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E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Sinn Der Corona-Schock

Wie die Wirtschaft überlebt
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-451-82194-3
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wie die Wirtschaft überlebt

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

ISBN: 978-3-451-82194-3
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Corona-Krise ist der tiefste wirtschaftliche Einbruch in Friedenszeiten seit der Weltwirtschaftskrise vor 90 Jahren. Die neue Krise trifft auf eine ohnehin schwächelnde europäische Wirtschaft. Wie erhalten wir unseren Wohlstand? Wie vermeiden wir einen ökonomischen Absturz mit Massenarbeitslosigkeit und Radikalisierung der Politik? Und gibt es einen Weg, den Kontinent zu alter Prosperität zurückzuführen und die Staaten politisch zu stabilisieren? Mit Hans-Werner Sinn äußert sich der bekannteste deutschsprachige Ökonom fundiert und kompakt dazu, wie wir diesen beispiellosen ökonomischen Crash überwinden und ihn dazu nutzen, längst fällige Strukturprobleme der europäischen Wirtschaft und des Geldwesen anzupacken. Nur dann hat auch die europäische Idee, die im Augenblick gefährdet ist wie nie, eine Überlebenschance. Ein wegweisendes und mutiges Zukunftsprogramm zur richtigen Zeit.

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Der Lockdown war richtig.

Waren die massiven Maßnahmen von Bund und Ländern
in Deutschland zur Bekämpfung der Pandemie
angemessen,
und wird nach den richtigen Kriterien entschieden?

In Deutschland hat man relativ spät reagiert, dann allerdings heftig und richtig. Erst dachte man, die Krise kommt nicht zu uns. Die Epidemiologen haben gewarnt und Schutzmaßnahmen von der Politik eingefordert, die nicht kamen. Ich erinnere mich noch sehr gut an die vielen Diskussionen dazu im Februar. Doch dann kam die Kehrtwende der deutschen Politik, als man sich von der Theorie verabschiedete, es sei doch alles nur wie eine Grippe, und als Angela Merkel am 11. März im Fernsehen die Ansage machte, dass wir eine Durchseuchung akzeptieren müssten, sie aber wegen der Krankenhauskapazitäten verzögern müssten. Tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit eines Infizierten zu sterben im Schnitt zehnmal so hoch als bei einer Grippe, etwa eine halbes Prozent. Das weiß man aus Wuhan und auch aus den Untersuchungen der Bevölkerung von Heinsberg in der Nähe von Aachen, wo nach einem gravierenden Ausbruch der Epidemie flächendeckende Untersuchungen angestellt wurden. Es drohten also sehr hohe Fallzahlen, sodass man ohne die Quarantänemaßnahmen chaotische Verhältnisse in manchen Krankenhäusern befürchtete. So kam es bekanntlich nicht. Die Bilder der Schlangen von Armeelastwagen voll mit Särgen, die man von Italien kannte, wiederholten sich in Deutschland nicht.

Dass wir das in Deutschland in den Griff gekriegt haben, liegt vor allem daran, dass die Epidemiologen die Politik rechtzeitig überzeugt haben, Großveranstaltungen zu verbieten und Schulen und Kindergärten zu schließen. Das war alles schon in der ersten Märzhälfte, sodass bis Mitte März schon eine deutliche Verhaltensänderung stattgefunden hatte. Dann kam der Lockdown, also eine strikte Beschränkung der zulässigen Kontakte und der Bewegungs- und Versammlungsfreiheit sowie die Schließung von Ladengeschäften, Gastronomie und Freizeit- und Kultureinrichtungen aller Art um den 22. März. Man kann darüber streiten, ob der Lockdown in dieser Form nötig war oder nicht. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer, wie viel nötig gewesen wäre.

Ich halte persönlich die Maßnahmen, die die Bundesländer in dieser Krise beschlossen haben, um die Epidemie zu bekämpfen, für richtig. Man muss den politischen Entscheidungsträgern zugutehalten, dass sie bei großer Unsicherheit entschieden haben, ohne genau zu wissen, was die Datenlage ist. Und dass man, wenn man einen möglichen Irrtum in Kauf nimmt, auf der richtigen Seite irren möchte, indem man eher zu radikal vorgeht, um Leben zu schützen, als umgekehrt zu wenig radikal, um die Wirtschaft zu retten. Das ist eine sinnvolle Strategie.

Allerdings wussten manche Politiker und auch wissenschaftliche Berater wohl nicht genau, worum es wirklich ging. Die öffentliche Konfusion um das Thema der Reproduktionsrate und die langfristig zu erwartende Durchseuchung war jedenfalls nicht zu übersehen, und das betraf sowohl das Robert-Koch-Institut als auch die Bundeskanzlerin, die ihre Informationen von diesem Institut bezog.

