Wekwerth | Das Haus der Hebamme | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 187 Seiten

Wekwerth Das Haus der Hebamme

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95520-731-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 187 Seiten

ISBN: 978-3-95520-731-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wenn die Vergangenheit deine Zukunft ist: Der bewegende Schicksalsroman 'Das Haus der Hebamme' von Tanja Wekwerth jetzt als eBook bei dotbooks. Anne lebt ihren Traum: Als erfolgreiche Architektin und mit einem tollen Mann an ihrer Seite, sollte sie eigentlich glücklich sein ... doch stattdessen fühlt sie sich in ihrem perfekten Leben verloren. Eines Tages entdeckt sie jedoch ein altes Bauernhaus, das sie wie magisch anzieht und ihr ein Gefühl von Geborgenheit gibt. Dort findet sie ein Buch mit der Lebensgeschichte der Hebamme Maria, die einst hier gelebt hat. Kann ihre ebenso berührende wie schicksalsreiche Erzählung Anne einen Weg in die Zukunft weisen? Hals über Kopf stürzt sie sich in das Abenteuer, neue Träume einzufangen ... Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der gefühlvolle Roman 'Das Haus der Hebamme' von Tanja Wekwerth. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks - der eBook-Verlag.

Tanja Wekwerth lebt und arbeitet in Berlin. Neben dem Schreiben widmet sie sich der Fotografie. Bei dotbooks veröffentlichte Tanja Wekwerth ihre Romane »Die Zeit der Magnolien«, »Das Geheimnis der Mitternachtstöchter« und »Das Haus der Hebamme«.
Wekwerth Das Haus der Hebamme jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


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Teil I


Das alte Backsteinhaus sah aus wie ein wahr gewordenes Kinderbild.

Genau so malen Kinder Häuser – mit rot gedecktem Giebeldach und Schornstein, zwei Fenstern oben, einem unten und einer blauen Tür. Daneben stand ein knorriger Birnbaum, dessen Äste bei Wind an die oberen Fenster kratzten.

Anne hatte das Bedürfnis zu schleichen, als sie einmal um das Haus herumlief. Im verwilderten Garten wuchsen üppige Holunderbüsche, mannshohe Hortensien und verholzte, stark verästelte Sträucher Beifuß. An der Giebelseite rankte Jelängerjelieber in voller Blüte, einen betörenden Duft verströmend. Sie atmete ihn tief ein, als wäre er heilsam. Die umliegenden braunen Stoppelfelder dampften in der Hitze. Einem ekelhaften Insekt nicht unähnlich, kroch am Horizont ein Pflug dahin, Staubwolken hinter sich herziehend, geräuschlos.

»Kommst du?«, rief Adam, und sie folgte seiner Stimme.

In weiter Ferne muhte eine Kuhherde. Bis auf monotones Grillengezirp war sonst alles still.

Anne und Adam kannten sich seit Jahren. Er, der Immobilienmakler mit besten Kontakten, sie, die Innenarchitektin, bewandert in den neuesten Wohn- und Gestaltungstrends. Sie hatten sich im Laufe der Zeit darauf spezialisiert, Häuser und Wohnungen komplett renoviert und möbliert zum Verkauf anzubieten. Mit Hilfe seines Vaters stöberte Adam fantastische Räume auf – Fabriketagen, Lagerhallen, puppenhafte Schlösschen, ehemalige Cafés. Einmal auch ein Schwimmbad aus der Zeit der Jahrhundertwende, mit grünen Marmorsäulen und lebensgroßen blauen Delfinen im gut erhaltenen Mosaikfries, das unter zwei Schichten Fliesen zum Vorschein kam. Die ehemaligen Umkleidekabinen ließen Anne und Adam in ein großes Wohnzimmer umbauen. Sie setzten zwei Badezimmer und eine amerikanische Küche dazu und eine Dachterrasse obendrauf, die über eine grünspanfarbene Wendeltreppe im Wohnzimmer zu erreichen war. Das Ganze nannten sie dann albern lachend »Einzimmerwohnung mit Dachterrasse und Swimmingpool, insgesamt dreihundert Quadratmeter in attraktiver Citylage«.

