E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Simon Go for it!
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-6501-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jupiters Fahrt - Wie die Reise begann
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-7597-6501-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Go for it! (engl. Titel im Original: Don't boil the canary) ist die Autobiografie von Ted Simon, dem Autor von "Jupiters Fahrt", dem weltweit meistgelesenen Motorrad-Reise-Buch! Doch über sein Leben vor dieser Reise ist fast nichts bekannt. Damit seine eigenen Kinder - ein Sohn, zwei Enkel - eine bessere Vorstellung davon haben, wer er ist oder war, begann er, dieses Buch zu schreiben.
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1. Erster Mai, ich komme!
Das Leben eines Menschen hat viele Anfänge: Geburt, bewusste Erinnerungen, Sprache und so weiter. Doch wenn ich nach dem ersten wirklich bedeutenden Ereignis meines Lebens gefragt werde, denke ich immer an einen Tag in London, an dem ich als Kind die Kensington Park Road entlangging – und kann nichts weiter dazu sagen, als genau diesen Augenblick zu beschreiben. Ich bin nicht sicher, wann es war, und es ist auch nichts Besonderes passiert. Ich glaube, ich war etwa dreizehn oder vierzehn; vielleicht war es auch früher. Auf jeden Fall war es vor Kriegsende, denn wir wohnten schon am anderen Ende der Kensington, näher am Notting Hill Gate, und ich hatte keinen Grund mehr, sie hinunterzulaufen. Manchmal frage ich mich, wie Menschen, die keinen Krieg erlebt haben, sich zeitlich orientieren – schließlich wirkt jeder andere Anhaltspunkt vergleichsweise trivial: »Ich habe meine Jungfräulichkeit kurz vor der Währungsreform verloren.« – aber wann war die nochmal? Oder: »Ich habe meinen Führerschein während der Suez-Krise gemacht.« Es ist einfach nicht das Gleiche, auch wenn es in meinem Fall sogar stimmt. Nichts war so einschneidend wie der Krieg. Mein Krieg begann 1939 und endete 1945, ich war gerade vierzehn. Es gab ein ›vor dem Krieg‹, ein »während des Krieges« und ein »nach dem Krieg« – und alle drei Phasen waren mit vollkommen verschiedenen Gefühlen, Geschmäckern und Farben verbunden. Die Amerikaner erlebten einen anderen Krieg. Er begann 1941 und endete einige Monate nach unserem mit einem großen Knall, doch niemand, den ich in Amerika kenne, nutzt ihn als Orientierung. Vielleicht, weil viele zu jung sind, um sich daran zu erinnern, oder weil er viel zu weit entfernt stattfand. Mein Krieg hingegen kam sehr nahe, und er war überall. In den Gärten der Kensington Park Road öffneten sich Luftschutzbunker, Sandsäcke stapelten sich vor Gebäuden, um die Wucht der Explosionen abzumildern, Schaufenster waren kreuz und quer mit Klebeband verstärkt und an den Fenstern des vorbeifahrenden 52er Busses waren grüne Mesh-Netze angebracht, um im Fall eines Bombenangriffs das splitternde Glas festzuhalten. Die roten, gusseisernen Briefkästen, in die wir früher unsere Post geworfen hatten, waren oben nun gelb angemalt und sollten bei einem Gasangriff ihre Farbe verändern. Fast wünschte man sich einen Gasangriff, um das zu erleben. Ich fand Chemie damals sehr spannend und ich hatte ein besonderes Set aus Geruchsproben, mit denen man herausfinden konnte, ob man gerade mit Phosgen, mit Senfgas oder mit dem alten, langweiligen Chlorgas vergiftet wurde. Ich habe keine Ahnung, wie uns das helfen sollte; unsere Gasmasken machten derartige Unterschiede jedenfalls nicht. Jeder und jede hatte zu Beginn des Kriegs eine Gasmaske bekommen, und wir sollten nicht ohne sie nach draußen gehen. Man muss sich das vorstellen: 45 Millionen Gasmasken, jede in einem Pappkarton und mit Trageriemen. Damals war eine Million viel, egal wovon. Bis zur Mitte des Krieges hatten die meisten ihre Maske verloren oder verlegt, und wer sie noch hatte, trug sie ganz bestimmt nicht mit sich umher. Doch selbst ohne die Gasmasken erinnerte uns genug daran, dass Krieg herrschte. Zum Zeitpunkt des Ereignisses (oder des Nicht-Ereignisses), das ich beschreiben will, waren all diese Zeugnisse des Krieges ebenso Teil des Alltags wie die verputzten Häuserfassaden, die großen, farblosen Pflastersteine unter meinen Füßen und die eisernen Fleur-de-Lys-Zäune, die Lord Beaverbrooks patriotischem Schmelzkessel entkommen waren. Die Kensington Park Road war schon immer eine Anliegerstraße, aber sie war auch die wichtigste Verkehrsstraße meines Lebens draußen. Jahrelang ging ich sie auf meinem Schulweg hinauf und hinunter, weshalb ich einfach nicht sagen kann, wann genau dieser so entscheidende Tag meines Lebens stattgefunden hat. Ich kann sagen, dass das Wetter schön war (was in England bedeutet, dass es nicht regnet) und dass ich trödelte. Da ich nicht in Richtung Notting Hill Gate rannte, um den 31er Bus zur Schule zu bekommen, war es höchstwahrscheinlich Wochenende. Vielleicht war