E-Book, Deutsch, Band 1, 500 Seiten
Reihe: Lancashire Killings
White Wer in den Schatten lebt
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-000-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller: Lancashire Killings 1 | Eine englische Kleinstadt, ein grausamer Mord, ein dunkles Geheimnis
E-Book, Deutsch, Band 1, 500 Seiten
Reihe: Lancashire Killings
ISBN: 978-3-98952-000-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Neil White wuchs in Yorkshire auf. Seit seiner Kindheit begeistert ihn nichts so sehr wie die Musik von Johnny Cash und Bücher, vorzugsweise Science Fiction und Kriminalromane. Während seines Jura-Studiums packte ihn die Lust, selbst zu schreiben. Heute ist Neil White der erfolgreiche Autor zahlreicher Spannungsromane. Die Website des Autors: neilwhite.net/ Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Thriller-Serie »Lancashire Killings« mit den Einzelbänden: »Wer in den Schatten lebt« »Wo die Angst regiert« »Wenn der Hass entbrennt« »Wen die Rache treibt« Außerdem erschienen bei dotbooks seine Thriller »Die Stimme des Verrats« und »Ein tödlicher Verdacht«.
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Kapitel 2
Ob im Norden oder im Süden, Mörder waren überall gleich.
Detective Constable Laura McGanity hauchte ihre eisigen Hände an und träumte sekundenlang von London. Zwei Wochen zuvor war dort noch ihr Zuhause gewesen, doch das schien eine Ewigkeit her zu sein. Sie war zwar nur nach Lancashire gezogen, gerade mal dreihundert Kilometer von der Hauptstadt entfernt, aber sie kam sich vor wie in einem fremden Land, in dem von den Hügeln ringsum eiskalte Luft in die Stadt getrieben wurde. Zitternd vor Kälte ging sie vor dem gelben Absperrband der Polizei auf und ab, das im frühmorgendlichen Wind leise knatterte. Sie zog ihren Schal enger.
Doch es war nicht nur das Wetter, das so fremdartig wirkte, sondern auch die Stille. In einiger Entfernung bildeten die Hügel der West Pennine Moors, deren mit Tau bedecktes Gras im Licht der aufgehenden Sonne silbern glänzte, das Panorama. Sie stand vor einer weitläufigen Rasenfläche in einer Sackgasse mitten in einer gepflegten, sauberen Vorstadt, und das einzige Geräusch, das sie in ihrer Versunkenheit störte, war das Knattern des flatternden Absperrbands. Ihr fehlte London mit all seinen Lichtern und dem Lärm. Im Vergleich dazu ging es in Blackley mucksmäuschenstill zu.
Laura war im Süden aufgewachsen und bei der Metropolitan Police ausgebildet worden, doch die Liebe hatte sie in den Norden geführt. Dort war sie in einer Kleinstadt angekommen, Beton mit Graffiti hatte Moorlandschaften und Bruchsteinmauern Platz gemacht. Sie wusste, sie konnte sich keinen Fehler leisten. Ihre Versetzung in den Norden war riskant gewesen, und sie wollte nicht schon nach ein paar Tagen ihre Karriere gegen die Wand fahren.
Die Blicke der anderen Polizisten auf der Wache waren ihr nicht entgangen. Zurückhaltende, misstrauische Blicke. Sie war die Neue aus der Großstadt, die hergekommen war, um ihnen zu sagen, wie sie ihre Arbeit zu machen hatten.
Sie musste jetzt aufpassen und durfte sich von absolut nichts ablenken lassen. Bei jedem Mord waren die ersten vierundzwanzig Stunden die wichtigste Phase. Danach drohte Gefahr, dass Beweise verloren gingen, mit denen der Mörder überführt werden könnte. Jemand konnte die Fingernägel säubern, seine Haare kurz schneiden, einen Wagen ausbrennen lassen.
Sie sah in dem Moment auf, als Pete Dawson näherkam, der andere Detective am Tatort, ihr Kollege. In seinen Händen hielt er zwei Becher mit dampfendem Kaffee.
»Sie sehen aus, als könnten Sie einen davon gut gebrauchen«, sagte er.
