Schwab / Orthofer Abfall Bergland Cäsar
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-85420-915-7
Verlag: Literaturverlag Droschl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Menschensammlung. Werke Band 2
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-85420-915-7
Verlag: Literaturverlag Droschl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Star-Dramatiker Werner Schwab sah sich selbst als Prosaschriftsteller – aber zu Lebzeiten erschien nur ein einziger größerer Prosatext, die 'Menschensammlung' "Abfall Bergland Cäsar". Mit diesem Buch griff Schwab auf eine Gattung des 17. und 18. Jahrhunderts zurück, Typenbeschreibungen des Menschlichen, Sittenbilder und Porträts des adeligen und bürgerlichen Verhaltens. Wo die Autoren solcher Human-Typologien bestenfalls skeptisch und leicht spöttisch waren, setzt Schwab in seiner 'Menschensammlung' zur totalen Vernichtung an. Die Personen von A bis Z sind weniger Charaktertypen als Opfer einer endgültigen Dekonstruktion: sie werden ermordet und gemetzelt, zersägt und zerschnitten, sie werden erstickt in Jauche und Müll und ertränkt in Blut, Schweiß und Tränen. Täter, Opfer und Werkzeug dieses Mordens ist die Sprache, als das wichtigste Instrument des 'verfeinerten menschen'.Die Attacke gegen den guten Geschmack, gegen den humanistisch-edlen Zeitgenossen ist programmatisch: 'TÖTEN wir das kulinarische. VERMEIDEN wir das graduelle des genusses.' Die grundsätzliche Kritik an den gesellschaftlich produzierten Menschentypen enthält darüberhinaus eine radikale Sprachkritik und Erkenntnisskepsis und erweist sich im nachhinein als der vielleicht wichtigste Selbstkommentar des Autors – der aber auch in diesem Text nicht auf seine drastische Komik verzichtet und lustvoll Situationen und Handlungen konstruiert, die zielsicher ihre jeweils schlimmste Wendung nehmen.
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LACHENDE GEOLOGIE ANALOGIESCHÜSSE ZUM BEISPIEL der sommer ist aus abgefeuert ersoffen NUR NICHT FORSCHEN sondern den witz begründen auf der obersten schichtfläche des witzes. mimese lesen lernen jede ordentliche, gut gemachte, tödliche graphik zum beispiel saubere körperwarme asche. der sommer ist aus das braune fleisch ist von der eitergelben sonne heruntergenommen. immer wieder ist von EINEM FLEISCH DIE REDE alles kontrapunktiert seine blumensträuße mit fleisch alles mit einer archaischen regung springt auf und antwortet ungefragt: DAS FLEISCH. fleisch ist ernst, der ernst funktion, funktion ist fleischlich. intellektuelle redlichkeit ist als ernst des lebens also fleischliche funktion. intellektuelle redlichkeit an dieser stelle als schauspieler neben fleisch und ernst und blumenstrauß in der straßentragödie: meine regungen und ich, DER GEREGTE. der sommer ist aus: das mußte gezeichnet sein, ehe einer anheben konnte: auszubrechen, ein sommer. das fleisch muß wieder hinaus aus seinem pornophilen rhythmus: und hinein in qual und stoff und identität, in das hausbackene, in die distanz auf engstem raum. ANALOGIEZAUBER kommt tosend auf uns zu. eine perforierte, eine sich auf alles zubewegende waschmaschine. verstärken wir den hausbackenen küchenbegriff: ein überdimensionierter ein rechtsradikaler mixer oraler pogrom regionalismus familismus eine kleine kapelle auf einem sanften weinbewachsenen hügel einmal schlachthaus, einmal kitsch, einmal militantes kleinod. aber nehmen wir die küchenwunde DIE KÜCHE als analogon GREIFEN wir ein BEISPIEL auf ergreifen wir uns das beispiel A: A betritt eines schwülen abends seine geräumige, auch ihm gehörende, technisch sehr gut ausgestattete küche und findet entgegen dem auch von ihm mitverantworteten hausbrauch den auch ihm gehörenden gartenschlauch vor. A kommt von der arbeit und ist