Temme | Alte deutsche Sagen, Grusel-Märchen & Horror-Legenden | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 872 Seiten

Temme Alte deutsche Sagen, Grusel-Märchen & Horror-Legenden

Westphälische Sagen und Geschichten, Die Volkssagen der Altmark & Die Volkssagen von Pommern und Rügen
2. Auflage 2016
ISBN: 978-80-268-6777-7
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Westphälische Sagen und Geschichten, Die Volkssagen der Altmark & Die Volkssagen von Pommern und Rügen

E-Book, Deutsch, 872 Seiten

ISBN: 978-80-268-6777-7
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
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Dieses eBook: 'Alte deutsche Sagen, Grusel-Märchen & Horror-Legenden' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Inhalt: Die Wette um das Thor zu Gardelegen Der gefangene König Jaromar Die Longobarden in Rügen Der Liebeskampf König Schweno von Dänemark und die Wolliner Der Ranisberg bei Lübeck Strafe des Kirchenraubes Der Reuter auf dem weißen Rosse Der Wendische Hund Rethra Wineta Die alte Glocke in Koblake Das Haus des Kaisers zu Stendal Erbauung des Doms zu Stendal Die Rolandssäulen Der verschwundene Tambour Der Bischof Bernard und die Juliner Der heilige Brunnen bei Pyritz Das heidnische Edelweib zu Cammin Sanct Otto in Julin, und Bogdal Die Bekehrung der Stettiner Julins Abfall vom Christenthum Stettins Abfall von Christenthum Die Bekehrung von Wolgast Stettins Wiederbekehrung Der Götzen-Baum in Stettin Die Götzenfliegen zu Gützkow Die bestraften Götzenpriester Der Gott Triglaf und das Dorf Triglaf Wunderwerke des heiligen Otto St. Otto's Tritte Der schwarze Hahn des h. Otto Die singenden Todtenköpfe Die Heiligung des Meeres Die Corveier Mönche auf Rügen Die Fünte bei Schwantow Swantewit und Arkona Die Götter in Carenza Der Hertha-See Claus Hane Die Frauen und Jungfrauen in Stolpe Sanct Johann, Sanct Johann Die verdorrte Linde zu Schildersdorf Zacharias Hase Der Seeräuber Eseborn Herzog Bogislav X. und der Hofnarr Bogislav X. und Hans Lange Die Zweikämpfe um die Oberherrschaft Unterjochung der Wenden durch die Dänen Der Dänen-König Frotho und die Wendischen Schnapphähne Die Königin Wißna... Jodocus Temme (1798-1881) war ein deutscher Politiker, Jurist und Schriftsteller. Er verfasste u. a. zahlreiche Kriminalerzählungen, die zum großen Teil in Ernst Keils Familienzeitschrift Die Gartenlaube veröffentlicht wurden und wichtige Anstöße für die Entwicklung der deutschsprachigen Kriminalliteratur gaben.

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Der Hick,


ein Volksmärchen.

An der Grenze Westphalens nach dem Bergerlande hin liegt die vormalige Reichsgrafschaft Gimborn-Reustadt, in deren Bereiche das, jetzt wegen seiner bunten Kirche bekannte, Dörfchen Lieberhausen ist. Gegenwärtig wohnen in diesem brave und wohlhabende Leute, ein guter Menschenschlag, einsichtsvolle Ackerwirthe, thätige Handwerker. Vor vielen hundert Jahren aber waren die Einwohner Lieberhausens weit und breit bekannt, eben so sehr durch ihre Armuth als durch ihre Dummheit. Ein einziges gescheutes Männlein wohnte damals im Dorfe Liebershausen, das hieß Hick. Allein so pfiffig und listig dieser Hick auch war, so arm war er doch, der ärmste im ganzen Dorfe. Nur ein kleines Hüttchen, von Lehm und Baumzweigen aufgebauet, und eine alte Kuh machten sein ganzes Vermögen aus, und, damit wir nichts vergessen, ein klarer, frischer Quell, der neben seiner Hütte aus dem Felsen sprang. Dabey hatte Hick freylich einen starken Körper und ein paar gesunde Arme; aber ein Handwerk verstand er nicht, wie man in ganz Lieberhausen keins verstand; er konnte daher nur taglöhnern, und das ging schlecht und brachte wenig ein. Daher kam es, daß es dem armen Hick recht herzlich sauer wurde, sich und seine fünf kleinen Kinder durchzubringen, ja, ihnen nur das Leben zu fristen . Seine Frau war schon vor ein paar Jahren im Kindbette gestorben. Bittere Noth war in dem Häuschen Hicks, und wohl keine Woche ging vorbey, wo der arme Tagelöhner mit seinen Kindern sich nicht hungrig zu Bette legte. Er hatte zwar mit seiner gewohnten Listigkeit eine ganz absonderliche Speiseordnung in seiner kleinen Familie eingeführt; des Morgens nemlich vertheilte er unter seinen fünf Kindern ein Stück Brodt, das bald groß, bald klein war, und dabey ließ er sie nach Herzenslust aus dem klaren Quell trinken, der neben dem Hüttchen entsprang. Des Mittags kochte er ein Suppchen von der Milch, die ihm seine Kuh gegeben hatte; weil das aber für Alle nicht ausreichte, so hatte er die Einrichtung getroffen, daß jedesmal nur Ein Theil der Kinder Milchsuppe bekam, und die übrigen schwarzes trocknes Brodt und dabey wieder frisches, klares Wasser; und hiemit ließ er sie alle Tage wechseln; wer aber Milchsuppe bekam, der erhielt kein Brodt, und wer Brodt bekam, keine Milchsuppe. Er selbst aß blos trockenes Brodt, und trank Wasser dazu. Kartoffeln kannte man damals noch nicht. Des Abends gab es wieder trocknes Brodt, wann er etwas hatte.

