vorbeischweifen an einer Flucht aus dunklen, verschlossenen Türen.
Nein, in den Dienstbotenzimmern würde sie sich mit Sicherheit nicht versteckt haben, oder?
Mit eisigen Fingern strich er eine an seiner Stirn klebende Haarsträhne beiseite, ehe er seine Aufmerksamkeit der Treppe am Ende des Ganges zuwandte und zielstrebig darauf zusteuerte. Erneut musste er grinsen, als er die klammen Spuren winziger Füße auf den abgeschabten Holzstufen sah.
Mit entschlossenen Schritten erklomm er die nächste Treppenflucht. Immer den blasser werdenden Fußabdrücken hinterher. Er hörte ein seltsames Geräusch.
Ein Kratzen, oder Schrammen.
Die Stiegen wurden zunehmend schmaler und enger, die Stufen immer wackeliger und schiefer. Ehe der Junge sich versehen konnte, fand er sich vor einer nur noch in einer Angel hängenden Tür auf einem in einer Sackgasse endenden, letzten Treppenabsatz wieder. Der Wind pfiff schneidend durch das nicht mehr vollkommen dichte Bleiglasfenster zu seiner Rechten. Der auffrischende Wind ließ das bunte Glas in den metallenen Einfassungen erzittern und erbärmlich klirren. Unweigerlich fröstelte es ihn.
»Celice?«
Seine Stimme klang belegt. Kleine Finger griffen nach dem Knauf mit der abplatzenden Emaille.
»Celice, ich weiß, dass du hier bist.«
Knarzend drehte sich der Knauf in seiner Hand und mit einem kräftigen Ruck zog er die Tür zu sich. Sie schrammte schwerfällig mit einem durchdringenden Kratzgeräusch über die aufgequollenen Dielenbretter.
Nun wusste er definitiv, dass sie sich hier versteckt hielt. Auch, wenn sie noch nie hier oben gewesen waren, so wussten sie doch beide, welcher Raum sich hinter der verwitterten Tür befand.
Der Dachboden.
Und er wusste auch, dass Großvater es niemals erfahren durfte, dass sie sich hier heraufgeschlichen hatten.
Kein Sterbenswörtchen durften sie ihm davon verraten. Hoffentlich hatte Eduard sie nicht bemerkt. Er würde sie sofort bei Großvater verpetzen. Und auch Celice konnte manchmal ihr Mundwerk nicht halten …
Er musste Celice dringend einschärfen, Stillschweigen zu bewahren – sobald er sie gefunden hatte.
Er hatte die Tür noch nicht zur Gänze geöffnet, da hätte er sie am liebsten gleich wieder lautstark zugeschlagen.
Der muffige Geruch nach alten Möbeln, Moder und abgestandener Nässe schlug ihm wie eine mannshohe Wand entgegen und setzte sich penetrant in seinem Rachen fest. Er schluckte heftig und kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. Für einen schrecklich langen Moment sah er hinter dem Türrahmen nichts weiter als Dunkelheit. Unweigerlich wich er einen Schritt zurück, fasste sich dann jedoch ein Herz, als sich seine Augen an das schummrige Licht gewöhnt hatten. Einige erbärmliche, blass-blaue Strahlen kämpften sich ihren Weg durch mit wahllos zusammengestellten Brettern verrammelte Fenster. Die meisten besaßen keine Verglasung mehr, sodass der Wind in unsteten, gnadenlosen Intervallen ins Innere des Dachbodens pfiff. In den dünnen Strahlen tanzten aufgescheuchte Staubfontänen und einige verirrte Blätter auf und nieder.
Mit Ausnahme des an den Brettern zerrenden Windes war kein Geräusch zu vernehmen.
»Celice?«
Noch mehr Staub stob auf als er begann den Dachboden abzusuchen. Angewidert verzog er die Mundwinkel als er mit spitzen Fingern ein...




