Wilhelmy | Bluthaut | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Wilhelmy Bluthaut

Roman | Preisträgerin Prix Ringuet 2024 »Bluthaut ist eine Ode an die Weiblichkeit und die Kühnheit« Sylvain, Librairie Quantin in Lunéville
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8438-0784-5
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman | Preisträgerin Prix Ringuet 2024 »Bluthaut ist eine Ode an die Weiblichkeit und die Kühnheit« Sylvain, Librairie Quantin in Lunéville

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-8438-0784-5
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Inmitten der kanadischen Wälder liegt ganz aus der Zeit gefallen das Dorf Kangoq. In der Federei dieses Dorfs laufen die Sehnsüchte von Jung und Alt, Reich und Arm zusammen. Hier arbeitet die Federfrau Bluthaut, die das Dorf in einem geheimen Gleichgewicht hält. Je nach Tageszeit rupft sie Gänsefedern, stickt mit jungen Mädchen an deren Aussteuer und bringt ihnen nebenbei diskret ihren Körper näher oder sie erfüllt im Austausch gegen Geld und Pelze die intimen Wünsche der Männer. Mit einer Sprache von seltener, beschwörender Kraft - herb, lyrisch, grausam - spricht die Erzählerin davon, wie sie Frauen hilft, sich von der Herrschaft der Männer zu befreien, und den Männern, ihre wahre Natur zu erkennen. Diese ungewöhnliche Protagonistin weiß um die uralten Rituale und Geheimnisse der Welt. Sie ist zugleich Mutterfigur, Prostituierte und weise, emanzipierte Frau. Mit »Bluthaut« spinnt Audrée Wilhelmy die Mythologie ihres Erzählkosmos fort, der mit jedem ihrer Romane dichter gewoben wird. Dieses Buch, der zweite von Wilhelmys Romanen, der bei S. Marix auf Deutsch erscheint, vereint den Freiheitsdrang von Goliarda Sapienza mit der stechenden Poesie von Sylvia Plath.

Audrée Wilhelmy wurde 1985 in Cap-Rouge (Québec) geboren. Sie gehört zur ersten Generation von Schriftsteller:innen aus Québec, deren akademische Ausbildung gänzlich dem kreativen Schreiben gewidmet war. Für ihr Werk, das auch in Frankreich veröffentlicht wird und bisher sechs Romane umfasst, wurde sie 2015 mit dem Prix Sade ausgezeichnet. Für »Blanc Résine« (»Weißes Harz«) wurde ihr der Prix Ouest-France Étonnants Voyageurs verliehen, »Peau-de-Sang« (»Bluthaut«) erhielt 2024 den Prix Ringuet. Sie setzt sich für die Förderung von Québecer Künstlerinnen und Autorinnen ein. Tabea A. Rotter, geboren 1984, studierte Musik und Philosophie. Sie arbeitet als Lektorin und Übersetzerin in Wiesbaden. Zu ihren Veröffentlichungen zählen Alice Zeniter: »Ich bin eine Frau ohne Geschichte« (2022), Simone Weil: »Von der Schwierigkeit, den Blick gen Himmel zu richten« (2023) und Audrée Wilhelmy: »Weißes Harz« (2024). Für letzteres wurde ihr ein Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds verliehen. 'Audrée Wilhelmy wurde 1985 in Cap-Rouge (Québec) geboren. Sie gehört zur ersten Generation von Schriftsteller:innen aus Québec, deren akademische Ausbildung gänzlich dem kreativen Schreiben gewidmet war. Für ihr Werk, das auch in Frankreich veröffentlicht wird und bisher sechs Romane umfasst, wurde sie 2015 mit dem Prix Sade ausgezeichnet. Für »Blanc Résine« (»Weißes Harz«) wurde ihr der Prix Ouest-France Étonnants Voyageurs verliehen, »Peau-de-Sang« (»Bluthaut«) erhielt 2024 den Prix Ringuet. Sie setzt sich für die Förderung von Québecer Künstlerinnen und Autorinnen ein. Tabea A. Rotter, geboren 1984, studierte Musik und Philosophie. Sie arbeitet als Lektorin und Übersetzerin in Wiesbaden. Zu ihren Veröffentlichungen zählen Alice Zeniter: »Ich bin eine Frau ohne Geschichte« (2022), Simone Weil: »Von der Schwierigkeit, den Blick gen Himmel zu richten« (2023) und Audrée Wilhelmy: »Weißes Harz« (2024). Für letzteres wurde ihr ein Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds verliehen.'
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Weitere Infos & Material


