E-Book, Deutsch, Band 1, 287 Seiten
Reihe: Lückenfüller
Turini / Exter / Kastenholz Lückenfüller
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95869-258-9
Verlag: Amrun Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die erste Tentakelporn-Anthologie
E-Book, Deutsch, Band 1, 287 Seiten
Reihe: Lückenfüller
ISBN: 978-3-95869-258-9
Verlag: Amrun Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Lovecraft ist tot, aber sein vielarmiges Monster Cthulhu ist lebendiger denn je. Das grausige alte Wesen aus der Tiefe regt sich überall da, wo man nicht mit schleimigen Tentakeln rechnen würde - selbst im amerikanischen Wahlkampf mischt Cthulhu munter mit. Auch unsere Autoren haben sich von ihm in einen Abgrund aus Horror und Schrecken, Lust und Leidenschaft, Ironie und Körperflüssigkeiten ziehen lassen. Also taucht mit uns ab in glitschige Welten jenseits des guten Geschmacks, denn dieses Buch steckt voll praller Tentakelgeschichten, mal dreckig, mal fies, mal witzig - und fast immer mit einem Augenzwinkern.
Der perfekte Lückenfüller eben …
Autoren/Hrsg.
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SCHATTEN ÜBER TAVERNMÜNDE
Leonie Landvogt
Auf dem Rückweg Richtung Strand konnte er sie wieder hören. Diese merkwürdige, fremdartige, halb atonale Melodie. War das Gesang? Oder ein Tier? Vielleicht sogar eine Maschine? Was auch immer es war, es schien aus dem Hof hinter der alten Schule zu kommen. Er zögerte. Eigentlich wollte er ja nur schnellstens zurück zum Lager, zum Feuer. Zum Abendessen. Und zu Gina, natürlich. Gina mit den Endlosbeinen, den leuchtend blauen Augen. Aber dieses Geräusch war so - anders. Es half nichts, er musste herausfinden, was das war.
Vorsichtig näherte er sich dem steinernen Torbogen. Als wäre der Wilde Wein, der die gesamte Fassade der Schule bedeckte, nicht genug, wucherte in der Durchfahrt auch noch Efeu. Naja, bei dem Klima hier trugen halt wohl sogar alte Häuser gerne Pelz, genau wie die alten Leute. Heute war‘s allerdings recht warm, und kaum Wind. Sogar die dichte Wolkendecke hatte aufgelockert, flog in schwarzgrauen Fetzen über den Himmel und erlaubte es einzelnen Sonnenstrahlen, bis zur Erde durchzudringen. Endlich mal.
Je näher er kam, desto mehr formten sich die Töne zu einer Melodie, dann zu Stimmen, Wörtern sogar. Nur verstehen konnte er so gut wie gar nichts - irgendwas mit »Relief«, »Nagel« und »taggen«? Sonderbar. Vielleicht könnte er mal vorsichtig reinschauen, so unauffällig, dass er nicht weiter störte? Bevor er jedoch den Mut gefasst hatte, sprintete plötzlich ein enorm schlaksiges Mädchen an ihm vorbei. Es winkte ihm kurz zu, mit einem eindeutig hypermobilen, viel zu langen Arm. Er grinste. Ja, an das Alter konnte er sich auch noch erinnern. Blöd, wenn einzelne Körperteile plötzlich schneller wachsen als andere. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und rollte die Schultern zurück. Zum Glück hatte sich das dann alles wieder eingespielt, zumindest bei ihm.
Und es war total albern, hier herumzuschleichen. Der Hof war vermutlich nicht mal Privatgrund. Energisch schob er den Pflanzenvorhang zur Seite und trat hindurch. Um sich dann erst einmal zwei Spinnen aus dem Nacken zu wischen. Elende Mistviecher!
Auf dem Hof war anscheinend das halbe Dorf versammelt - Männer, Frauen, Alte und Kinder. Zumindest nahm er an, dass in diesem Kaff kaum mehr als doppelt so viele Leute wohnen konnten, wie hier versammelt waren. Trotzdem konnten sie noch alle im Kreis stehen, sich an den Händen halten und singen. Sonst taten sie nichts. Das überschlanke Mädchen ging um den Kreis herum, seine Schritte immer im Takt, und gleichzeitig fing die ganze Truppe an, in die andere Richtung zu rücken, langsam und bedächtig, wie in Trance. Schließlich legte sie ihre Hand auf die Schulter einer ungefähr Gleichaltrigen, und mit einer geübten, fließenden Bewegung tauschten sie die Plätze, ohne den Tanz zu stören. Das abgelöste Mädchen schien ein paar Mal tief durchzuatmen, dann lief es mit ungelenken Schritten an ihm vorbei und die Straße hinab zum Meer.