ich auf dem Weg zu einem Freund oder machte Besorgungen für meine Mutter. Am Bahnhof gab es einen Laden, in dem ich manchmal Zigaretten für sie kaufte – Craven A, Cork Tipped mit der schwarzen Katze auf der Packung, wenn sie vorrätig waren, was nicht oft der Fall war. Vielleicht war ich aber auch auf dem Weg in den Briefmarkenladen in der Church Street. Jedenfalls schlenderte ich die Straße entlang. Seltsam ist, dass ich zwar nicht weiß, welcher Tag es war, aber ganz genau, wo ich war. Gerade hatte ich die langweilig graue St. Peterskirche hinter mir gelassen, die Chepstow Villas überquert und ging nun an einer hohen Backsteinmauer mit gelbem Abschluss entlang. Auf einmal überkam mich ein außergewöhnliches und überwältigendes Gefühl der Freude. Die Ekstase kam wie ein Rausch, ziemlich ungewöhnlich und sehr seltsam. Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich, wie es war, mich vollkommen wohlzufühlen – und das einfach nur, weil ich ich war. Eine Weile ging ich so die Straße hinunter, beflügelt von einem Staunen über die pure Schönheit, am Leben zu sein. Außerdem hatte ich das deutliche Empfinden, dass dieses großartige Gefühl reproduzierbar sein könnte. Das bedeutet nicht, dass ich sonst schwer an meinen Sorgen und Aufgaben trug – meine Mutter hätte bei dieser Vorstellung gelacht –, aber ich war eben ein ziemlich normales Kind mit den üblichen Ambitionen, enttäuschten Wünschen, Selbstzweifeln und Befürchtungen, wie ich auf andere wirkte. In diesen kurzen, glühenden Minuten war all das von mir genommen und ich schwebte befreit. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass mein Leben von diesem Moment an in einem Zustand heiterer Erleuchtung verlief, doch dem war beileibe nicht so. Obwohl ich weitere solcher Momente erlebte, zehre ich vor allem von der Erinnerung an sie. Dieses Erinnern hat mich mehr als einmal vor der Versuchung bewahrt, mich mit destruktiven Verpflichtungen für eine Person, ein Ziel oder ein unangebrachtes Pflichtgefühl zu belasten. Es machte Drogen überflüssig, da ich offensichtlich auch ohne sie high werden konnte. Wann immer ich das Gefühl hatte, festzustecken, habe ich mich befreit, egal, wie hoch der Preis war. Denn ein ungemeines Vergnügen daran finden zu können, einfach am Leben zu sein, war jeden Preis wert. Dieser unbedingte Wille zur Freiheit hat mich durch viele Irrungen und Wirrungen geleitet. Es könnte sich lohnen, die Geschichte dazu zu erzählen. Ich erblickte das Licht der Welt im Jahr 1931 im zweiten Stock einer Wohnung in Harburg, das heute ein Teil von Hamburg ist. Die Wohnung gehörte meiner Großmutter Auguste Flügge. Ihre eigenwillige Tochter, die ebenfalls Auguste hieß und mit meinem Vater in London lebte, war allein nach Deutschland zurückgekommen, um mich bei ihrer Mutter zur Welt zu bringen. Ich habe nie richtig verstanden, warum. Und irgendwie habe ich meiner Mutter in all den Jahren, die sie noch lebte, nie diese einfache Frage gestellt. Tatsächlich überrascht es mich, wie wenig Interesse Menschen in der Regel an den Geschichten ihrer Eltern zeigen – bis diese sterben und es zu spät für Fragen ist. Gab es etwas, das sie an der englischen Geburtshilfe der damaligen Zeit störte? Ich weiß, dass sie kein großer Fan der britischen Medizin war. Einige Jahre später, ich war drei Jahre alt, entwickelte ich eine Rachitis. Meine Beine verkrümmten sich so stark, dass der Gemeindearzt meine Knochen brechen und neu zusammensetzen wollte, damit meine Beine s-förmig würden. Meine Mutter war geschockt und fand heraus, dass die Krankheit in Deutschland mit Schienen für die Nacht behandelt wurde. An sie erinnere ich mich lebhaft, und sie funktionierten. Tatsächlich funktionierten sie so gut, dass ich im späteren Leben so manches Kompliment für meine Beine erhielt, wo ich eigentlich wegen höherer Werte bewundert werden wollte. Aber vielleicht war es gar nicht das, was meine Mutter nach Deutschland brachte. Vielleicht spürte sie schon die ersten Momente der Abneigung zwischen sich und meinem Vater, die schließlich fünf Jahre später in die Scheidung münden sollte. Sie hätte die Reise nach Harburg nicht ohne seine Hilfe und Zustimmung machen können. Damals war der Mann in der Regel Herr im Haus und bestimmte über das Geld, doch meine Mutter war eine willensstarke Frau. Sie wusste, was sie wollte, und sie hatte keine Angst, es kundzutun. Sie war die einzige von fünf Schwestern, die es gewagt hatte, ihren eigenen Weg zu gehen. Auf der Suche nach einem freieren Leben ging sie 1928 nach London – eine ziemlich rebellische Entscheidung. Was auch immer ihre Beweggründe dafür waren, mich in utero nach Deutschland zu bringen: Sie führten dazu, dass ich mein Leben lang erklären musste, warum ich zwar Brite bin, aber kein Engländer. Man kann nur dann Engländer sein, wenn man in England geboren wurde. Es gelang ihr ein weiteres Mal, mich zu etwas Besonderem zu...