I- MATRJOSCHKENDÄMMERUNG
II- TEUFELSVIEH
III- AHORN-BLUTSAFT
IV- BEIM GÄNSEBANKETT
V- DER ZUSAMMENBRUCH
VI- DER FLUCH DER PHILOMÈNE
VII- DIE YAGA
VIII - NORDWIND
IX - ZUR BESAGTEN STUNDE


-II- Teufelsvieh


im Februar schneit es, drinnen ist die Luft stickig und feucht; seit drei Tagen habe ich mir jede Haut der Begierde übergestreift: bald schelmisch, bald weibliche Festung, manchmal Riesin mit winzigen Federn in den Handflächen und später wild, so wild, dass ich dafür Namen bekommen habe, »meine Wilde, meine Wildkatze, meine Verwilderte«: ich lieh mir das schwarze Gewand eines Panthers und sprang, den Dschungel auf meinem Rücken

nun sind alle Zauber gefallen: Sulfurian, der schöne Teufel, schläft auf der Strohmatte, sein Körper ist entspannt, durch meine Fürsorge besänftigt

  • sein Bauch, seine Schenkel und sein Hintern sind blass
  • sein Gesicht, seine Arme und Hände sind dunkel, gebräunt
  • wenn er jagt, trägt er Schichten von Mänteln und Jacken
  • und was der Witterung ausgesetzt bleibt, das fressen die Winde an
  • kältegegerbt

auf der Hackbank sind die Füchse endlich aufgetaut; sie waren starr und steif hier angekommen, noch verformt von den Drahtschlingen, aber die Tage in der Federei haben ihre Körper entspannt wie den des Trappers; ich fahre mit meiner vollen Hand, offene Handfläche, breite Finger, über ihre Flanke: der Pelz kräuselt sich zwischen meinen Gelenken: sie sind jetzt gut zum Abbalgen, weich und beweglich genug; ich hänge sie mit einem Bein an den Deckenhaken auf; von seinem Platz unter der Leiter flüstert Binouche Beaupré »schön zart«

  • man sollte ihn näherkommen lassen

»komm«, bedeute ich ihm, »komm her«, und er verlässt das festgesteckte Territorium seiner Schlafstätte

  • er ist groß
  • sein Kopf streift die abhängenden Gänse
  • als seien hundert Bräute drauf und dran, ihm in den Schädel zu picken

es hat so lange gedauert, bis er aufgehört hat, sich vor toten Dingen zu fürchten

  • das ist die Schuld von Matrjoschka
  • allezeit ohne Haut, die Kuh
  • der große Nachtfluch verfolgt ihn noch immer

er musste seine Ängste, seine schlechten Angewohnheiten abbauen: zwei Monate Ködern und Zähmen, wiederholte Gesten, eine Mischung aus Sanftheit und Unnachgiebigkeit: mit dem Rupfen lernt der Waisenjunge Vertrauen; er weiß, dass an meiner Seite für Angst kein Platz ist

  • es gibt auch nichts zu fürchten

Sulfurian im Bett schläft fest; Binouche unterdessen hat sich der Hackbank genähert: ich halte die erste Füchsin zwischen unsere beiden Gesichter, greife ihr freies Bein mit meiner Linken und halte das Häutemesser in der Rechten; der Waisenjunge hat mit Daumen und Zeigefinger einen Ring geformt, er glättet den Schwanz in Wuchsrichtung, »weich, weich«

