Stulgies | John Sinclair - Folge 1891 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1891, 64 Seiten

Reihe: John Sinclair

Stulgies John Sinclair - Folge 1891

Der Zorn des Centurio
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7325-0262-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Der Zorn des Centurio

E-Book, Deutsch, Band 1891, 64 Seiten

Reihe: John Sinclair

ISBN: 978-3-7325-0262-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Martin Henle saß zufrieden am Lagerfeuer. Die Augen des Archäologen leuchteten vor Entzücken, als er an den gerade erst freigelegten Fund dachte - das vollständig erhaltene Skelett eines Centurio! Henle gähnte und erhob sich. Bevor er schlafen ging, wollte er sich noch einmal am Anblick dieses Schatzes ergötzen. Doch der Blick in das Grab wurde für ihn zu einem Schock. Die Überreste des Centurio, ebenso sämtliche Waffen und Rüstungsteile, waren verschwunden! Plötzlich hörte Henle hinter sich ein Geräusch. Er drehte sich um und glaubte, den Verstand zu verlieren. Dort stand der Centurio und hob sein Schwert zu einem tödlichen Hieb ...

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Der Centurio Cornelius Silvanus erkannte den aufgespießten Kopf vor sich. Er gehörte zu einem seiner Kundschafter, die er bereits vor Stunden losgeschickt hatte.

Der Centurio dachte einen Moment lang schweigend nach, dann befahl er zweien seiner Männer, die Überreste zu begraben.

Sie zogen an weiteren aufgespießten Schädeln vorbei. Es waren blutige Wegmarkierungen.

Doch vom Feind fehlte jede Spur. Kein Laut drang an ihre Ohren. Das vor ihnen liegende Gebiet war wie ausgestorben.

Wenn es doch tatsächlich so wäre, dachte Cornelius. Der Centurio wusste, dass man ihn und seine Männer aus dem Dickicht des Waldes heraus beobachtete.

Er warf einen Blick über die Schulter. Aufgrund des nochmals schmaler gewordenen Pfades schätzte er die Länge der Kolonne auf mindestens zehn Kilometer. Eine Schlange, der man durch die Tötung der Späher die Augen ausgestochen hatte.

Als hätten die Götter sich endgültig von ihnen abgewandt, bemerkte er erste Nebelschwaden über den moosbewachsenen Boden wabern. Zeitgleich setzte der Gesang ein. Im Grunde war es mehr ein Wehklagen, das aus tausend Kehlen zu stammen schien.

»Macht euch bereit!« Cornelius zog sein Schwert und gab den Legionären mit einem Handzeichen zu verstehen, dass sie sich sammeln sollten. Rücken an Rücken. Schild an Schild.

Noch während die Soldaten in Stellung gingen, breitete der Nebel sich mit einer solch besorgniserregenden Geschwindigkeit aus, dass vom Untergrund bald nichts mehr zu sehen war.

Das Wehklagen endete so abrupt, wie es begonnen hatte. Doch haftete der wiedereinsetzenden Stille etwas Trügerisches an. Die Ruhe vor dem Sturm, dachte Cornelius, und atmete flach aus, als er hörte, wie sich etwas seinen Weg durchs Unterholz bahnte.

Cornelius hob seinen Schild. »Lasst sie zuerst angreifen!«, rief er seinen Legionären zu. »Stoßt sie weg und stecht dann zu!«

Er Wurfspeer verfehlte ihn knapp und durchbohrte einen der Legionäre mit solcher Wucht, dass es diesen von den Beinen riss. Sein Todesschrei war für die Barbaren das Zeichen zum Angriff.

Weitere Speere sausten durch die Luft. Die eine Hälfte prallte gegen Bäume oder bohrte sich in das lehmige Erdreich. Die andere Hälfte traf die Schilde, hinter denen die Legionäre sich verborgen hielten.

Nur Sekunden nach dem Schleudern des letzten Speers tauchten zwischen den Bäumen unzählige Schatten auf. Im Gegensatz zu den Römern trugen die Gegner keine schweren Rüstungen, was sie beweglicher und schneller machte.

