E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Slocombe Sunbirds
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8437-3651-0
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | »Ein sinnliches Leseabenteuer vor atemberaubender Kulisse. Ich wünschte, die Geschichte würde nie enden!« Vera Zischke
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-8437-3651-0
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Penelope Slocombe ist auf einer winzigen Hebrideninsel vor der Küste Schottlands aufgewachsen. Ihr Herz schlägt für Indien, das sie ausgiebig bereist hat. Sie arbeitet als Englischlehrerin in London, ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder. Sunbirds ist ihr Debüt.
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1
Anne
Wie von Anne erzählen? Einen guten Anfang gibt es nicht, es kann also auch hier losgehen. In der schiefen, stickigen Telefonkabine eines Internetcafés in den indischen Ausläufern des Himalaya, wo sie reglos dasaß und zusah, wie eine Ameisenkolonne die Wand hochmarschierte. Den Hörer ans Ohr gepresst, zählte sie, wie oft es klingelte, und hoffte, dass ihr Mann nicht abnahm. Nach dem zwölften Klingeln sprang der Anrufbeantworter an: ihre eigene Stimme, vor gut zehn Jahren aufgenommen, die darum bittet, eine Nachricht zu hinterlassen. Und kurz vor dem automatisierten Piepen die sich öffnende Küchentür, von deren Scheiben Sonnenlicht splittert, das Plätschern des Atlantiks vor der Gartenmauer, die Stimme ihres Sohnes:
Anne legte auf, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Die Hitze kribbelte auf der Haut, das verschwitzte Hemd klebte am Kreuz. Sie strich sich übers Haar und versuchte nicht zum ersten Mal, sich zu erinnern, ob es tatsächlich sonnig gewesen war an dem lang zurückliegenden Tag, als Torran während der Aufnahme in die Küche geplatzt war. Sie hatte sie wiederholen wollen, war aber nie dazu gekommen. Und jetzt rief sie an, um sich selbst zu hören, mindestens so sehr wie ihren Sohn: sich selbst und doch nicht sich selbst, diese andere Frau, die sie einmal gewesen war. Verloren an einen Tag, der sonnig war oder auch nicht und der ihr, gäbe es die Aufnahme nicht, entglitten wäre, so wenig bemerkenswert wie alle anderen.
In der Kabine marschierten die Ameisen stetig weiter. Eine endlose Linie, die sich gemächlich wand wie ein Fluss, um schließlich in einer Ritze zwischen Wand und Decke zu verschwinden. Es war später Nachmittag – Mittag in Schottland –, und sie überlegte, noch einmal anzurufen und Rob eine Nachricht zu hinterlassen, damit er sich nicht sorgte. Aber es gab nichts zu sagen und keine neue Spur. Sie fragte sich, ob er ihre Anrufe ignorierte, ob er womöglich noch im dämmrigen Flur von Taigh na Criege stand und aufs Telefon starrte. Anne beobachtete die Ameisen, streckte sich zur Wand und schnipste einen winzigen Körper aus der Reihe.
Draußen war die Luft frisch. Zwischen gedrungenen Betonbehausungen und einem Wirrwarr aus Telefondrähten ging die Sonne in grellroten und pinken Flammen unter. Anne folgte dem Bergkamm, die Bäume lichteten sich, und inmitten von Straßenverkäuferrufen und dem Knattern von Motorrollern trat die Stadt hervor. Touristen inspizierten Pashminas und Schmuckstücke, die aus Geschäften auf den Gehweg quollen, während junge Reisende in dämmrigen Cafés abhingen, Schach spielten und Pfeife rauchten. Weihrauch und Gewürzaromen erfüllten die Luft, verdeckten aber nicht ganz die Mischung aus Kiefernduft und faulendem Abfall, die am Rande von allem hing.
Hinter dem Hanuman-Tempel blieb Anne stehen und kaufte sich einen Chai bei einem Mann, der neben einem zerbeulten Topf im Schneidersitz auf einem Tisch saß und schief vor sich hin summte, während er Milch und Gewürze verrührte. Sie nahm den Tonbecher mit beiden Händen entgegen, als die Sonne hinter den Bergen verschwand. Ein Wolkenmeer stieg aus dem Tal auf; kühle Luft durchschnitt die Hitze des Tages. Bald würden die Regenfälle einsetzen, und Anne wusste, dass sie sich damit befassen sollte, weiter nach Süden zu ziehen.
Neben ihr versuchten zwei blonde Mädchen, blass wie Gespenster, gestikulierend in der Fremdsprache zu bestellen und zu bezahlen. Der alte Mann ging summend über ihr nervöses Plappern hinweg und nahm sich rasch das Kleingeld aus der ausgestreckten Hand.
Anne leerte ihren Tee und gab den Becher zurück. Das größere Mädchen lächelte sie an, als Anne sich zum Gehen wandte, und Anne erwiderte das Lächeln, zögerte, bevor sie weiterging. Sie schienen gerade erst gelandet zu sein; die Chance, dass sie etwas über ihren Sohn wüssten, wäre gering.
Sie wurde Teil des Fußgänger- und Fahrradrikscha-Stroms, der hügelabwärts zur Mall Road führte, trat über schlafende Hunde hinweg und um spielende Kinder herum. Männer vor Restaurants wedelten mit Speisekarten und riefen ihr etwas zu – ein paar kannte sie und nickte, als sie sie mit Namen begrüßten. Aber sie war abgelenkt und ließ sich nicht auf eine Unterhaltung ein; sie musste immer wieder an das Gespräch mit der Direktorin des Girls’ College denken, die ihr am Nachmittag eine längerfristige Regelung angeboten hatte. Bislang half sie inoffiziell als Freiwillige mit; sie war mit einem Touristenvisum hier, bereit, jeden Moment abzureisen. Aber die Tage vergingen, sie war immer noch da, und nichts änderte sich.