  • er macht dieselben Bewegungen an dem toten Schwanz, wie wenn er im Dunkeln sein Geschlecht streichelt
  • ein recht lebhafter Schwanz, dieser andere

ich lasse ihn machen, er staubt das Tier ab, indem er es liebkost; ich halte das Bein fest in meiner Faust und spanne den Kadaver, enthülle seine Säugetierintimität: der Waisenjunge errötet, als er die angeschwollene, tote Vulva der Füchsin sieht; ich setze einen tiefen Schnitt in den Pelz, von einem Knöchel zum anderen, der rötlichen Linie des Fells folgend

  • meide das Waidloch

das falbe Haarkleid und das weiße: ich führe die Klinge an der Stelle ein, wo beide zusammenfließen; zeige dem Waisenjungen, dass ein warmes Tier sich widerstandslos preisgibt; um den Balg freizumachen, muss man einmal ganz um die Beine herumschneiden, vier Reife schlitzen, gleich unterhalb der Knie, dort, wo das Fell schwarz wird; danach lässt sich die Haut von den Einschnitten an den Schienbeinen bis zum After abziehen;

  • die erste Schwierigkeit ist der Schwanz

dünne Hautschichten verbinden den Darm mit den Schwanzwirbeln, sie müssen durchtrennt werden

  • ohne Hast
  • behutsam
  • nur gerade das Gewebe lösen

dann den Knochen mit der Klemme greifen und in einem Zug abziehen, den rohen Kern in der einen Hand, das Haar in der anderen: das Wesen spaltet sich auf, es wird sein Fleisch und seine Haut

während ich das magere Fett um die Schamgegend abschneide, taucht eine Nase am Fenster auf

  • es ist nicht Männerzeit

Lippen drücken sich gegen die Scheibe; zwei Halbfingerhandschuhe rahmen das Gesicht; ich schicke das Waisenkind, Philomène aufzumachen, die mit zusehen will, die die Pelze anschauen will, die Handhabung der Klinge und

  • vor allem

den ermatteten Körper des Jägers

  • den dunkelhäutigen
  • sie will den Männerpo sehen, der wie frische Brotlaibe aussieht
  • warmes Brot, das gut aufgegangen ist
  • das unanständige Kind, sie will es sehen
  • die Kraft der Arme und die Narben
  • die Gewalt, die der Wald dem Körper eintätowiert
  • die großen weißen Rillen auf der Brustmuskulatur, den Plexus

der Jäger ist vom Leben gezeichnet, so wie jedermann

  • aber Philomène will es sehen
  • sie kennt ja noch nichts anderes als die Suppe, die zum Spülbeckengrund hinunterrinnt
  • die Geschichte der Striemen und Muskeln kann sie sich selbst ausdenken

sie beobachtet mit großen Augen, wie der Jäger sich umdreht

das Laken verliert sich unter ihm, nun bietet er seine Nacktheit im Schlaf vollständig dar, sein Glied liegt auf dem rechten Schenkel, abgekühlt, entspannt: Philomène erblickt, was sie wollte, sie drückt sich gegen den Waisenjungen, während ich der Füchsin sachte den Pelz abziehe, von der Flanke bis zur Kehle, eine Hand fest um die Schwanzwurzel, die andere an der Haut des Hinterleibs

  • verrücktes kleines Tierchen

Philomène ist völlig vertieft, sie berührt die Tierkörper auf dem Tisch und ihre Finger wandern von den leblosen Bäuchen zu ihrem; ihre Atmung verlangsamt sich; sie schwebt in einer Art Halbschlaf, von allen Dingen losgelöst, außer der Idee ihres animalischen Atems und des Jägeratems auf ihr

  • der Waisenjunge betrachtet sie
  • sie betrachtet Sulfurian
  • aber der große Teufel erwacht halbwegs und sieht, wenn überhaupt, auf die Hände, die mit Präzision Klingen führen, Haut abziehen und in der Lage sind, ein jedes Wesen zu entblößen
  • jede Seele

einzig ich selbst bin auf meine Arbeit konzentriert: ich löse eine Fettfaser nach der anderen unter der Achselhöhle; das ist nicht viel anders als Sticken, nur dass die Gewebe eher getrennt als verbunden werden müssen: die Kunst der Toten und die der Wäsche erfordern Gesten gleicher Sorgfalt

der Jäger hat sich im Bett aufgesetzt; er sammelt die um sich verstreuten Kleidungsstücke ein, Unterhose, Strümpfe: er weiß, dass das Vergnügen so lange dauert, wie die Füchse auftauen:jeden Februar ist es derselbe Tanz; er deponiert seine Tiere auf der Hackbank, schnappt mit einer Hand meinen Kiefer, mit der anderen mein Becken und stößt mich auf das Lager, jedes Jahr ist die Strohmatte dicker, vollgestopft mit den neuen Federn des Herbstes