Die Konfusion bezieht sich vor allem auf die sogenannte Reproduktionsrate R. Die Reproduktionsrate gibt an, wie viele andere Menschen ein Infizierter ansteckt. Ist R konstant größer als eins, dann gibt es ein exponentielles Wachstum der Infiziertenzahl. Ist R gleich eins, dann gibt es ein lineares Wachstum, ist R kleiner als eins, dann nimmt die Zahl der Neuinfizierten laufend ab, und die Infektion verschwindet allmählich. Bemerkenswert ist, dass nach den Veröffentlichungen des Robert-Koch-Instituts die Reproduktionsrate schon vor dem harten Lockdown, also vor dem 22. März, unter eins lag und dann aber auch nicht weiter abnahm. R war ursprünglich sehr hoch, 3,5 im Maximum am 10. März. Daraus ergibt sich natürlich die Frage, was dann dieser harte Lockdown noch bewirkte.

Sehr wichtig war es mit Sicherheit, dass Großveranstaltungen schon am 9. März verboten worden waren. Und kurz danach, um den 13. März, sind in den meisten Bundesländern die Schulen und Kindergärten geschlossen worden. Das hat wesentliche Effekte gebracht. Freizeitveranstaltungen mit größeren Menschenmengen wie Fußballspiele, Konzerte, kommerzielle und kirchliche Messen etc. sind Virenschleudern ersten Ranges. Es ist richtig, dass diese Veranstaltungen frühzeitig verboten wurden und auch noch lange nach der Aufhebung des harten Lockdown eingeschränkt bleiben, bis wir einen Impfstoff haben, denn sonst bricht alles wieder auf. Aber die Läden zuzumachen, was dann anschließend passiert ist, das scheint auf den ersten Blick zur Verringerung der Reproduktionsrate nichts Wesentliches beigetragen zu haben.

Die Frage ist aber, was die Reproduktionsrate als Entscheidungsgrundlage taugt. Die gemeldeten Infektionszahlen, aus denen diese Rate berechnet wird, sind für sich keine verlässlichen Daten, denn ihre Veränderung misst nicht nur, wie viele Menschen sich zusätzlich anstecken, sondern vor allem, auch wie sich die Menge der laufenden Corona-Tests verändert. Tatsächlich ist die Testkapazität dramatisch hochgefahren worden, auf ein Zehnfaches des anfänglichen Wertes. Und im Zuge dieses Hochfahrens findet man natürlich immer mehr Infektionsfälle. Wenn also berichtet wird, dass die Reproduktionsrate temporär, nachdem sie unter eins gefallen war, schon Ende März wieder über eins stieg, dann zeigt das möglicherweise nur, dass man immer mehr testete und deswegen auch immer mehr Fälle fand. Tatsächlich verlief die Entwicklung sehr viel günstiger, als ein Blick auf die gemessene Reproduktionsrate signalisiert.

Einen verlässlicheren Eindruck von der zeitlichen Entwicklung der Pandemie gewährt die Statistik der Todesfälle, konkret der täglichen Zahl der neu Verstorbenen. Die Todesfallzahlen sind die einzigen harten und verlässlichen Werte, denn wer infiziert ist und stirbt, der landet schließlich in der Statistik, und zwar bei uns zu nahezu 100 Prozent. Natürlich weiß man nicht, ob jemand, bei dem Corona-Antikörper nachgewiesen wurden, wegen der Infektion oder aus anderen Gründen gestorben ist, zumal ja sehr viele Menschen mit Vorerkrankungen betroffen waren. Es gibt hier sicherlich ebenfalls einen Messfehler. Doch solange dieser Messfehler sich im Zeitablauf nicht verändert, spielt er für die Entwicklung des Zeittrends keine Rolle.

Die Todesfallstatistik hat gezeigt, dass wir um den 20. April erstmalig einen Rückgang der Zahl der neu Verstorbenen und damit das temporäre Maximum dieser Krise überschritten hatten. Die Leute, die zu diesem Zeitpunkt gestorben sind, waren ungefähr einen Monat vorher infiziert worden, denn es dauert in der Regel sechs Tage, bis man die ersten Symptome spürt, wenn man sie spürt; es dauert dann zehn Tage, bis man möglicherweise so krank ist, dass man ins Krankenhaus muss; und es dauert im Krankenhaus dann um die 14 Tage, bis man tot ist, wenn man stirbt. So war es jedenfalls in China. Wir haben mit den Todesfallzahlen die einzige vernünftige Statistik über den Verlauf des Infektionsgeschehens, nur muss man wissen, dass sie das wirkliche Infektionsgeschehen mit einer Verzögerung von einem Monat widerspiegelt. Wegen dieser Verzögerung muss man natürlich auch die Statistik der Neuinfektionen im Auge haben, wenn man schnell reagieren will. Nur muss man sich bewusst sein, dass sie die tatsächliche Dramatik des Geschehens überschätzt.

