Tschukowskaja | Sofja Petrowna | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Tschukowskaja Sofja Petrowna


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-03820-885-3
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-03820-885-3
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ihr Sohn Kolya ist Sofja Petrownas ganzer Stolz. Der Ingenieurstudent und überzeugte Kommunist steht am Beginn einer aussichtsreichen Karriere und wurde sogar auf der Titelseite der offiziellen Zeitschrift der Kommunistischen Partei abgebildet. Doch plötzlich ist die Rede von Verrat und nicht nur Sofjas Mitarbeiter beginnen im Zuge der Großen Säuberung zu verschwinden, auch ihr Sohn wird festgenommen.
Während sie im bürokratischen Labyrinth der Sovjetunion verzweifelt, flüchtet sie sich in Fantasien von Kolyas Rückkehr. Mit einem Brief von ihrem Sohn kommt auch in Sofja wieder Hoffnung auf und sie stürzt sich ein letztes Mal in den Kampf um seine Freiheit.
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1


Nach dem Tode ihres Mannes besuchte Sofja Petrowna einen Schreibmaschinenkurs. Sie war gezwungen, einen Beruf zu ergreifen, denn Kolja würde wohl noch nicht so bald in der Lage sein, Geld zu verdienen. Nach Beendigung der Schule musste er, koste es, was es wolle, die Aufnahmeprüfung der Universität ablegen. Fjodor Iwanowitsch hätte es niemals zugelassen, dass sein Sohn ohne Hochschulbildung bliebe.

Das Maschineschreiben machte Sofja Petrowna keinerlei Schwierigkeit, und darüber hinaus war ihre Allgemeinbildung weit besser als die der jungen Mädchen von heute. So fand sie als hochqualifizierte Schreibkraft bald einen Arbeitsplatz in einem der großen Leningrader Verlagshäuser.

Das Berufsleben fesselte Sofja Petrowna ungemein. Nach einem Monat schon konnte sie nicht mehr begreifen, wie sie früher ohne Beruf hatte leben können. Zwar fiel es ihr nicht immer leicht, morgens in der Kälte und bei künstlichem Licht aufzustehen, und sie fröstelte, wenn sie inmitten unausgeschlafener, mürrischer Menschen auf die Straßenbahn wartete. Auch schmerzte ihr Kopf zuweilen gegen Feierabend vom langen Geklapper der Schreibmaschinen; doch all dies wurde durch ihre Begeisterung für die Büroarbeit aufgewogen. Wie sie schon als Mädchen gern das Lyzeum besuchte und weinte, wenn sie wegen einer Erkältung zu Hause bleiben musste, so entwickelte sie jetzt eine Vorliebe für das Büro.

Ihr Interesse und ihr Eifer, ihre freundliche und zurückhaltende Art fanden bald die Anerkennung ihrer Vorgesetzten; sie ernannten Sofja Petrowna zur Ersten Stenotypistin und damit zur Leiterin des Schreibbüros. Es befriedigte sie nun natürlich noch mehr, anstatt wie bisher Maschine schreiben zu müssen, fortan die Arbeit verteilen zu können, Seiten und Zeilen abzählen und Schriftstücke zusammenstellen zu dürfen. Wenn sie auf Klopfen den hölzernen Empfangsschalter öffnete, übernahm sie ohne viele Worte, doch verbindlich und sachkundig die Papiere; es waren Rechnungen, Pläne, Rechenschaftsberichte, amtliche Schreiben, Dienstanweisungen und manchmal auch das Manuskript eines zeitgenössischen Schriftstellers.

»In fünfundzwanzig Minuten ist es fertig«, bemerkte Sofja Petrowna gewöhnlich mit einem Blick auf die große Uhr. »Auf die Sekunde!«

Und wenn jemand einzuwenden versuchte, es sei dringend, unterbrach sie ihn mitten im Wort:

»Nein, in genau fünfundzwanzig Minuten, nicht eher!« Mit dieser Erklärung schloss sie gewöhnlich den Schalter, ohne sich auf weitere Gespräche einzulassen.

Nach kurzer Überlegung gab sie die Arbeit dann derjenigen Stenotypistin, die ihr hierfür am geeignetsten erschien. Kam die Sekretärin des Direktors mit einem Schreibauftrag, so betraute sie damit die schnellste, sachkundigste und gewissenhafteste Kollegin.