  • er bezahlt Haut mit Häuten

fünf Füchse gegen meine, solange, wie die Kadaver brauchen, um aufzuwärmen: die kostbaren Pelzwaren häufen sich in der Vorratstruhe; ich kenne fünf Mädchen, alles verrückte Kinder, die sich mit diesen Fellen aus dem Elend befreien; ich tausche ihnen die Pelzwaren gegen ein paar goldene Haare ein

  • lang, lang fließt die Mähne der Schwestern Siu, von ihren Ohren bis zu den Knien

wenn sie wissen, dass der Jäger gegangen ist, tauchen die fünf Schwestern auf: nacheinander setzen sie sich auf die Bank und neigen ihren blonden Kopf über die Schüssel; sie schnattern leise, manchmal miteinander und manchmal jede für sich; vor der Feuerstelle kauernd sehen sie alle gleich aus: mehr nach Füchsin noch als meine Tierhäute

  • schöne große Urgewalten, wild und schmutzig

ich bürste ihre Köpfe; der...


Audrée Wilhelmy wurde 1985 in Cap-Rouge (Québec) geboren. Sie gehört zur ersten Generation von Schriftsteller:innen aus Québec, deren akademische Ausbildung gänzlich dem kreativen Schreiben gewidmet war. Für ihr Werk, das auch in Frankreich veröffentlicht wird und bisher sechs Romane umfasst, wurde sie 2015 mit dem Prix Sade ausgezeichnet. Für »Blanc Résine« (»Weißes Harz«) wurde ihr der Prix Ouest-France Étonnants Voyageurs verliehen, »Peau-de-Sang« (»Bluthaut«) erhielt 2024 den Prix Ringuet. Sie setzt sich für die Förderung von Québecer Künstlerinnen und Autorinnen ein.

Tabea A. Rotter, geboren 1984, studierte Musik und Philosophie. Sie arbeitet als Lektorin und Übersetzerin in Wiesbaden. Zu ihren Veröffentlichungen zählen Alice Zeniter: »Ich bin eine Frau ohne Geschichte« (2022), Simone Weil: »Von der Schwierigkeit, den Blick gen Himmel zu richten« (2023) und Audrée Wilhelmy: »Weißes Harz« (2024). Für letzteres wurde ihr ein Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds verliehen.

"Audrée Wilhelmy wurde 1985 in Cap-Rouge (Québec) geboren. Sie gehört zur ersten Generation von Schriftsteller:innen aus Québec, deren akademische Ausbildung gänzlich dem kreativen Schreiben gewidmet war. Für ihr Werk, das auch in Frankreich veröffentlicht wird und bisher sechs Romane umfasst, wurde sie 2015 mit dem Prix Sade ausgezeichnet. Für »Blanc Résine« (»Weißes Harz«) wurde ihr der Prix Ouest-France Étonnants Voyageurs verliehen, »Peau-de-Sang« (»Bluthaut«) erhielt 2024 den Prix Ringuet. Sie setzt sich für die Förderung von Québecer Künstlerinnen und Autorinnen ein.

Tabea A. Rotter, geboren 1984, studierte Musik und Philosophie. Sie arbeitet als Lektorin und Übersetzerin in Wiesbaden. Zu ihren Veröffentlichungen zählen Alice Zeniter: »Ich bin eine Frau ohne Geschichte« (2022), Simone Weil: »Von der Schwierigkeit, den Blick gen Himmel zu richten« (2023) und Audrée Wilhelmy: »Weißes Harz« (2024). Für letzteres wurde ihr ein Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds verliehen."



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