Trotz dieser weisen Einrichtung konnte Hick es aber nicht verhindern, dass manchen Abend sowohl er, als seine Kinderchen mit bitterem Hunger zu Bette gehen mußten; oder wohl nicht zu Bette, denn ein Bette hatte Hick nicht, sondern auf ihr Lager von Moos und Laub, das Hick zurecht gemacht hatte, so gut es angehen wollte.

Dabey verlor jedoch Hick seinen frohen, lustigen Muth nicht. Einstmals aber, es war gerade große Theuerung in der ganzen Gegend, und wahre Hungersnoth in Lieberhausen, besonders in dem Hick’schen Hüttchen, lag er des nachts schlaflos in seinem Laublager und warf sich von Einer Seite auf die andere, weil ihm der Leib weh tat vor Hunger, und auch seine Würmerchen die nicht weit von ihm lagen, und die ebenfalls hungrig hatten sich schlafen legen müssen, hörte er ächzen und sich bald links, bald rechts herum werfen; und das jüngste Kind, ein Mädchen von zwey Jahren, weinte gar leise, aber desto bitterlicher. Da vergaß der arme Hick zwar seines Hungers und seiner Schmerzen, aber um so eher bekam er einen Stich ins Herz über das Leiden seiner hungrigen Würmerchen. Und, so leid es ihm auch that, faßte er den Entschluß, diesem Elende abzuhelfen, seine alte Kuh zu schlachten. Sie war zwar lange Jahre hindurch seine treue Gefährtin gewesen, und so manchen lieben Tag hatte sie ihn und die Kinder, und auch seine verstorbene Frau noch, mit ihrer süßen Milch ernährt und gestärkt. Aber dennoch mußte sie jetzt daran. Sie ist überdieß schon alt, vertröstete Hicksich selbst, und gibt alle Tage weniger Milch; von ihrem Fleische aber können wir ein ganzes Vierteljahr lang essen, und die Haut trage ich nach Cöln; gewiß bekomme ich dort ein schönes Stück Geld dafür!

Gesagt, gethan! Noch in der Nacht stand Hick auf, schlachtete seine Kuh, aß sich mit seinen Kindern herzlich satt an dem schmackhaften Fleische, hing den Ueberrest in den Rauchfang, und machte sich dann, beladen mit der Haut, wohlgemuth auf den Weg nach Cöln.

Cöln, die heilige Stadt, liegt bekanntlich zwölf Stunden von Lieberhausen. Hick marschirte fröhlich und guter Dinge, pfiff sich eine lustige Weise, und machte Pläne, wie jenes Milchmädchen. Auf einmal aber überfiel ihn ein heftiges Gewitter. Einkehrern konnte er nirgends, um sich da wieder zu schützen, denn keine Herberge und kein Haus sah er auf seinem Wege, nicht einmal einen Baum, unter den er sich hätte stellen können. Er wickelte sich daher, um von dem gewaltigen Regen nicht ganz durchnäßt zu werden, in seine Kuhhaut ein, aber so, daß die Fleischseite nach außen gekehrt war, damit er sich nicht schmutzig mache. So ging er munter fort; als der Regen etwas nachgelassen hatte, sah ihn ein Rabe, der von dem frischen Geruche der Kuhhaut herbeygelockt war; dieser hielt ihn für ein Stück Aas, und stürzte sich auf ihn los, um sich einen guten Bissen zu verschaffen. Hick aber sah ihn wohl, dachte: den kannst du vielleicht gebrauchen! wickelte daher ganz sachte seine Hand los, schnappte dann schnell nach dem Vogel, und erwischte ihn glücklich. Dann ging er weiter mit seinem Fange, ohne daran zu denken, welches Glück ihm dieser bringen sollte.