verärgert, weil er überrascht ist. A ist überrascht, daß er sich an dieser stelle seines lebens ärgern muß. A ist überrascht und verärgert, weil er sich gezwungen sieht, den unendlich länglichen, aber durch seine eingerolltheit kompakt wirkenden gegenstand neu zu interpretieren, weil er, A, ihn, den gartenschlauch: in diesem konnex, nämlich dem küchenkonnex, noch nie zu gesicht bekommen hat. As gesicht aber ist blockiert, es drückt in erster linie den vergangenen oder verstorbenen tag aus; das heißt, es handelt sich bei As gesicht um eine ausdrucksfläche, die ausdrückt, daß A versucht: mittels analgetischer ironie das verdammte tägliche brot, die verdammte tägliche erniedrigung und die verdammte tägliche verdammnis abzusondern, durch die haut hinauszuscheißen. A schwitzt also, weil schwitzen notwendig und gesund ist. A schwitzt ansonsten mit begeisterung, wie alle As und Bs und Cs mit begeisterung schwitzen, weil sie meinen, daß schwitzen gesund und notwendig ist. aber heute wird A des ansonsten mit der höchsten akzeptanz ausgestatteten schwitzvorgangs in einer für ihn widerwärtigen weise gewahr: A empfindet sich nämlich nicht als EINEN oder DEN schwitzenden A, sondern als eine beliebige schweißdrüse namens A. seine haut stolpert und stockt und weist dem schweiß eine symbolkraft zu, die ihm, dem schweiß, überhaupt nicht zusteht. durch und durch durchnäßt und dadurch an seine geschlechtlichen erregtheiten erinnert: fühlt A sich besudelt und beludelt und vermeint schließlich von außen nach innen zu schwitzen. und schuld daran, so A, ist nichts anderes als der falschortige gartenschlauch beziehungsweise das verschissene familienmitglied As, das den angestammten gartenschlauchort zugunsten der auch A gehörenden, technisch sehr gut ausgestatteten küche veruntreut haben muß, beziehungsweise der grund, der durchaus ein außerirdischer, weil außerhäuslicher sein kann, der As kotiges familienmitglied den küchenschlauchfehler begehen ließ. trotzdem hat A, wie die ganze ihn umgebende bevölkerung, hunger. schließlich handelt es sich um die tageszeit, in der der gelernte hunger die bevölkerungsbemessungsgrundlage ermöglicht. weil also A, wie die ganze ihn heftig umgebende bevölkerung, hunger hat, greift seine hand ohne ausdrückliche order von oben nach einer kartoffelkrokette und zerquetscht sie auf anordnung As hin, als dieser das desertieren seiner hand bemerkt. haßerfüllt betrachtet A abwechselnd die zerquetschte krokette, den reptilförmigen gartenschlauch und den rest der auch ihm gehörenden, technisch sehr gut ausgestatteten küche. im westlich von As kopf gelegenen nullfamilienhaus brüllt ein kind, im östlichen bellt besessen ein mittelgroßer hund. As hand drückt pflichtschuldig die kartoffelkrokette zu ende, die in ihrer auflösung zwischen As finger hindurch auf As hose quillt, auf As symbolische hose, die sich A seinerzeit in einem sonnensüden geleistet hat: und für A immer noch den süden seines nordens repräsentiert. A schmeißt den restlichen krokettenteig aufheulend zu boden und trampelt mit gelbem schaum vor dem maul darauf herum. und um sein eigenes wissen um seine lächerlichkeit ganz in die wirklichkeit zu treiben, setzt sich A schließlich in den zertrampelten krokettenteig und beginnt seine südliche hose zu zerreißen. wir könnten jetzt A sich mit dem forcierten gartenschlauch erhängen lassen und alles A übergeordnete beschuldigen: IHN, A, in diese gartenschlaucherne halsangel getrieben zu haben. oder wir könnten A das verschissene familienmitglied erwürgen lassen, das den küchenschlauch verursacht hat, was aber zur folge hätte, daß A alle familienmitglieder und am ende sich, A: den familienmörder, entsorgen müßte, um den schmerz der familie über ein herausgeschossenes mitglied zu minimieren. wir