Laura kam es vor, als würde er sie anherrschen, da er so ungewohnt abgehackt redete und die Vokale so kurz und stumpf aussprach. Im Vergleich dazu besaß die ihr so vertraut gewordene Londoner Sprechweise viel mehr Rhythmus und Schwung.
Mit einem dankbaren Lächeln nahm sie einen der Becher und legte die Hände darum. »Wo haben Sie den her?«
Er deutete auf ein Haus auf der anderen Straßenseite, wo Laura ein paar Finger erkennen konnte, die den Rand der Gardine umklammert hielten. Im Haus war das Licht ausgeschaltet, damit von außen niemand sehen konnte, dass dort jemand das Geschehen aufmerksam verfolgte. »Sie guckt uns schon seit einer halben Stunde zu. Ich glaube, sie hofft darauf, etwas von uns zu erfahren, wenn sie uns mit Kaffee versorgt.«
»Haben Sie ihr irgendwas gesagt?«
Pete schüttelte den Kopf. »Ich warte jetzt, ob sie uns auch noch ein üppiges Frühstück anbietet. Aber seien Sie vorsichtig. Diese alten Mühlenarbeiterinnen beherrschen das Lippenlesen.« Als Laura ihm einen verwunderten Blick zuwarf, fügte er an: »So konnten sie sich trotz des Maschinenlärms unterhalten.«
Lächelnd nickte Laura. Sie konnte Pete gut leiden. Er war einer von diesen unvermeidlichen Cops. Ein scharfsinniger Verstand war eine tolle Sache – so etwas half, um ein komplexes Lügengeflecht zu durchschauen oder selbst in einer scheinbaren Sackgasse noch eine Spur zu entdecken –, manchmal jedoch brauchte man jemanden, der in der Lage war, eine Tür einzutreten oder aus einem Verdächtigen wichtige Informationen herauszuholen. Laura hatte das Gefühl, dass Pete viele Methoden kannte, um das zu erreichen. Mit seinem kurz geschorenen Haar, dem finsteren Blick und der schmuddeligen Jeans sah er aus wie jemand, dem ein falsches Wort genügte, um einem anderen wehzutun. Normalerweise arbeitete er im Drogendezernat, drückte Dealer gegen die Wand, um sie zum Reden zu bringen. Sich an einem Tatort aufzuhalten und in einem Mord zu ermitteln war für ihn nicht Routine.
Sie trank einen kleinen Schluck aus ihrem Becher und seufzte. Der Kaffee war heiß und stark, und sie hob den Becher in Richtung des Fensters mit den ein Stück weit geöffneten Gardinen, um sich für die umsichtige Geste zu bedanken.
»Auf mich machen Sie den Eindruck, dass Sie mehr erwartet haben«, meinte Dawson und deutete auf das Absperrband. »Haben Sie sich noch nicht an das ruhige Leben gewöhnt?«
Eine Woche zuvor hätte Laura noch geglaubt, er wolle sie heruntermachen, aber inzwischen kannte sie ihn besser. Petes Lächeln ließ seine Worte sanfter klingen, und der Ausdruck in seinen Augen veränderte sich. Sie wurden heller, wärmer, und Laura bemerkte etwas Spitzbübisches in seinem Blick.
Seine Vermutung traf trotzdem zu. Laura hatte tatsächlich mehr erwartet, mehr Aktivität, einen Trupp uniformierter Polizisten, die ein Grundstück absuchten, ein Rudel Detectives, die von Haus zu Haus gingen, um Fragen zu stellen. Hier und jetzt gab es nichts in dieser Art. Die Leiche hatte man weggebracht, nur die zwei Cops, die als Erste an den Tatort gekommen waren, hielten sich noch hier auf. Der eine war ein kreidebleicher Neuling in seiner Probezeit, der andere musste kurz vor der Pensionierung stehen. Im Gebäude selbst herrschte eine gewisse Aktivität, da die Leute von der Spurensicherung in ihren weißen Overalls durch die Fenster zu sehen waren. Doch hier draußen kam sich Laura vor, als würde sie Wachdienst schieben.