Cornelius und die meisten seiner Männer behielten die Nerven und erwarteten die Barbaren mit vorgehaltenem Schild. Sie stießen den Feind bei Kontakt zurück und stachen dann mit dem Schwert zu.

Es dauerte nicht lange, und die Barbaren passten sich an diese Verteidigungstaktik an. Sie wurden vorsichtiger, zogen sich teilweise zurück, um bald darauf erneut anzugreifen.

Die Legionäre kämpften verbissen und ließen den Leichenberg zu ihren Füßen stetig ansteigen. Aber auch ihre eigenen Reihen lichteten sich. Als die Dämmerung einsetzte, war über die Hälfte der Einheit tot.

»Ihre Zahl scheint zu wachsen, je mehr Männer wir verlieren«, stieß einer der Legionäre nach Atem ringend aus – Sekunden bevor eine Wurfaxt seinen Schädel spaltete.

In diesem Moment, stürmte die nächste Welle auf die in der Falle sitzenden Römer ein. Zwei der Barbaren, hochgewachsene Berge aus Muskeln und Sehnen, versuchten, den Centurio in die Zange zu nehmen.

Cornelius fasste den Griff seines Schwertes fester, dann ließ er seinen Schild fallen und preschte nach vorne. Noch in der Bewegung schlitzte er einem der Germanen den Bauch auf, wirbelte blitzschnell herum und trieb dem übrig gebliebenen Angreifer die eiserne Klinge in die Brust.

Ehe es ihm gelang, das Schwert wieder hervorzuziehen, durchzuckte ein heftiger Schmerz seinen Kopf. Die Beine gaben unter ihm nach, und er ging in die Knie. Das Letzte, was er registrierte, bevor es um ihn herum dunkel wurde, waren die Todesschreie seiner verbliebenen Männer.

***

Cornelius erwachte im flackernden Schein einer gewaltigen Feuersäule, die ein Loch in den nächtlichen Himmel zu brennen schien. Er lag in Ketten, den Flammen zugewandt. Bei dem Versuch, sich aufzurichten, schoss ein rasender Schmerz durch seinen Kopf, der ihn nach Luft schnappen ließ. Er unterdrückte einen Aufschrei und sank wieder zurück auf den Boden, wo er abwartete, bis das Pochen in seinem Kopf aufhörte.

Seine Gedanken rasten. Aus irgendeinem Grund hatte man ihn nicht getötet – zumindest noch nicht. Es gelang ihm, den Kopf leicht zur Seite zu drehen, und er erkannte, dass er sich auf einer großen Lichtung befand.

Über das Knistern der tosenden Flammen hinweg fing er ein paar germanische Wortfetzen auf und bereute es nun, die Sprache der Barbaren nie erlernt zu haben.

Neben den Germanen redete plötzlich noch eine weitere Person. Allerdings auf Latein, was den Schluss nahelegte, dass es sich um einen seiner Männer handelte. Der Legionär betete zu Jupiter. Doch bevor er sein Gebet zu Ende sprechen konnte, verwandelte sich sein Bittgesuch in panikartige Schreie, die nur allmählich erstarben.

Cornelius zerrte an seinen Ketten, stellte seine vergeblichen Bemühungen aber ein, als ihm klar wurde, dass er aus eigener Kraft niemals freikommen würde.

Er sah wieder zu den Flammen und hielt nach den verkohlten Überresten seiner Männer Ausschau. Der Anblick von geschwärzten, bis auf die Knochen heruntergebrannten Kadavern blieb ihm erspart, dafür entdeckte er verborgen im Zentrum des Feuers einen dunklen Kern. Er vermutete einen großen Stein.

Plötzlich wurde er gepackt und hochgerissen. Zwei Barbaren hielten ihn fest im Griff, während er dagegen ankämpfte, nicht das Bewusstsein zu verlieren.

»Warum lebe ich noch?«, wollte er von den beiden Germanen wissen, erhielt die Antwort aber von jemand anderem.

»Du warst ihr Anführer.« Ein alter Mann trat vor ihn, das wettergegerbte Gesicht zu einem tückischen Lächeln verzogen.