Es war noch heller Tag, als er in Cöln ankam. Er verkaufte seine Kuhhaut, aber er erhielt nur weniges dafür, nicht mehr, als er in Liebershausen auch würde bekommen haben, wenn dort Geld gewesen wäre. Seinen Vogel wollte ihm Niemand abkaufen. Ziemlich mißmüthig kehrte Hick in einem Wirthshause am Heumarkte ein, um sich durch ein Glas Bier zur Rückreise zu stärken. – Man hat ein altes Sprichwort: Wo der liebe Gott eine Kirche hat, da hat der Teufel eine Kapelle nebenan! Ist dieses Sprichwort ein Wahrwort, so muss der Teufel in Cöln viele Kapellen haben. Dem Hick schien das Wirthshaus in dem er eingekehrt war, wirklich eine solche Teufelskapelle zu seyn; denn, während der Mann nicht zu Hause war, sah er die hübsche junge Wirthin in einem Kämmerchen neben der Wirthsstube einen glatten, vollgenährten Mönch mit Wein und Schinken und Wursten tracktiren und dabey die Beyden allerley Kurzweil treiben, die sie vor dem Manne wohl schwerlich hätten mögen sehen lassen. Hick stellte sich jedoch, als bemerke er nichts, und trank ruhig sein Glas Bier, indem er seinen Raben streichelte.

Auf einmal sah die Wirthin über den Heumarkt her ihren Mann ankommen. Darüber gerieth sie in große Angst, denn er war schon zu nahe, als daß sie den Mönch unbemerkt hätte aus dem Kämmerchen schaffen können, und eine Hinterthür hatte dieses nicht. Sie versteckte daher, so gut es angehen wollte, den Mönch unter der Treppe und warf den Schinken unter eine Kiste, und die Weinflasche in das Bette. Dann trat sie, wie die Weiber wohl zu thun pflegen, gar freundlich und zärtlich ihrem heimkommenden Manne entgegen. Doch als dieser ihr glühendes Gesicht bemerkte, und sie darüber etwas verwundert ansah, ging sie verwirrt hinaus.

Der Wirth sah ihr eine Weile sinnend nach; dann aber fiel ihm der Fremde mit dem Raben auf, und nachdem er Beyde eine Zeitlang gemustert, fragte er den Hick: Uemchen wat haad de do för en Dier? –

Da bekam der listige Hick einen sonderbaren Gedanken. Einen Wahrsager! antwortete er.

Einen Wahrsager: wiederholte der Wirth, stutzte, warf einen zweifelhaften Blick auf die Thüre, aus der seine Frau gegangen war, rieb die Stirne, und bat den Hick, den Vogel etwas wahrsagen zu lassen.

Recht gerne! meinte Hick, aber nur nicht umsonst!

Der Wirth zog Geld hervor, ein ganzes Quärtchen, und gab es dem Hick. Und dieser kniff seinen Raben in den Schwanz, und der Rabe schrie mit lauter Stimme: Quak! Quak!

Wat haad he gefragt? fragte eifrig der neugierige Wirth.

Er hat gesagt, antwortete Hick, in dem Kämmerlein dort liege eine Flasche Wein im Bette!

Schnell eilte der Wirth in das Kämmerchen, suchte im Bette und fand die Flasche Wein, die nur noch zum dritten Theile voll war. Er wurde glühend roth im Gesichte, und rieb sich heftig vor der Stirne. Dann aber ging er zum Hick zurück, und verlangte, der Vogel solle noch mehr wahrsagen.

Recht gerne! meinte Hick wieder; aber ich muß auch mehr Geld haben!

Der Wirth zog noch ein Quärtchen hervor, und dann noch eins, und ein drittes und viertes, weil Hick immer den Kopf schüttelte. Als aber nun der Kronthaler voll war, kniff der Hick seinen Raben wieder in den Schwanz, und dieser schrie wieder: Quak! quak! – Und der Wirth fragte wieder eifrig, was er gesagt habe?

Er hat gesagt, antwortete Hick ruhig, unter der Kiste dort stehe ein Schinken.

Auch den Schinken fand der Wirth; und glühete stärker und rieb seine zuckende Stirn immer heftiger, und verlangte doch noch eifriger von Hick, der Vogel solle ihm noch mehr wahrsagen. Allein Hick war klug. Heute nicht! antwortete er; es schmerzt den Vogel zu sehr, wie auch sein Schreyen Euch kund gibt. Wartet bis morgen!

Aber der Wirth konnte keinen Augenblick mehr warten. Nein, gleich! rief er auf der Stelle muß er wahrsagen! und er warf all sein Geld auf den Tisch, das er bey sich trug; drey, vier, fünf Krontalher. Dem Hick lachte sein Herz im Leibe über den Anblick...



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