Aus der Todesfallstatistik kann man die Statistik der wirklichen Infektionen mit einem Monat Verzögerung besser rekonstruieren als mit jeder anderen Statistik. Da etwa 0,5 Prozent der Infizierten stirbt (in Heinsberg nur 0,4 Prozent, in Wuhan 0,6 Prozent), kann man die Zahl der Verstorbenen mit 200 multiplizieren und hat dann in etwa die Zahl derjenigen, die sich vor einem Monat infiziert haben. Obwohl also die gemessene Reproduktionszahl schon am 22. März unter eins lag und dann nicht mehr gefallen ist, zeigt der dramatische Rückgang der täglichen Todesfallzahlen in der Zeit ab dem 20. April, dass die tatsächlichen Infektionen seit etwa dem 20. März massiv zurückgingen, dass also das tatsächliche R deutlich unter den Wert von 1 gerutscht sein muss, obwohl das gemessene R nur wenig darunter lag.

Mitte April hatten wir täglich bis zu 300 neu Verstorbene. Sieben Wochen später, Ende Juni, als dieses Manuskript abgeschlossen wurde, zählte man nur noch jeweils um die zehn, also gerade mal ein Dreißigstel. Die Vervielfältigung der Testkapazität und die Reduktion der Zahl der tatsächlich Infizierten könnten sich bezüglich der gemessenen Reproduktionszahl also gerade aufgehoben haben. So gesehen war der harte Lockdown vermutlich doch sehr erfolgreich.

Das Robert-Koch-Institut geriet in dieser Phase gleichwohl in die Kritik, weil es inkonsistent argumentiert hatte. Erst hatte es gesagt, es käme darauf an, die Reproduktionsrate unter eins zu bringen, und dann könnte man wieder lockern, und als diese Rate dann unter eins war, hatte man nicht gelockert, sondern den Lockdown beschlossen.

Angesichts der insgesamt etwa 9 000 Corona-Toten, die man bis Anfang Juni in Deutschland zählte, dürfte die Gesamtzahl der Infizierten in Deutschland bis Anfang Mai bei etwa 1,8 Millionen Personen gelegen haben, denn das kommt heraus, wenn man diese Zahl mit 200 multipliziert. Die Zahl von 1,8 Millionen ist meilenweit entfernt von den 50 bis 60 Millionen Infizierten, die Angela Merkel am 11. März implizit nannte, als sie nach einer Aufforderung durch die...


Sinn, Hans-Werner
Hans-Werner Sinn, geb. 1948, war bis zu seiner Emeritierung 2016, Professor für Volkswirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Präsident des ifo Instituts und Direktor des Center for Economic Studies (CES). Er hatte zahlreiche Gastprofessuren im Ausland inne (u.a. Bergen, Stanford, Princeton, Jerusalem). Seit 1989 ist er Honorarprofessor der Universität Wien sowie seit 2016 ständiger Gastprofessor an der Universität Luzern. Sinn war Präsident des Weltverbandes der Finanzwissenschaftler (IIPF) und Vorsitzender des Verbandes der deutschsprachigen Ökonomen (VfS). Durch seine wirtschaftspolitischen Sachbücher, viele davon Bestseller, und seine pointierten Auftritte in den Medien ist er einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

Hans-Werner Sinn, geb. 1948, war bis zu seiner Emeritierung 2016, Professor für Volkswirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Präsident des ifo Instituts und Direktor des Center for Economic Studies (CES). Er hatte zahlreiche Gastprofessuren im Ausland inne (u.a. Bergen, Stanford, Princeton, Jerusalem). Seit 1989 ist er Honorarprofessor der Universität Wien sowie seit 2016 ständiger Gastprofessor an der Universität Luzern. Sinn war Präsident des Weltverbandes der Finanzwissenschaftler (IIPF) und Vorsitzender des Verbandes der deutschsprachigen Ökonomen (VfS). Durch seine wirtschaftspolitischen Sachbücher, viele davon Bestseller, und seine pointierten Auftritte in den Medien ist er einer breiten Öffentlichkeit bekannt. 



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