Das Projekt war ein wenig überspannt, hatte aber etwas Märchenhaftes, das Anne mehr berührte, als sie zugeben wollte. Trotz des schwindelerregenden Preises fand sich schnell ein Käufer. Anne hoffte lange, einmal eingeladen zu werden. Die Vorstellung, das ungefähr drei Meter tiefe und zehn Meter lange türkisfarbene Becken voller Wasser zu sehen, machte sie unruhig vor Verlangen. Sie sehnte sich danach, den Mosaikdelfinen an den Innenseiten des Beckens ein einziges Mal zu begegnen, und träumte oft von ihnen. Eine Zeit lang jede Nacht. Sich still von den Wänden lösend, sah Anne sie im lichtblauen Wasser zum Leben erwachen, sie unermüdlich umkreisen. Lautlos, berührungslos. Jedes Mal erwachte sie lachend, mit schwindligem Kopf.

Adam schloss die blaue Tür auf. Als er sie behutsam öffnete, floss ihnen eine angenehme Kühle entgegen. Sie stiegen drei graue Steinstufen nach oben und kamen in eine dämmrige Wohnküche. Ein alter Herd stand in der Ecke, daneben eine Küchenbank, leere Weckgläser darauf. Die Fensterläden machten ein unwilliges Geräusch, als Adam sie aufstieß, und es kam Anne vor, als würde das Sonnenlicht einen Moment zögern, bevor es sich mit langen Armen in den Raum warf. Auf dem Boden war eine dicke Staubschicht. Schweigend stiegen sie eine schiefe Holztreppe nach oben, die in zwei kleine, ineinander übergehende Zimmer führte. Auch hier öffneten sie die Fensterläden, sahen Staubwirbel durch die Luft flirren und dann langsam wieder zu Boden sinken. Ein Nagetier hatte hier vor langer Zeit einmal sein Nest gebaut. Stroh und leere Getreidehülsen lagen herum, verdorrte Kotkrümel, Stofffetzen. Eine Diele quietschte, ein Balken knackte. Anne stellte sich ans offene Fenster und beobachtete durch die Birnbaumzweige hindurch den Pflug, der noch immer seine Bahnen zog.

»Ist es nicht wundervoll?«, flüsterte sie.

Adam gab einen abfälligen Laut von sich. »Es ist viel zu klein.«

»Nein!«, rief sie erschrocken in die mittägliche Stille. Ihre Stimme klang merkwürdig schrill in den Räumen, die so lange nur ruhiges Dunkel beherbergt hatten.

Adams und Annes neuestes Vorhaben war es, im weiteren Umkreis der Stadt feudale Landsitze zu restaurieren und dann an müde Geschäftsleute zu verkaufen, die übers Wochenende ins Grüne wollten, um dort zu angeln, zu gärtnern oder auf die Jagd zu gehen. Es war ein Experiment.

»Mehr als eine Stunde Autofahrt sollte es nicht sein«, sagte Adam auf dem Weg nach unten in den Garten. »Und außerdem dachte ich eher an ein Gutshaus. Etwas Repräsentativeres.«

Anne setzte sich ins Gras und skizzierte die beiden Etagen. Unwillig schaute Adam zu ihr hin.

»Es ist zu klein«, beharrte er. »Wer soll das kaufen? Man kann keine Gäste unterbringen. Es würde gerade mal für eine Person reichen. Und es ist viel zu normal.« Anne hatte das Gefühl, dass ihr etwas Wertvolles am Entgleiten war.

»Lass uns dran üben, Erfahrungen sammeln, und im Notfall behalten wir es eben«, sagte sie schnell.

Entsetzt schüttelte er den Kopf. »Um Gottes willen! Die Landluft macht mich ganz krank. Und diese Stille erst ...«

Er machte eine weit ausholende Handbewegung. Hinter ihm flirrte die Mittagshitze. Weiße Samenpollen schwebten träge wie dicke Schneeflocken durch die warme Luft. Anne war, als bliebe das Leben in diesem lichtdurchfluteten Augenblick für einen kurzen Moment stehen. Den Anblick von Adam mit so viel Sonne im Haar, wie ein Heiligenschein um seinen Kopf gelegt, sollte sie ein Leben lang in Erinnerung behalten, als gäbe es eine Fotografie davon.

»Die Bude hat überhaupt kein Potenzial, es gibt ja nicht einmal eine Scheune.« Er fuhr sich gereizt durch die leuchtenden Haare. »Niemand würde es kaufen«, wiederholte er und ging kopfschüttelnd über den Feldweg zurück zum Auto. Seine Schritte knirschten im Sand, wurden leiser, der aufgewirbelte Staub begann sich schon wieder zu legen.