Wenn sie sich in jüngeren Jahren ab und zu gelangweilt hatte, wenn Fjodor Iwanowitsch – er war Arzt und hatte einen großen Patientenkreis – für längere Zeit zu Krankenbesuchen unterwegs war, hatte sie von einem eigenen Schneideratelier geträumt: Sie sah sich selbst in einem großen hellen Raum, wie sie den netten jungen Mädchen, die sich geschäftig über wallende Wogen von Seide beugten, neue Modelle zeigte oder elegante Damen bei der Anprobe mit mondänem Geplauder unterhielt.

Doch das Schreibbüro war vielleicht noch besser, irgendwie bedeutender. Sofja Petrowna fiel jetzt wiederholt die Aufgabe zu, als Erste ein neues Werk der Sowjetliteratur – eine Erzählung oder einen Roman – noch im Manuskript zu lesen. Obwohl die sowjetischen Romane und Erzählungen sie irgendwie langweilten, weil darin so viel von Traktoren, Werkabteilungen und Kämpfen, aber kaum von Liebe die Rede war, fühlte Sofja Petrowna sich doch geschmeichelt.

Sie begann ihre früh ergrauten Haare aufzudrehen, und damit sie nicht gelb wurden, fügte sie bei der Haarwäsche dem Wasser ein wenig Waschblau hinzu. In ihrem einfachen schwarzen Kittel, den sie mit einem Kragen aus echter alter Spitze herausputzte, mit einem gespitzten Bleistift in der Brusttasche kam sie sich sachlich, korrekt und doch elegant vor.

Die Stenotypistinnen fürchteten sich ein wenig vor ihr und nannten sie hinter ihrem Rücken »Klassenaufseherin«, aber sie gehorchten ihr. Sofja Petrowna wollte streng, aber gerecht sein. In der Arbeitspause unterhielt sie sich wohlwollend mit denjenigen unter ihnen, die sorgfältig und fehlerlos schrieben, sprach über die unleserliche Handschrift des Direktors und darüber, dass das Schminken durchaus nicht jeder stehe; aber diejenigen, die »Resoluzion« und »Kollektif« schrieben, behandelte sie etwas von oben herab.

Eine der Stenotypistinnen, Erna Semjonowna, ging Sofja Petrowna sehr auf die Nerven: Beinahe in jedem Wort machte sie Fehler, rauchte hemmungslos und schwatzte während der Arbeit. Erna Semjonowna erinnerte Sofja Petrowna dunkel an ein unverschämtes Dienstmädchen, das früher einmal bei ihnen gearbeitet hatte. Das Dienstmädchen hieß Fanny, es war frech zu Sofja Petrowna und kokettierte mit Fjodor Iwanowitsch … Warum nur behält man so eine?

Mehr als alle anderen Stenotypistinnen im Büro gefiel Sofja Petrowna Natascha Frolenko, ein bescheidenes, hässliches Mädchen mit grünlich grauer Gesichtsfarbe. Sie schrieb stets fehlerfrei, Rändereinstellung und Absatzeinteilung wirkten bei ihr erstaunlich kunstvoll. Wenn man ihre Arbeit betrachtete, so hatte man den Eindruck, sie sei auf irgendeinem besonderen Papier geschrieben und ihre Maschine sei wahrscheinlich besser als die anderen; in Wirklichkeit aber waren sowohl Nataschas Papier als auch ihre Schreibmaschine von ganz gewöhnlicher Art, und das ganze Geheimnis, so unglaublich es auch klingen mag, bestand tatsächlich nur in ihrer Sorgfalt.

Das Schreibbüro war mit dem übrigen Verlagsgebäude durch eine Tür mit einem eingebauten Schalter verbunden, der durch ein hölzernes braun lackiertes Schiebefenster zu verschließen war. Die Tür war ständig verschlossen, Gespräche wurden durch das Schiebefenster geführt.

In der ersten Zeit kannte Sofja Petrowna niemanden im Verlag außer ihren Stenotypistinnen und einer Botin, die die Schriftstücke verteilte; aber nach und nach wurde sie mit allen bekannt.

Es waren etwa zwei Wochen vergangen, als der korpulente, trotz seiner Kahlköpfigkeit jugendlich wirkende Buchhalter sie bereits im Korridor ansprach; wie sich herausstellte, hatte er Sofja Petrowna wiedererkannt – einst, vor etwa zwanzig Jahren, hatte ihn Fjodor Iwanowitsch erfolgreich behandelt. Der Buchhalter schwärmte für Wassersport und westeuropäische Tänze, und Sofja Petrowna fühlte sich geschmeichelt, als er ihr vorschlug, sich seiner Tanzgruppe anzuschließen.