aber, die autorenschaft, küssen wahrscheinlichkeit und statistik und treiben A in eine staatliche anstalt. da also As kreatürliche geräusche mindestens ebenso ungewöhnlich tun wie der gartenschlauch in seiner küchenförmigen umgebung, alarmieren sie, die bodenständigen geräusche, As braungebrannten, akademisch frisch graduierten sohn, der in die auch ihm gehörende, technisch sehr gut ausgestattete küche stürzt, bestürzt das wort PAPA stammelt und: ich hol’ die MAMA. während also die von As akademisch braungebranntem sohn ebenfalls alarmierten rettungsmänner in ihrem rettungsauto noch unterwegs zu A sich befinden, versucht As frau As hose und damit A selbst einen allgemeineren anstrich zu geben, indem sie alles technisch mögliche unternimmt, um die zerrissenheit und den krokettenteigeindruck zu subtrahieren. A wimmert gerade unter den lappenbewehrten händen seiner frau abgehalftert vor sich hin, als As brauner, graduierter sohn die bemerkung verliert, daß er nur einmal den gartenschlauch, mit dem er juxhalber eine benachbarte freundin vom küchenfenster aus bespritzt hat, wegräumen will. A, dunkelrot angelaufen, setzt gerade zum sprung auf seinen widerwärtig scheißbraungebrannten sohn an, als er auch schon die harten gelernten griffe der rettungsmänner spürt, die As ergreifung einleiten. As brauner sohn atmet auf und hört bereits weg, während A schreit, daß alles zukünftige so gewesen wäre, wie das vergangene sich gebärdet hat, daß er mit hoher wahrscheinlichkeit nicht mehr heimfinden wird in das: was war, und in das, was noch hätte sein müssen, daß vielleicht niemals etwas oder alles hätte aufbrechen müssen, wenn nicht sein eigenes verschissenes fleisch und blut, sein braunfauler sohn, am möglicherweise einzigen schmalbrüstigen punkt seines, As, lebens, mit einer gegenständlichen deplaciertheit, mit dem gartenschlauch in der weiß die hölle wem gehörenden, technisch noch immer sehr gut ausgestatteten küche: ihn, A, aufgerissen und nach innen und nach außen gänzlich verunstaltet hätte. soweit beispiel A. GREIFEN wir wieder etwas auf. SCHÖNSTARK wäre es: auf diesem mit plätzchen und genehmigungen gepflasterten boden JEMANDEN im sinne von ETWAS aufzugreifen: wie man zu jeder SEINERZEIT immer schon jemanden aufgegriffen und vernichtet hat, nicht nur entsorgt, sondern aufopfernd vernichtet hat: nicht zu überzeugen zu versuchen in versuchung geführt war, nicht überzeugt war, jemanden aus der welt hinausüberzeugen zu müssen, sondern geschlachtet hat, geschlachtet für ein mäßig existierendes übergeordnetes, ausgeweidet für den unzureichenden grund an sich. VERGREIFEN wir uns, uns abermals prothesenhaft versteifend: abermals am küchenbegriff: TÖTEN wir das kulinarische. VERMEIDEN wir das graduelle des genusses. ERSCHIESSEN wir das gespür für die hinterländer. VERGIFTEN wir das rosa auf braun unter blau des geschmacksknospenhaften. NEHMEN wir das wollen und das nichtwollen. KAUFEN wir eis als die schutzschicht, als die hochdruckform. KAUFEN wir das VERKAUFEN: KÖNNEN von eis milliardenfach an uns: also an alles, bis nichts mehr eine kaltform von sich interpretieren muß. der boden, das aas, muß schließlich torkeln, bevor man ihn betritt. fauler warmer boden sucht immer vernunft. vernunft sucht immer reparaturwerkstätte oder wenigstens eine moderate, eine nachsichtige sachwaltung durch das extravernünftige. himmelarsch, was ist jetzt mit dir zu tun? wenn es dich gäbe, du hieltest das maul! bloß weil es dich nicht gibt, mischst du dich in alles ein! wir werden dich also neu erfinden, damit du als sprachmuseum, also als mögliche frage, dein maul zu halten lernen kannst. soweit überbau und untertreibung. wir greifen also, greifen zu und auf, greifen uns das papierene, greifen einen papierenen an und greifen rundum...