Er drehte sich um und ging in dieselbe Richtung, peinlich darauf bedacht, nicht den Eindruck zu erwecken, als würde er ihr folgen. Er musste ja wirklich zum Strand. Oder was sich hier so »Strand« nannte. Nichts als Felsen und hundekopfgroße Kiesel. Und er hatte Gina noch ausgelacht wegen ihrer extradicken Isomatte. Er grinste wieder. Na, wenn er sich nicht ganz blöd anstellte, würde er heute Nacht sowieso zusammen mit ihr da drauf schlafen …
Als er das Wasser erreichte, war die Einheimische verschwunden. Vermutlich irgendwo zwischen den Felsen, Tang sammeln, oder was in dieser gottverlassenen Einöde sonst so als Zeitvertreib gelten mochte. Aber das Zelt konnte er sehen, und dass Gina immer noch kein Feuer gemacht hatte. Wenigstens die Harpunen hatte sie gereinigt, sie lehnten an dem Felsen, auf dem sie die Taucheranzüge zum Trocknen ausgebreitet hatten, und glänzten, wenn die letzten schwachen Sonnenstrahlen sie trafen. Aber jetzt saß sie einfach nur da, vor dem offenen Zelteingang, und schaute abwechselnd auf das im letzten Abendlicht leuchtende Meer raus, und dann wieder auf ihr Handy. Na toll. Fische schießen war ja Spaß, aber essen wollte man sie dann doch auch irgendwann mal. Sie drehte sich um, als sie ihn kommen hörte, und ihr Lächeln ließ ihn seinen Ärger vergessen. »Da bist du ja! Was hat denn so lange gedauert?« »Ich musste nur mal kurz nachschauen, was die da auf dem Schulhof treiben. Schon ziemlich ungewöhnlich, dieses Tavernmünde, oder?« Sie lachte. »Das ist nur wegen dem Volksmusik-Festival. Ist hier jedes Jahr.« »Ach - du kennst dich hier aus?« Sie nickte. »Ja, klar. Du weißt doch, ich bin aus Erkheim. Ich bin jeden Sommer hier um diese Zeit. All den Fisch hast du ja eh gesehen, und das Festival ist die andere lokale Spezialität. Jedes Jahr fallen die Ethnologen in Scharen ein, aber nach wie vor hat kein Mensch ‚ne Ahnung, aus welcher Tradition das Zeug überhaupt stammt.« Er lachte. »Ja, kann ich mir vorstellen. Ich hab‘ jedenfalls noch nie auch nur was Ähnliches gehört. - Machen wir jetzt Abendessen?«
Sie schüttelte den Kopf, und die dunklen Locken tanzten um ihr Gesicht wie zierliche Tentakel. »Nee, wir gehen jetzt erst mal baden, würde ich sagen.« Wie, was jetzt? »Baden gehen? Wir waren doch schon den ganzen Tag im Wasser, und die Anzüge haben wir auch schon abgespült …« Sie klimperte mit den Wimpern. »Ich will ja auch nicht tauchen, ich will baden! Das Wasser ist warm, der Mond voll, wir sind verschwitzt - komm schon!« Er zögerte noch. »Muss das sein? … ich hab‘ Hunger.« Warum konnten sie nicht einfach etwas essen, dann ins Zelt kriechen und Spaß haben? Gina legte das Handy weg und sprang auf. »Mach was du willst«, hauchte sie und beugte sich zu ihm, »aber eins sag‘ ich dir: Ich schlafe heute Nacht nicht neben dir.« Noch im Umdrehen zog sie sich ihr T-Shirt über den Kopf, nur wenige Schritte weiter fielen auch Rock und Unterwäsche auf die Felsen, dann lief sie ins Wasser.