Die höfliche ältliche Sekretärin des Direktors begann sie ebenfalls zu grüßen. Der Leiter der Personalabteilung ehrte sie mit einer Verbeugung, ebenso wie ein gut aussehender bekannter Schriftsteller mit graumeliertem Haar, der, eine mit Monogramm versehene Aktentasche unter dem Arm und eine Bibermütze auf dem Kopf, im eigenen Wagen zum Verlag kam.

Der Schriftsteller fragte sie sogar einmal, wie ihr das letzte Kapitel seines Romans gefallen habe. »Wir Literaten haben schon lange gemerkt, dass die Schreibdamen die unparteiischsten Schiedsrichter sind. Wirklich«, sagte er und zeigte beim Lächeln sehr ebenmäßige falsche Zähne, »sie urteilen unbefangen und werden nicht durch vorgefasste Meinungen beeinflusst wie die Genossen Kritiker oder Redakteure.«

Sofja Petrowna machte auch die Bekanntschaft des Parteiobmanns Timofejew, eines hinkenden, ungepflegten Menschen. Er war mürrisch, blickte beim Sprechen auf den Fußboden und flößte Sofja Petrowna etwas Angst ein. Bisweilen rief er Erna Semjonowna zum Schalter – er war dann in Begleitung des Verwalters –, Sofja Petrowna schloss die Tür auf, und der Verwalter trug Erna Semjonownas Schreibmaschine aus dem Büro in die »Spezialabteilung«. Erna Semjonowna folgte stolz erhobenen Hauptes ihrer Maschine. Sie war, so erklärte man Sofja Petrowna, »geheimermächtigt«, und der Parteiobmann berief sie in die Spezialabteilung, wo sie streng vertrauliche Parteiakten abzuschreiben hatte.

Nach kurzer Zeit schon kannte Sofja Petrowna alle im Verlag persönlich, mit ihren Familiennamen und ihrer Tätigkeit: die Rechnungsführer, Redakteure, technischen Redakteure und Botinnen.

Gegen Ende des ersten Monats ihrer Berufstätigkeit lernte Sofja Petrowna den Direktor kennen. In seinem Arbeitszimmer lag ein flauschiger Teppich, um den Tisch herum standen tiefe, weiche Sessel und auf dem Schreibtisch nicht weniger als drei Telefone. Der Direktor erwies sich als ein junger Mann von nicht mehr als fünfunddreißig Jahren, er war stattlich, sorgfältig rasiert, trug einen eleganten grauen Anzug mit drei Abzeichen am Rockaufschlag und hielt einen Füllfederhalter in der Hand. Etwa zwei Minuten unterhielt er sich mit Sofja Petrowna, aber in der kurzen Zeit klingelte dreimal das Telefon, und er sprach in das eine, während er den Hörer des anderen abnahm. Der Direktor rückte ihr eigenhändig einen Sessel heran und fragte höflich, ob sie nicht so freundlich sein könnte, heute Abend Überstunden zu machen. Sie solle selbst eine Stenotypistin bestimmen und ihr den Bericht diktieren. »Ich habe gehört, dass Sie meine barbarische Handschrift wunderbar entziffern können«, sagte er lächelnd.

Sofja Petrowna verließ das Arbeitszimmer des Direktors, beeindruckt von seiner Stellung und geschmeichelt durch das ihr entgegengebrachte Vertrauen. Ein wohlerzogener junger Mann! Man erzählte von ihm, er sei vom einfachen Arbeiter bis zu dieser leitenden Stellung aufgestiegen; tatsächlich erschienen seine Hände klobig, aber...


Tschukowskaja, Lydia
Lydia Tschukowskaja, geboren 1907 in St. Petersburg, musste mitansehen, wie ihr Mann und viele ihrer Kollegen während des Stalin-Terrors verhaftet und umgebracht wurden. Ihre Erlebnisse verarbeitete sie literarisch unter anderem in Untertauchen (1947). 1974 wurde sie aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Erst 1988 konnten in Moskau Untertauchen und in Leningrad Sofia Petrowna erscheinen. Lydia Tschukowskaja starb 1996 in Peredelkino.



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