»So ruhig scheint das Leben hier gar nicht zu sein«, entgegnete sie. »Ich bin in den Norden gezogen, um besser zu leben, und dann bekomme ich das hier« – mit einem Nicken deutete sie auf das Haus –, »und das auch noch mitten während dieser Entführungsserie. Hier ist es wohl doch ziemlich gefährlich.«
Pete zuckte mit den Schultern. »So ist es hier nicht immer. Wenn wir den Dreckskerl geschnappt haben, der bereits den ganzen Sommer über Kinder entführt, stehen uns wieder mehr Leute für Fälle wie den hier zur Verfügung.«
»Und sind wir dem Dreckskerl ein Stück dichter auf den Fersen?« Sie sah zum Haus.
»Bei jeder neuen Entführung warten wir darauf, dass er einen Fehler macht, der uns auf seine Spur führt.« Kopfschüttelnd fügte er nach einer kurzen Pause an: »Bis jetzt hat er keinen Fehler gemacht.«
Die Entführungen waren den Sommer über in Blackley das Thema schlechthin gewesen. Beim ersten verschwundenen Kind glaubte man noch, es sei lediglich von zu Hause weggelaufen. Beim zweiten Kind wurde ein Muster erkennbar, und das rief die Medien auf den Plan, die daraufhin die Stadt überrannten.
Während des ganzen Sommers wurden immer wieder Kinder auf offener Straße entführt und blieben eine Woche lang unauffindbar, manchmal auch länger. Wenn man sie wiederfand, wirkten sie äußerlich unversehrt, doch es gab auch andere Arten von Verletzungen, die man nicht sehen konnte. Bislang waren es sieben gewesen, allesamt Jungs: Schlüsselkinder, junge Teenager, vorlaut und cool. Aber das war nur eine Maske, die sie vor dem beschützte, was ihnen zu Hause fehlte: Liebe, Sicherheit, Aufmerksamkeit. Sobald sie wieder auftauchten, wurde klar, dass ihnen die Maske abgerissen worden war, denn sie wirkten verwirrt und verängstigt. Sie hatten mehrere Tage ihres Lebens verloren, ohne zu wissen, wo sie gewesen waren und was mit ihnen geschehen war. Ihrer Ansicht nach gehörte ihnen die Straße, doch nun hatte ihnen jemand vor Augen geführt, wie verletzlich sie in Wahrheit waren und dass die Welt viel grausamer sein konnte als in ihren Vorstellungen.
Man fand sie wieder, als sie verwirrt und benommen umherirrten. Sie trugen ihre Kleidung, es gab keine Hinweise auf irgendwelche Verletzungen. Man hatte sie gründlich untersucht, da man Hinweise auf sexuelle Übergriffe jeglicher Art zu finden vermutete, doch bis jetzt war man bei keinem der Jungen fündig geworden. Sie wurden nach Hause geschickt, wo ihre Eltern sie mit viel mehr Liebe in die Arme schlossen als zuvor.
Im Augenblick wurde der achte Junge, Connor Crabtree, irgendwo da draußen von dem Unbekannten festgehalten, der immer weiter Kinder aus Blackley entführte. Connor war zuletzt gesehen worden, wie er auf einem kleinen Parkplatz hinter einem Eckladen Fremde ansprach, die einkaufen wollten, um von ihnen Zigaretten zu schnorren.
Das war inzwischen sechs Tage her, und niemand hatte ihn seitdem gesehen oder etwas von ihm gehört. Die Medien waren in Lauerstellung und warteten auf die unvermeidliche Rückkehr des Jungen, damit sie etwas zu berichten hatten. Das ganze Land interessierte sich für die Geschichte, und die Medien hatten dem Entführer auch schon einen Namen gegeben: der »Greifer von Blackley«.
Laura gefiel der Spitzname nicht, er klang schmalzig und fantasielos, aber sie wusste auch, dass die Story dadurch in den Nachrichten präsent blieb. In Blackley allerdings war das Ganze mehr als nur eine Story in den Nachrichten. Jeder wusste, es würde weitere Entführungen geben. Die meisten Eltern hatten ihren Kindern längst verboten, allein aus dem Haus zu gehen, und auf den Straßen war es inzwischen deutlich ruhiger, sobald die Nacht anbrach. Aber entführt wurden nur die Kinder jener Eltern, die nicht zugehört hatten und deren Leben zu schwierig war, als dass sie sich gut...