Sie wandte sich Richtung Upper Mall und blieb wieder stehen, als im Westen das Licht über dem Garhwal-Gebirgszug verblasste, während das Tal schon in Dunkelheit lag. Sie hatte heute etwas aufscheinen sehen, als sie Mrs Chatterjee an ihrem großen Mahagoni-Schreibtisch gegenübersaß, bei einem English Breakfast Tee aus einer Porzellantasse: die Möglichkeit eines anderen Lebens, eines Berufs – oder etwas in der Art –, etwas, was sie nie gehabt hatte. Doch damit ginge ein Akzeptieren, ein Eingestehen einher, zu dem sie nicht bereit war.
Unter ihr erblühten die Lichter von Dehradun, und Anne sah auf die Uhr; die Geschwindigkeit, mit der die Nacht hereinbrach, überraschte sie immer wieder. In Taigh na Criege dauerten die Sonnenuntergänge im Sommer ewig, und als Kind wollte Torran nie einschlafen. Und wer konnte ihm verdenken, dass er aufbleiben wollte, wenn die Sonne noch über dem Meer tanzte? In Gedanken bei seinem Paddington-Pyjama und dem langarmigen Affen, der über den Boden schleifte, hätte sie ihn fast übersehen, obwohl er direkt an ihr vorbeiging, so nah, dass ihre Arme sich beinahe berührten. Torran. Nicht der Junge, sondern der Mann, der er jetzt war.
Sie erstarrte und hielt unwillkürlich die Luft an, während er sich von ihr entfernte, weder langsam noch schnell, mit vertraut federnden Schritten.
Das Blut rauschte durch sie wie ein tosendes Meer. Er ging immer weiter, verschwand in der Menge, doch sie konnte sich nicht rühren. Sie öffnete den Mund, brachte aber keinen Laut heraus.
Dann prallte von hinten jemand gegen sie, stieß sie nach vorn, und sie stürzte los, rannte fast, mit ausgestreckter Hand und rasendem Puls, im Herzen ignorierend, was der Kopf schon wusste.
Und doch eilte sie weiter, drängte sich durch eine Gruppe junger Frauen, blendete das empörte Hupen eines Rollers aus, verscheuchte eine Affenfamilie, die sich mitten auf der Straße zankte. Und obwohl ihr das Herz gegen den Brustkorb trommelte, wusste sie es.
Er war es nicht.
Breiter, größer, älter, dunkleres Haar, aber trotzdem musste sie sichergehen, denn wie sehr kann ein Mensch sich in sieben Jahren verändern? Sie fasste ihn am Arm, und er drehte sich überrascht um, halb irritiert, halb lächelnd und ganz eindeutig nicht ihr Sohn. Sie trat einen Schritt zurück und dann noch einen, das Tosen nun ein Klingeln in den Ohren.
Er zog eine Augenbraue hoch. »Ja, bitte?« Und dann, nachdem er genauer hingesehen hatte: »Alles in Ordnung?«
Aber Anne wich schon zurück.
»Moment«, sagte er, streckte sich nach ihrem Arm. Seine Finger eine Frage auf ihrer Haut, bevor sie sich ihm entzog.
Er sagte noch etwas, aber sie war schon unterwegs und verstand es nicht. Das Grollen der See noch im Ohr, fixierte sie den Weg vor sich, ignorierte die neugierigen Blicke. Weiter vorn kam eine Kuh die Straße entlang, ein dicker Speichelfaden troff aus ihrem Maul, die dunklen Augen unerklärlich traurig.
Das Hotel Broadway versteckte sich am Ende einer Seitenstraße der Mall Road. Es gab keine Straßenbeleuchtung, und sie eilte am Lichtschein der Schneiderwerkstatt vorbei, grüßte mit erhobener Hand den Sohn des Schneiders, der hinter einer alten Singer-Nähmaschine in der offenen Tür saß. Hier ging es ihr besser, abseits der Menschenmenge, kühle Luft in der Lunge.
Sie wurde langsamer, als das Hotel in den Blick kam. Mit den grünen Dachschindeln und Fensterläden wirkte es eher wie etwas aus den Schweizer Alpen als aus dem Himalaya. Daneben fiel das Gelände steil ab; das Hotel schien sich an den Berg zu klammern, als fürchtete es, abgeschüttelt zu werden.
Die Treppe hinauf und durch einen gefliesten Wintergarten mit Korbmöbeln und roten Geranien erreichte Anne ihr schlicht möbliertes, feucht riechendes Zimmer. Sie zog die Tür zu und stand im Dunkeln da, wartete, bis die Schatten ein Bild ergaben. Am anderen Ende befand sich ein großes Erkerfenster, davor die funkelnden Lichter der Stadt auf dem Bergkamm.
Torran hatte ihnen eine Postkarte mit dieser Aussicht geschickt, als er im Frühjahr 97 hier wohnte. Anne hatte sie zu den anderen an die Küchenpinnwand geheftet. Die hastig hingekritzelte Nachricht so typisch für diese letzten paar Postkarten: belanglos, weder Trost noch Erklärung bietend, als sie später danach suchte, als sie über jedes Wort nachsann, sie beim Einschlafen vor sich hin flüsterte.
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Das hatte...