Seine Hand ruhte auf der Schulter einer jungen Frau, deren nackter Körper vom Hals abwärts bis zu den Fersen mit fremdartigen Zeichen bemalt war. Sie hielt eine kleine Truhe in den Händen, auf der dieselben Symbole eingeritzt waren, die auch ihren Körper zierten.

»Das macht dich zu etwas Besonderem«, fuhr der Alte fort.

»Was ist mit meinen Männern?«, wollte Cornelius wissen.

»Die meisten von ihnen starben auf dem Schlachtfeld. Andere wiederum hatten weniger Glück.« Der Alte wies einen der Männer an, Cornelius’ Kopf nach rechts zu drehen.

Als der Centurio die auf Altären liegenden, aufgeschlitzten Körper sah, heulte er vor Trauer und Wut laut auf. »Dafür wird Rom euch zerschmettern!«

»Ich bezweifle nicht, dass euer Kaiser Augustus weitere Legionen entsenden wird. Doch werden die fortlaufenden Niederlagen, die wir ihm und seinen Soldaten zufügen werden, ihn früher oder später davon überzeugen, sich aus unserem Land zurückzuziehen.«

»Wunschdenken.«

Auf ein schwaches Nicken des Alten hin, riss man Cornelius den Schuppenpanzer vom Leib.

»Varus und seine verängstigten Truppen irren noch immer durch die Wälder. Der Feldherr sucht nach einem Ausweg, aber tief in seinem Inneren weiß er, dass seine Männer und er sterben werden.« Der Alte zog einen blutverschmierten Dolch hervor. »Wir treiben sie wie Vieh vor uns her, ihrem sicheren Ende entgegen.«

Die Vorstellung, dass keiner der zwanzigtausend Mann dieses Gemetzel überleben sollte, klang für Cornelius absurd. »Sie werden einen Ausweg finden.«

»So wie du?«

Cornelius’ Blick fiel auf die Spitze des Messers, die auf sein Herz zielte. »Ich fürchte mich nicht vor dem Tod.«

»Es ist nicht der Tod, den du fürchten solltest.« Auf den verwirrten Ausdruck des Centurios hin schloss der Alte die Augen und begann, in der Sprache der Germanen zu sprechen.

Cornelius verstand, dass er hier den Beginn eines primitiven Rituals miterlebte. Einer Opferungszeremonie. Das anfängliche Gemurmel des Greises wurde lauter, und das Feuer im Hintergrund loderte bald stärker auf.

Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte Cornelius, in den Flammen ein Gesicht zu sehen. Einen Mann, der vom Feuer verschont blieb, obwohl er sich in dessen Zentrum befand. Die Erscheinung verschwand, als die Flammen erneut aufloderten.

Die Hitze wurde endgültig unerträglich, und mit ihr das Warten auf den Moment, in dem der Greis ihm die Klinge in den Körper rammen würde.

***

»Das ist einfach nur großartig!« Martin Henle schlug vor Begeisterung die Hände über dem Kopf zusammen. Nach all den Jahren hatte sich seine Hartnäckigkeit endlich bezahlt gemacht.

»Nicht, dass Sie vor lauter Freude einen Herzinfarkt erleiden«, scherzte einer seiner Studenten.

Henle winkte ab. »Seid ihr euch der Tragweite dieser Entdeckung bewusst?«, fragte er in die Runde und schüttelte, ohne eine Antwort abzuwarten, den Kopf. »Dagegen wirkt die in Kalkriese gefundene Gesichtsmaske wie ein Witz.« Er ging vor dem gerade erst freigelegten Fund in die Knie. Seine Augen leuchteten vor Entzücken, als er den mumifizierten Körper erneut inspizierte.

Von der Konsistenz und Färbung erinnerte ihn die wie durch ein Wunder erhalten gebliebene Haut an altes Leder. Sie spannte sich über das gesamte Skelett und wies nur im Bereich der Brust stärkere Beschädigungen auf. Die darunter zum Vorschein kommenden Knochen schimmerten in der untergehenden Abendsonne leicht...



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