Er folgte ihr so schnell er konnte, aber sie hatte schon ziemlich viel Vorsprung. Auch ohne Flossen war sie verdammt schnell, er musste sich anstrengen, auch nur wenige Meter gutzumachen. Mühsam pflügte er durch die höher werdenden Wellen, musste sich aber immer wieder aufrichten, um das silbrige Schimmern ihres Körpers im Licht des aufsteigenden Mondes zu lokalisieren. Er durfte sie jetzt nicht verlieren, das würde wirklich den Abend verderben. Zum Glück wurde ihm schnell klar, dass sie auf eine kleine Insel zuhielt. Damit konnte er arbeiten, und als er schließlich die ersten glitschigen Felsbrocken unter den Zehen spürte, war sie noch nicht mal ganz ans Ufer gewatet. Was allerdings auch nicht so einfach war, der Schlamm zwischen den Steinen saugte an seinen Füßen, als wolle er sie behalten.
Zu seiner Erleichterung wartete sie diesmal auf ihn, auf einem Felsen sitzend wie Venus im Mondschein. Er strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht. »Und jetzt?«, fragte er anzüglich. »Jetzt zeig‘ ich dir ein Geheimnis.« Ihre Stimme klang merkwürdig feierlich, aber der Trampelpfad, auf den sie dabei deutete, verschwand ganz unzeremoniell hinter ihr im dichten Unterholz. »Komm mit, das ist der Hammer. Versprochen!« Klang gut. Auch wenn der Pfad eng war, und irgendwie schmierig. Als ob Wald und Meer sich zusammengetan hätten, auch noch dieses schmale Stückchen Erde zurückzuerobern, die letzten schwachen Spuren der Menschheit zu beseitigen. Er fühlte eine gewisse Nervosität in der Magengrube - oder war das Vorfreude? Vermutlich beides.
Die Frische des Meeres wich mehr und mehr einer schweren Süße, die in der Luft hing wie ein nasser Vorhang. Große, blasse Blüten im Gebüsch verströmten leicht faulige und doch betörende Gerüche, und er war sich nicht ganz sicher, ob die kleinen tanzenden Lichter wirklich echt waren, oder doch nur Ausgeburten seiner überdrehten Fantasie. Gina vor ihm schien zu gleiten, fast schon zu schweben, während er ungeschickt über Wurzeln stolperte, sich die Zehen anstieß und auf Dornen trat. Endlich blieb sie stehen.
Vor ihr war ein Loch, ein geöffnetes Maul im Gestein. Eine Höhle. Sie drehte sich zu ihm um und lächelte ihn an. »Da müssen wir rein. Keine Angst, die Augen gewöhnen sich schnell an das Dunkel. Und ganz ehrlich, du wirst es nicht bereuen. So was hast du noch nicht erlebt, und wirst es auch nirgendwo anders.« »Okay …«, sagte er zögerlich, »bist du sicher, dass das nicht gefährlich ist? Woher weißt Du überhaupt davon?« Sie zuckte mit den Schultern. »Die Jugendlichen im Ort waren alle schon hier. Die Alten vermutlich auch, genau genommen, halt schon was länger her. Sie nehmen nur selten Fremde mit - das ist eine Ehre. Aber wie du willst - ich geh‘ jedenfalls rein.«
Natürlich musste er mit. Neugier und Erregung waren viel zu stark, was kümmerte es ihn da, dass der merkwürdige Geruch in Schwaden aus der Höhle drang, warm und feucht und klebrig. Er tastete sich mit den Händen an der rauen Felswand entlang, immer dem leisen Klatschen von Ginas Füßen auf dem nassen Stein hinterher. Der Durchgang wurde enger, er musste sich schon fast hindurchzwängen. Oh Himmel, er hoffte wirklich, dass sie wusste, was sie tat! Aber vor ihm platschte und rauschte es eindeutig - ein sicheres Zeichen, dass sich der Gang wieder weiten würde. Es gab offensichtlich ein Echo.
Der Fels unter seinen Füßen schien jetzt durchzogen von Adern, zunächst kleine, dann kräftiger werdende Unregelmäßigkeiten, glatt und rutschig. Nun tastete er auch mit den Zehen, und musste sich an der Wand festhalten - was war das hier eigentlich? Hatte der völlig entfesselte Urwald da draußen es geschafft, seine Wurzeln bis hier rein zu schieben? Er trat auf eine besonders dicke Erhebung, und mit einem leisen »pi-quitsch«...