Anne schaute ihm hinterher, und auf einmal erkannte sie diese immer größer werdende Entfernung zwischen ihnen als ein bildhaftes, klares Omen. Irgendwann in den letzten Monaten hatte es in ihrer Beziehung eine Veränderung gegeben. Sie erinnerte sich, dass sie bei der Einweihungsfeier einer von ihnen mit Zebrafell-Imitaten ausgelegten und zum Wohnhaus umgebauten kleinen Kapelle aus dem 18. Jahrhundert zum ersten Mal eine Verstimmung in sich wahrgenommen hatte. Eine Ahnung davon, wie oberflächlich und gedankenlos die Tätigkeiten ihrer letzten Jahre gewesen waren, streifte sie, während sie zu viel Champagner getrunken hatte und sich immer elender fühlte. Sie stand auf einem kreisrunden Bodenmosaik mitten in der Kapelle, die sie der Lächerlichkeit preisgegeben hatte, die nun die Behausung eines exzentrischen reichen Clowns war, und schämte sich. Ein blauer Strahl aus einem der sonnenbeschienenen Bleiglasfenster fiel in ihr halb volles Glas, und Anne fühlte Tränen ihre Wangen hinunterlaufen. Adam ließ sich derweil feiern, saß auf einer mit schillernder Seide bezogenen Chaiselongue, die den Platz des Altars eingenommen hatte, und war zufrieden mit sich und seiner originellen Welt. In diesem Augenblick hatte sich Anne gefragt, was für ein Mensch er eigentlich war. Wie ein feiner Haarriss, kaum sichtbar, dem Porzellangefäß aber seine Zuverlässigkeit und Resonanz nehmend, begleitete sie fortan ein ungutes, ernüchterndes Gefühl, wenn sie mit Adam zusammen war, und umso mehr alberne Projekte er durchführte und lächerlich hohe Summen dafür kassierte, umso schneller tastete sich der Riss voran.

Anne schreckte auf, als sie die Autotür dumpf zuschlagen hörte. Dann war wieder alles still. Erleichtert blickte sie zu dem dicht mit Efeu bewachsenen Haus hin, das von alten, aber kleinen Obstbäumen umstanden war. Sie sah die ersten Äpfel und Birnen sprießen und einen sonnentrunkenen Schmetterling gegen die blaue Tür taumeln. Im Garten stand eine schmiedeeiserne Pumpe mit geschwungenem Schwengel. Am Hahn hing noch der Eimer.

Etwas aus der sommertrockenen Wiese duftete gewürzhaft aromatisch, das Anne verschwommen zu kennen glaubte, doch sie kam dem Duft nicht auf den Grund.

Sie hörte die Autohupe, ein durchdringender, hässlicher Ton. Langsam stand sie auf, streckte sich, dann holte sie ihren Fotoapparat heraus und machte ein paar Aufnahmen vom Haus. Als sie die blaue Tür abschließen wollte, konnte sie nicht widerstehen, noch einmal die drei Stufen hinaufzugehen. Diesmal hatte sie das Gefühl, als wäre noch jemand dort, als wäre der ursprüngliche Bewohner nur schnell in den Garten geeilt, um ein paar Kräuter für das Abendessen zu pflücken. Vielleicht von denen, die eben so würzig gerochen hatten. Mit klopfendem Herzen stieg Anne die steile Treppe hinauf und stellte sich wieder ans Fenster. Sie konnte bis ans Ende der Felder sehen, die in weiter Ferne sanft in einen blaugrünen Wald übergingen. Sie genoss, dass ihr Blick nirgends anstieß, und seufzte vor Behaglichkeit laut auf. Draußen hupte es wieder mehrmals, doch sie konnte sich nicht losreißen von dieser besonderen Stimmung, den Gerüchen, dem Atmen des Hauses, als wäre plötzlich alles wieder am Fließen, durch die geöffneten Fenster und Türen und durch ihren Körper hindurch. Behutsam und mit dem stumm gegebenen Versprechen, bald wiederzukommen, schloss Anne die Fensterläden. Sie wartete noch einen letzten Augenblick im dämmrigen Licht der Küche, dann ließ sie die Eingangstür hinter sich ins Schloss fallen und drehte einen großen rostigen Schlüssel zweimal herum, den sie anschließend in ihrer Hosentasche versenkte.

Adam saß schlecht gelaunt im Auto und spielte am Radio. Als er Anne kommen sah, ließ er den Motor aufheulen.

»Ich möchte noch ein paar Schritte gehen«, sagte Anne. Zu...


Wekwerth, Tanja
Tanja Wekwerth, geboren in Berlin, lebt als freie Autorin mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der Nähe von Berlin.

Bei dotbooks erschienen bereits Tanja Wekwerths Romane:
„Die Zeit der Magnolien“
„Das Haus der Hebamme“
„Mitternachtsmädchen“



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